Jean Dujardin, am 19. Juni 1972 im französischen Rueil-Malmaison geboren, brachte sein Publikum zunächst zum Lachen - erst auf Kabarettbühnen und später auch im Fernsehen. Mit "The Artist" erhielt er den Darstellerpreis in Cannes, den Golden Globe und den Oscar als Bester Hauptdarsteller. Dass er auch in ernsteren Rollen zu brillieren weiß, hatte er zwischenzeitlich bereits in gezeigt. Aktuell arbeitet Dujardin unter der Regie von Martin Scorsese und an der Seite von Leonardo DiCaprio und Jonah Hill an "The Wolf of Wall Street". Nun ist er in dem Thriller "Die Möbius Affäre" zu sehen.

 

CHEXX Wie kamen Sie zum Projekt?

 

Jean Dujardin Der Produzent, Alain Attal, hat mir das Drehbuch gegeben. Er sagte nur: "Ich hab da was, das ist nicht schlecht. Magst du dir das mal anschauen?" Er hat nicht übertrieben, weshalb ich auch keine großen Erwartungen hatte und dann förmlich von der Story aufgesogen wurde. Ich, der ich immer nach Empfindungen und Gefühlen suche! Ich habe das Drehbuch dreimal gelesen, bevor ich Éric Rochant traf, dessen "Staatsauftrag: Mord" ein echter Meilenstein des Spionagegenres ist. So sind die Dinge ins Rollen gekommen.

 

CHEXX Was hat Ihnen besonders gefallen?

 

Jean Dujardin Was mich sofort angezogen hat, war die Genauigkeit des Drehbuchs und die Ambition des Films. "Die Möbius Affäre" ist irgendwo zwischen "Staatsauftrag: Mord" und "Berüchtigt" angesiedelt, ist eine Mischung aus Spionagefilm und Liebesgeschichte. Außerdem fand ich das Drehbuch straff und gut konstruiert, was äußerst selten ist. Man spürt förmlich, dass Éric Rochant sich Zeit genommen hat, um den Plot zu entwickeln, und außerordentlich tief recherchiert hat. Als Schauspieler musst du ihm vertrauen und ihm erlauben, dich dorthin zu führen, wo er dich haben will, weil es seine Geschichte ist. Ich wollte eine weitere Facette erforschen, etwas mit mehr Beschränkungen im darstellerischen Bereich. Nach "The Artist", wo von mir verlangt wurde, besonders expressiv zu sein, fand ich es interessant, dieses Mal sehr viel zurückgenommener zu arbeiten. Denn in "Die Möbius Affäre" ist es vor allem der Regisseur, der uns mit seiner Kamera aufspürt. Der Film basiert auf Blickwechseln. Ob nun in einer Geheimdienstverschwörung oder in der Liebesgeschichte, wir werden stets beobachtet.

 

CHEXX Wie würden Sie Ihre Figur Grégory Lioubov alias Moïse beschreiben?

 

Jean Dujardin Er ist der Scherge seines Mentors Cherkachin. Er war ein Dieb, als er 15 war. Ein jugendlicher Verbrecher, der im Gefängnis gelandet wäre. Dann hat ihn Cherkachin unter seine Fittiche genommen und ihn auf eine Mission geschickt. Er ist eine sehr disziplinierte Person, die außerordentlich gut die Kontrolle über das Geschehen bewahrt. In seinem Leben gibt es nur wenig Raum für Vergnügungen. Und die Story greift ihn in dem Moment auf, in dem er es sich erstmals erlaubt, sich auch als Mann zu fühlen. Er stellt das allerdings so dar: "Ich glaube, ich bin im Begriff, ernsthaft zu versagen." Er macht sich darüber noch lustig und ist vielleicht sogar ein bisschen besorgt, aber er weiß trotz allem, dass er immer eine Lösung parat haben muss. Und er begreift, dass er jedes Mal, wenn er seine Kollegen belügt, auch die Frau, die er liebt, und sich selbst belügt. Ich habe schließlich festgestellt, dass Moïse auf merkwürdige Weise Éric Rochant ähnelt. Und deshalb erlebt er diesen Film auch so intensiv.

 

CHEXX Hat Sie der russische Geheimdienst FSB interessiert?

 

Jean Dujardin Éric hat mir viel davon erzählt, und er weiß darüber auch eine ganze Menge. Aber mehr als alles andere haben wir uns auf die menschlichen Aspekte konzentriert. Es war die menschliche Dimension, mit der wir Schauspieler ihn während der Proben versorgen konnten. Dank dieser Herangehensweise haben wir nach und nach verstanden, was für die Figuren auf dem Spiel stand - sei es als Spione oder als Liebende.

 

CHEXX Würden Sie sagen, dass es sich hier um Ihre erste große Liebesgeschichte auf der Leinwand handelt?

 

Jean Dujardin Ganz und gar nicht! Bei "Un balcon sur la mer" habe ich beispielsweise viel über leidenschaftliche Liebe gelernt. Auch wenn es hier in erster Linie um einen Mann ging, der sich in eine Erinnerung verliebt, war es doch trotzdem eine Liebesgeschichte. Außerdem hatte ich eine Liebesaffäre mit Anne Alvaro in Bertrand Bliers "Le bruit des glacons".

 

CHEXX Aber dieses Mal steht zum ersten Mal in Ihrer Karriere die Liebesgeschichte im Mittelpunkt ...

 

Jean Dujardin Vielleicht, ja. Das fällt nur deshalb stärker auf, weil die Liebesgeschichte in diesem Film eine ganze Reihe von Regeln verletzt. Normalerweise darf der Spion sich nicht von seinen Prinzipien lösen, weil es verboten ist, sich von der Mission abzuwenden. Im Ergebnis bekommt die Liebesgeschichte mehr Gewicht, weil sie im Verborgenen geschieht.

 

CHEXX Wie war Ihre erste Zusammenarbeit mit Cécile de France?

 

Jean Dujardin Ich wollte wirklich unbedingt mal mit ihr arbeiten, weil ich den Eindruck hatte, dass wir eine ähnliche Arbeitsweise haben, beide gute kleine Soldaten sind. Wir haben beide sehr hart alleine gearbeitet, damit wir am Set entspannt und offen erscheinen konnten. Cécile hat unglaublich viel in ihre Rolle investiert. Sie ist extrem offen und hat eine besondere Leichtigkeit an sich. Außerdem finde ich, dass sie, nachdem sie bislang eher Kindfrauen gespielt hat, hier sehr feminin auftritt. Als wir angefangen haben, hat sie sogar gesagt: "Ich werde mich selbst als Frau tarnen." Und sie hat sich sehr gut getarnt. Ich glaube, dass die Leute hier eine neue Facette ihrer Persönlichkeit entdecken können.

 

CHEXX Es gibt da eine Liebe-auf-den-ersten-Blick-Szene, die ausschließlich den Augenkontakt in den Fokus stellt. Wie hat Éric Rochant Sie auf diese Szene vorbereitet?

 

Jean Dujardin Indem er uns unmittelbar ans Set geschickt und uns gebeten hat, einander anzusehen. Wir schauen einander im Film wirklich oft an. Man darf sich nicht zu sehr auf Dialoge verlassen oder sich zu viel auf die Szenen vorbereitet. Wir konnten das selbst diskutieren. Insbesondere, da uns Eric gerne mit Material versorgt hat, das manchmal sehr theoretischer Natur war. Aber letztlich muss man sich ganz der Szene überlassen.

 

CHEXX Wie war die Arbeit mit Tim Roth?

 

Jean Dujardin Ich glaube, dass nicht er derjenige ist, der sich auf seine Figur zubewegt - es ist seine Figur, die sich auf Tim Roth zubewegt. Er "timrothisiert" alles, wenn ich das so sagen darf. Das macht solch einen außergewöhnlichen Schauspieler aus ihm. Er ist sich all dessen, was ihn ausmacht, außerordentlich bewusst, seines Gesichts, seines Gangs und seines Schauspiels. Und er besitzt eine Unruhe und eine Gefährlichkeit, die die Figur des Rostovski stark prägen. Außerdem erweckt seine kleine Statur Unbehagen.

 

CHEXX Wie haben Sie sich auf die Kampfszene im Lift vorbereitet?

 

Jean Dujardin Wie ein guter Schüler - mit dem Stuntkoordinator Philippe Guégan. Und ich muss gestehen: Solche Szenen liebe ich! Filmkämpfe sind meistens eher kultiviert. Dieser Kampf sollte sehr brutal sein - die Schläge mussten tödlich wirken. Die Paraden stehen im Mittelpunkt, die Szene sollte kurz und effizient sein, so wie Éric Rochant das mag. Es gibt nur eine Kampfszene im Film, aber die hat es in sich.

 

CHEXX Hat der Gewinn des Oscar irgendetwas für Sie geändert?

 

Jean Dujardin Ich habe eine Änderung nicht wirklich gespürt. Und ich will auch nicht, dass sich etwas ändert. Ich bin nur froh, dass ich den Luxus habe, aus all den Projekten auswählen zu können, die man mir anbietet. Im Gegenteil würde ich fast behaupten, dass ein solcher Preis einen eher bescheiden macht, weil die Leute ja förmlich erwarten, dass man jetzt irgendwann stolpert. Mir ist klar, dass ich immer noch viel zu lernen habe, und es ist wichtig, die eigenen Schwächen zu kennen. Einen Schauspieler sieht man eigentlich erst mit 60 Jahren schlüpfen. Ich bin ein junger Schauspieler! Es ist großartig, schon mit 40 so viele Preise gewonnen zu haben, und natürlich erfüllt mich das auch mit Stolz. Aber man darf sich vom Ruhm nicht vergiften lassen. Er sollte einem dabei helfen, sich zu verbessern und Selbstvertrauen zu gewinnen, einen aber nicht arrogant machen. Ich würde jetzt zum Beispiel gerne eine Abenteuerkomödie drehen. Ich hoffe nur, es kommt niemand daher und sagt: "Der ist zu teuer!"