Er ist der Ausnahmegeiger unserer Tage: David Garrett, der nun auch als "Der Teufelsgeiger" im Kino sein unglaubliches Können beweist. Er spielt den legendären Geigenvirtuosen Niccolò Paganini, der in den frühen 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die Konzertsäle Europas im Sturm eroberte - und ganz nebenbei noch zahlreiche Frauenherzen brach. 1980 wurde David Garrett in Aachen als Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Primaballerina geboren. Als Vierjähriger bekommt er seine erste Geige, im Alter von zehn Jahren absolviert er seinen ersten Auftritt mit den Hamburger Philharmonikern. Als Dreizehnjähriger erhält er als jüngster Künstler einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft und spielt Mozart-Violinkonzerte mit Claudio Abbado ein. Für seine Alben wurde er mehrfach ausgezeichnet. Die umjubelten Konzerte seiner Tourneen werden von Millionen von Menschen auf allen Erdteilen besucht.

 

CHEXX Was fasziniert Sie persönlich an der Figur Niccolò Paganini?

 

David Garrett Paganini war ein genialer Geiger, aber nicht nur das. Er ist ein Mythos. Mit ihm beginnt eine komplett neue Ära, was die Wahrnehmung eines Künstlers betrifft. Mit Paganini beginnt die Rede vom "Virtuosen" in mystifizierender Form. Seinem Ausnahmetalent wurden Wunderkräfte und alle möglichen übernatürlichen Fähigkeiten zugeschrieben bis hin zum Pakt mit dem Teufel. Dass Virtuosität in erster Linie das Ergebnis harter Arbeit und konsequenter Disziplin ist, tritt dabei völlig in den Hintergrund. Da sehe ich schon gewisse Parallelen zur Situation heute und auch zu mir selbst.

 

CHEXX Gibt es weitere Parallelen zwischen Ihnen und der Figur des Paganini, mal abgesehen davon, dass Sie beide Virtuosen auf der Geige sind?

 

David Garrett Paganini war extrovertierter und selbstdarstellerischer, als ich es bin, aber ich kann diese Ansätze natürlich auch bei mir erkennen. Wir haben alle unterschiedliche Charaktereigenschaften in uns. Es ist immer nur die Frage, was du davon zeigst. Ich habe mich am Drehbuch orientiert, aber natürlich spielen mein Leben und meine Persönlichkeit in die Rolle mit hinein. Das ist ja auch der authentische Weg, eine Figur zu inszenieren, anders geht es gar nicht. Andererseits leistet sich mein Filmcharakter so einiges, was ich mir selbst nicht rausnehmen würde: Paganini lebt im Unterschied zu mir seine cholerischen Züge ziemlich ungehemmt aus, da nimmt er nicht viel Rücksicht. (lacht)

 

CHEXX Wie authentisch empfinden Sie den Film und Ihre Darstellung?

 

David Garrett Paganini ist eine sehr komplexe Figur. Er selbst hat - vielleicht ganz bewusst? - nichts geschrieben. Tagebucheinträge oder andere Selbstzeugnisse gibt es von ihm nicht. Dennoch ist ein Großteil seiner Biografie historisch belegt. Wir wissen genau, wo er was gespielt hat, mit wem er in Kontakt war, wie er auf sein Publikum gewirkt hat, ja sogar in welcher gesundheitlichen Verfassung er war. Insofern ist der Film so realitätsnah wie möglich, bindet aber natürlich die zahlreichen Mythen um Paganini mit ein - denn die sind ein Teil seines Lebens. Aber es ist praktisch kaum möglich, den Menschen Paganini vom Mythos Paganini zu unterscheiden, selbst auf Grundlage der geschichtlichen Quellen wie Zeitungsberichten oder Kommentaren von Zeitgenossen.

 

CHEXX Können Sie trotzdem etwas über den Menschen Niccolò Paganini sagen?

 

David Garrett Er war sehr charismatisch. Er war ein Lebemann. Viele Frauengeschichten wurden ihm angedichtet. Er hatte sicherlich auch Probleme mit Spielsucht, Krankheiten und Drogen, mit Drogen allerdings erst später in seinem Leben.

 

CHEXX Was bewundern Sie an Paganini musikalisch?

 

David Garrett Paganini ist jemand, an dem man wächst. Wenn man Paganini als das Ultimo an Virtuosität bezeichnet - im Sinne von perfekter Technik und absoluter Beherrschung der musikalischen Ansprüche - dann muss man seine Werke als solche betrachten, die man meistern muss, bevor man sich an Beethoven und Brahms wagt. Insofern habe ich eine sehr enge, respektvolle Beziehung zu Paganini als Interpreten, als Komponisten und eben auch als öffentliche Figur.

 

CHEXX Was war das Besondere, das Paganini von den anderen Musikern seiner Zeit unterschieden hat?

 

David Garrett Paganini war der erste Künstler, der die Geige als Solo-Instrument konzertfähig gemacht hat. Damals gab es viele Kammermusikkonzerte, aber die Geige, das Klavier oder andere Instrumente hatten noch nicht die Präsenz im Orchester. Paganini hat da revolutionär gewirkt: Plötzlich ist da jemand, der Stücke für die Geige schreibt, die einem buchstäblich den Atem stocken lassen, weil das Publikum optisch kaum nachvollziehen kann, was es hört. Seine halsbrecherischen Kompositionen plus das Tempo, indem er sie selbst präsentiert - man kann schon sagen: performt - das alles hat die Geige und den Künstler zum Mittelpunkt erhoben.

 

CHEXX Dass Paganini die Geige und den Künstler zum Mittelpunkt gemacht hat, kam bei Kritikern nicht immer gut an.

 

David Garrett Mit Paganini erlebte die Geige eine musikalische Emanzipation, die natürlich viele Zeitgenossen vor den Kopf gestoßen hat, weil es die gängigen musikalischen Formate sprengte. Und da es offenbar ein menschlicher Reflex ist, das, woran man nicht gewöhnt ist, zunächst skeptisch zu beurteilen, waren viele Kritiker der damaligen Zeit sehr misstrauisch, was sein Können betraf. Und so war auch das Image des "Teufelsgeigers" nicht mehr fern. Aber Paganini hat das nicht gestört. Er war klug genug, aus seiner schaurigen und faszinierenden Wirkung Nutzen zu ziehen. In jedem Fall hat er die Rolle des Geigen-Virtuosen auf legendäre Weise etabliert.

 

CHEXX Warum haben Sie sich entschieden, an diesem Film mitzuwirken?

 

David Garrett Ich habe in der Vergangenheit viele Angebote bekommen aus Film und Fernsehen. Es war aber nie etwas dabei, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich bin kein ausgebildeter Schauspieler und deshalb musste es eine Geschichte sein, die ein Stück weit auch Parallelen zu meinem Leben hat. Und das war bei Paganini so. Vor drei Jahren, als ich beim Cannes Film Festival war, habe ich meinem Freund Christian Angermayer von meiner Film-Idee über Niccolò Paganini erzählt. Er war davon so begeistert, dass er vorschlug, gemeinsam mit Film House Germany das zu realisieren.

 

CHEXX Wie haben Sie sich in der Schauspielerei zurechtgefunden? Wie war die Arbeit mit Ihren Partnern?

 

David Garrett Wenn man so wie ich das Projekt gestartet und am Drehbuch mitgearbeitet hat, wenn man sich seit einem Jahr intensiv Gedanken über die verschiedenen Figuren gemacht hat, dann verbindet man die Charaktere im Film automatisch mit Personen, die einem persönlich nahestehen.

 

CHEXX Wie groß war Ihr Einfluss auf das Drehbuch?

 

David Garrett Das Drehbuch hat mich sehr inspiriert, ich habe es ständig wieder gelesen, überarbeitet und Vorschläge gemacht. Während der ganzen Produktionsphase waren Bernard Rose und ich in sehr engem, produktivem Austausch und ich bin ihm dankbar für seine kreative Aufgeschlossenheit. Bernard hat die filmische, ich die musikalische Expertise in das Projekt eingebracht, das hat sich wunderbar ergänzt. Aber auch über die rein musikalischen Dimensionen des Films hinaus habe ich stark an der Storyline mitgearbeitet. Das war mir sehr wichtig, dass ich mich damit wohlfühle und dass das stimmig ist.

 

CHEXX Sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrer Arbeit als Musiker und der als Schauspieler?

 

David Garrett Ja, der musikalische und der schauspielerische Auftritt sind sich ähnlich: Du musst reagieren, gerade wenn du etwas wiederholst. Du übst vorher und versuchst dich bis ins letzte Detail vorzubereiten, aber im Endeffekt, wenn du auf der Bühne stehst und spielst, ist es immer eine einzigartige Situation, die so im Training nicht vorweggenommen werden kann. Du bereitest dich also darauf vor, dann richtig reagieren zu können. Wenn ein Solo-Cello eine andere Fassung spielt, reagiere ich darauf, wenn mein Gegenüber einen Satz anders artikuliert ebenso. Man muss nur richtig zuhören und sich gut konzentrieren können, dann kann man auch spontan reagieren.

 

CHEXX Paganini und Sie haben nicht nur das Instrument gemeinsam, sondern auch ein starkes äußerliches Erscheinungsbild. Wie stark ähneln Sie dank Maske und Kostüm Niccolò Paganini?

 

David Garrett Paganini hatte ein sehr ungewöhnliches Erscheinungsbild, besonders für das Jahrhundert, in dem er lebte. Das hat er nicht dem Zufall überlassen. Sein Look war sehr exzentrisch. Er hat nicht das getragen, was en vogue war, sondern seinen eigenen Stil geprägt, sich als Figur selbst erschaffen. Er hat sich nur Schwarz gekleidet, was natürlich die Gerüchte schürte, etwas Satanisches mit ihm zu verbinden. Er hat das Teufels-Image, das ihm anhaftete, äußerlich bestätigt, aber er muss auch von seiner ganzen Ausstrahlung her ein ungeheuer charismatischer Kollege gewesen sein. Für Maske und Kostüm haben wir uns an Skizzen oder Gemälden orientiert - da gibt es zum Glück viel. Das wurde dann soweit es ging auf mich übertragen.

 

CHEXX Welche Rolle spielt die Musik in dem Film?

 

David Garrett Die Musik soll die Story verstärken und umgekehrt. Das ist die optimale Symbiose. Paganini besticht durch seine Virtuosität auf der Geige. Das kann man wunderbar durch seine Musik zeigen, und wenn man einen Film über einen Musiker dreht, muss man ihn natürlich in Aktion sehen. Dabei ist es eine sensible Gratwanderung, die Geschichte zu erzählen, ohne die Musik dominieren zu lassen. Es ist also ein Musikfilm, aber kein Musikvideo.

 

CHEXX Werden wir im Film Kompositionen von Paganini im Original hören oder haben Sie etwas verändert?

 

David Garrett Manches haben wir überarbeitet. Was mir aber wichtig war: Der Geigenpart, der auch handschriftlich von Paganini notiert wurde, ist original geblieben. Was wir verändert haben, sind die Arrangements. Paganini hat für seine Orchestrierungen nicht immer die besten Arrangements gewählt. Vielleicht, weil er Geld sparen wollte. Er war öfter mal klamm, das ist überliefert. Da ich für den Film alle Möglichkeiten hatte, dachte ich, ich setze mich da mal dran und schreibe diese Arrangements neu. Natürlich für die Instrumente aus dieser Zeit. Auf hohem Niveau. So wie Paganini es geschrieben hätte, wenn er genug Geld gehabt hätte. Das war ein unglaublicher Ansporn.

 

CHEXX Zum Schluss: Kein Film ohne Liebesgeschichte. Was halten Sie von Paganinis Umgang mit Frauen?

 

David Garrett Paganini hatte die hübschesten, reichsten und erfolgreichsten Frauen auf Deutsch gesagt, "flachgelegt". Er war verwöhnt. Was braucht es also, damit er sich verliebt? Für mich war ganz wichtig, dass Paganini Charlotte attraktiv findet, sich aber nicht sofort verliebt, sondern erst, als er ihre Stimme hört und ihr Talent sieht - etwas, das man weder kaufen noch sich erarbeiten kann, etwas, was auch er in sich trägt. Das ist die Verbindung zwischen den beiden, in der künstlerische und erotische Energien eine unglaublich starke emotionale Kraft entwickeln. Für einen Musiker ist die Musik eine emotionale Sprache.