Der 1930 in Wuppertal geborene Chlodwig Poth erlebte Krieg und Kriegsende in Berlin. 1946 wurden die ersten Karikaturen veröffentlicht. Nach zahlreichen Veröffentlichungen erschien 1959 sein erstes Buch. Der Mitbegründer der Pardon ist auch als Vater der Titanic und des "progressiven Alltags" bekannt.

 

COCKTA!L Herr Poth, wo war bei ihnen, weit ausgeholt, die erste Berührung mit der Satire. Wie fing alles an?

 

Chlodwig Poth Ich wollte schon sehr früh Karikaturist werden. Schon als Kind habe ich Wilhelm Busch sehr geliebt. 1944/45 habe ich konkret angefangen. Vorbild waren damals die Rückseiten von Illustrierten. Ich habe damals Bilderbögen zu aktuellen Themen gezeichnet, eben Luftschutzkeller, wo man mehrmals die Woche war, Barrikaden bauen.... Das war eigentlich der Anfang. Die ersten Veröffentlichungen hatte ich 1946, gleich nach dem Krieg. Das waren auch Zeichnungen zu aktuellen Themen. Seitdem, seit meinem 16. Lebensjahr habe ich eigentlich mit kurzen Unterbrechungen gezeichnet. 1986 hatte ich mein vierzigjähriges Berufsjubiläum.

 

COCKTA!L Ich denke, die Anfangszeit wird ihre Arbeiten, wie sie heute zu sehen sind, sehr geprägt haben.

 

Chlodwig Poth Ja, Gott! Was heißt "geprägt haben". Ich hatte ja damals keine Ahnung. Man wusste ja überhaupt noch nichts. Man wusste auch nicht, was in der Zwischenzeit im Ausland passiert war. Ich war dann sehr beeindruckt von Steinberg, als ich nach dem Krieg 46/47 die ersten Zeichnungen von ihm sah. Er hat mich die ganze Zeit lang beeinflusst.

 

COCKTA!L Sie waren Mitbegründer der Satirezeitschrift "Pardon", 1979 riefen sie mit anderen "Titanic" ins Leben. "Pardon" existierte noch bis in die Achtziger. Warum haben sie dort aufgehört?

 

Chlodwig Poth Ich will darüber nicht groß reden. Es waren die Auseinandersetzungen mit Nickel [damaliger Herausgeber der "Pardon" - die Redaktion]. Wir haben alle zusammen "Pardon" gemacht und er hat sie als seine eigene verstanden. Der Streit zog sich lange hin. Und es ging allen so, die bei "Pardon" waren. Es gab kaum eine Ausnahme. Ich bin einer der letzten gewesen, der sich mit ihm verworfen hat, 1978 glaube ich. Das ist eine rein persönliche Geschichte. All die Leute, die weggegangen, aber in Frankfurt geblieben sind, haben dann "Titanic" gemacht. Wir waren untereinander immer in Privatkontakt, und obwohl wir alle direkte Konkurrenten waren, sind wir prima miteinander ausgekommen - bis heute noch, und wir machen ja auch noch "Titanic".

 

COCKTA!L Gibt es außer den Satirezeitungen noch andere große Projekte für Chlodwig Poth?

 

Chlodwig Poth Ich mache jetzt noch die Sassenheim-Geschichte, den Ort wo ich jetzt lebe. Also dokumentiere ich das eingemeindete Dorf bei Frankfurt. Es gehört jetzt zu Frankfurt. Da lebt eine multikulturelle Gesellschaft, da wohnt alles kreuz und quer durcheinander, und ich bin sehr froh, daß ich dort wohne. Das will ich dokumentieren. Weiter möchte ich jetzt noch nicht denken.

 

COCKTA!L "Titanic" und Chlodwig Poth, da fällt mir ein: Alpenhassblatt, Yuppiehassblatt ... Gibt es schon ein (Ex-)DDR-Bürgerhassblatt?

 

Chlodwig Poth Ja, das war das Betonköpfehaßblatt, das war September vorigen Jahres, da lief die Revolution schon. Ich mache auch noch ein Wiedervereinigungshassblatt, da ist jetzt nur ein bisschen Pause. Das letzte war das Mittelmeerhassblatt. Ich werde es nicht mehr regelmäßig machen, aber wenn etwas anliegt. Jetzt fange ich erst einmal mit "Last Exit Sassenheim" an.

 

COCKTA!L Was haben sie für Gefühle bei den Hassblättern; ist es auch ein persönlicher Hass auf diese Dinge?

 

Chlodwig Poth In den meisten Fällen schon. Es gibt auch das Buchmessenhassblatt, also ich hasse die Buchmesse nicht direkt. Es ist halt dieser Seriencharakter. Aber bei den meisten Dingen ist es schon Hass. Naja, vielleicht ist Hass zu stark ausgedrückt, aber eine Aversion.

 

COCKTA!L Gibt es Tabuthemen für sie?

 

Chlodwig Poth Nein. Das einzige wo ich Hemmungen hätte, das wären Witze über Behinderte, Blinde oder Kranke, aber sonst nicht. Aufpassen muss man beispielsweise bei Witzen über Homosexuelle, das es nicht in den falschen Hals kommt. Das muss jemand machen wie Ralf König, der selbst homosexuell ist. Der kann so etwas machen. Ich wäre ein bisschen vorsichtig damit.

 

COCKTA!L Sie sind sechzig. Gibt es eine Art Ruhestand bei Ihnen?

 

Chlodwig Poth Wer sollte mir den bezahlen?

 

COCKTA!L Ist es nicht möglich, sie gönnen sich den selber?

 

Chlodwig Poth Ich habe jetzt eine Lebensversicherung über 100.000 DM ausgezahlt bekommen, da kann man sich ausrechnen, wie weit die reicht. Das ist eigentlich meine einzige Altersabsicherung. Davon abgesehen, es gebe keine größere Strafe für mich, als wenn ich nicht mehr zeichnen dürfte. Das ist jetzt ein guter Abschluss.