Der 1959 geborene Oskar Roehler zog 1980 nach Berlin, wo er als Journalist und Autor arbeitete. Nachdem er eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlichte und Drehbücher auch für Christoph Schlingensief schrieb, debütierte er 1995 mit seiner Spielfilminszenierung "Gentleman". Nun kommt seine Kino-Regiearbeit "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" ins Kino. Oskar Roehler im Gespräch mit Timo Feldhaus.

 

CHEXX In Deinem neuen Film tritt eine Figur auf, von der lange nichts zu hören war. "Der schwule Nazi" - voller innerer und äußerer Kämpfe, zerrissen und irre.

 

Oskar Roehler Ich liebe diese brachialen, ungeschliffen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.

 

CHEXX Aber er ist die ganze Zeit auf Kante, Borderline.

 

Oskar Roehler Das ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass er sieben Jahre in einem schlechten Internat verbringt, denn dort wirst du nicht erzogen. Die Eltern sind weg und es herrschen brutale Typen, die dich mit der Knute unten halten, damit der Stress nicht total wird.

 

CHEXX Im Film herrscht im Lehrerzimmer eine tumbe Kifferatmosphäre: die Lehrer sitzen im Kreis und rauchen friedlich Joints.

 

Oskar Roehler Das Hippietum brach sich ja sehr schnell und umfassend Bahn. Die Mitläufer und Bauernjungs von der Schule haben sich sofort lange Haare wachsen lassen. Aber es gab einen harten Kern, eine Art "Club der Toten Dichter", der darauf keinen Bock hatte. Lieber Maßanzüge, das waren auch irgendwie die Vorläufer von "American Psycho". Und unter diesen Rechtsanwalts- und Medizinersöhnen war dann immer auch so ein faules Ei wie die Figur des Gries, der nachts den Arm um seinen Schäferhund legt, weil er so einsam ist und ständig grob misshandelt und beleidigt wird. Damals war vieles noch unkontrolliert, anarchomäßiger. Ich glaube, das lag daran, dass der Hass auf die einzelnen Gruppierungen in der Gesellschaft noch nicht so groß war. Noch vor einigen Jahrzehnten hatte man eine viel höhere Toleranzgrenze.

 

CHEXX Der jungen Generation wird vielfach ihre Genormtheit vorgeworfen. Gibt es denn heute weniger Haltung?

 

Oskar Roehler Ich würde sagen, gleichzeitig genormt und sehr intelligent. Und ich glaube, dass denen die Intelligenz auch im Weg steht. Die wissen viel zu viel. Wenn ich so zurückdenke: Wir wussten nichts! Und das war eigentlich nicht schlecht. Es konnte dir zwar etwas Beschissenes passieren, aber das war eigentlich nicht schlimm. Anfang der 80er wollte hier in Berlin wirklich niemand Karriere machen. Klar, wenn du Talent hattest, hat dich jemand entdeckt und du bist auch berühmt geworden. Aber du hast dich nicht angedient. Wenn du Geld verdienen wolltest, bist du nach Frankfurt an die Börse gegangen.

 

CHEXX Du hast diese 80er Jahre in etwas klamaukiges verwandelt, eine grelle Überzeichnung. Warum?

 

Oskar Roehler Das ist ja der Trick des Älterwerdens. Früher habe ich ziemlich pathetische, ernsthafte Filme gemacht, die viele bis heute sehr stark finden. Ich kann mir das nicht mehr ansehen. Zu dieser Zeit ist so viel Irres passiert, da muss man eine Satire draus machen.