Gregor Gysi über öffentlichen Druck, Populismus und die Initiative "Wir wollen die Mauer zurück". Gewitterwolken brauten sich über dem Audimax zusammen, als Gregor Gysi sich anschickte, über die anbrechende Zeit nach Kohl zu referieren. Schon im Vorfeld machte die Junge Union Front gegen den demokratischen Sozialisten, und die Evangelische Kirche distanzierte sich von der ESG, die ihn eingeladen hatte. Viel Zündstoff um einen ganz normalen "Politpopstar", der einen vollbesetzten Saal vortrefflich unterhielt und die Junge Union in Grund und Boden redete. Doch weg von der Politik und hin zum Menschen.

 

COCKTA!L Wie ist das Gefühl, offiziell als IM bezeichnet werden zu dürfen?

 

Gregor Gysi Noch darf ich offiziell nicht so genannt werden. Die Gerichte verbieten das den Medien nach wie vor, weil es dafür noch keinen Nachweis gibt. Und das ist eigentlich auch gut so!

 

COCKTA!L Wie hält man dem Druck stand?

 

Gregor Gysi Wissen Sie, auch unabhängig davon stand ich im Kreuzfeuer der Medien. Man geht davon aus, wenn man mich los ist, sei man auch gleich die ganze PDS los. Deshalb konzentriert sich dieser ganze Kampf auf mich - zumal ich ja auch für die Medien das Bild des Ostdeutschen kontakariere und sie mein Hang zur Selbstironie und natürlich auch meine sozialistischen Überzeugungen stören. Es ist zwar nicht leicht, sich daran zu gewöhnen, aber da ich die Kälte bereits aus den Zeiten der DDR-Justiz kenne, kann ich einigermaßen damit umgehen. Als ich anfing, Rechtsanwalt zu werden, herrschte in der DDR-Justiz ja noch eine ziemliche Anwaltsfeindlichkeit, und da habe ich einigermaßen gelernt, standzuhalten und aus einer gewissen Ohnmachtsposition heraus zu argumentieren.

 

COCKTA!L In was für Situationen platzt Ihnen denn der Kragen?

 

Gregor Gysi Je unsachlicher die Angriffe, desto ruhiger werde ich. Ein bisschen ungerecht finde ich das Leben natürlich schon: Wieso ich so oft Dresche für das bekomme, was Honecker mal gemacht hat, finde ich irgendwie schon einen Witz meines Lebens. Trotzdem werden Sie nie erleben, dass ich wirklich jemanden persönlich denunziere oder angreife. Ich weigere mich, die zerstörende Seite der Politik zu akzeptieren. Und sehen Sie mal, wie groß die Versuchung war. Ich war ja mal der Hauptchef des Parteienarchivs. Und was glauben Sie, was ich da im Bundestagswahlkampf für Druck hatte, doch jetzt mal unsererseits zu zitieren, um in den einzelnen Blättern aufzukreuzen. Ich habe mich nie dazu hinreißen lassen - bei allen Angriffen von der CDU und SPD. Und darauf bin ich einigermaßen stolz.

 

COCKTA!L Trotzdem werden Sie doch wohl mal unbeherrscht sein.

 

Gregor Gysi Ich bin zwar ziemlich beherrscht, aber es gibt natürlich gelegentlich mal Ermüdungserscheinungen, da fragt man sich dann, wozu man das alles nötig hat. Da muss man durch und seine Kräfte sammeln, um weiterzumachen. Am ehesten lasse ich mich im privaten Bereich gehen - zwar nicht in Form von Aggressivität, aber ab und zu in Form von Traurigkeit und Müdigkeit.

 

COCKTA!L Wie geht´s denn Ihrer Familie?

 

Gregor Gysi Ich habe sie zwar längere Zeit nicht gesehen, aber ich denke, es geht ihr ganz gut. Vielleicht ist unsere Familie ja auch gerade deshalb so intakt, weil ich so selten zuhause bin

 

COCKTA!L Welches ist die größte Fehlinformation, die über Sie in Umlauf ist?

 

Gregor Gysi Über die größte haben wir schon gesprochen, denke ich.

 

COCKTA!L Und die zweitgrößte?

 

Gregor Gysi Also, was mich wirklich ärgert, ist die Tatsache, dass mir immer wieder Populismus vorgeworfen wird und zwar deshalb, weil ich zu DDR-Zeiten viele Dinge gesagt habe, die mich dort sehr unbeliebt gemacht haben. Sagen Sie doch mal dem Ostvolk 1989, dass Sie gegen eine Währungsreform sind - da denken doch alle nur, dass man ihnen das West-Geld nicht gönnt. Oder allein die Entscheidung, 1989 Vorsitzender der PDS zu werden. Das war so ziemlich das Unpopulärste, was man in dieser Zeit machen konnte. Und trotzdem titulieren die mich alle als Populisten, das ärgert mich!

 

COCKTA!L Wie viele Morddrohungen bekommen Sie so durchschnittlich in der Woche?

 

Gregor Gysi Ich zähle die nicht, die werden auch an anderer Stelle gesammelt. Würde ich das an mich heranlassen, würde ich automatisch Angst zulassen und somit meine Stärke aufgeben. Aber in Wahlkampfzeiten spitzen sich derlei Zuschriften schon zu - und nach Äußerungen von Hintze und Hauser auch. Ich bekomme Drohungen aus Ost und West - aber mit antisemitischem Einschlag nur aus West. Stefan Heym sagt, ihm gehe es genauso.

 

COCKTA!L Warum rauchen Sie eigentlich nicht mehr Cabinet, sondern sind auf Marlboro umgestiegen?

 

Gregor Gysi Weil die absolut zur Westmarke geworden ist, und Marlboro kommt der guten alten Ost-Cabinet noch am nächsten.

 

COCKTA!L Gibt es ansonsten Ost-Produkte, die Sie bevorzugen?

 

Gregor Gysi Natürlich! Besonders Lebensmitttel. Die sind einfach ursprünglicher - weniger Chemie! Und natürlich denke ich dabei auch an Arbeitsplätze, die im Osten ja besonders gefährdet sind. Ich habe mich sogar mal mit meiner Frau wegen einer Waschmaschine so richtig gestritten.

 

COCKTA!L Wie stehen Sie zu der Initiative "Wir wollen die Mauer zurück"? In Ost und West wurden per Internet ja immerhin schon 14.000 Fürsprecher gefunden, die sich für eine Neugründung der DDR im Jahr 1999 einsetzen.

 

Gregor Gysi Es gibt immer `ne Menge Leute, die `ne Hacke haben! Ich wurde ja selbst schon aufgefordert, die Mauer wieder aufzubauen - aber fünf Meter höher als vorher. Doch ein demokratischer Sozialist will die Welt verändern und kann sich nicht auf kleine Territorien beschränken - und schon deshalb ist eine neue Mauer für uns undenkbar!

 

COCKTA!L Zum Schluss: Wie oft waren Sie bisher in "Titanic"?

 

Gregor Gysi Den hab´ ich noch nicht gesehen. Aber ich habe jetzt letztens erst diesen Kultfilm, wie heißt er doch gleich... , dieser schmutzige... , "Pulp Fiction" angesehen, um zu verstehen, was Jugendliche an diesem Film faszinieren könnte. Ich denke, ich habe es verstanden, aber es ist nicht ganz meine Wellenlänge.

 

COCKTA!L Und könnten Sie sich vorstellen, mal in die Popmusik zu gehen?

 

Gregor Gysi Ich kann überhaupt nicht singen - obwohl man das ja gar nicht können muss. Aber man müsste wohl wenigstens den ersten Ton finden können. (grinst) Na ja, es gibt ja auch noch Vollplayback...