Jenny Schily wurde 1967 in Berlin geboren. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Es folgten Engagements an der Berliner Schaubühne sowie dem Maxim-Gorki-Theater. Steffi Kühnert studierte ebenfalls an der Hochschule für Schauspielkunst. Nach Stationen bei dem Burgtheater Wien und den Salzburger Festspielen folgte wieder Berlin: Schiller Theater, Deutsches Theater und Schaubühne. Jenny Schily und Steffi Kühnert sind nun in dem Film "Die Frau die sich traut" zu sehen.

 

CHEXX Der Film ist das liebevolle Porträt einer starken Frau. Was macht für Sie eine starke Frau aus?

 

Steffi Kühnert Das lässt sich schlecht definieren, denn manchmal zeigt sich Stärke darin, seinen Gefühlen nachzugeben und weich zu sein. Stark sind Frauen für mich, wenn sie sich etwas zutrauen und Visionen haben. Wenn sie im Stande sind, sich aus der Reserve zu locken und zu sagen: "das mache ich jetzt!" Dazu gehört für mich Selbstdisziplin. Denn die braucht man, wenn man seinen Alltag verändern will so wie meine Figur Beate, die ja auch nach zweimal Training hätte sagen können: "Das tue ich mir nicht an!"

 

Jenny Schily Stärke hat immer etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Für Frauen ist das ab einem gewissen Alter in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht so leicht wie für Männer. Für mich zeichnet sich eine starke Frau dadurch aus, dass sie gelassen, glücklich mit sich - und daher uneigennützig - ist. Dazu gehört natürlich auch Mut, vielleicht auch ein bisschen Verdrängung und ein Bewusstsein dafür, wer man ist - unabhängig davon, was einem vielleicht von außen suggeriert wird, weil man zum Beispiel nicht mehr 25 ist.

 

CHEXX Wie würden Sie Beate beschreiben?

 

Steffi Kühnert Sie ist eigensinnig, durchaus auch ein bisschen störrisch und dickköpfig, arbeitet in einer Wäscherei. Viele Dinge macht sie erst mal mit sich allein ab. Beate war vor 30 Jahren Leistungsschwimmerin, hätte Chancen auf eine Medaille bei den Olympischen Spielen in Moskau gehabt. Damals träumte sie davon, einmal durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Als sie mit 17 jedoch schwanger wurde, hat sie ihre Karriere hingeschmissen. Danach war sie letztendlich nur noch für ihre Kinder und später auch Enkel da. Man darf das nicht unterschätzen: Sie hält an der Familie auch deshalb so sehr fest, weil sie so viel dafür geopfert hat. Da steckt auch eine Art Märtyrertum drin, in dem man sich gefallen kann. Außerdem ist es für Beate ja auch bequem, sich nicht mit ihren eigenen Bedürfnissen zu konfrontieren.

 

CHEXX Ist Henni, Beates beste Freundin, ein ähnlicher Typ?

 

Jenny Schily Nein. Henni hat keine Kinder, sie ist mit sich beschäftigt. Sie definiert sich vor allem über Männer, deren Bestätigung sie offenbar sehr braucht. Sie scheint anfangs unabhängiger und stärker als sie ist und vielleicht sehnt sie sich untergründig auch nach Familie und/oder einer festen Beziehung.

 

CHEXX Haben Sie Sympathie für diese Frauen?

 

Steffi Kühnert Ja, natürlich hat man eine Sympathie für die Figur, die man spielt. Aber Beate ist überhaupt ein Typ, der mir gefällt. Ich kann das so nachvollziehen, dass sie sich für die Familie aufopfert. Das ist mir nahe, weil ich das von meiner Mutter und von mir kenne. An Henni rührt mich, dass sie den Männern so zugetan ist. Das ist ihre hilflose Art, dem Älterwerden zu trotzen und auf ihrer Lebensfreude zu beharren. Wie diese beiden unterschiedlichen Frauen sich über die verschiedenen Lebensstationen anscheinend immer begleitet und unterstützt haben, über 30 Jahre, das finde ich bemerkenswert.

 

Jenny Schily Ich mag die Tiefe, die Beate hat, und ihren Witz. Mir gefällt ihr Mut, diese Kraft und Ausdauer. Ich kann nachvollziehen, dass sie anfangs nicht über ihre Krankheit redet und erst mal in sich geht, auch wenn sie damit das Problem ein bisschen wegschiebt; Verdrängung kann ja bis zu einem bestimmten Grad auch gesund sein. Henni hat ein gradliniges Gemüt und einen eher direkten Humor, was ihre Männergeschichten betrifft. Aber das kommt auch aus einer gewissen Unsicherheit und dem Wunsch, begehrt und geliebt zu werden und das Leben auszukosten. Was ich an ihr schätze, ist, dass sich das alles verändert, als die Situation für ihre Freundin dramatisch wird. Da entwickelt sie eine erstaunliche Kraft. Und dass die beiden sich so gut kennen, dass sie miteinander schweigen können, das finde ich auch schön.

 

CHEXX Welche Entwicklung machen die beiden denn durch?

 

Steffi Kühnert Als Beate erfährt, dass sie eine schwere Krankheit hat, will sie es noch mal wissen: Sie beginnt für die Überquerung des Ärmelkanals zu trainieren und ordnet diesem Ziel radikal alles unter. Sie bringt beeindruckend viel Disziplin auf und zieht die Sache konsequent durch. Man erwartet am Anfang des Films einfach nicht, dass Beate sich jeden Morgen um vier Uhr auf die Socken macht und in der Ostsee eisern trainieren geht. Solche Widersprüche sind immer extrem reizvoll und das liebe ich an dieser Figur. In ihr stecken zwei Seelen.

 

Jenny Schily Henni beweist, dass sie sehr wohl in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, die Freundin zu stützen und zu halten. Sie hält das aus, macht alles mit, bis zum Schluss. Ihre Liebesfähigkeit und die Konsequenz, die sie dabei entwickelt, das mag ich sehr gerne. Beide Frauen finden jeweils auf ihre Weise zu einer neuen Stärke.

 

CHEXX Könnte man Beate nicht auch Egoismus vorwerfen?

 

Steffi Kühnert Einige hatten anfangs Befürchtungen, dass die Figur Beate etwas zu egoistisch oder sogar kalt erscheinen könnte. Ich habe das nie so empfunden. Ich hatte sofort eine große Empathie für sie und hatte in keinem Moment den Eindruck von Egoismus oder gar Kälte.

 

Jenny Schily Mir ging es genauso. Ich habe - wie Henni - eher gedacht: Endlich löst sie sich mal aus ihren Zwängen. Die Kinder sind wirklich weit erwachsen und es ist ja hohe Zeit, sie loszulassen. Klar kommt das vielleicht ein bisschen plötzlich und in einer ungünstigen Situation. Aber die Situation ist ja nie perfekt dafür.

 

CHEXX Wie haben Sie das bei Ihren Müttern erlebt?

 

Steffi Kühnert Meine Mutter, Jahrgang `34, hat sich mit 50 noch mal getraut, zu studieren. Das war in ihrer Generation schon außergewöhnlich. Das ist aber auch eine Geschlechterfrage. So lange ist es doch noch gar nicht her, dass Frauen von Männern die Erlaubnis brauchten, wenn sie arbeiten wollten. Unglaublich! In meinem Umfeld ist es heute eher so, dass sich viele freuen, Männer und Frauen, wenn sie etwas Freiheit und Freiräume zurückbekommen. Das ist wie ein neuer Energieschub, herrlich! Nicht mehr 24 Stunden Verantwortung für die Kinder. Plötzlich kann man auch mal an sich denken, vielleicht spontan eine Reise machen.

 

Jenny Schily Meine Mutter war jedenfalls kein Beate-Typ, der nicht loslassen kann.

 

CHEXX Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle als Beate vorbereitet?

 

Steffi Kühnert Ich konnte natürlich schwimmen, aber nicht besonders gut. Deshalb brauchte ich jemanden, der mich trainiert. Da hat man mir die wunderbare Beate Ludewig an die Seite gestellt, die schon Weltrekordler wie Roland Matthes und Kornelia Ender trainiert hatte. Zu ihr bin ich etwa sechs Wochen alle zwei Tage zum Training gegangen. Sie hat so richtig im Urschleim angefangen - mit Atemübungen am Beckenrand und unter Wasser ausatmen, um überhaupt einen Rhythmus zu finden. Das war wichtig, denn beim ersten Mal war ich schon nach 50 Metern vollkommen fertig. Sie war extrem rücksichtsvoll und trotzdem hartnäckig. Nach unserem ersten Training hat sie gesagt: "Ja, das kriegen wir hin, da hatte ich schon schlimmere Fälle."

 

CHEXX Mussten Sie bei den Dreharbeiten selbst an Ihre Grenzen gehen?

 

Steffi Kühnert Ja, im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt, wie ich das alles eigentlich geschafft und wie ich das durchgehalten habe. Es war ja nicht immer Sonne, das Wasser manchmal bewegt, dazu die Strömungen. Vor allem die Kälte, 13 Grad Ostseetemperatur. Es war wirklich hart und ging schon an den Rand der physischen, aber auch der psychischen Belastung. Aber ich wollte das unbedingt schaffen, denn solche Rollen sind eine Rarität. Das war ein großes Geschenk! Anfangs hatte ich Befürchtungen, rein körperlich dem Bild einer ehemaligen Leistungsschwimmerin nicht zu entsprechen. Als ich den Film dann gesehen hatte, waren meine Zweifel ganz schnell zerstreut. Freiwasserschwimmerinnen sind durchaus unter 1,70 Meter und Beates aktive Zeit liegt ja auch schon dreißig Jahre zurück.

 

Jenny Schily Die Dreharbeiten waren schon anstrengend, die Ostsee war im letzten Jahr besonders kalt. Ich kann mich noch gut an die extrem laute Tröte erinnern, damit Steffi immer sofort mitbekam, wenn die Kamera aus war und nie länger als nötig im Wasser sein musste. Unterm Strich brauchte es natürlich dennoch alles viel Zeit, wir fuhren oft weit raus und blieben den ganzen Tag auf dem schwankenden Boot. Das war schon eine Herausforderung.