Lars Dobbertin im Gespräch mit Nena über die gescheiterte Reunion ihrer alten Band, die vergangene Liaison mit Udo Lindenberg und den Grund, warum sie als Moderatorin bei TM3 abgelehnt wurde. Drei Kinder, zwei Hunde und ein Mann, der Schlagzeug spielt - bei Nena zuhause hatte COCKTA!L-Autor Lars Dobbertin eigentlich das pure Chaos erwartet. Doch, Überraschung: Im Hausflur stehen ordentlich aufgereiht die Scout-Ranzen der Zwillinge Larissa und Sakias, und Nenas Hunde sind im Hundeinternat - auf Erziehungsurlaub. "Willst Du Cappuccino trinken?", fragte Nena Dobbertin, ehe sie am heimischen Esstisch über ihre Erfahrungen mit dem Frauensender TM3 und die gescheiterte Zusammenführung der alten Nena-Band plauderte. Nach zwei Stunden Interview ging Dobbertin in der Gewissheit, eine außergewöhnliche Frau getroffen zu haben.

 

COCKTA!L Dieser Tage starten Sie mit Ihrer neuen Platte "Jamma nich" ein Comeback. Gleichzeitig erwarten Sie Ihr fünftes Kind. Schlägt Ihr Management da nicht die Hände über dem Kopf zusammen? Schließlich behindern Sie doch die Promotionarbeit!

 

Nena Für die Plattenfirma war es schon ein kleiner Schock. Aber ich finde, es gibt andere Dinge, über die man sich Sorgen machen sollte als über eine Frau, die einen Sohn zur Welt bringt. Es ist so, wie es ist. Ich finde, Frauen sind dazu da, Kinder zu kriegen, und ich wollte auch immer welche haben. Das gehört zu meinem Leben.

 

COCKTA!L Wieso muten Sie es sich da immer noch zu, neue Platten aufzunehmen? Sie könnten mit Ihren Kollegen von früher über Neue Deutsche Welle-Parties tingeln. Keine Lust?

 

Nena Der Gedanke amüsiert mich. Während der Produktion meiner neuen CD habe ich Joachim Witt ("Goldener Reiter", Die Redaktion) kennengelernt. Der ernährt seine Familie davon, mit Fräulein Menke, Markus und Peter Schilling über solche Revival-Parties zu ziehen. Ein lockerer Job, mit dem man eine Stange Geld verdienen kann. Ich finde es genial, etwas zu haben, was wie eine Rente ist. Vielleicht betätige ich mich auch als Jukebox, wenn ich 50 bin.

 

COCKTA!L Stimmt es eigentlich, dass Sie für Ihre neue Platte ursprünglich die alte Nena-Band wiedervereinen wollten?

 

Nena Das stimmt. Ich dachte, es wäre ganz nett, wieder eine Band um sich zu haben und die ganze Verantwortung nicht allein tragen zu müssen. Also habe ich angefangen, die Jungs zusammenzutrommeln. Mit ein paar Gitarren im Gepäck sind wir dann zelten gefahren. Eine lustige Sache, bis ausgesprochen wurde, dass ich der Chef bin. Damit kam keiner klar. Die Chemie hat einfach nicht mehr gestimmt. Auch musikalisch: Eine einzige Katastrophe!

 

COCKTA!L Woran haben Sie das gemerkt?

 

Nena Bis auf Uwe (Fahrenkrog-Petersen, Keyboards. Die Redaktion) hat es bei allen stagniert. Die haben ihre Instrumente seit Jahren nicht mehr angefasst. Im Gegenteil: Carlo Karges rennt noch heute durch Berlin und posaunt, er wäre mal der Gitarrist bei Nena gewesen. So einer hat immerhin mal "99 Luftballons" geschrieben. Ein genialer Einfall - aber man kann sich nicht ein Leben lang darauf ausruhen.

 

COCKTA!L Es ist kein Geheimnis, dass Ihre ehemaligen Musiker pleite sind. Wie konnte eine große Chance so leichtfertig verspielt werden?

 

Nena Keine Ahnung. Die haben schon im voraus irre viel Geld kassiert und hätten noch mehr verdient. Alles, was sie dafür hätten tun müssen, wäre, ein paar schöne Songs zu schreiben. Aber von Anfang an habe ich mich allein abgerackert. Von denen kam nichts. Null Engagement. Obwohl alle vier in Berlin leben, haben sie es in eineinhalb Jahren gerade mal geschafft, sich ein einziges Mal zu treffen.

 

COCKTA!L Und stattdessen?

 

Nena Stattdessen haben sie über First-Class-Hotels diskutiert, in denen man während der Plattenaufnahmen standesgemäß wohnen könnte. Von jetzt auf gleich waren die wieder in ihrem Popstarfilm. Irre. Zum Glück standen die Musiker alle bei mir unter Vertrag. So habe ich zwar die Vorschüsse gezahlt, konnte aber auch bestimmen, wann jemand gehen muss. Von diesem Recht habe ich Gebrauch gemacht.

 

COCKTA!L Und Ihr Geld ist futsch?

 

Nena Ich könnte über Anwälte versuchen, mein Geld einzutreiben. Aber ich bin froh, dass ich meine Ruhe habe und nicht noch vier Kinder mit durchziehen muss.

 

COCKTA!L Warum ist Ihre Band eigentlich 1986 auseinandergebrochen?

 

Nena Bei einer Tournee hatten wir zu große Hallen gebucht, und es kam nur die Hälfte der Leute. Das waren nicht einmal wenig. Aber so ist es: Wenn du deinen Level nicht mehr hältst und statt einer Million nur noch 500.000 Platten verkaufst, giltst du schon als Flop. Bescheuert. In dieser Situation hätten wir einfach ein besonnenes Management gebraucht, um cool zu bleiben. Jeder von uns dachte, er wäre der Größte. Aber niemand hatte einen Plan, wie es weitergehen sollte.

 

COCKTA!L Und dann begannen die Schuldzuweisungen?

 

Nena Es wurde alles an meiner Person aufgehängt. Einerseits gab es Eifersucht, weil ich im Mittelpunkt stand, andererseits wurde ich für alles verantwortlich gemacht. Das war die einfachste Lösung. Irgendwann habe ich gesagt, "jetzt ist Schluss".

 

COCKTA!L Was war denn das Extravaganteste, das Sie je mit Geld angestellt haben?

 

Nena Bei einem Freund habe ich mal eine AC Cobra gesehen, so ein altes Rennauto, mit viel PS. Irre teuer, aber sehr erotisch. Ich bin nach England gefahren und habe mir direkt in der Fabrik eine abgeholt, schwarz mit blauen Ledersitzen. Aber wenn einer in Deutschland Erfolg hat, darf er es nicht zeigen. Es hat mich genervt, dass die Leute die Nase rümpfen, sobald ich irgendwo eingeparkt habe. Also habe ich mir einen alten Fiat 500 gekauft. Den musste man gar nicht mehr abschließen, weil er dermaßen rostig war. Und was kam dann: "Kann die sich denn kein anderes Auto leisten?" Verrückt, oder?

 

COCKTA!L Haben Sie es also nicht genossen, reich zu sein?

 

Nena Und ob. Ich finde Geld super. Und ich habe es mit vollen Händen ausgegeben. Es ist klasse zu wissen, dass man sich alles leisten kann, was man will.

 

COCKTA!L Aber es waren auch andere, die geholfen haben, Ihr Geld rumzubringen.

 

Nena Wir haben damals mal eine riesige Villa mit elf Wohnungen im Berliner Grunewald gekauft. Jeder von uns hätte sich da absichern können. Leider war es ein Finanzierungs-Modell, bei dem sich andere das Geld unter den Nagel gerissen haben. Der typische Fall von Abzockerei: Du kaufst ein Haus, gehören tut es aber jemand anderem.

 

COCKTA!L Heute tritt Ihre erfrischende Naivität etwas anders zutage?

 

Nena Das kann man wohl sagen. Vor kurzem habe ich mich bei TM 3, diesem Frauensender, vorgestellt, wo ich eine Show moderieren sollte. Ich habe gar nicht gemerkt, dass zwei der Frauen dort militant lesbisch waren. Ausgerechnet in dieser Runde habe ich von einem Gymnastik-Kurs erzählt, den ich als Schwangere belegt habe, bei dem auch ein lesbisches Paar aufgekreuzt war. Die Energie dieses Pärchens hat mich irgendwie unangenehm berührt, wissen Sie. Zwei Frauen, die Mutter und Vater spielen und die Naturgesetze mal eben über den Haufen schmeißen. Als ich fertig erzählt hatte, war die Entscheidung gefallen: Die Moderation der Sendung fand ohne mich statt.

 

COCKTA!L Was haben Sie aus dem Vorfall gelernt?

 

Nena dass ich lernen muss, mit manchen Dingen nicht unbedacht herauszuplatzen. Nicht aus Cleverness oder Kalkül. Aus Menschlichkeit.

 

COCKTA!L 54mal waren Sie auf der Titelseite der Bravo zu sehen. Ein einsamer Rekord. Komisch, dass es Sie nicht genervt hat, ständig die Klatschpresse auf den Fersen zu haben.

 

Nena Es ist doch eine riesige Bestätigung. Plötzlich war ich so wichtig, dass Fotografen sogar hinter meiner Mülltonne saßen. Manchmal habe ich mich gefühlt wie der Kaiser von China. Aber ich bin froh, dass es auch ruhigere Phasen gibt. Wenn ich mein Leben lang Lady Di spielen müsste, würde ich mich erschießen. Ich frage mich wirklich, wie die da jemals lebend raus kommen will. Kein Schritt im Leben ohne Beobachtung - ihr Leid kann ich nachvollziehen.

 

COCKTA!L Haben Sie eigentlich jemals realisiert, wie erfolgreich Sie waren?

 

Nena 1984 in Japan wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie weit alles gegangen war. Wir kamen in Tokio an und hatten vier Stunden Zeit, um uns die Stadt anzusehen. Nach zehn Minuten war ich von hunderten Japanern umringt. Irre: Da fliegst du 26 Stunden ans andere Ende der Welt, und alle kennen einen. Zum ersten Mal dachte ich, ich wäre im Film.

 

COCKTA!L Ist von Ihrem Ruhm im Ausland noch etwas übriggeblieben?

 

Nena Als ich vor ein paar Jahren auf Hawaii war, hörte ich im Autoradio die Meldung: "By the Way, Nena is on the island", und dann haben sie "99 Luftballons" gespielt. Und auf Jamaica hat mich ein Frau aus New York im Restaurant angesprochen. Sie hatte mich an meiner Stimme erkannt.

 

COCKTA!L Vor einigen Jahren hatten Sie mal eine Liaison mit Udo Lindenberg. Eine ganz gewöhnliche Beziehung?

 

Nena Wir waren ein ganzes Jahr zusammen, und niemand hat es gemerkt. Mit Udo hatte ich wirklich eine geniale Zeit. Ich bin mit Frankensteinmasken durch diverse Hotels gelaufen. Es war wie im Agentenspiel, diese Heimlichkeit hatte einen ziemlichen Reiz. Einmal waren wir zusammen auf Sylt, und als wir zu Abend aßen, kam plötzlich der Zimmerkellner rein. Ich konnte gerade noch unter dem Tisch verschwinden und sah nur noch die Füße von diesem Kerl.

 

COCKTA!L Haben Sie je an Hochzeit gedacht?

 

Nena Ja. Wir wollten tatsächlich mal heiraten - so ungefähr für zwei Stunden. Ach ja, Udo ist wirklich süß. Für ihn würde ich alles tun. Es ist einer meiner besten Freunde.

 

COCKTA!L Seit drei Jahren leben Sie mit dem Vater Ihres vierten Kindes zusammen. Wieso klappt ausgerechnet die Beziehung mit einem erst 24jährigen?

 

Nena Reife hat doch nichts mit Alter zu tun. Philipp ist der erste Mann, mit dem ich in einer Familie leben kann. Er übernimmt Verantwortung, und zusätzlich räumt er auch noch die Küche auf - mit so einem Mann muss ich einfach zusammenleben.

 

COCKTA!L Ihre neue Platte wurde mit einigem Aufwand produziert. Haben Sie eigentlich manchmal Angst, der hohen Erwartungshaltung nicht gerecht werden zu können?

 

Nena Ich verstehe auch nicht, warum so eine Produktion so viel Geld kosten muss. Aber ich muss mir jeden Zweifel verkneifen. Zweifel bringen einen doch nicht weiter. Ich gebe aber zu: Manchmal ertappe ich mich, wie ich kurz und trocken schlucke.