Hilary Swank steht seit über 24 Jahren vor der Kamera und hat im Laufe ihrer Karriere mit einigen der renommiertesten internationalen Regisseure zusammengearbeitet. Dabei erwarb sie sich mit vielen exzellenten und erfolgreichen Rolleninterpretationen den Ruf einer vielseitigen, herausragenden Charakterdarstellerin. Nun ist Hilary Swank in "The Homesman" zu sehen.

 

CHEXX Wie würden Sie die Geschichte von "The Homesman" zusammenfassen?

 

Hilary Swank Für mich geht es in "The Homesman" um die Stärke von Menschen, die in einer kleinen Stadt im Mittelwesten ein sehr einfaches Leben führen und einander helfen. In unserer Geschichte haben drei Frauen ihren Verstand verloren und brauchen einen "Homesman", der sie von Nebraska nach Iowa bringt. Das war damals eine Aufgabe, die einem schon Angst machen konnte. Und diese Mission bringt meine und Tommy Lee Jones’ Figur zusammen.

 

CHEXX Was gefiel Ihnen an diesem Drehbuch?

 

Hilary Swank An diesem Drehbuch sprach mich vor allem an, dass es zurückführte zu etwas Einfachem und doch sehr Schönem - zur Verbindung, die Menschen zueinander aufbauen. Das war herzergreifend, voller menschlicher Gefühle, und es berührte mich sehr. Die Worte und die Musik zwischen den Szenen waren einfach und doch tiefgründig, und all das intensivierte sich sogar im Verlauf der Dreharbeiten.

 

CHEXX Beschreiben Sie bitte Mary Bee, die Figur, die Sie darstellen.

 

Hilary Swank Ich halte Mary Bee für eine robuste, widerstandsfähige Frau. Sie hat innere Stärke, ausgeprägte Werte und einen starken Glauben. Sie fürchtet sich nicht davor, zu sagen, was sie denkt und folgt dem Leitsatz, andere so zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte. Was mir sonst noch an Mary Bee gefällt, ist, dass sie immer das Richtige tun will.

 

CHEXX Wie verhält sich Ihre Figur gegenüber den drei Frauen, die den Verstand verloren haben?

 

Hilary Swank Mary Bee hat großes Mitgefühl mit diesen Frauen. Sie hatte eine wunderbare Mutter, die voller Liebe und eine großartige Mentorin war. Sie war noch sehr jung, als ihre Mutter starb, und wird durch den Lebenskampf dieser Frauen an die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter erinnert. In gewisser Weise ist es auch ein Heilungsprozess für sie - indem sie diesen Frauen hilft, hilft sie auch sich selbst. Sie kann auf jeden Fall die Situation dieser Frauen nachempfinden, schließlich hat es auch für sie Zeiten gegeben, in denen sie wahrscheinlich fast in einer ähnlichen Lage war - mit dieser Isolation und Abgeschiedenheit, mit all den Gefahren irgendwo im Nirgendwo, über 30 Kilometer mindestens vom nächsten Nachbarn entfernt. Sie kann die Gefühllosigkeit nachempfinden, die diesen Frauen von den Männern in ihrem Umfeld entgegengebracht wurde. Im Mittelpunkt von "The Homesman" steht ein ungewöhnliches Team, das man so vielleicht noch nicht gesehen hat: eine Pioniersfrau und ein Mann, der sich unrechtmäßig den Besitz von anderen aneignet. Das ist eine großartige Paarung, denn auf der einen Seite gibt es eben diese Frau mit all den Qualitäten wie Robustheit und Mitgefühl, die ich bereits erwähnt habe, und auf der anderen eben Briggs, der viele dieser Qualitäten auch selbst hat, aber dies vor anderen verbirgt. Darüber hinaus hat er durchaus auch eine humorvolle Seite - er sagt viele Dinge, die mich zum Lachen bringen. Der Respekt, den die beiden auf ihrer Reise füreinander entwickeln, ist wirklich etwas Schönes.

 

CHEXX Wie war die Zusammenarbeit mit Tommy Lee Jones?

 

Hilary Swank Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Wort gibt, das meinen Gefühlen für Tommy Lee Jones gerecht werden kann - ob nun als Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor oder als Privatperson, als Mann. Er versteht es so gut, seinen Crewmitgliedern und Schauspielern genau das zu vermitteln, was er von jedem Einzelnen braucht, was jeder Einzelne in den Film und in die Geschichte einbringen soll. Als Regisseur wusste er immer ganz genau, was er mir sagen musste, damit ich meine Darstellung mit mehr Facetten bereicherte. Er hat mich kontinuierlich in Erstaunen versetzt. Ich bin mir sicher, dass seine jahrzehntelange Erfahrung als Schauspieler ihn zu dem brillanten Regisseur gemacht hat, der er jetzt ist - ganz zu schweigen von seinem Auge, seiner künstlerischen Vision und seinen Qualitäten als Drehbuchautor. Das Drehbuch war einfach makellos. Wenn ich ein Drehbuch lese, kommt es manchmal vor, dass etwas fehlt und ich mich dann mit dem Regisseur und dem Drehbuchautor zusammensetze, um ihnen zu sagen: "Das kann ich nicht nachempfinden." In diesem Fall aber war alles bereits im Drehbuch vorhanden. Wenn ich bedenke, wie erschöpft ich am Ende der Dreharbeiten war, und das nur als Schauspielerin, während er Autor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller war, dann beeindruckt mich das enorm. Ich habe den größten Respekt vor ihm.

 

CHEXX Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

 

Hilary Swank Zu den Dingen, die mir an meinem Beruf als Schauspielerin gefallen, gehört auch die Möglichkeit, dass ich mich immer auf etwas stürzen kann, das ich zuvor noch nicht gemacht habe. Bei diesem Film war das die Möglichkeit, Reiten und einen Holzwagen mit Maultieren steuern zu lernen. Ich habe also viel Zeit mit den Pferden verbracht, um Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Das war etwas, womit ich überhaupt keine Erfahrung hatte.

 

CHEXX War diese Rolle körperlich also eine Herausforderung?

 

Hilary Swank Wenn man den ganzen Tag draußen arbeitet, im Schnee, im Regen, im Wind und in der Sonne, bekommt man mit, dass sich die Wetterbedingungen im Frühling praktisch stündlich ändern. Am Ende des Drehtags, wenn ich nach Hause ging und ein gemütliches Bett, ein heißes Bad und warmes Essen haben konnte, dann dachte ich an diese Figuren, die wochenlang, tagein, tagaus, die Prärie durchqueren und nie das Privileg hatten, diesen natürlichen Elementen entkommen zu können. Das war das Fundament für die Entwicklung meiner Haltung und Perspektive. Körperlich war es also eine große Herausforderung, all diesen Elementen und Hindernissen zu trotzen, aber ich hatte auch meinen Spaß dabei.

 

CHEXX Welche Szene, die Sie spielen mussten, war für Sie am spannendsten?

 

Hilary Swank Nur eine einzige herausgreifen, das kann ich nicht. Wenn es aber um eine Lieblingsszene geht, dann ist es wohl die, in der ich Briggs aufwecke und ihn frage, was er nach dem Ende unserer Reise, nach der Ankunft in Iowa machen wird. Das war eine Szene voller Aufrichtigkeit und tiefer Gefühle zwischen diesen beiden Figuren. Und die Zusammenarbeit mit Tommy Lee bei dieser Szene und seine nuancierte Darstellung - all das wird mir immer in Erinnerung bleiben.