Karikaturisten stehen eher selten im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Wohl aber ihre Persiflagen, Cartoons und Karikaturen. Bei knapp 60 veröffentlichten Cartoonbüchern und 800.000 verkauften Exemplaren des Cartoonbandes "Vollkommen fix und vierzig" kann man von einem Star unter den Cartoonisten sprechen. Der Berliner Erich Rauschenbach ist einer der erfolgreichsten Cartoonisten der Bundesrepublik. Bernd Elmenthaler sprach für CHEXX mit ihm über seine Gags, Ideen und Beobachtungen.

 

CHEXX Sie haben knapp 60 Bücher mit ihren Cartoons veröffentlicht. Das macht eine ungeheure Anzahl von Gags aus. Sie müssen ein fleißiger Cartoonist sein!?

 

Rauschenbach Alle Bücher sind immerhin im Laufe von über 30 Jahren entstanden. Zeit genug für eine ganze Menge von Cartoons. In früheren Jahren habe ich Tag für Tag regelmäßig für viele Zeitschriften gearbeitet - auch aus vielen dieser Cartoons sind Bücher entstanden. Einige wenige neuere Alben sind "Best-of"-Sammelbände, einige Cartoons in neueren Büchern sind aktualisierte alte Gags aus mittlerweile vom Markt verschwundenen Büchern - ähnlich wie bei Schallplatten: "Neueinspielungen". Früher war ich "fleißig", heute leiste ich mir faule Zeiten. Zur Zeit lebe ich in einem mir von mir selbst verordneten "Sabbatical"-Jahr: Ich habe mir mindestens zwölf karikaturenfreie Monate verschrieben. Wie lang diese 12 Monate dauern werden, weiß ich noch nicht. Momentan bemale ich Leinwände mit Acrylfarben - mit Blick auf eine geplante Ausstellung Ende dieses Jahres.

 

CHEXX Fliessen Ihnen die Ideen für neue Cartoons nur so zu, ist es harte Arbeit oder eine gute Beobachtungsgabe?

 

Rauschenbach Witzig sein ist Arbeit. Das hat ein Größerer vor langer Zeit schon griffiger formuliert. In meinem Fall spielt natürlich auch die Beobachtungsgabe eine Rolle, obwohl es so gut wie nie vorgekommen ist und vorkommt, dass eine gesehene oder belauschte Situation eins zu eins übernommen werden kann. Aber Anregungen für Cartoons laufen, sitzen oder fahren "draußen" millionenfach herum.

 

CHEXX Wie lange brauchen Sie von der Idee bis zum fertigen Cartoon?

 

Rauschenbach Zwischen fünf Minuten und zwei Tagen. Kommt ganz auf die Tagesform an.

 

CHEXX Viele Cartoonisten arbeiten nur noch mit dem Computer. Wie arbeiten Sie?

 

Rauschenbach Ich arbeite immer noch und auch am liebsten mit Federhalter und Pinsel auf Papier oder Karton. Den Computer benutze ich auch, als Bildarchiv zum Recherchieren, zum Herumprobieren, Sammeln, Ordnen und Verschicken der Cartoons. Und zum Rechnungen schreiben, wenn es sich so ergibt.

 

CHEXX Ihr bevorzugtes Thema ist der Kampf der Geschlechter, die Rolle von Mann und Frau. Warum dreht sich in Ihren Cartoons soviel um dieses Thema?

 

Rauschenbach Dieses Thema hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre zu meinem Lieblingsstoff gemausert. Tagespolitische Satire hat mich irgendwann gelangweilt. Immerhin habe ich - seit über 22 Jahren - noch bis letztes Jahr Monat für Monat den "politischen" Strip "Kollege Karl" für die Zeitschrift der IG Metall gezeichnet. Frauen, Männer und Kinder und alles, was zwischen diesen exotischen Exemplaren geschieht, fand und finde ich nach wie vor am spannendsten. Alles, was passiert, ist immer wieder neu - und ist doch auch früher schon mehr als einmal vorgekommen. Die Gags veralten nicht, nur die Umgebung, die Frisur, die Klamotten und die Sprache variieren. Mir selbst, das habe ich früher jedenfalls behauptet, hat dieser Aspekt meines Jobs von Zeit zu Zeit wahrscheinlich sogar die Seelenklempner-Couch erspart: Man kann sich auf Papier aufs Wunderbarste abreagieren. Und kein Schwein merkt etwas davon.

 

CHEXX Legendär der Cartoon mit den erogenen Zonen der Frau und des Mannes...

 

Rauschenbach Ist auch immer noch aktuell. So wird mir jedenfalls - meistens von Frauen - immer wieder versichert. Stolz bin ich im Nachhinein, dass ich die Urversion dieser Zeichnung schon vor mittlerweile 40 Jahren in einer Berliner Szenezeitschrift veröffentlich hatte. Offensichtlich war ich als damaliger junger Spritzer schon weiser, als mir selbst bewusst war...

 

CHEXX Ihre nähere Umgebung verhält sich sicher sehr vorsichtig Ihnen gegenüber, um nicht in einem ihrer nächsten Cartoons persifliert zu werden?

 

Rauschenbach Jetzt nicht mehr, die sind (fast) alle schon mal aufgetaucht. Aber die Wenigsten haben es bemerkt.

 

CHEXX Sie sind mit ihren Karikaturen eher hintergründig und bissig, nie bösartig, immer aber treffsicher. Haben Sie keine Lust, einmal richtig böse zu sein?

 

Rauschenbach Man ist, wie man ist. Böse sein kann ich durchaus auch - aber das braucht bei mir mehr als nur einen Anlass.

 

CHEXX Seit einigen Jahren ist Humor unterhalb der Gürtellinie vor allem im Bereich der Comedians angesagt. Stößt Sie das ab?

 

Rauschenbach In welcher Körperregion der Humor vorkommt, ist mir relativ egal - wichtig ist ausschließlich das Niveau.

 

CHEXX Gibt es Grenzen als Cartoonist, die Sie nicht überschreiten würden?

 

Rauschenbach Sicherlich gibt es die. Aber mir fällt zur Zeit keine ein.

 

CHEXX Gab es auch schon böse Reaktionen auf Cartoons von Ihnen?

 

Rauschenbach Es gab tatsächlich Leute, die sich über irgendwelche Cartoons von mir aufgeregt haben. Das zu verstehen fällt mir auch schwer, aber es ist passiert.

 

CHEXX Zum Erfolg gehört auch immer eine Portion Glück. Was bedeuten Ihnen Erfolg und Glück?

 

Rauschenbach Tja, was ist Glück im Beruf? Zur richtigen Zeit in der richtigen Situation die richtige Entscheidung treffen - und hinterher merken, dass es gut war. Erfolg tut ebenfalls sehr gut, ist aber leider auch häufig flüchtig und muss gehegt und gepflegt werden, damit er sich nicht all zu schnell aus dem Staub macht. Mit dem Glück und dem Erfolg ist es ein bisschen wie mit der Henne und dem Ei: Mal ist das Glück die Voraussetzung für den Erfolg und mal ist es umgekehrt.

 

CHEXX Von dem Band "Vollkommen fix und vierzig" sollen eine halbe Million Exemplare verkauft worden sein. Sie sind damit einer der erfolgreichsten Cartoonisten. Welches Gefühl gibt Ihnen das?

 

Rauschenbach Das ist ein gutes Gefühl, fürwahr. Mit Taschenbuchausgaben sind es insgesamt sogar über 800.000. Es hilft mir, das Wort "Altersversorgung" entspannter zu buchstabieren.

 

CHEXX Um Musiker mit nur einem kleinen Hit entsteht schnell eine Hysterie. Erfolgreiche Cartoonisten werden in der Öffentlichkeit wesentlich bescheidener behandelt. Ärgert Sie das?

 

Rauschenbach Ja und Nein. Aber da ich sowieso nicht gern auf einer Bühne stehe und mein Publikum bei der Rezeption meiner Cartoons nur selten sehen kann, leide ich mitnichten unter der mich umgebenden relativen Ruhe.

 

CHEXX Viele Künstler besitzen ein kreatives Können, aber zum finanziellen Aspekt haben sie keinen Bezug. Sie haben in frühen Jahren eine Banklehre gemacht. Hat Ihnen das in finanzieller Hinsicht geholfen?

 

Rauschenbach Auf jeden Fall habe ich damals - vor Urzeiten - als Banklehrling mit zehn Fingern auf der Schreibmaschine schreiben gelernt. Das privilegiert fürs Leben - und funktioniert sogar beim Computer. Aber es gab für mich gute Gründe, Bankfilialen nach Beendigung der Lehre nur noch durch den Kundeneingang zu betreten. Ich habe mich tödlich gelangweilt und mir damals voller Optimismus geschworen, nie wieder als Angestellter oder Beamter in einem wie auch immer gearteten Büro mein Geld zu verdienen. Ohne Banken funktioniert unsere Welt nicht mehr - aber die Bankgeschäfte sind offensichtlich so undurchschaubar, dass nicht mal die meisten dort beruflich Tätigen den totalen Überblick haben.

 

CHEXX Einige Zeichner wie etwa Moers oder Brösel haben ihre Cartoons und Comics in das Medium Film übertragen können. Gab es Anfragen, mit Ihren Karikaturen ähnliche Wege zu beschreiten?

 

Rauschenbach Ich durfte vor vielen Jahren mal im Kinderfernsehen Comic-Vorlagen von mir als Drehbuch umschreiben und mit meiner damals kleinen Tochter in der Hauptrolle verfilmt sehen. Das waren Bildgeschichten, die ich über 20 Jahre lang für die Zeitschrift "Eltern" gezeichnet habe. Auch Hape Kerkeling hat in seinen frühen Anfangszeiten Witzideen von mir als Sketchvorlagen benutzt. Das war's aber denn auch. Der Film braucht epische Comic-Vorlagen, die Moers, Brösel und Ralf König geliefert haben. Aus meinen Vier- bis Sechs-Bilderstrips ist leider schwer ein abendfüllender Film zu machen.

 

CHEXX Ein wenig Promotion darf sein: wann kommt ein neues Buch?

 

Rauschenbach Mit Sicherheit kommt noch mindestens eins, das nächste wahrscheinlich 2007. Aber es befindet sich noch in der pränatalen Phase.