Andreas Ulrich wollte schon als Kind unbedingt Sportreporter werden. Da lebte er noch in der Wilhelm-Pieck-Straße, die jetzt (wieder) Torstraße heißt. Heute moderiert der Journalist an jedem Samstag die "Arena Liga Live" auf radioeins und berichtet über die Sportereignisse zwischen Berlin-Marathon, Sechstagerennen und Springreitturnier in Neustadt/Dosse. In die Torstraße kehrte er zurück: zum Leben und literarisch. In seinem Buch "Torstraße 94" - die Adresse des Hauses, in dem er aufwuchs - erzählt er Geschichten über Bankräuber, Agenten, Sänger, Models … und bewahrt so Lebenswege seiner ehemaligen Nachbarn. Ort unseres Gesprächs: Ein Café in der Torstraße.

 

CHEXX Was war der Ausgangspunkt für diese sehr persönlich motivierte Recherche?

 

Andreas Ulrich Ich wohne jetzt wieder in der Gegend, in der ich aufwuchs, und bin da inmitten von Nachbarn aus New York, London, München und Stuttgart ein ziemlicher Exot. So schaute ich irgendwann in meinem alten Haus, ob da noch jemand lebt, den ich aus Kindertagen kenne. Das Ergebnis: niemand. Da reifte der Entschluss, die ehemaligen Nachbarn zu suchen, um zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist. Zu diesem Zeitpunkt habe ich allerdings nicht einmal geahnt, auf wie viele spannende Geschichten ich stoßen werde.

 

CHEXX Was waren für Sie denn die spannendsten Geschichten?

 

Andreas Ulrich Sehr berührte mich der Lebensweg eines Mannes, der beinahe so alt ist wie ich. Wir haben uns als Babys knapp verpasst, er zog mit seiner Mutter aus, kurz bevor meine Eltern mit uns Kindern einzogen. Genauso wie ich wollte er unbedingt Sportreporter werden und schaute zwischen Friedensfahrt und Fußball-WM die gleichen Liveübertragungen wie ich. Gefunden habe ich ihn bei der Recherche der Geschichte seiner Mutter, die Agentin im Kalten Krieg war und mehrfach die Seiten wechselte. Ich fuhr zu ihm in die Nähe von Köln, um über seine Mutter zu reden. Dabei stellten wir fest, wie ähnlich unsere Lebenswege verliefen. Das hat mich sehr bewegt, weil ich mich ihm beinahe zwillingsmäßig verwandt fühle. Hinzu kommen Geschichten von der Jüdin in unserem Haus, die von ihrem eigenen Mann an die Gestapo verraten wurde. Aber mich haben alle Schicksale berührt, weil es mich immer interessiert, wie Menschen mit den Herausforderungen und Widrigkeiten ihrer Zeit klarkommen.

 

CHEXX Wie begegneten Ihnen die Protagonisten? Schließlich fragten Sie nach sehr persönlichen Erlebnissen und Verhaltensweisen?

 

Andreas Ulrich Mit sehr großer Offenheit. Ich denke, aus drei Gründen. Der erste ist, dass so ein Haus wirklich verbindet, auch wenn man zu unterschiedlichen Zeiten darin lebte und sich noch nie gesehen hat. Das erleichterte die Gesprächssituationen von Beginn an. Zudem haben meine Gesprächspartner gespürt - und das ist der zweite Grund -, dass ich mich wirklich für ihre Geschichte interessiere. Zum Schluss resümierte ich, dass viele Menschen sehr glücklich sind, dass sich jemand für ihren Lebensweg interessiert und stundenlang einfach nur zuhört und Fragen stellt.

 

CHEXX Die dritte Auflage des Buches ist in Vorbereitung. Über Walter Pannewitz, der mit Kumpanen 1951 den Tresor der Eisenbahnverkehrskasse Unter den Linden ausraubte und in dieser Zeit in der Torstraße 94 lebte, entstand ein Film für den rbb. Ist das Haus nun auserzählt?

 

Andreas Ulrich Pannewitz lebte hier übrigens zur Untermiete und seine Vermieterin Ida Kremmin hatte keine Ahnung, wen sie da beherbergte. Ich habe bei den Recherchen viel mehr herausgefunden, als auf den 144 Buchseiten Platz fand, weil die Reihe "Berliner Orte" nun mal diese standardisierte Länge hat. So habe ich noch mindestens vier Geschichten von Persönlichkeiten im Block, die für das Buch zu komplex waren. Vielleicht wird daraus mal eine Fernsehreportage.

 

Von Brigitte Menge. Weitere Informationen gibt es unter andreas-ulrich.com und bebraverlag.de.