Seit beinahe vier Jahrzehnten hat Meryl Streep nun eine ganz erstaunliche Reihe von Rollen gespielt in einer außergewöhnlichen Karriere, die am Theater begann und über das Fernsehen zum Kino führte. Für ihre Rolle in "Die eiserne Lady" bekam Meryl Streep soeben den Oscar und den Globen Globe.

 

CHEXX Was war Ihre erste Reaktion, als Regisseurin Phyllida Lloyd mit diesem Projekt auf Sie zukam?

 

Meryl Streep Als Phyllida mir erzählte, dass sie an einem Film arbeitet, der sich um Margaret Thatcher dreht und die Probleme und Aspekte um eine weibliche Führungsperson behandelt, war ich sofort interessiert. Erst einmal existieren nicht viele weibliche Führungspersönlichkeiten und dann gibt es genauso wenig Filmemacher, die sich dafür interessieren, was es bedeutet eine Spitzenpolitikerin zu sein. Wenn man wirklich begreifen will, welche Barrieren Margaret Thatcher durchbrechen musste, um Großbritannien zu regieren, muss man sich in eine Frau in den späten siebziger Jahren hineinversetzen, als sie tatsächlich die Führung ihrer Partei übernahm. Und ich erzähle meinen Töchtern ständig, obwohl wir damals in einer völlig anderen Welt lebten, dass einige Dinge doch gleich geblieben sind. Es war interessant den Spuren einer Frau zu folgen, die während des Krieges aufwuchs und im Nachkriegs-Großbritannien groß wurde, einer Zeit des Wiederaufbaus und des Mangels. Einer Frau, die ihre eigene Philosophie entwickelte und sie in die Tat umsetzte, in Form von pragmatischen Lösungen gegen die Defizite, die sie für die ökonomische Schieflage in ihrem Land verantwortlich machte. Eine Frau war plötzlich daran beteiligt, die großen Probleme der Welt zu lösen, auf eine Weise, die man damals von Frauen einfach nicht erwartete. Sie kam in diese von Männern dominierte Welt, eine Welt der Oberschicht, packte diesen Verein gewissermaßen am Nacken, um ihn ordentlich durchzuschütteln.

 

CHEXX Unabhängig von ihrer politischen Einstellung war das doch ein bedeutsamer Erfolg, oder?

 

Meryl Streep Nur diesen ersten Tag unseren Proben anzugehen, war für mich als Schauspielerin beängstigend. Denn da waren all diesen wundervollen britischen Schauspieler, es waren vierzig oder fünfundvierzig und ich war die einzige Frau im Raum. Ich hatte ein ganz ähnliches Gefühl wie das, was Margaret Thatcher gefühlt haben muss, wenn sie zu den Sitzungen der Konservativen Partei ging. Die Szenen, die wir im Unterhaus gedreht haben waren wirklich interessant. So ein Ort hat eine ganz bestimmte Dynamik. Und wenn man die Aufmerksamkeit der Zuhörer haben will, um sie zu überzeugen, dann muss man sie sich erkämpfen. Ich habe Regisseurinnen dabei beobachtet, wie sie Schwierigkeiten hatten, sich als Chef am Set durchzusetzen. Und weiblichen Spitzenpolitikerinnen ging es damals genauso, sie fühlten sich noch nicht wohl in dieser Rolle. Margaret Thatcher hat wirklich Neuland erobert, indem sie vormachte, wie auch eine Frau eine so herausragende Machtposition einnehmen und ausfüllen kann. Sie hatte kein Problem damit, voran zu gehen und auf diese Weise hatten Männer auch weniger Probleme damit, ihr zu folgen. Ich glaube, wenn eine Frau unsicher ist, wie sie sich in einer Führungsposition verhalten soll, wenn sie sich darum sorgt, wie man sie beurteilt oder dass sie ihre Femininität verlieren könnte, dann leiden ihre Führungsqualitäten darunter.

 

CHEXX Zwei Themen, die in diesem Film auftauchen, sind der Verlust der Liebe und der Verlust von Macht. Welches der beiden Themen war Ihnen wichtiger?

 

Meryl Streep Ich denke, wenn der Film gelungen ist, dann weil den wichtigen und spannungsreichen Momenten ihres politischen Lebens derselbe Platz eingeräumt wird, wie den Momenten ihres Privatlebens. Wir haben versucht, einen Film über den ganzen Menschen zu machen und nicht nur Teilaspekte ihres Lebens. Margaret ist davon überzeugt, wenn du harte Entscheidungen triffst, wird man dich heute dafür hassen, doch die nächsten Generationen werden dir möglicherweise dafür danken. Und so sollte ein Führer immer denken und das gleiche sollte eine Mutter tun. Du musst wissen, dass es jetzt schmerzhaft für dein Kind ist, doch auf längere Sicht wird es dir dankbar sein. Ich denke, das sind ganz ähnliche Angelegenheiten. Wenn du nur kurzfristig denkst, bist du als Politiker beliebt, aber die essentiell wichtigen Dinge, werden langfristig entschieden.

 

CHEXX Der Film ist erstaunlicherweise sehr unpolitisch. Werden die Zuschauer davon überrascht sein?

 

Meryl Streep Ich bin ohne eine politische Agenda über Margaret Thatcher zu den Dreharbeiten gekommen. Und ganz ehrlich, ich wusste schockierend wenig über ihre Politik. Ich wusste, dass vieles im Einklang mit der Politik Ronald Reagans war, mit der ich mich besser auskannte. Aber die beiden teilten nicht alle ihrer Ansichten. Es interessierte mich weniger, welche politischen Schritte sie unternahm. Spannend fand ich, welchen Effekt diese schweren Entscheidungen auf sie als Menschen hatten. Deshalb wollten wir so genau wie möglich zeigen, warum sie einerseits für ihre Politik verhasst war, während andere sie wegen genau dieser Entscheidungen für großartig hielten. Unser Focus lag auf dem Tribut, den man für diese Macht zahlen muss. Und wenn der Zug dann plötzlich anhält, was passiert dann mit dir? Wie viel Stehvermögen brauchst du, um stark zu bleiben?

 

CHEXX Sie spielen Margaret über eine Zeitspanne von vierzig Jahren. Das muss eine enorme Herausforderung gewesen sein.

 

Meryl Streep Die Herausforderung besteht tatsächlich darin, jemanden über einen so langen Zeitraum zu spielen. Aber, wenn man erst einmal so alt ist wie ich, denkt man ja auf seltsame Weise immer noch, man sei Anfang zwanzig. Da ist dieser Teil in dir, der immer noch meint er sei sechzehn, sechsundzwanzig oder sechsunddreißig. Auf diese Weise habe ich Zugang zu allen Altersstufen, die ich bereits erlebt habe. Richtig schwierig wird es erst, wenn du eine ältere Person spielen musst. Andererseits war dies eine wunderbare Gelegenheit für mich, denn normalerweise bleibst du ja bei Dreharbeiten in einer bestimmten Zeit. Hier hatten wir die Möglichkeit, auf ein ganzes Leben zurück zu schauen. Und das war wirklich aufregend. Ich muss allerdings auch erwähnen, dass neben der wundervollen Arbeit von J. Roy Helland und Marese Langan, die Erschaffung der alten Margaret ganz wesentlich mit der brillanten Transformation, die mir Mark Coulier mit seiner Maskenbildnerkunst ermöglicht hat.

 

CHEXX Haben Sie den Film in einer Art chronologischen Reihenfolge gedreht?

 

Meryl Streep Das wäre hilfreich gewesen. Aber das genaue Gegenteil war der Fall. Andererseits ist es auch von Vorteil in solchen anspruchsvollen Szenen einfach ins kalte Wasser zu springen, denn du musst dich wirklich konzentrieren und zusammenreißen, fast wie ein Marine, der sich für die Schlacht bereit macht. Und ich habe an jedem Drehtag gekämpft. Irgendwann bin ich jeden Tag mit dem Gedanken aufgewacht: Gott sei Dank bin ich nicht Präsident Obama. Was für ein Job! Wenn du so eine Rolle shakespeareschen Ausmaßes spielst, stellt sich ab einem gewissen Punkt eine Art Anerkennung ein. Ich fühle mich wirklich fast etwas eingeschüchtert, wenn ich realisiere, welches Gewicht sie auf ihren Schultern getragen hat. Es ist eine enorm Angst machende Position, in der du dich befindest, wenn du Soldaten in den möglichen Tod schicken musst. Trotzdem musst du jede Nacht deinen Kopf aufs Kissen legen und versuchen zu schlafen. Menschen vergessen häufig, dass auch Politiker einen Tribut zahlen müssen und wir betrachten diese öffentlichen Persönlichkeiten, als seien sie Götter oder Monster, aber wissen Sie, am Ende sind wir alle nur Menschen.

 

CHEXX Glauben Sie, das Publikum könnte seine Meinung über diese Frau ändern, wenn es den Film gesehen hat?

 

Meryl Streep Ich weiß nicht, ob Menschen ihre Meinung über ihre Politik ändern werden, aber man wird zumindest Verständnis für den Druck bekommen, den sie damals ertragen musste. Sie schien eine Antwort auf diesen Druck zu haben, sie reagierte auf ihre Weise darauf und wurde zurückgewiesen. Diese Mechanismen zeigen wir in unserem Film und dieser Aspekt ist bisher noch nicht gezeigt worden Die Ablehnung, die ihr entgegenschlug, mündete ja in ihrem Rücktritt. Aber was passierte danach? Sie musste anschließend noch Jahr um Jahr damit leben. Und wie jeder von uns, spielte sie die Situationen ihres Lebens in ihrem Kopf wieder und wieder durch. Warum hat es sich so entwickelt? Und das macht sie auch wieder sehr menschlich.

 

CHEXX Vor Beginn der Dreharbeiten wurde ein Foto von Ihnen als Margaret Thatcher veröffentlicht, das anschließend nicht nur auf dem Titel aller britischen Tageszeitungen, sondern auch auf denen vieler internationaler Magazine und Zeitungen landete. Wie haben Sie darauf reagiert?

 

Meryl Streep Als alle Nachrichtenagenturen und Onlinedienste, sogar in China, Südostasien und in Teilen der Welt in denen man es nun wirklich nicht vermuten würde, dieses Foto veröffentlichten, war man auf Produzentenseite selbstverständlich sehr aufgeregt. Vielleicht ist das ja doch kein Film, den sich nur sieben zahlende Zuschauer in Westminster ansehen. Das war für jeden von uns ermutigend. Aber ich denke, es existiert generell ein Teil des Publikums, der gerne unterschätzt wird. Und das sind die weiblichen Zuschauer, denen man selten die Chance bietet, einen Film über die Menschen zu sehen, die sie interessieren. Es existiert eine Neugier und das Bedürfnis mehr über diese Frau zu erfahren, denn sie hat zu ihrer Zeit in vielen Bereichen definitiv Neuland erobert. Ich glaube, der Film wird Zuschauer über die Zielgruppe hinaus anziehen und er wird Menschen gefallen, die normalerweise nicht mehr ins Kino gehen, weil man sie entweder thematisch ausschließt, oder weil sie von dem filmischen Angebot in unseren Kinos gelangweilt sind.

 

CHEXX Sie haben während Ihrer Recherche der Rolle auch das britische Unterhaus besucht. Wie haben Sie diesen Besuch erlebt und was haben Sie daraus gelernt?

 

Meryl Streep Es war wundervoll einen Eindruck von den Benimmregeln und den Ritualen dort zu bekommen. Wir durften ja sogar in den Back-Stage-Bereich, oder wie immer sie das da nennen. Wir waren hinter den Kulissen, wo es diese kleinen Büros gibt, durch die die Abgeordneten die "Great Hall" betreten. Gleichzeitig ist es irgendwie einschüchternd in der Halle zu stehen, in der sich im Jahre 1066 die Menschen zum ersten Mal trafen, um ihre allererste parlamentarische Versammlung abzuhalten. Wenn man dann anschließend ins Unterhaus geht, überrascht vor allen anderen Dingen, wie klein es ist. Es ist geradezu berührend klein, im Gegensatz zur Größe der Geschichte, die hier gemacht wurde und im Gegensatz zur Größe der Persönlichkeiten, die sich in diesem Raum aufgehalten haben, oder der Größe der Ideen, die sich von diesem Ort aus in die Welt verbreitet haben. Es ist auch überraschend wie persönlich die Atmosphäre dort ist, wie nah die beiden unterschiedlichen politischen Lager sich gegenüber sitzen und sich entweder anschreien oder versuchen gelangweilt zu wirken. Da herrscht eine ganz schön feindselige Stimmung.

 

CHEXX Was haben Sie empfunden, als sie solche Debatten dann schließlich nachgespielt haben?

 

Meryl Streep Das war großer Druck. Und auf eine bestimmte Weise konnte ich mich hier besonders gut in Margaret Thatcher hineinversetzen. Zu dieser Zeit war sie eine der wenigen Frauen in der Politik. Es gab andere Frauen, doch sie war eine der ganz wenigen, die in Führungspositionen aufstieg. Und das gelang ihr nicht aufgrund ihrer Medienpräsenz, ihrer Kameratauglichkeit, oder was immer es ist, worauf Politiker gerade ihre Kampagnen aufbauen, zumindest da, wo ich lebe. Es ging nicht darum Freundlichkeit auszustrahlen, sondern Kompetenz. Sie musste besser vorbereitet, mehr vorbereitet sein und vor allem auf alle Fragen gefasst sein, die man ihr möglicherweise stellen konnte. Die Fragen mochten noch so abwegig, oder exotisch sein, sie musste auch darauf eine Antwort präsentieren. Denn sie musste einfach besser sein, als jeder Mann in dieser Position. Es gab enormen Widerstand gegen eine Frau in dieser Position. Das war aufregend. Und dann habe ich mir ja das Archivmaterial von ihr angesehen, zu dem ich Zugang hatte. Und es war so spannend zu sehen, wie bereit sie war, wie fantastisch vorbereitet und wie sie vom Scheitel bis zur Sohle überzeugt für ihre Sache in den Kampf ziehen wollte. Mein Gott, dieser Enthusiasmus ist einfach aufregend und inspirierend. Darauf kommt es an, wenn du ein Land regieren und Menschen führen willst.

 

CHEXX Was wird Ihnen als der beste Teil der Arbeit an diesem Projekt in Erinnerung bleiben?

 

Meryl Streep Der beste Teil war für mich die Gelegenheit ein ganzes Leben in all seinen Facetten zu betrachten. Denn an diesem Punkt meines Lebens, blicke ich natürlich selbst auf mein eigenes zurück, seine ganze Geschichte. Manchmal ist es überwältigend, wie groß ein Leben sein kann, wie vollgepackt mit Momenten es ist, die zu ihrer Zeit bedeutsam zu sein schienen. Doch dann realisierst du, dass es trotzdem immer nur die Gegenwart ist, die wichtig ist, der aktuelle Tag, an dem wir leben, dieser Moment. Und man könnte argumentieren, das einzig wichtige im Leben ist wirklich darin anzukommen und sich selbst zu finden. Und gerade das ist unendlich schwierig. Ich meine, das ist im Grunde unser Zen, deinen Weg zu finden, anzukommen, das Leben zu fühlen und darin aufzugehen. Wenn wir jung sind wissen wir immer ganz genau, was wir auf keinen Fall tun wollen. Doch dann hat unser aller Leben dieselbe Struktur des gleichen Buches - es hat einen Anfang und ein Ende. Und es ist eine ganz ungewöhnliche Ambition eines Filmprojektes, sich auf diesen Moment zu konzentrieren: das Ende. Normalerweise beschäftigt man sich mit dem Höhepunkt, der Weg muss aufwärts führen. Wir betrachten hier die Essenz dessen, was es bedeutet ein gigantisches, großes, erfülltes Leben gehabt zu haben und es dann verwelken zu sehen. Ich meine, das ist poetisch, oder?