Nach "Der Gott des Gemetzels" legt Roman Polanski mit "Venus im Pelz" die filmische Adaption eines erfolgreichen Broadwayhits vor. Sein mit Spannung erwarteter Film - eine erotische Komödie mit Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner in den Hauptrollen - feierte im Frühjahr Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes und wurde von der Kritik als selbstironisches, humorvolles und glänzend gespieltes Meisterwerk bejubelt. Der Film kommt nun in die deutschen Kinos.

 

CHEXX Auf welchem Weg haben Sie David Ives‘ Stück kennengelernt, das von einer Novelle Leopold von Sacher-Masochs inspiriert ist?

 

Roman Polanski Es war mein Agent Jeff Berg, der mir, als ich letztes Jahr in Cannes war, um die Vorführung der restaurierten Fassung von "Tess" zu besuchen, das Stück "Venus im Pelz" mit den Worten übergab: "Das ist ein Stoff für dich." Da ich gerade nicht viel zu tun hatte, ging ich rauf in mein Zimmer und fing an zu lesen und … dachte: "Ja, das ist wirklich was für mich!" Der Text war so witzig, dass ich mich dabei ertappte, wie ich laut lachte, obwohl ich ganz allein war, was selten vorkommt. Ich fand die Ironie des Stücks, die manchmal an Sarkasmus grenzt, unwiderstehlich. Außerdem gefiel mir seine feministische Seite. Und ich hatte sofort Lust, einen Film daraus machen. Zunächst mal weil es eine tolle Rolle für Emmanuelle enthielt und wir schon lange mal wieder zusammen arbeiten wollten. Aber auch für einen Schauspieler gibt es darin eine schöne Rolle. Ich habe mir sofort vorgestellt, dass die Handlung in einem leeren Theater spielt, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass ich vom Theater komme. Ein Theatersaal bringt zwangsläufig eine andere Dimension hinein, eine bestimmte Atmosphäre.

 

CHEXX Das ist, nach "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza, bereits das zweite Mal in Folge, dass Sie ein Theaterstück adaptieren. Und es ist der erste Film seit langem, den Sie auf Französisch gedreht haben.

 

Roman Polanski Solche Fragen habe ich mir gar nicht gestellt; es war das Thema, das mich inspiriert hat. Und noch etwas: Dass es nur um zwei Figuren kreist. Seit meinem ersten Film, in dem es nur drei Figuren gab, sagte ich mir: "Eines Tages mache ich mal einen Film mit nur zwei Figuren!" Das ist eine echte Herausforderung, aber ich brauche so was, um mich zu stimulieren, ich brauche eine Schwierigkeit, die ich überwinden muss, sonst langweile ich mich. Mit nur zwei Figuren an einem einzigen Ort verharren zu müssen, ohne den Zuschauer auch nur einen Augenblick zu langweilen und ohne dass das Ganze so aussieht wie fürs Fernsehen abgefilmtes Theater, das war für mich ein interessantes Wagnis. Gerade heute, wo man im Kino von den Bildern erschlagen und von der Lautstärke her geradezu taub gemacht wird. Die Vorschau-Trailer zu überstehen, ist das Schlimmste im Kino. Es gibt immer zwei oder drei, die die gesamte Gewalt des Films in konzentrierter Form enthalten: ein Dutzend Explosionen, ein Dutzend Autos, die sich überschlagen, und immer derselbe Lärm zwischen den Einstellungen, als hätten sie nichts anderes im Repertoire.

 

CHEXX Um was ging es Ihnen bei Ihrer Arbeit an der Adaption mit David Ives?

 

Roman Polanski Zunächst mal haben wir die Dialoge gekürzt und bestimmte Szenen verändert. Wir wollten das Stück wirklich in einen Film verwandeln. In dem Stück vollzieht sich die gesamte Handlung in einem Probenraum, was einigermaßen fade ist. In Frankreich finden die Vorsprechen von Schauspielern jedoch häufig auf der Bühne statt, vor allem in Privattheatern, die keinen Repertoire-Betrieb haben. Deshalb habe ich sofort daran gedacht, die Handlung in ein Theater zu verlegen. In einem Theatersaal zu sein, verändert auf Anhieb alles vollkommen. Zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum wechseln zu können, ganz zu schweigen von dem Bereich hinter den Kulissen, eröffnete jede Menge neue Möglichkeiten. Unsere Arbeit war in dieser Hinsicht schon sehr detailliert, aber als wir dann drehten, habe ich einige Situationen noch mal verändert und improvisiert und Umstellungen vorgenommen.

 

CHEXX Ist Ihnen Sacher-Masochs Welt vertraut?

 

Roman Polanski Nein, überhaupt nicht.

 

CHEXX Spricht diese Welt Sie denn an?

 

Roman Polanski Absolut nicht. Ich finde sie eher komisch. Ein Freund hat mir einige japanische sado-masochistische Pornofilme gezeigt, das fand ich haarsträubend und sogar gruselig. Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas gibt. Und ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele Menschen von solchen Praktiken angesprochen fühlen. Ich habe das Gefühl, dass das ein bisschen was für Punks oder Gruftis ist; das Ganze hat was von einer Form von Snobismus oder einer Art Mode. Und ich glaube, dass einige es eher machen, um zu einer Gruppe dazuzugehören, um Punk oder Grufti zu sein, als deswegen, weil es Ihnen Vergnügen macht, sich ihre Wangen zu piercen oder unbequeme Kleidung zu tragen. Der Sado-Masochismus hat etwas, das dem Theater nicht unähnlich ist: Man wird in seinen eigenen Phantasien zum Regisseur, man spielt eine Rolle und bringt jemand anderen dazu, eine Rolle zu spielen. Mit dieser Theatralität, diesem Spiel im Spiel, spielt der Film: Das ist ein Ort, an dem Herrschaft und Unterwerfung, Theater und echtes Leben, Figuren, Realität und Phantasie sich treffen, die Plätze tauschen, Grenzen sich verwischen. Im Film sagt die Schauspielerin: "Nackt auf der Bühne? Kein Problem. Das kriegen Sie von mir gratis. Mit Sado-Masochismus kenne ich mich aus, ich arbeite schließlich am Theater."

 

CHEXX Finden Sie, dass die Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler etwas Sado-Masochistisches hat?

 

Roman Polanski Sicher, das gibt es natürlich, aber der Film parodiert es. Diese Textzeile von David Ives ist eine von denen, über die ich sehr gelacht habe, und die in mir den Wunsch weckten, sein Stück zu adaptieren. Es war amüsant und aufregend, für jede Situation einen anderen Ton zu finden, eine andere Sprache, ein anderes Spiel. Vor allem für die Figur, die von Emmanuelle gespielt wird. Die Figur von Mathieu Amalric geht sicherlich durch weniger unterschiedliche Zustände, aber zugleich sind die Unterschiede subtiler.

 

CHEXX Welcher Figur fühlen Sie sich am nächsten?

 

Roman Polanski Ich fühle mich weder der einen noch der anderen nahe. Durch meinen Beruf bin natürlich der Figur des Regisseurs näher, aber diesem hier fühle ich mich nicht nahe.

 

CHEXX Was macht Emmanuelle Seigner in Ihren Augen für diese Rolle besonders geeignet?

 

Roman Polanski Ihr Äußeres, ihre Ausstrahlung und ihre Fähigkeit, von einer Emotion in eine andere zu wechseln. Ich dachte eigentlich, dass es ihr sehr leicht fallen würde, die reguläre Figur, diese Schauspielerin, zu spielen, aber während der Dreharbeiten merkte ich dann, dass die andere Figur - die Figur aus dem Buch von Masoch, Vanda von Dunajew - ihr am Ende noch viel besser lag. Aber schwergefallen ist ihr keine von beiden. Sie wechselte zwischen ihnen hin und her, als wäre es das Normalste von der Welt, und konnte zwischen den verschiedenen Tonfällen, Akzenten, Verhaltensweisen und Körperhaltungen - ja fast zwischen den verschiedenen Körpern - mit absoluter Leichtigkeit hin und her wechseln.

 

CHEXX Und welchen Trumpf brachte Mathieu Amalric mit?

 

Roman Polanski Er ist ein großartiger Schauspieler und ein Regisseur, so dass er viele Dinge und Situationen versteht. Er ist begabt, intelligent und hat das richtige Alter. Alles, was nötig war, um die Rolle zu einem Erfolg zu machen. Es gibt nur wenige Darsteller, die geschafft hätten, was er geschafft hat, und noch dazu mit so vielen Feinheiten.

 

CHEXX Seine äußere Ähnlichkeit mit Ihnen in diesem Film ist frappierend. Wenn man ihn sieht, muss man an Ihre Figur in "Tanz der Vampire" oder auch in "Der Mieter" denken. War das gewollt?

 

Roman Polanski Es kann sein, dass er bewusst in diese Richtung gegangen ist, doch das war nicht meine Entscheidung. Ich hab es anfangs noch nicht mal gemerkt. Aber schon als wir uns zum ersten Mal trafen, hat Mathieu mir erzählt, dass ihm häufig gesagt wird, wie sehr er mir ähneln würde.

 

CHEXX Verblüffend ist auch, wie sehr dieser Film, auf den Sie ja eher zufällig gekommen sind, einen an andere Filme von Ihnen erinnert, von "Tanz der Vampire" über "Bitter Moon" bis zu "Der Mieter", nicht nur wegen der klaustrophobischen Situation, sondern auch wegen der Stimmung und der Themen.

 

Roman Polanski Auch das ist mir nicht sofort aufgefallen. Bei so einem Film, der recht simpel ist, nicht zu teuer und komplett unter der Kontrolle des Regisseurs, entfallen gewisse Zwänge, man hat völlige Freiheit. Daher überrascht es auch nicht, dass die alten Geister zurückkommen. Um ehrlich zu sein, habe ich über all das kein einziges Mal nachgedacht. Ich habe einfach diesen Text gelesen und den Film exakt so gemacht, wie ich ihn vor mir sah. Es war ein wunderbares Abenteuer für alle am Set, eine wirklich angenehme Produktion.

 

CHEXX In "Venus im Pelz" gibt es viel Musik, die als eine Art Kontrapunkt zu den Situationen fungiert und Phantasie, Humor, Ironie und eine gewisse Leichtigkeit in die Szenen hineinbringt.

 

Roman Polanski Das Einzige, was ich Alexandre gesagt habe, war, dass ich viel Musik haben wollte. Er hat das Drehbuch gelesen und einige Vorschläge gemacht, die meinen Vorstellungen genau entsprochen haben. Und das war’s dann auch schon. Ganz simpel. Mit Pawel war es das Gleiche. Am Anfang des Films wollte ich die Atmosphäre eines heruntergekommenen Theaters ziemlich realistisch abfilmen und dann Schritt für Schritt in Richtung Phantasie und Einbildung gehen.

 

CHEXX Sie haben "Venus im Pelz" letztes Jahr in Cannes gelesen und sind nun ein Jahr später im Wettbewerb mit dem fertigen Film wieder da. So schnell geht es ja selten.

 

Roman Polanski Ja, das ist verrückt. Es gibt Filme wie diesen, wo einfach alles glattgeht. Die Schauspieler und die Techniker waren großartig, und es ist vor allem ihnen zu verdanken, dass ich diesen Film so schnell fertigstellen konnte. Aber wir haben auch hart gearbeitet! Auch später während des Schnitts!

 

CHEXX Wenn Sie nur ein Bild von diesem Abenteuer "Venus im Pelz" behalten könnten, welches würden Sie auswählen?

 

Roman Polanski Das Vorsprechen natürlich!