TV-Lästerer Oliver Kalkofe über Patrick-Lindner-Fans, Gerichtsprozesse und die Würdelosigkeit des deutschen Fernsehens. Oliver Kalkofe (30) fällt unter Unartenschutz. Wenn sonntags auf premiere "Kalkofes Mattscheibe" läuft (unverschlüsselt), dann müssen die Prominenten, die darin vorkommen, sehr tapfer sein. COCKTA!L sprach mit dem Grimmepreisträger über seine Arbeit als TV-Kritiker.

 

COCKTA!L Wo liegt die Veranlagung für "Kalkofes Mattscheibe"? Unsere Theorie ist, dass Sie als Kind immer gehänselt wurden und dann stundenlang vor dem Fernseher gesessen haben und sich Schimpfwörter überlegt haben.

 

Oliver Kalkofe Also, gehänselt wurde ich mit Sicherheit auch viel. Ich war schon immer eher zur Dicklichkeit neigend und nie so der Typ, der das macht, was Kinder sonst in dem Alter machen - viel Sport, viel erleben, früh rauchen und so. Beim Fußball kam ich immer als Handycap in die Mannschaft. Die Mannschaft, die viele Gute hatte, musste dann am Ende immer mich nehmen. Und dass ich ein Fernsehkind bin, stimmt auch. Als Kind habe ich fast alles immer gerne gesehen. "Kalkofes Mattscheibe" ist schon so eine Art Hassliebe. Das Medium hat mich immer schon sehr fasziniert.

 

COCKTA!L Die Titanic schreibt, "Kalkofes Mattscheibe" sei nicht mehr zu retten. Statt sich subtil mit Ihren unsäglichen Fernseh-Kollegen auseinanderzusetzen, verfielen Sie in fast allen Fällen in eine ewig gleiche Form der Beschimpfung, die jeglicher Komik entbehre.

 

Oliver Kalkofe Gerade die Titanic sollte sich, glaube ich, mal nicht gerade darauf versteifen, dass sie nur die subtile Art des Humors pflegt und nicht Leute beschimpft und unter die Gürtellinie greift. Deswegen finde ich sie aber auch gerade gut. Ich bin Abonnent. Wenn sie sagen wollen, dass sie das doof finden, dann sollen sie es eben doof finden. Das ist mir wirklich scheißegal.

 

COCKTA!L In der letzten "Mattscheibe" vor der Sommerpause hatte MDR-Moderator Achim Mentzel einen Gastauftritt - als Fahrer des Taxis, in das Sie ahnungslos eingestiegen sind. Wie kam es denn dazu?

 

Oliver Kalkofe Das war immer mein größter Wunsch. Es gibt wirklich nichts Größeres im Entertainmentbereich als Achim. Durch ihn muss auch wirklich die Evolutionsgeschichte neu geschrieben werden. Naja, und dann haben wir Kontakt aufgenommen, und das war echt eine der positivsten Überraschungen überhaupt. Wir haben uns super verstanden, und er ist wirklich ganz großartig. Ein unglaublich netter Typ, der über sich selbst lachen kann. Er hat dann erzählt, dass er die "Mattscheibe" immer sieht und auch richtig ein bisschen stolz darauf war, parodiert zu werden. Durch die "Mattscheibe" ist er ja zu so was wie einem Kultstar geworden - was auch wirklich berechtigt ist. Man bräuchte ja große Comedytalente, um so eine Figur zu erfinden.

 

COCKTA!L Der dicke Klaus von Klaus & Klaus, den Sie als Speckbulette bezeichnet haben, hatte da ja weniger Humor.

 

Oliver Kalkofe Ja, obwohl bei ihm der Großteil der Empörung gespielt war. Hauptsächlich ging es ihm darum, Werbung für seinen "Figura-Fit"-Scheiß zu machen. Das Schöne war, dass es dann aber doch nach hinten losging, weil er sich damit so albern präsentiert hat. Die Richter haben damals gleich gesagt, wie so die Chancen sind, und dann hat er in der Vorverhandlung die Klage zurückgezogen, und die Anwälte haben sich geeinigt, dass wir die ganze Sache vergessen. Wir haben die Kosten getragen, und ich darf weiterhin Speckbulette sagen.

 

COCKTA!L Hat denn sonst noch keiner geklagt?

 

Oliver Kalkofe Hintenrum erfahre ich natürlich immer wieder, dass irgendwer sich aufgeregt hat. Judith und Mel beispielsweise oder die Schlagerecke um Ralph Siegel, die lachen da nicht drüber. Da hört man dann so Geschichten, dass die gerne mal jemanden anheuern würden, der mir die Fresse poliert, weil sie das unverschämt finden. Aber geklagt hat bisher nur die Produktionsfirma von "Der Preis ist heiß" und "Familienduell". Die haben gleich fünf Klagen gleichzeitig losgeschossen - Wettbewerbsbeeinträchtigung, Leistungsschutzrecht, Produktionsrecht und so - und haben jetzt vor kurzem vor dem Landgericht München in allen fünf Punkten verloren. Aber sie wollen noch in Revision gehen.

 

COCKTA!L Gibt es eigentlich auch Morddrohungen für das, was Sie machen? Oder körperliche Angriffe?

 

Oliver Kalkofe Bisher noch nicht. Kommt vielleicht noch irgendwann. Die Kelly Family bewirft mich vielleicht mal mit alten Kleidungsstücken oder so. Das wäre gefährlich.

 

COCKTA!L Und wie ist es, wenn Sie einen Fan der Kelly Family treffen? Diskutieren Sie dann mit dem, wenn es sein muss?

 

Oliver Kalkofe Wenn ich Leute treffe, sind es eigentlich eher immer nette Begegnungen. Das meiste Anpöbeln passiert eigentlich per Post. Ein 19jähriges Mädchen - Patrick-Lindner-Fan - hat mir zum Beispiel mal einen mehrseitigen bunten Brief in Schnörkelschrift geschrieben, wo immer nur stand, ich hätte den - und dann groß mit Absatz - Kometen der Volksmusik beleidigt. Dann hat sie die ganzen Beleidigungen auch noch aufgelistet: Schwarm aller schwulen Schwiegermütter, Lockerheit eines Ikea-Nachttisches und so weiter. Gut war auch ein älteres Ehepaar, wo der Mann geschrieben hat, er hätte sich noch nie mit seiner Frau über eine Sendung so aufgeregt wie über mich. Die ganze Nacht hätten sie wachgelegen und sich über mich aufgeregt. Und der schönste Satz des Briefes war: Der Kalkofe tut nichts Vernünftiges und kostet den Staat nur viel Geld.

 

COCKTA!L Wenn Sie Prominenten, die in Ihrer Sendung vorgekommen sind, gegenüber sitzen, sind Sie immer sehr zahm. Warum eigentlich? Keinen Mumm?

 

Oliver Kalkofe Du wirst immer ganz schnell in eine Schublade gesteckt. Die ist natürlich hier sehr schnell gefunden: Fernsehen, frech, böse, der TV-Terminator - den holen wir, und der macht jeden fertig und so weiter. Aber darauf habe ich überhaupt keinen Bock. Ich habe überhaupt kein Interesse daran, Klaus Baumgart oder einen Achim fertigzumachen, die privat vielleicht echt ganz nette Menschen sind. Trotzdem kann ich ja die Sachen, die sie machen, scheiße finden. Ich gehe auch nicht rum und sage, man soll das sein lassen. Von mir aus kann es 500 verschiedene "Musikantenstadl" geben - solange es auch möglich ist, dass es solche Sendungen gibt wie meine.

 

COCKTA!L Haben Sie eigentlich das Angebot, Gottschalks Late-Night-Show zu übernehmen, auch aus den Gründen abgelehnt, dass es nicht möglich ist, bei so massiver Fernsehpräsenz völlig unpeinlich zu bleiben?

 

Oliver Kalkofe Klar. Je mehr du machst, desto mehr bist du auch gezwungen, Dinge zu tun, die du eigentlich gar nicht machen möchtest. Aber außerdem wäre es auch einfach ein Schritt zu viel gewesen.

 

COCKTA!L Was denken Sie denn, wenn Sie Hellmuth Karasek bei "XXO" oder Harald Schmidt bei "Gottschalks Hausparty" sehen, wie er mit grünem Slime übergossen wird? Halten Sie es für völlig ausgeschlossen, dass Sie auch mal so enden?

 

Oliver Kalkofe Nein, kann ich mir vorstellen. Dieses Geschäft ist einfach so, dass sich jeder prostituieren muss. Selbst Robert de Niro hat Filme gedreht, die beschissen waren. Oft ist es auch schwierig, die Balance zu halten zwischen "Ich mach mal irgendeinen Spaß mit und nehme mich ein bisschen auf den Arm" und "Oh, Gott, das ist jetzt richtig peinlich". Ich hoffe aber, dass ich den Moment, bis es soweit kommt, noch solange wie möglich hinauszögern kann. Bei Sachen wie "Peep" oder "XXO" bin ich froh, dass ich noch die Möglichkeit habe, das abzulehnen.

 

COCKTA!L Was würden Sie denn sagen, wer im Fernsehen seine Würde behalten hat?

 

Oliver Kalkofe Natürlich würde ich nicht sagen, sie haben alle ihre Würde verloren. Aber sie sind alle schon in ähnliche Situationen gekommen. Harald Schmidt ist zum Beispiel so ein Fall, wo ich immer am Überlegen bin. Ich bin ein großer Schmidt-Fan und denke, am Anfang der Late-Night-Show wurde der große Fehler gemacht, dass man ihn nicht sich selbst sein ließ. Und durch diese Letterman-Kopie hat er alle seine Fans vergrault und seine Glaubwürdigkeit verloren. Inzwischen macht er wirklich gute Sendungen, aber sein Ruf ist irgendwie ruiniert. Oder Thomas Gottschalk: Der war früher mal richtig anarchisch. Was der für Ärger hatte für Kleinigkeiten. Aber dann hat er so viel Scheiße gemacht, so peinliche Dinge und seine ganzen Kinofilme und steht heute für brave Familienunterhaltung. Immer noch witzig und ist eigentlich immer noch ein Guter, aber macht eben auch soviel Mist.

 

COCKTA!L Und was halten Sie von Viva-Moderator Tobi Schlegl?

 

Oliver Kalkofe Wenn ich den sehe, bin ich immer froh, dass bei mir die Pubertät vorbei ist. Ich hoffe, dass man ihm zum 18. Geburtstag auch vielleicht ein Gehirn schenkt. Der kann zum größten Teil wahrscheinlich gar nichts dafür für das, was er da macht. Er weiß es wahrscheinlich auch selber gar nicht.

 

COCKTA!L Wirkt Ihre Arbeit sich eigentlich auch auf die Gestaltung Ihrer Wohnung aus?

 

Oliver Kalkofe (grinst): Ich wohne jetzt ein bisschen auf dem Land, vor Hannover, und hab eine richtig rustikale Wohnung mit so dicken Holzbalken und so, und da gibt es schon Überraschungen. Irgendwo in der Ecke hängt das Schiff von der Enterprise, von der Decke baumelt ein erhängter Zwerg, und am Holzpfeiler hängt ein Bild von Albert Darboven und daneben ein Autogramm von Achim. Es gibt schon einiges zu gucken. Den Grimme-Preis habe ich auf das Fensterbrett neben meinem Schreibtisch gestellt. Extra eine Vitrine dafür zu kaufen, dafür ist er zu klein. Da steht er und gemahnt mich daran, weiterzuarbeiten.

 

COCKTA!L Sind Sie eigentlich schon mal vor acht Uhr morgens aufgestanden? Wir haben so den Eindruck, dass Sie immer bis mittags zwölf Uhr schlafen, dann losgehen und ein bisschen saufen und wieder ins Bett gehen.

 

Oliver Kalkofe (belustigt): Ach so. Wie kommt man auf den Eindruck?

 

COCKTA!L Sie strahlen irgendwie so ein Lebensgefühl aus.

 

Oliver Kalkofe Ja, zum Teil mag es stimmen. Ich bin kein Morgenmensch. Frühmorgens aufzustehen ist für mich der Horror. Und wann immer ich mir vornehme, dass ich zuhause früh was arbeiten will, dann geht der Wecker und quält mich irgendwie ein paar Stunden, aber ich schaffe es nicht, aufzustehen. Das ist echt schlimm. Ich bin ein Nachtmensch. Ich kann nicht früh einschlafen. Ich werde nachts munter. Im Schnitt bin ich bis drei Uhr morgens wach.

 

COCKTA!L Lesen Sie eigentlich auch viel?

 

Oliver Kalkofe Es gibt zwar die Gerüchte, dass ich keine Bücher kenne oder, wie mein Comedy-Partner bei Radio ffn, Oliver Welke, sagt, nur solche die verfilmt sind und wo Bruce Willis mitspielt, - aber ganz so ist es nicht. Aber es ist auch wahr, dass ich in letzter Zeit sehr wenig zum Lesen komme. Wenn ich abends Zeit habe und anfange zu lesen, schlafe ich wirklich sofort ein. Aber ich kann lesen und lese auch gerne. Mein Lieblingsbuch ist "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde.

 

COCKTA!L Wenn wir schon beim Privaten sind: Stimmt es eigentlich, dass Sie Ihre Badehosen in der Zeltabteilung kaufen? KALKOFE Nicht mehr, nein. Das ist zu teuer geworden. Wenn ich jetzt baden gehe, dann mal ich mir einfach den Sack mit Plakafarbe bunt an, und das reicht.

 

COCKTA!L Und macht es Ihnen etwas aus, dass Sie wie 40 aussehen?

 

Oliver Kalkofe Nee, ich bin 72 und bin stolz darauf, noch so jung auszusehen.

 

COCKTA!L Würden Sie sich eigentlich insgesamt als harmoniesüchtig bezeichnen?

 

Oliver Kalkofe Schon irgendwie. Ich möchte eigentlich nicht unbedingt Streit haben. Aber trotz alledem bin ich eher ein Einzelgänger und brauche auch immer sehr viel Ruhe oder Zeit, wo ich alleine bin mit mir. Das ist schon schlimm genug...