Tom Schilling begann seine Schauspielkarriere bereits im Alter von zwölf Jahren. Sein Fernsehdebüt gab der gebürtige Berliner 1999 im "Tatort". Nun ist Tom Schilling im Film "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" zu sehen.

 

CHEXX Welche Rolle spielen sie in "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!"?

 

Tom Schilling Ich spiele einen jungen Mann, der Anfang der Achtziger aus der westdeutschen Spießer-Provinz nach West-Berlin flüchtet, um in der Subkultur-Szene Freiheit und sich selbst zu finden.

 

CHEXX Wie würden Sie die Faszination von West-Berlin erklären, die damals besonders in der jungen Szene herrschte?

 

Tom Schilling Das West-Berlin der Achtziger hatte das Image eines El Dorado für Wehrdienstverweigerer, Selbstverwirklicher, Müßiggänger und alle anderen Abenteurer. Ein Käfig voller Narren. Jeder war irgendwie Künstler, Avantgarde und definitiv cooler als der Rest der Republik. Eine gewisse, überreizte Untergangsstimmung herrschte vor, die sicherlich auch mit der politischen Weltlage zu tun hatte, die in der geteilten Stadt wohl allgegenwärtig war.

 

CHEXX Was hat das ganze mit Punk zu tun?

 

Tom Schilling Punk war die ideale Bewegung für Narzisten und Nihilisten. Es ging um Verneinung der gesellschaftlichen Konventionen. Es ging - ähnlich wie in der Hippie-Bewegung der Sechziger - um ein Ausbrechen aus der Norm. Ein Lebensgefühl, das dem Berliner der Achtziger vielleicht sehr nah war.

 

CHEXX Gibt es eine Verbindung zum Punk in ihrem Leben?

 

Tom Schilling Mal abgesehen davon, dass Punk eigentlich Anfang der Achtziger schon tot war und ich somit nur mit Post-Punk in Berührung gekommen bin, hatte ich mich mit zwölf tatsächlich kurzzeitig als Punk verstanden. Allerdings zog ich schon damals die Ton Steine Scherben den Sex Pistols vor. Auch trug ich nicht den obligatorischen Iro. Kurze Zeit später wurde ich dann Satanist und dann Skater - oder umgekehrt.

 

CHEXX Es gibt in "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" einige recht drastische Szenen, die auch mit einem gewissen Ekelfaktor spielen.

 

Tom Schilling Im Film ist Robert der Mann für’s Grobe. Ob Peepshow oder Pflegeheim - die Arbeitsplätze ändern sich, aber immer hat er mit Körperflüssigkeiten zu tun. Wieso, weshalb, warum fragen Sie am besten Oskar Roehler.

 

CHEXX Sie meinen, man muss erst mit etwas Abstand drauf schauen, damit etwas Lustiges daraus werden kann?

 

Tom Schilling Das ist ja eine völlig vergessene Zeit, die jemand, der nicht dabei war, sich einfach nicht vorstellen kann. Als würde man auf eine Insel voller Drogensüchtiger und Wahnsinniger stoßen. Die überhaupt keinen Plan und keine Zukunft haben, weil die Stadt ja auch keine Zukunft hat. Keiner wusste Mitte der 80er was aus West-Berlin wird. Die gängige Vorstellung war, dass irgendwann die Pershings abgezogen werden und der atomare Erstschlag erfolgt, der natürlich zuerst West-Berlin auslöschen wird. Die Attitüde, die man sich zurecht gelegt hatte, war absolut pessimistisch. Es gab keinen gedanklichen Raum dafür, dass alles wieder gut oder lebendig oder ökonomisch sinnvoll werden würde. Es gab aber auch keine Anhaltspunkte dafür.

 

CHEXX In der ersten halben Stunde des Films sind alle Darsteller unglaublich hässlich. Pickel in grellen Großeinstellungen, schreckliche Frisuren, selbst Tom Schilling - extra sehr hässlich.

 

Tom Schilling Das stimmt, man merkt der Ästhetik des Films meine Unlust auf den Weichzeichner an. Was soll das auch!? Der Gries war eben unglaublich hässlich. Wäre ich John Waters, würde ich noch so ein Odorama dazugeben, die zur Szene den passenden Geruch verströmen.

 

CHEXX Wie muss man sich denn den jungen Oskar Roehler vorstellen?

 

Tom Schilling Als existentialistischen Snob. Mit weißem Hemd, schwarzem Anzug und schmaler Krawatte.

 

CHEXX Also doch keine Lederjacke.

 

Tom Schilling Doch, der Wehrmachtsmantel gehörte schon mit zur Ausstattung. Offenbar war hier in Berlin der Ort, an dem all die Gestapo-Mäntel gesammelt wurden. Im Keller, oder beim Trödler, überall hingen ganze Reihen voll. Die waren ja 30 Kilo schwer, wenn sie sich noch mit Wasser vollgesogen haben, und die Taschen knietief voll mit Krempel. Ich hatte einen, der fast bis zum Knöchel ging.

 

CHEXX Wie würden Sie das Grundgefühl im West-Berlin dieser Zeit beschreiben?

 

Tom Schilling Wenn du in die Bahn gestiegen und dann durch die leeren U-Bahn-Stationen gerast bist, dachte man: Wenn der Fahrer ein bisschen durchdreht, fährt der jetzt durch bis Stalingrad. Das ist nämlich nicht weit weg. Man hatte immer das Gefühl, die russische Steppe fängt vor der Haustür an.

 

CHEXX Wenn ich mir die 80er vorstelle, denk ich an Gefühlskälte, verlorene Menschen. Im Film ist das gut dargestellt: die stehen in der Bar, jeder für sich, tun nichts mehr, kein Dialog, einfach rumstehen, voll auf Speed, krass im Loop. Nichts geht mehr, keine Entwicklung. Totale Mauerhaftigkeit.

 

Tom Schilling Es war eine uneinnehmbare Festung. Du bist reingekommen, hast dir einen Wodka reingehauen, bist nach hinten gegangen, erste Line gezogen, die war riesig, 15 - 20 cm lang, und sehr dick. Vorne hast du dann wieder gemerkt, wie die Musik wummert und unter diesem Eindruck ist dein Sprachzentrum langsam zerbröselt. Beim ersten Mal hast du noch locker sagen können: Einen Wodka bitte. Bereits beim zweiten hast du über diese Frage nach dem Getränk schon nachgedacht und dich entschieden eher nichts mehr zu sagen. Nachgeschenkt wurde natürlich trotzdem.

 

CHEXX Diese Bar ist frei dem "Risiko" in Kreuzberg nachempfunden, die Blixa Bargeld, der Sänger der Einstürzenden Neubauten gemeinsam mit anderen betrieben hat, oder?

 

Tom Schilling Richtig. Am Schlimmsten war es am Morgen. Es war sieben oder acht Uhr, die Sonne schien, die Tauben gurrten laut. Das hat man immer schon gehört, wenn die Kassette gewechselt wurde, dann kam der Straßenlärm rein. Und damit die Beklemmungen, weil du gemerkt hast, dass du doch nach Hause gehen musst. Und das war scheiße. Ich hatte dann noch wahnsinnige Strecken zurückzulegen. Das war ja auch kein Abschleppladen. Das war ein Kunst- und Kulturding. Ich wäre am liebsten immer dort geblieben. Aber irgendwann hatte selbst Blixa kein Bock mehr und wollte woanders hin.

 

CHEXX Es gibt eine Szene, in der Blixa Bargeld und Nick Cave sich küssen. Handelt es sich um eine historische Aufdeckung oder eine Fantasie?

 

Tom Schilling Ach, die waren so dicke und eng, das war ein freundschaftlicher Bruderkuss. Der Blixa hat den Film bereits gesehen, und mochte ihn. Der Pate von West-Berlin war ok damit, da war ich auch froh.

 

CHEXX Rückblicke haben Konjunktur. Der Dichter Enzensberger veröffentlichte just seine Erinnerungen an die 70er Jahre, viele Intellektuelle beschäftigen sich derzeit mit ihrer Sozialisierung. Wo ist das Interesse am Heute geblieben? Hat denn keiner Lust mehr einzugreifen?

 

Tom Schilling Das Problem ist ja, dass man die Gegenwart nicht begreift. Das hat Dostojevski schon gesagt. Wir verstehen immer erst später, was wir im Augenblick höchstens ansatzweise ahnen. Man braucht einfach sehr lange, bis man eine Periode in seinem Leben wirklich begriffen hat. Oder überhaupt Lust hat, etwas darüber zu sagen. Für mich war das zum Beispiel ein Looser-Jahrzehnt, in dem ich nichts auf die Reihe gebracht habe.

 

CHEXX Damals haben Äußerlichkeiten eine innere Haltung gespiegelt. Subversive Gesten wurden über die richtige Hose, den richtigen Haarschnitt definiert. Obwohl Deiner Figur jegliches Politische eigentlich völlig abgeht, nicht?

 

Tom Schilling Absolut. Das war eine sehr hedonistische Zeit. Politikverdrossenheit ist aber das falsche Wort. Denn die Köpfe der Bewegung, wie etwa Blixa Bargeld, waren in einem sehr politischem Umfeld geschult und haben sich mit 15 bei der KPD den dialektischen Materialismus eingehämmert und immer schon ganz krasse Positionen gegen den Staat bezogen. Das haben sie später aber alles durch den Kakao gezogen. Ich erinnere mich an eine Szene, wo Blixa mit einem kleinen Fernseher auf der Bühne steht, in dem immer wieder der gleiche Loop mit dem Nachrichtensprecher ablief und Blixa sagte durchs Mikro: Der Nachrichtensprecher hat ein ehrliches Gesicht. Der Nachrichtensprecher hat ein ehrliches Gesicht.

 

CHEXX Was hast Du denn eigentlich am Tag gemacht? Hing man irgendwelchen Plänen nach?

 

Tom Schilling Man hat natürlich versucht, was zu machen. Ich habe vor allem geschrieben. Leider auch auf Speed. Da kommt aber nicht viel bei raus. Man machte Selbstversuche: Wie lange hältst du es in der Kälte aus? Wie lange hältst du es mit deiner eigenen Einsamkeit aus? Zu meinem Autismus, den ich immer gepflegt habe, und dieser Droge, die noch autistischer macht, konntest du immer nur aus deinem Inneren schöpfen. Nur habe ich als Anfang 20jähriger eben gefunden, dass da nicht viel war.

 

CHEXX Heute ist Berlin ja nicht mehr vorstellbar ohne internationalen Anspruch, schwedische Modedesigner und amerikanische Start Up Firmenchefs. Damals undenkbar, oder?

 

Tom Schilling Die Stadt war ein Schutzraum für Verrückte. Das kann sie heute gar nicht mehr sein. Jetzt ist eine Großstadt, was damals ein Dorf war. Es waren ja viel weniger Leute. Ich habe in der Oranienstraße gewohnt, da haben die Kinder auf der Straße gespielt. Da waren keine Autos, kein Verkehr, gleich die Mauer, es war überhaupt nichts los in der Stadt, es war tot. Wenn du hier hergekommen bist, warst du entweder ein westdeutscher Schwuler, oder du wolltest Maler oder Musiker werden. Was solltest du sonst hier machen? Altwarenhändler wollte man auch nicht werden.

 

CHEXX Wirklich nur "No Future"?

 

Tom Schilling Durch merkwürdige Begebenheiten, Schludrigkeiten, Selbstmorde und Unfälle massivster Art sind viele Leute in der Wendezeit gestorben. Und als die Mauer aufging, kam sofort ein frischer Wind rein. Die Ostdeutschen wollten ganz viel und es passierte etwas Seltsames: Die, die dir noch vor einem Jahr normal vorgekommen sind, waren plötzlich zu Pennern mutiert. Ich kann mich noch an einen Freund erinnern, der lief immer barfuß im schmutzigen weißen Anzug durch die Straßen. Das hat der 1985 auch schon gemacht, aber 1989 war der plötzlich ein Penner. Da ist eine Welt komplett in sich zusammengebrochen, mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen.

 

CHEXX Mit der Wiedervereinigung kam dann ja auch der große Optimismus in die Stadt: Techno, Offenheit, neue Drogen.

 

Tom Schilling Ecstasy, ja. Ich habe damals viel gefeiert, aber auch schon viel gearbeitet. Für mich fing da alles an. Die ersten Filme, ich habe meine Frau kennengelernt. Das Verblüffende war ja: Auch die, die wirklich nie getanzt haben - und zu denen gehöre auch ich - haben plötzlich mitgetanzt. Es hat ganz viel Spaß gemacht.