Emmanuelle Seigner wurde in eine Schauspielerfamilie hineingeboren; ihr Großvater Louis war ein Doyen der Comédie Française, und auch ihre Tante Françoise war Mitglied der renommierten Comédie Française. Im Alter von 14 Jahren startete Emmanuelle Seigner ihre Karriere als Model. Ihr Leinwanddebüt gab sie 1984 in dem Thriller "Teuflische Umarmung". Nun ist sie in dem Roman Polanski-Film "Venus im Pelz" zu sehen.

 

CHEXX Wie war das, als Roman Polanski Ihnen zum ersten Mal von "Venus im Pelz" erzählt hat?

 

Emmanuelle Seigner Als Roman David Ives’ Text in Cannes zum ersten Mal gelesen hat, habe ich gemerkt, dass er ihn wirklich sehr mochte. Wir hatten schon lange darüber geredet, mal wieder zusammen zu arbeiten, hatten aber Probleme, den richtigen Stoff zu finden. Außerdem wollte er unbedingt eine Komödie mit mir machen, und eine Komödie mit einer tollen weiblichen Hauptrolle ist schwer zu finden. Ich war zuerst unsicher, ob ich etwas spielen wollte, das auf einem Stück basierte. Aber dann habe ich den Text gelesen und vor allem seine Adaption, und war sofort begeistert. Weil es eben kein Theaterstück war. Es war brillant, lustig, eher burlesk als einfach nur komisch, und es hatte ein großes Potenzial.

 

CHEXX Tatsächlich hatten Sie nicht nur eine Vanda, sondern mehrere zu spielen: Die Schauspielerin beim Vorsprechen, die Frauenfigur, die Sacher-Masoch geschrieben hat, die Vanda, die der Phantasie des Regisseurs entspringt, und die, die Venus verkörpert. Zudem sind die Grenzen zwischen diesen Figuren nicht sehr klar definiert. Manchmal verschwimmen sie.

 

Emmanuelle Seigner Das war genau das, was es so spannend machte.

 

CHEXX War es leicht, die richtige Tonlage für all die verschiedenen Stimmungen zu finden?

 

Emmanuelle Seigner Das Schwierigste war den Text in so kurzer Zeit zu lernen. Weil ich zugleich in Pinters "Die Heimkehr" im Pariser Théâtre l‘Odéon auf der Bühne stand. Wir haben den Film ziemlich schnell gedreht, was zu den Dingen gehörte, die mir an diesem Projekt gefielen. Ich habe davon geträumt, mit Roman an einem kleinen intimen Film zu arbeiten, oder zumindest an einem, der Anklänge an die Filme seiner Jugend enthält, inklusive der Bedingungen, unter denen sie gedreht wurden. Und es ist unglaublich, wie viel "Venus im Pelz" mit seinen frühen Filmen gemeinsam hat. Während der Dreharbeiten musste ich ständig daran denken: Da war dieses Kostüm aus "Tess", das Messer aus "Rosemaries Baby", die Verkleidung wie in "Wenn Katelbach kommt" und dass er sich wie eine Frau kleidet, wie in "Der Mieter". Es gab so viele erstaunliche kleine Anklänge.

 

CHEXX Auch an "Bitter Moon".

 

Emmanuelle Seigner Ja, aber nicht so viele. Dieser Film ist viel ironischer, augenzwinkernder.

 

CHEXX Glauben Sie, dass Polanski sich absichtlich den Spaß erlaubt hat, Bezüge zu seinen anderen Werken herzustellen, oder geschah das eher unbewusst?

 

Emmanuelle Seigner Ich bin nicht sicher, ob ihm das wirklich bewusst war, aber ich bin sicher, dass er das Skript deshalb so mochte. Es ist ziemlich "polanskiesk". Was der Grund war, warum er dieses Projekt unbedingt machen wollte und warum er es so schnell gemacht hat. Er hat mir den englischen Text im August gegeben und die Adaption im Oktober geschrieben, dann haben wir im Dezember gedreht und genau ein Jahr, nachdem er den Stoff entdeckt hatte, lief der Film in Cannes! Um also auf Ihre Frage von vorhin zurückzukommen: Das Schwierigste für mich war, den Text zu lernen. Richtig viel Text! Denn man muss ihn sehr gut können, um ohne nachzudenken spielen zu können. Am Anfang spiele ich eine Art Vamp und schließlich ende ich in der Haut einer Göttin. Wenn Thomas hinter die Bühne kommt, hat Vanda sich verändert: Sie trägt jetzt eine andere Frisur, das Licht ist anders. Das ist mehr oder weniger der Moment, in dem sie anfängt, sich in eine Göttin zu verwandeln.

 

CHEXX Welcher dieser Figuren fühlten Sie sich am nächsten?

 

Emmanuelle Seigner Ich habe von ihnen allen etwas in mir. Am liebsten habe ich den Vamp verkörpert. Diese Seite von mir spiele ich gern aus, wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen bin, aber natürlich nur zum Spaß und nie bis zu diesem Punkt. Bei den Dreharbeiten konnte ich mich da richtig rein schmeißen. Das war sehr amüsant. Aber sobald ich den Text konnte, hat eigentlich die ganze Arbeit Spaß gemacht. Ich war sogar überrascht, wie leicht es war, von einer Figur zur anderen zu wechseln und von einem Pinter-Stück zu Romans Films. Ich habe bei dieser Gelegenheit herausgefunden, dass man in der Lage ist, viel mehr Dinge zu tun, als man glaubt. Dass ich gleichzeitig in einem Stück gespielt und einen Film gedreht habe, war in gewisser Weise sogar eine gute Vorbereitung für die Rolle der Vanda.

 

CHEXX Spricht Sie die Welt von Sacher-Masoch an?

 

Emmanuelle Seigner Nein, das ist etwas, das mir sehr fremd ist. Ich habe nicht mal versucht, sein Buch zu lesen. Am ersten Drehtag hat Mathieu mir aber die Geständnisse der echten Vanda gegeben, der Vanda, die Sacher-Masoch inspiriert hat. Die habe ich während der Dreharbeiten gelesen. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass mir das geholfen hat, aber ich fand es sehr inspirierend. Eigentlich macht der Film sich über seine Welt lustig, und das war es, was mir wirklich Spaß gemacht hat. Jedenfalls wirft er einen ironischen Blick darauf. Vanda, die Schauspielerin, die ich spiele, findet, dass das Stück zutiefst frauenfeindlich ist und nicht besonders gut. Sie ist schrecklich zu Thomas, dem Regisseur. Manche Männer werden den Film deshalb vielleicht ärgerlich finden, weil er, obwohl von einem Mann gemacht, ein zutiefst feministisches Werk ist.

 

CHEXX Würden Sie sagen, dass die Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler etwas Sado-Masochistisches hat?

 

Emmanuelle Seigner Absolut! Das hab ich schon immer gesagt. So gern ich spiele, so sehr bereitet das passive Element am Schauspieler-Sein mir auch Probleme. Mich unterzuordnen und vom Willen eines anderen abhängig zu sein, ist mir schon immer schwergefallen. Jetzt, wo ich auch Musik mache, ist das aber etwas weniger geworden, weil ich darin Freiheit finde. Roman war sich dieser Dualität in mir schon immer bewusst, und das war jetzt eine Gelegenheit, damit zu spielen. Ich weiß nicht, ob ich es jemals wagen würde, das zu tun, was Vanda tut, oder ob ich so penetrant wäre wie sie, aber ich verstehe diese rebellische Ader, die Entschlossenheit, sich nicht benutzen zu lassen. All das existiert auch irgendwo in mir.

 

CHEXX Gab es eine Szene, die Sie besonders nervös gemacht hat?

 

Emmanuelle Seigner Nein, das Einzige, was mir wirklich Sorge gemacht hat, war die Textmenge. Nicht zuletzt, weil Roman sehr viel Wert darauf legt, und das zu Recht. Man muss seinen Text aus dem Effeff können, um frei aufspielen zu können.

 

CHEXX Die letzte Szene hat etwas Triumphierendes. Nicht nur in ihrer Bedeutung, so als würden Sie Rache nehmen im Namen aller Schauspieler, die nach Vorsprechen abgelehnt werden, sondern auch in ihrer Ausführung.

 

Emmanuelle Seigner Ach ja, das war die Szene, vor der ich am meisten Angst hatte. Nicht zuletzt weil ich sehr lange nicht mehr getanzt hatte. Und dann nackt unter einem Pelzmantel zu tanzen, ist ein bisschen … riskant! (lacht) Glücklicherweise war die Szene nur schwach und sehr schön ausgeleuchtet.

 

CHEXX Wenn Sie nur ein Bild aus diesem Abenteuer behalten dürften, welches würden Sie auswählen?

 

Emmanuelle Seigner Alles! Das war wirklich eine magische Erfahrung. Es war Weihnachten, es hat geschneit und wir waren zwölf Stunden am Tag in diesem Theater eingeschlossen. Wir haben wie verrückt gearbeitet, aber es war großartig. Ich hatte das Gefühl, dass wir eine echte Gang waren, die einen Film dreht, fast wie ein erster Film oder zumindest ein junger Film. Und dieses Gefühl mochte ich sehr.