Jean Reno reiht sich ohne Frage in die erste Riege der international bekannten Schauspieler ein. Seine schauspielerische Laufbahn begann in Paris mit diversen Theater- und Fernsehrollen. Zum großen Durchbruch verhalf ihm schließlich Luc Besson, mit dem er sich in Paris angefreundet hatte, als er ihn 1988 für seinen Film "Im Rausch der Tiefe" besetzte. Unter seiner Regie war Jean Reno unter anderem 1990 in "Nikita" und 1994 im Kinoerfolg "Léon - Der Profi" zu sehen. Seitdem ist Jean Reno von den internationalen Leinwänden nicht mehr wegzudenken. Mit "Ein Sommer in der Provence" ist er ab 25. September wieder im Kino zu sehen.

 

CHEXX Wie und wann hat Rose Bosch Ihnen von ihrem Projekt erzählt?

 

Jean Reno Das liegt schon eine Weile zurück, zunächst ging es um die Provence und den Olivenanbau. Rose kommt ursprünglich aus Avignon und hatte diesen Film schon seit einiger Zeit im Kopf. Sie hat ein Haus in der Region. Ich selbst lebe dort seit 23 Jahren, habe sehr enge Verbindungen zu den Menschen dort. Rose und ich sind, was diesen Teil der Provence betrifft, im Geiste verbunden. Und so kamen wir auf diesen Ort und den Olivenbaum als zentrales Element, das alles zusammenhält.

 

CHEXX Wie haben Sie Ihre Liebe zu dieser Region und zu diesem Baum entwickelt?

 

Jean Reno Ich bin andalusischer Herkunft, habe mir aber vor 23 Jahren ein Bauernhaus in der Provence gekauft. Mir hat es dort auf Anhieb gefallen. Van Gogh hat hier gelebt. Es ist ein außergewöhnlicher Ort, nicht weit weg von der Camargue. Eine Gegend, in der ich ein bisschen was vom Andalusien meines Vaters wiederfinde. Ich fühle mich wohl in dem natürlichen Reichtum, den diese Region zu bieten hat. Und der Olivenbaum ist für mich ein prachtvoller und ursprünglicher Baum, ein Symbol des Friedens.

 

CHEXX Was hat Ihnen Rose über die Rolle des Paul gesagt, die sich ja sehr von Ihrer Rolle in "Die Kinder von Paris" unterscheidet?

 

Jean Reno Einen Großvater zu spielen ist für Schauspieler oft etwas entmutigend, viele haben Angst, in die Schublade der Alten gesteckt zu werden. Aber ich habe dieses ewige Jugendsyndrom nicht, ich nehme mein Alter an. Ich lasse mir weder meine Falten noch meine Augenringe korrigieren. Als ich Rose Fragen zur Rolle stellte, sagte sie mir auch, dass es hier um viel mehr geht, als einfach nur einen Großvater zu spielen. Es geht um einen Generationenkonflikt, um einen Mann, der noch im 20. Jahrhundert lebt, während die Kinder schon im 21. Jahrhundert aufgewachsen sind. Dieses Aufeinanderprallen lässt sich auf viele Familien übertragen. Diesen Konflikt habe ich bereits bei Freunden miterlebt: Mädchen, die Männer heiraten, die der Vater ablehnt, oder Kinder, die ihrem Elternhaus den Rücken kehren und erst Jahre später zurückkommen. Es ging darum, eine Familiengeschichte zu erzählen, die viele Menschen berührt, mit der Provence als Hintergrund und Rahmen der Geschichte.

 

CHEXX Paul ist jemand, der viel gelitten und sich daraufhin zurückgezogen hat. Er spricht nicht mehr allzu viel mit anderen Menschen...

 

Jean Reno In dieser Rolle steckt ein bisschen was von meinem Vater. Auch er war nicht gerade gesprächig. Und er hatte große Schwierigkeiten damit, seinen Kindern zu sagen, dass er sie liebt. Nicht, weil er grob war, sondern vielmehr aus Befangenheit. Im Film hat das Schweigen der Figuren großes Gewicht. Pauls gesamte Jugend war begleitet von Chaos, Lärm, Wut und Drama. Indem er sich versteckt, sich in dieses Refugium zurückzieht, wo der Olivenbaum Balsam für seine verletzte Seele bedeutet, versucht er, dieses Kapitel aus seinem Leben nachträglich zu verarbeiten. Der Olivenbaum gibt ihm einen Rhythmus zurück, einen Sinn, ein Ziel. In seinem Bauernhaus, isoliert von allem, hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Und nun werden ihn seine Enkelkinder wieder mit all dem konfrontieren, was er zu verdrängen versuchte. Ohne seine Region zu verlassen wird er sich auf eine Reise begeben. Ich finde es sehr schön, dass dieser Mann, der selbst schon fast verstummt war, das miteinander Sprechen in der stillen Kommunikation mit seinem gehörlosen Enkel wieder neu erlernt.

 

CHEXX Im Film sind Sie mit Anna Galiena verheiratet...

 

Jean Reno Ich habe Rose vorgeschlagen, sie für diese Rolle zu besetzen. Anna blickt auf eine lange Berufslaufbahn zurück. Außerdem ist sie Italienerin. Sie hat etwas Exotisches an sich und spricht damit Paul als Abenteurer und Reisenden an, der er in jungen Jahren gewesen ist. Als Paar sind die beiden stimmig. Die Zärtlichkeit zwischen Ihnen zeigt, wie Paul einmal gewesen sein könnte.

 

CHEXX Im Film gibt es sehr eindrückliche Szenen zwischen Ihnen und den Kindern.

 

Jean Reno Oft sagt man, es sei kompliziert mit Kindern zu spielen, aber dieses Vorurteil kann ich absolut nicht bestätigen. Alles entwickelte sich vor Ort, aus dem Moment heraus. Hugo, Chloé und der kleine Lukas waren großartig. Das hat mich ein bisschen an die Zusammenarbeit mit Natalie Portman in "Léon - Der Profi" erinnert. Man muss sich nur einander anpassen. Mit Lukas zu spielen war das reinste Vergnügen. Er hat sofort verstanden was passieren wird. Rose hat es sehr gut verstanden, mit ihm zu kommunizieren, ohne ihn zu überfordern. Und Chloé hat die teils sehr stürmischen Beziehungen innerhalb der Familie perfekt begriffen. Hugo war, glaube ich, sehr überrascht von der Herangehensweise bei einer Kinoproduktion, die sich doch sehr von seiner bisherigen Arbeit im Internetbereich unterscheidet. Zwischen den Kindern herrschte eine gute Verständigung während der Dreharbeiten, was insbesondere auch Rose zu verdanken ist.

 

CHEXX Wie finden Sie Zugang zu Ihren Rollen?

 

Jean Reno In der Schauspielschule lernt man, dass es eine Tür gibt zwischen dir als Schauspieler und deiner Rolle. Man muss immer wieder von neuem herausfinden, wie sie zu öffnen ist, um Zugang zur Rolle zu bekommen. Sobald es also darum geht, eine Szene zu spielen, bin ich nicht mehr Jean Reno sondern dieser Großvater, der vor der Kamera zum Leben erwacht, in seiner Haltung und in allem, was ihn ausmacht.

 

CHEXX Haben Sie mit Rose über die Charakterzeichnung der Figur Paul gesprochen?

 

Jean Reno Sie hatte natürlich eine Idee davon, wer er sein sollte. Wenn es ums Kino geht, ziehe ich es vor, mich nach und nach an die Rolle heranzutasten. Die erste Arbeitswoche beinhaltete für mich genau das. Rose gab zwei oder drei Worte, Anweisungen vor, eine Stimmung, und so versuchten wir es dann. Im Unterricht am Theater habe ich sehr viele Menschen getroffen die hervorragend über Rollen sprechen konnten, sie dann aber sehr schlecht spielten. Davor habe ich große Angst.

 

CHEXX Es gibt viele persönliche Anknüpfungspunkte zu Ihrer Rolle. Mit welchem Blick begegnen Sie Paul?

 

Jean Reno Wir haben einige Gemeinsamkeiten. Ich arbeite mit den Begebenheiten, die da sind. Natürlich weiß ich, was ein Olivenbaum ist, ich weiß, wie man ihn stutzen muss, was eine Olivenmühle ist, ich kenne den Wind, die Zikaden. Und auch ich bin vor Kurzem selbst Großvater geworden, wenige Monate nach den Dreharbeiten. Das stammt zwar alles von mir, Jean Reno, aber trotzdem spiele ich eine Rolle. Ich selbst habe keinen Bruder verloren und habe weder ein Problem mit dem Alkohol, noch mit meiner Familie.

 

CHEXX Gab es Szenen, die besonderen Einsatz von Ihnen erforderten?

 

Jean Reno Es gab schon Momente, die nicht ganz einfach zu spielen waren. Die Szene beispielsweise, in der Anna in der Küche zugange ist und ich völlig überfordert von der Situation bin. Da geht es um Feinarbeit, darum, die einzelnen Facetten meiner Rolle sichtbar zu machen, in Momenten, wo Paul herablassend sein kann, abwesend, wortkarg, bevor er sich schließlich jemandem anvertraut. Diese Momente waren etwas schwieriger zu spielen. Dabei geht es nicht darum, meine Rolle oder mich selbst zu verteidigen und vor einem eventuellen Urteil zu schützen. Alles, worum es wirklich geht, ist die Verkörperung einer Rolle. Während man spielt kann man nicht darüber nachdenken, wie das Publikum hinterher darüber denken könnte.

 

CHEXX Wie empfanden Sie den Film, als Sie ihn das erste Mal fertig gesehen haben?

 

Jean Reno Das Spiel selbst ist eine Sache, die andere Sache ist, was der Schnitt daraus macht. Ich empfand den fertigen Film als sehr leicht, leichter als ich ihn beim Spielen empfand. Es ist eine schöne Geschichte geworden, lichtdurchflutet, eine Ode an die Familie, an die menschlichen Gefühle, vor dem Hintergrund einer wunderbaren Kulisse. Es ist ein Film für die Familie geworden, der echte und ernsthafte Probleme auf erfrischende Weise angeht. Die größte Herausforderung im Leben ist das Leben zu zweit und das Aufziehen von Kindern. Alles andere ergibt sich dann schon, mehr oder weniger. Als ich den Film gesehen habe, habe ich auch viele Schauspieler, mit denen ich im Film nicht wirklich zusammenspielte zum ersten Mal richtig gesehen und fand sie großartig, wie beispielsweise Tom Leeb oder Aure Atika.

 

CHEXX Behalten Sie eine besondere Erinnerung an diesen Film?

 

Jean Reno Inmitten von Olivenbäumen zu drehen hatte etwas sehr Vertrautes für mich. Es gab viele Szenen, die sehr schön zu spielen waren, aber es gab eine, die mir tatsächlich als ganz Besondere im Gedächtnis bleiben wird. Es ist der Moment, in dem Paul seine Tochter - gespielt von Raphaëlle Agogué - wiedersieht. Mit ihr stimmte die Balance, sie wusste immer, wie viel sie von mir erwarten kann, wie viel ich geben kann. Sie hat sehr viel Kraft, eine enorme Präsenz.