"Wir hatten frühzeitig den Verdacht, dass der Bundespräsident etwas verheimlichen will - gerade das weckt die Neugier", sagen Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Über ihr soeben erschienenes Buch "Affäre Wulff" sprachen wir mit den Autoren.

 

CHEXX Herr Heidemanns, Herr Harbusch, Sie haben zusammen ein Buch über die Affäre Wulff und den Rücktritt des Bundespräsidenten geschrieben. Was kann der Leser erwarten?

 

Martin Heidemanns Es fängt zunächst an mit dem Beginn der Recherche zum Privatkredit über 500.000 Euro. Wir hatten frühzeitig den Verdacht, dass der Bundespräsident etwas verheimlichen will. Gerade das weckt die Neugier. Das Buch beschreibt detailliert die Recherche, die mit Unterbrechungen nahezu drei Jahre dauerte. Der Leser findet die wesentlichen Anfragen an das Präsidialamt und die Antworten Wulffs.

 

Nikolaus Harbusch Wir beschreiben viele persönliche Begegnungen: Den Besuch im Präsidialamt, bei dem erstmals der Kreditvertrag eingesehen wurde. Das Treffen mit Egon und Edith Geerkens in der Schweiz. Aber auch den letzten Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Italien, der nur zwei Tage vor seinem Rücktritt endete. Wir nehmen unsere Leser mit - vom ersten Antrag auf Grundbuch-Einsicht bis zum Rücktritt im Schloss Bellevue.

 

CHEXX Erfahren die Leser echte Neuigkeiten zur Affäre Wulff?

 

Martin Heidemanns Ja, das kann man sagen. Wir haben nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten acht Monate lang mit Dutzenden ehemaligen Wegbegleitern und Freunden Wulffs sprechen können. Wir bekamen Einsicht in bis dahin unbekannte Dokumente. Nur so viel: Die Glaubwürdigkeit unseres ehemaligen Staatsoberhaupts wird durch das Ergebnis unserer Recherchen nicht gestärkt.

 

CHEXX Herr Harbusch, worum geht es bei den Urlauben und Hotel-Aufenthalten Wulffs? Die Staatsanwaltschaft ermittelt ja noch immer, wer sie in Wirklichkeit bezahlte.

 

Nikolaus Harbusch Es geht um die juristische Frage, ob ein Ministerpräsident, dessen Landesregierung seinem Freund eine Bürgschaftszusage über vier Millionen Euro gibt, sich von diesem zu kostenlosen Urlauben beispielsweise nach Sylt einladen lassen darf. Und es geht um die politische Frage, ob Politiker nicht gut beraten sind, wenn sie schon den bloßen Anschein vermeiden, sie seien für Einladungen und Begünstigungen empfänglich.

 

CHEXX Ihr Buch zeigt, wie Journalisten durch ihre Arbeit dazu beitragen, dass rechtswidrige Handlungen - auch von Politikern - nicht ungestraft bleiben.

 

Nikolaus Harbusch Zunächst einmal gilt auch für Christian Wulff die Unschuldsvermutung. Wir hatten über die Frage der Rechtswidrigkeit nicht zu entscheiden. Wir haben lediglich Wulffs vielfache Vermischungen von privaten und staatlichen Interessen recherchiert und dokumentiert. Nun entscheiden die Staatsanwälte in Hannover, ob sie Herrn Wulff anklagen werden. Wir schreiben auf, was wir herausfinden, das Urteil darüber sprechen andere.

 

CHEXX Auf welche Hindernisse sind Sie bei der Recherche um die Enthüllung der Kreditaffäre gestoßen?

 

Nikolaus Harbusch Hindernisse gibt es beim Hürdenlauf. Bei Christian Wulffs Haus-Finanzierung stießen wir auf die Eintragung eines Grundschuldbriefs und die Zahlung mit einem anonymen Bundesbankscheck. Das war so geschickt kombiniert, dass die Überprüfung der Geldflüsse anfangs beinahe unmöglich erschien. Hinzu kam, dass der Bundespräsident auch bei seinen Antworten auf unsere Fragen täuschte und trickste.

 

CHEXX Hat "Bild" die investigative Arbeit neuerdings stärker im Blick?

 

Martin Heidemanns Jakob Augstein, der Verleger von "Der Freitag", hat dazu etwas Interessantes geschrieben: "Die Bild-Zeitung mag sonst Springers Sturmgeschütz der Demagogie sein, aber hier hat sie die Arbeit geleistet, die man von der investigativen Presse erwartet. Vielleicht ist das übrigens die wichtigste Lehre aus diesem Skandal: Die Bild-Zeitung erweitert ihr Repertoire. Sie kann jetzt auch seriös, wenn sie will. Es steht ihr frei, jederzeit vom populistischen ins politische Fach zu wechseln, vom boulevardesken ins investigative. Das macht die Zeitung noch gefährlicher." Jakob Augstein hätte durchaus noch erwähnen können, dass "Bild" sein Repertoire bereits vor vielen Jahren erweitert hat. Von der Enthüllung der Bonusmeilen-Affäre 2002 bis zur Kunduz-Affäre - wenn es um Aufdeckung politischer Skandale ging, war "Bild" schon lange ganz vorne dabei. Das gilt für RAF-Themen und Stasi-Enthüllungen genauso wie für die Enthüllung über Brandenburgs SPD-Innenminister Rainer Speer, der zurücktreten musste, weil sein uneheliches Kind jahrelang Unterhaltsvorschuss vom Staat bekam.

 

CHEXX Herr Heidemanns, Sie beschreiben im Buch eine Reise, auf der Sie Christian Wulff kurz vor seinem Rücktritt auch persönlich begegnet sind. Wie kam es dazu und wie haben Sie den Bundespräsidenten und seine Frau auf dieser Reise erlebt?

 

Martin Heidemanns Die Reise war schon gespenstisch. Ganz Deutschland diskutiert über die Affäre Wulff. Doch beim Staatsbesuch spielt der Bundespräsident Normalität. Das Staatsoberhaupt lässt keine Frage zu seinen dubiosen Krediten zu, obwohl die Reporter und Wulff drei Tage in Rom, Mailand und Bari dicht aufeinander sitzen. Ich erinnere mich an die strahlend schöne First Lady. Und an einen hölzern und verunsichert wirkenden Christian Wulff, der von sich selbst als dem "Herrn Bundespräsidenten" sprach.

 

CHEXX Sie arbeiten im "Bild"-Ressort Reporter/Investigative Recherche - wie kann man sich die tägliche Arbeit in Ihrer Redaktion vorstellen?

 

Nikolaus Harbusch Sie unterscheidet sich nur wenig von der Arbeit der Kollegen bei anderen Zeitungen. Oft dauern unseren Arbeiten länger, unsere Aktenstapel sind höher – und die Texte im Blatt am Ende kürzer.

 

CHEXX Christian Wulff hat im Laufe der Berichterstattung immer mehr an Sympathiewerten verloren. Woran lag das?

 

Nikolaus Harbusch Erst Abgreifen und dann Drohen, dann Vertuschen und Aussitzen - das sind nicht die Dinge, die Menschen an ihrem Staatsoberhaupt lieben und dulden. Ganz im Gegenteil.

 

CHEXX Wie hat die Redaktion auf den Drohanruf Wulffs auf der Mailbox von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann reagiert? Der Anruf löste eine Debatte über die Pressefreiheit aus.

 

Martin Heidemanns Eins ist klar: Die Pressefreiheit war im Dezember 2011 in Deutschland keine Sekunde in Gefahr. Der Anruf offenbarte aber zum einen das Verständnis, das das Staatsoberhaupt von den Medien und der Pressefreiheit hat. Zum anderen war mit dieser Mailbox-Nachricht klar, wie sehr Wulff die Veröffentlichung fürchtete.

 

Nikolaus Harbusch Da bin ich anderer Meinung. Sehr wohl war an diesem 12. Dezember 2011 die Pressefreiheit in Gefahr. Hätte der Chefredakteur die Geschichte über Wulffs Privatkredit wegen der Einschüchterungsversuche auf der Mailbox nicht gedruckt und Wulff hätte - wie angedroht – die Polizei gegen Martin Heidemanns in Marsch gesetzt -, dann hätte die ganze Geschichte auch anders enden können.

 

CHEXX Sie haben gesagt, Christian Wulff sei nicht über die Veröffentlichung gestürzt, sondern vor allem über sich selbst. Aus welchen Gründen genau musste Christian Wulff schließlich zurücktreten?

 

Nikolaus Harbusch Mit dem Antrag der Staatsanwälte, Wulffs Immunität aufzuheben, war für die Abgeordneten von Union und FDP, die Wulff ins Amt gewählt hatten, spätestens die Schmerzgrenze erreicht. Schluss. Aus. Sie wollten sich das nicht länger anschauen. Ermittlungen gegen das amtierende Staatsoberhaupt lagen außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten unserer Parlamentarier. Wulff wusste, dass er seiner Partei einen letzten Dienst erweisen musste: seinen Rücktritt.

 

CHEXX Sie geben in Ihrem Buch auch Einblicke in die investigative Recherche. Was können junge Journalisten aus Ihrem Buch lernen?

 

Nikolaus Harbusch "Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen", heißt es bei Goethes Faust. Diesen Satz muss sich jeder Reporter bei der Recherche in öffentlichen Verzeichnissen und Registern zu Herzen nehmen. Die nackte Information ist immer nur der halbe Weg zur Geschichte. Es kommt meist auf den schriftlichen Beweis an.

 

CHEXX Der Henri Nannen Preis ist ein renommierter Preis, der journalistische Bestleistungen des vergangenen Jahres würdigt. Sie haben diesen Preis 2012 gemeinsam in der Kategorie "Investigation" erhalten, für einen "Fall von größtmöglicher Fallhöhe", wie die Jury sagte.

 

Martin Heidemanns Zunächst einmal möchte ich festhalten: Es war die Teamarbeit der ganzen "Bild"-Redaktion. Da griff wochenlang ein Rad ins andere. Die Jury sprach von einem "Fall von größtmöglicher Fallhöhe", weil nie zuvor in der deutschen Geschichte ein Bundespräsident zurücktreten musste. Die Jury - besetzt mit hochkarätigen Journalisten von der linksalternativen "taz" bis zur bürgerlichen "FAZ" - hatte über die beste Leistung zu entscheiden. Gerade deshalb freut sich die ganze "Bild"-Redaktion mit uns über diese Auszeichnung.

 

CHEXX Im Vorfeld sorgte die Nominierung von "Bild" für großes Aufsehen. Als Sie den Preis dann tatsächlich zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" erhalten sollten, weigerten sich die Kollegen aus München, den Preis mit Ihnen anzunehmen. Können Sie das nachvollziehen?

 

Nikolaus Harbusch Antje Vollmer von den Grünen hatte vor der Verleihung erklärt, es sei - so wörtlich - "ein Alarmsignal, ja, ein Politikum, dass eine pseudojournalistische Kampagne eines unseriösen Mediums als auszeichnungswürdig angesehen werde". Somit war klar, dass eine ideologische und keine sachliche Debatte geführt wird. Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" bemühte in seiner Ablehnungsrede die Bergpredigt. Da war mir klar: Leyendecker betet hier das Gebet des Pharisäers im Lukas-Evangelium: "Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner."