Erfolgreiche Produzenten müssen immer eine Antwort haben. Wenn der Journalist nach der Essenz des neuen Films fragt, der Geldgeber nach den Erfolgsaussichten, oder die Filmcrew an stressigen Drehtagen motiviert werden will. Markus Zimmer, geboren 1966 in Siegen, kennt sich in allen Bereichen aus. Der studierte Betriebswirt absolvierte nach seinem Abschluss an der Universität Köln ein zweites Studium in der Produktionsabteilung der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Seit 1999 ist Markus Zimmer Geschäftsführer des Concorde Filmverleihs und Produzent für Tele München sowie seiner eigenen Produktionsfirma. In Kürze ist seine neue Produktion "Spieltrieb" in den Kinos zu sehen.

 

CHEXX Wann sind Sie auf Juli Zehs Roman "Spieltrieb" aufmerksam geworden?

 

Markus Zimmer Sehr früh, gleich nach dem Erscheinen des Buches im Jahr 2004. Zumal die Veröffentlichung mit großer und guter Presse verbunden war. Ich habe überlegt, inwieweit sich der Stoff für einen Kinofilm eignet. Dabei habe ich etwas zu lang gezögert. Eine andere Produktionsfirma hatte sich die Rechte bereits gesichert. Dort waren sie fünf oder sechs Jahre, ohne dass aus dem Roman ein Film wurde. Der Verlag erinnerte sich an mein Interesse und bot mir 2011 schließlich an, die Rechte zu optionieren. Das habe ich schnellstmöglich getan.

 

CHEXX Warum halten Sie den Roman für einen guten Filmstoff?

 

Markus Zimmer Das ist intelligentes Kopfkino für ein junges Publikum. Der Roman hat nicht nur jugendliche Protagonisten, sondern ist auch für eine junge Leserschaft konzipiert. Er spiegelt sehr klar die Befindlichkeiten der Teenager zu Beginn des 21. Jahrhunderts wider. Themen wie Sexualität, Umgang mit Lehrern, Zeitgeschehen und Politik sind sehr intelligent miteinander verflochten.

 

CHEXX Schulfilme zeigen in der Regel Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, aber in "Spieltrieb" stammen die Schüler aus gutbürgerlichen und reichen Familien. Sehen Sie darin eine Chance oder eine Gefahr?

 

Markus Zimmer Ich sehe das als Chance. Junge Zuschauer, wie der Rest der Gesellschaft auch, wollen sich eher nach oben orientieren als nach unten. "Spieltrieb" ist vom Sujet her vergleichbar mit "Eiskalte Engel". Der zeigt ebenfalls, wie Teenager aus einer höheren Bildungsschicht ihre Umwelt benutzen und manipulieren. Man kann einen Stoff wie "Spieltrieb" nicht ohne weiteres auf ein Hollywood-Glamour-Produkt ummünzen, aber ich bin sehr optimistisch, mit einem deutschen Film ein ähnliches Publikum erreichen zu können.

 

CHEXX Wie war die Zusammenarbeit mit der Autorin?

 

Markus Zimmer Wir haben Juli Zeh in alle Schritte der Drehbuchentwicklung einbezogen und sie gefragt, ob unsere Interpretation mit ihrer Intention übereinstimmt. Wir mussten den Stoff stark komprimieren und uns auf die Dreiecksgeschichte zwischen Ada, Alev und Smutek konzentrieren, aber das ist ja auch genau die Essenz des Romans. Juli Zeh war mit dem Drehbuch und ist auch mit dem fertigen Film sehr einverstanden. Natürlich hat sie bestimmte Szenen kritisch hinterfragt und den Diskurs mit uns gesucht, aber es war eine sehr konzentrierte und sehr produktive Zusammenarbeit. Sie hat den Film gesehen und für gut befunden.

 

CHEXX Die Drehbuchautoren sind bekannt für psychologisch angehauchte Krimis. Ist das bezeichnend für das Genre von "Spieltrieb"?

 

Markus Zimmer Kathrin Richter, die erst seit kurzem mit Jürgen Schlagenhof zusammenarbeitet, ist eine absolut geniale Drehbuchautorin für die Umsetzung literarischer Vorlagen. Das hat sie bei Ingrid-Noll-Verfilmungen ebenso bewiesen wie bei Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd". Sie setzt Romane werkgetreu in Drehbücher um und ergänzt sie um filmische Aspekte und Ideen, die das Buch nicht zum Ausdruck bringt.

 

CHEXX Was sind die markanten Unterschiede zwischen dem Roman und dem Film?

 

Markus Zimmer Einige Nebenfiguren mussten wir weglassen, auch Adas Vorgeschichte reißen wir nur an. Der Film beginnt mit der Kerngeschichte, dass Alev neu auf die Schule kommt. Danach folgt er sehr eng der Romanhandlung, allerdings haben wir sie in die heutige Zeit verlegt. Grundsätzlich muss man sich Literaturverfilmungen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein nähern. Ein sklavisches Kopieren der Vorlage führt nicht notwendigerweise zu einem guten Film.

 

CHEXX War von vornherein klar, dass Gregor Schnitzler der Regisseur sein sollte?

 

Markus Zimmer Gregor Schnitzler war einer meiner Wunschkandidaten. Wir haben Gespräche mit mehreren Regisseuren und Regisseurinnen geführt, doch der Pitch, den Gregor Schnitzler präsentiert hat, erschien mir der passendste für diesen Stoff und auch für die junge Zielgruppe.

 

CHEXX Wie stark ist Ihr Einfluss als Produzent auf die Arbeit des Regisseurs?

 

Markus Zimmer Wir besprechen im Vorfeld grob das visuelle Konzept und die Art der Inszenierung. Auch bei der Auswahl der Mitwirkenden und im Bereich Ausstattung, also Setdesign und Kostüm, arbeiten wir eng zusammen. Ansonsten vertraue ich den Regisseuren. Ich bin kein großer Kontrollfreak.

 

CHEXX Wie schwer war es, die jungen Hauptdarsteller für "Spieltrieb" zu finden?

 

Markus Zimmer Bei "Spieltrieb" haben wir uns stark auf die Casterinnen Anja Dihrberg und insbesondere Jacqueline Rietz verlassen. Beide haben ein gutes Händchen für Jungschauspieler. So kamen wir auf Michelle Barthel, die keine ganz Unbekannte mehr ist, da sie schon einen Grimmepreis bekommen hat, und Jannik Schümann, der ebenfalls schon in bedeutenden deutschen Filmen zu sehen war, bis hin zu Christian Petzolds "Barbara". Die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmte. Im Film muss eine glaubhafte Hörigkeit und starke Anziehungskraft zwischen beiden bestehen. Und das hat sehr gut funktioniert, weshalb sich Michelle Barthel und Jannik Schümann schnell von ihrer Konkurrenz absetzten.

 

CHEXX Nach welchen Kriterien haben Sie die erwachsenen Rollen besetzt?

 

Markus Zimmer Maximilian Brückner war von Anfang an unsere erste Wahl für den Lehrer Smutek. Er entspricht zu hundert Prozent der Romanfigur. Auch Richy Müller kommt dem Lehrer Höfi sehr nah. Er spielt den sperrigen und auf den ersten Blick nicht zu attraktiven, aber doch sehr menschlichen und intelligenten Pädagogen perfekt. Und ich bin sehr glücklich, dass Ulrike Folkerts Adas Mutter spielt. Es gibt in Deutschland nur wenige Schauspielerinnen, die ihr an Ausdruckskraft, Stärke und Attraktivität die Stirn bieten können. Für mich ist sie wie eine junge Sigourney Weaver aus Deutschland.

 

CHEXX Ein Millionenpublikum kennt diese drei Schauspieler als "Tatort"-Kommissare, zugleich weckt das Verhältnis eines Lehrers mit seiner Schülerin Assoziationen zur vielleicht bekanntesten "Tatort"-Folge "Reifezeugnis". Hinkt der Vergleich?

 

Markus Zimmer So sehr uns ein Vergleich mit Wolfgang Petersens "Tatort"-Klassiker freuen würde, so unterschiedlich sind am Ende doch die Machart und das Genre der beiden Filme. "Reifezeugnis" war ein klassischer deutscher Fernsehkrimi mit einem Mordfall im Mittelpunkt. Der findet bei uns nicht statt. "Spieltrieb" ist vielmehr ein Psychothriller als ein Krimi und wurde mit einer ganz anderen Kinoästhetik gedreht.

 

CHEXX Dennoch bleibt die Parallele, dass ein Lehrer und eine Minderjährige Sex haben. Wie sensibel muss sich ein Film solch einem sensiblen Thema nähern?

 

Markus Zimmer Die Grundsituation, dass eine sexuelle Beziehung zwischen einer Schülerin und einem Lehrer besteht und somit eine Straftat begangen wird, hat heute noch die gleiche Brisanz wie in den Zeiten von "Reifezeugnis". Auf der anderen Seite ist es heute nicht mehr so spekulativ wie in den 70er Jahren. Diese Fälle gibt es ja, wie man regelmäßig in den Zeitungen lesen kann. In "Spieltrieb" gehen vor allem die Teenager viel selbstbewusster mit der Situation um, zumal sie letztlich auch die treibenden Kräfte sind und nicht ihre Lehrer. Dass der Konflikt von den Schülern provoziert wird, ist nicht unrealistisch, sondern symptomatisch für unsere heutige Zeit. Deshalb glaube ich, dass der Stoff auch eine sehr aktuelle Brisanz hat.

 

CHEXX Hat der Film auch eine Moral?

 

Markus Zimmer Sowohl der Roman als auch die Verfilmung sind hochmoralisch - insofern, dass sie vom Reifeprozess einer jungen Frau handeln. Sie lässt sich von zwei Männern manipulieren, löst sich aber wieder von ihnen und findet ihre Eigenständigkeit. Wir heben im Film noch viel stärker als im Roman hervor, dass Ada sich befreit. "Erkenne Dich selbst" ist der Kernsatz der ganzen Geschichte.

 

CHEXX Als der Roman "Spieltrieb" 2004 erschien, betonte die Autorin Juli Zeh, dass wir in einer wertefreien Welt leben. Gilt das heute auch noch?

 

Markus Zimmer Ich glaube, als Juli Zeh den Roman schrieb, war es für angehende Erwachsene viel schwerer als heute, Werte zu finden oder zu erkennen. Das ist ja auch das Motiv der Protagonisten des Romans, dass ihnen echte Vorbilder in ihrer Familie oder an der Schule fehlen. Inzwischen hat sich das Bewusstsein von Teenagern wieder geändert. Ich denke, sie haben heute wieder ein Bedürfnis nach Werten und Vorbildern. Deshalb zeigt unsere aktuelle Interpretation auch klare Werte auf. Das Verhalten der Hauptfiguren Ada und Alev wird nicht für gut befunden. Ihre Intrige geht nicht gut aus, sondern sie hat ein juristisches Nachspiel. Ada erkennt das, während man sich bei Alev nicht so sicher sein kann.

 

CHEXX Der Roman spaltete die Kritiker in zwei Lager: Die einen feierten ihn, die anderen verteufelten ihn. Soll es beim Film genauso sein?

 

Markus Zimmer Das Schlimmste, was einem Produzenten passieren kann, ist ein "netter Film". "Spieltrieb" soll kein netter Film sein. Er soll anecken und für Diskussionen sorgen. Aufgrund seines Sujets wurde der Roman im Jahr 2004 bestimmt kontroverser aufgenommen, als das heute im Jahr 2013 der Fall wäre. Dennoch wollen wir eine Verfilmung in die Kinos bringen, auf die das Konfliktpotential des Romans übertragen wurde.

 

CHEXX Soll sich "Spieltrieb" auch auf dem internationalen Filmmarkt behaupten?

 

Markus Zimmer Dort hat der Film gute Chancen, weil sich auch der Roman - für ein deutsches Buch - international sehr gut verkauft hat. Inwieweit sich das internationale Publikum für das deutsche Schulsystem interessiert, ist schwer zu beurteilen. Aber die Geschichte ist universell und könnte auch in einer amerikanischen High School oder in einem französischen Internat spielen.