COCKTA!L im Gespräch mit Karl Dall über Sendungen, die ihn aufregen, den Grund, bei "7 Tage, 7 Köpfe" aufzuhören und den Kick seines Lebens. Wenn man Dall-Lieder wie "Leila" oder "Millionen Frauen lieben mich" (Text: Erik Silvester) hört, bekommt man körperliches Unwohlsein. Und kann nur folgern, dass ein wesentliches Motiv seiner Arbeit ist, schnell Geld zu verdienen. Seine Karriere steckt voll Höhen und Tiefen: progressiver Blödelei mit Insterburg & Co., schrägen Hippiekomödien wie "Quartett im Bett", "Filmen" wie "Sunshine Reggae auf Ibiza", platten Spaßtelefonaten bei Paola und Kurt Felix und Etablierung des Brachial-Talks, dessen einst revolutionäre Pointen er zur Zeit recycelt.

 

COCKTA!L Als was würden Sie sich bezeichnen?

 

Karl Dall Och, überhaupt nicht. Gibt es gar keinen Ausdruck für. Ich habe nie einen verwendet, der wurde immer von anderen verliehen. Liedermacher waren wir nicht, dazu waren wir zu blöd. Liedermacher, die nicht wie Hannes Wader oder Reinhard Mey waren, waren damals Blödelbarden. Mit dem Ausdruck konnten wir nicht viel anfangen, aber wir haben uns auch nicht groß dagegen gewehrt. Ich bin eigentlich ganz stolz, wenn einer sagt: "Ach, das ist der Komiker!" oder auch "der Schauspieler".

 

COCKTA!L Kränkt es Sie, manchmal zum Produkt reduziert zu werden?

 

Karl Dall Ich werde nicht reduziert. Ich bin auch kein Produkt, ich bin überhaupt nicht manipulierbar. Ich habe immer instinktiv gegen irgendwelche Strömungen gearbeitet. Ich habe zum Beispiel vor einem Jahr "7 Tage, 7 Köpfe" aufgegeben. Da hätte ich auch noch reich werden können.

 

COCKTA!L Was hat Ihnen da nicht gepasst?

 

Karl Dall Dass mir vorgeschrieben wurden, welche Pointen ich wann zu sagen habe. Da wurde die sichere Schiene gefahren, und da hat man dann nur noch so einen Zettel liegen und liest ab. Also, ich bin schlecht im Vorlesen von vorgefertigten Sprüchen, die auch noch nicht mal von mir sind.

 

COCKTA!L Was wurde aus "Karls Kneipe"?

 

Karl Dall Das war eine Sommerserie mit sechs Folgen. Die waren auch ganz gut angekommen bei den Leuten, das heißt, es geht ja um diese Wahnsinnsmarktanteile bei den 14- bis 49jährigen, und da hatte ich eigentlich mein Klassenziel erreicht, aber bei RTL wechselten dann die Chefs und so.

 

COCKTA!L Was hat sich denn verändert?

 

Karl Dall Ich hatte früher mehr Macht, selber auszusuchen, welcher Gast für mich der bessere ist. Dann kam dieser Jugendlichkeitswahn, und es wurde schon schwierig, wenn man einen Gast hatte, der älter als 30 Jahre war. Ich bin ja eigentlich selbst der größte Störfaktor in so einer Sendung, die hiphop sein soll, weil ich schon 57 bin.

 

COCKTA!L Hätten Sie gerne weitergemacht?

 

Karl Dall Mein Herzblut klebt da nicht dran. Ich hab zehn Jahre lang eine eigene Show gehabt, da kann ich mich nicht noch weiterentwickeln. Ich kann nicht anstinken gegen die Nachmittagsfliegen und Ilona Christens und was da alles läuft. Ich nehme auch keine Einladungen für solche Nachmittagsdinger mehr an. Da soll man sich praktisch immer dafür entschuldigen, wer man ist und irgendwelche Abartigkeiten loslassen. Ich finde es abartig, da überhaupt reinzugehen. Ich kenn das aus Amerika. Da gibt es einen Sender, da sitzen nur dicke Frauen und reden über ihre Probleme, jeden Tag immer wieder neue, so Zweieinhalb-Zentner-Weiber. Das wird bei uns auch bald so sein.

 

COCKTA!L Woran hängt Ihr Herzblut denn?

 

Karl Dall Ich würde gerne mal wieder ein paar Rollen in Kinofilmen spielen. Alles andere hab ich gehabt. Shows zur Genüge, das geht bis zur Volksmusik mit Caroline Reiber. Es gibt keine Show, wo ich nicht drin war oder nicht rein könnte. In den 60ern, 70ern und 80ern habe ich ja schon Filme gedreht. Das waren alles keine großen Erfolge. Ich hab auf dem Kinomarkt eben nicht die Lobby.

 

COCKTA!L Das heißt, Sie müssen bitten?

 

Karl Dall Nein, das auch nicht. Ich bitte nie. Ich habe mich noch nie in meinem Leben irgendwo angeboten. Wenn, dann klingeln die Leute bei mir an. Das ist ein Prinzip. Ich bin auch nicht so eitel, dass ich jetzt denke, an mir ist ein großer Mime verlorengegangen, aber eigentlich würde mich so eine große Leinwand mal wieder mehr reizen als der kleine popelige Bildschirm.

 

COCKTA!L Bei Ihren Talkshows: Waren die Gäste nachher oft sauer auf Sie?

 

Karl Dall Einer ist ja mal von der Bühne gelaufen (Roland Kaiser, die Redaktion), das ist aber auch schon wieder 13 Jahre her, und das haben sie dem und mir wohl zehn Jahre aufs Butterbrot geschmiert.

 

COCKTA!L Ärgert es Sie, wenn Sie selbst irgendwo Gast sind und kaum zum Zuge kommen?

 

Karl Dall Es ärgert mich, wenn ich einen Fernsehjob gemacht habe, wo ich eigentlich von vornherein nicht das richtige Gefühl hatte. Zum Beispiel habe ich einen Abend für Guildo Horn gemacht. Das war so ähnlich, als ob ich vor einem Fußballspiel Hölderlin und Rilkegedichte hätte aufsagen müssen. Es gibt einfach Konzepte im Fernsehen, da passe auch ich nicht rein. Hinterher fragt man sich natürlich schon, warum man das überhaupt gemacht hat. Aber dieses Unvermittelte, was auf einen zukommt, hat manchmal auch einen gewissen Reiz - auch wenn man hinterher sagt, ich war auf der falschen Hochzeit.

 

COCKTA!L Ist das der Kick, der Sie vor die Kamera treibt?

 

Karl Dall Ach, wissen Sie, der Kick ist folgender: Ich werde abgeholt, manchmal auch mit einem Privatflieger irgendwo hingeflogen, dann gibt es eine Suite und dazu auch noch verhältnismäßig viel Geld. Man lebt ein bisschen wie ein Star. Und dann sitzt man manchmal aber auch auf dem Bahnhof, versucht, sich noch eine Fahrkarte zu kaufen und kann sich freuen, wenn man irgendwo noch auf seinem Koffer sitzen kann, weil man keine Platzkarte im Zug hat. Ich kenn das Leben so, und ich kenne es so. Ich sitze im Flugzeug auch hinter dem Lappen, in der Schweineklasse. Das macht mir nichts aus.

 

COCKTA!L Bekommen Sie Entzugserscheinungen, wenn Sie länger nichts gemacht haben?

 

Karl Dall Nein. Auch das hab ich gelernt, einfach mal ein halbes Jahr lang absolut rauszugehen. Aber da kann ich mich hier in Deutschland nicht so gut bewegen, weil ich einen Erkennungsfaktor von über 90 Prozent habe, das liegt bei Helmut Kohl und Heino - schon irgendwie seltsam. Na ja, deshalb ist es für mich schwer, mich in irgendeiner Fußgängerzone zu bewegen. Ich werde von jedem beobachtet, und darauf kann ich eigentlich prima verzichten. Also bin ich gezwungen, irgendwo hinzufahren, wo mich keiner kennt, zum Beispiel nach Amerika. Die Deutschen sind ja nur in Rudeln unerträglich. Wenn drei oder vier kommen, sind sie ganz lieb. Wenn es 30 oder 40 sind, wird´s ätzend.

 

COCKTA!L Können Sie sich vorstellen, aus Deutschland wegzuziehen?

 

Karl Dall Nee, dafür bin ich zu alt. Das hätte ich vor 30 Jahren machen müssen, aber wer war ich denn vor 30 Jahren? Ich hab ja eine Spätkarriere gemacht. Ich bin erstmal heilfroh, dass ich nicht morgens mit Aktentasche zur Arbeit gehen und Kröten zählen muss. Ich hab ja auch mal einen Beruf gelernt. Ich war Schriftsetzer und kam vorne und hinten nicht klar, weil das Geld nie gereicht hat. Das ist das einzige, was mich an diesem Showbusiness so richtig schön tröstet, dass man sich gewisse Dinge einfach mal leisten kann - eine Weltreise, einen etwas schnelleren Wagen.

 

COCKTA!L Ist das Showgeschäft so schrecklich, dass man sich trösten muss?

 

Karl Dall Nein. Aber es gibt Schattenseiten der Popularität, die auch über den Feierabend hinausgehen. Zum Beispiel ist es sehr schwer für mich, am Hauptbahnhof irgendwo in Ruhe eine Currywurst zu essen. Das ist eine Tatsache! Mit der linken Hand die Wurst essen und mit der rechten auf irgendwelche Bierdeckel den Namen schreiben, das kann ich auch. Dafür hat der Mensch ja zwei Hände.

 

COCKTA!L Stürzen sich die Leute auf Sie? Oder gibt es Berührungsängste?

 

Karl Dall Die Leute stürzen. Ich bin wohl auch so ein bisschen Volksgut. Ich werde leicht geduzt, und die sprechen mich mit Vornamen an, das ist auch ganz okay.

 

COCKTA!L Gibt es Situationen, in denen Sie schüchtern sind?

 

Karl Dall Das Wort "schüchtern" habe ich lange nicht mehr ausgesprochen. Schüchtern heißt, nicht den Mut zu haben, das zu tun, was man eigentlich sofort machen möchte. Ich bin auch manchmal sehr schüchtern, aber ich wünsche mir bei manchen Leuten, sie wären schüchterner mir gegenüber. Kleinere Kinder haben eigentlich ein viel besseres Benehmen, weil die noch nicht so grapschen und einen natürlichen Abstand halten, das hat fast was mit Ehrfurcht oder weiß der Himmelgott zu tun. Warum wird der Mensch, wenn er älter wird, manchmal so penetrant?

 

COCKTA!L Lieben Sie die Menschen, ihr Publikum, überhaupt noch?

 

Karl Dall Ich würde doch nicht für Publikum arbeiten, wenn ich die nicht ab könnte, das wäre ja entsetzlich. Ich hab bloß diese verlogene Scheiße satt, dass man sagt: Ich arbeite nur für mein Publikum, und das ist das Größte, und für die bin ich immer da. Publikum ist quasi der Motor, der uns da immer wieder hin treibt und vor allem das Feedback, das ich brauche.

 

COCKTA!L Was halten Sie vom Nachwuchs?

 

Karl Dall Die gucken sich von allen Kollegen das ab, was erfolgreich ist. Da gibt es sogar Leute, die die Art und Weise - wenn sie können - kopieren, wie ich mich vor sagen wir mal 20 Jahren bewegt habe oder irgendwelche dümmlichen Schlager gesungen habe.

 

COCKTA!L Freuen Sie sich darüber? Oder irritiert Sie das eher?

 

Karl Dall Das ist mir eigentlich egal. Es gibt ja immer noch das Original. Der müsste es dann besser machen als ich. Aber ich bin schlecht kopierbar. Aber es gibt eben sehr viele - wenn ich mal einen Ratschlag geben darf - die sollten sich mal mit einem abendfüllenden Programm vor 500 Leute hinstellen und ganz alleine die Leute auf Zack bringen und dabei nicht vom Teleprompter ablesen.

 

COCKTA!L Sind die Menschen leicht manipulierbar? Wissen Sie, was Sie sagen müssen, damit garantiert Lacher kommen?

 

Karl Dall Nee, überhaupt nicht. Die Kollegen vom Fernsehen mischen ja einfach immer ein paar Lacher drunter, das lehne ich strikt ab bei meinen Sendungen. Ich genieße ja auch den Misserfolg, wenn ich etwas sage, und die Leute wissen das nicht zu würdigen. Man könnte ja auch arrogant sagen, die kapieren das nicht: Sachen, über die ich mich kaputtlache und auf einmal: tote Hose. Bin ich zu intellektuell? Nein. War nicht gut der Spruch, liegt also an mir, nicht an den Leuten.

 

COCKTA!L Haben Sie manchmal Angst, dass Sie Witze wiederholen?

 

Karl Dall Ich habe in den letzten sieben Wochen von einem Kollegen siebenmal dieselbe Fünf-Minuten-Nummer gesehen, und die Leute lachen sich immer noch kaputt. Das ist eine Sache, die ich nicht bringen könnte - da kann man mal sehen, wie beim Publikum die Pointe schnell wieder aus der Birne raus ist.

 

COCKTA!L Resigniert man nicht ein bisschen, wenn man merkt, wie leicht die Menschen zufriedenzustellen sind?

 

Karl Dall So leicht ist es nun auch wieder nicht. Aber es ist tatsächlich frustrierend, wenn Zuschauer gar nicht mehr wissen, in welcher Sendung sie mich am Tag vorher gesehen haben. Zum Beispiel hat sich in den Köpfen der Leute bis jetzt noch nicht festgesetzt, dass ich aus "7 Tage, 7 Köpfe" seit fast einem Jahr raus bin. Aber wenn ich nun jedes Mal Analysen machen würde, was da nun hinterblieben ist bei diesem oder jenem Auftritt, wäre ich ja nur ständig dabei, mit mir rumzuhadern.. Also soweit geht dieser Job ja nun auch nicht.