COCKTA!L im Gespräch mit Erich Böhme über Gäste, die an seiner Selbstbeherrschung zerren, Dinge, die ihm schwerfallen und die von ihm angekündigte Strauß-Biographie . "Erich Böhme hat mich versetzt", stelle ich angesäuert fest, nachdem ich eine Stunde umsonst auf den Eingang des vereinbarten Restaurants gestarrt habe. Natürlich, jemand, der Ewigkeiten Chefredakteur des "Spiegel" war, "Talk im Turm" moderierte und jetzt den "Grünen Salon" auf n-tv, hat sicher Wichtigeres zu tun - aber anrufen hätte er ja schon mal können! Das Lokal leert sich langsam. Gerade strebt ein Paar dem Ausgang zu, sie hat lange Haare, er gar keine, dafür aber eine gewisse Ähnlichkeit mit..., oh Gott, Erich Böhme! Die Erkenntnis, dass wir praktisch nebeneinander saßen, ich ihn im Profil nur nicht erkannt habe, setzt sich zum Glück in so dosierten Etappen durch, dass der Schock eben noch verkraftbar bleibt. Ich bezahle den Wein und galoppiere hinterher - zu spät. Immerhin entdecke ich so den Eingang zum "Grünen Salon" in der Berliner Volksbühne und reihe mich in die Schar verzückter Til-Schweiger-Fans ein. Kurz danach betritt Til Schweiger den Raum. Die Damen springen auf die Stühle und knipsen um ihr Leben. "Nun können wir eigentlich wieder gehen", brüllt eine durch den Raum. Den Rest der Sendung verbringen die meisten damit, einander mitzuteilen, wann sie glauben, gefilmt worden zu sein - was ununterbrochen der Fall ist. "Mögen Frauen den Teufel?" fragt Böhme, auf Schweigers neuesten Kinofilm Bezug nehmend. "Ich denke, ...", setzt Til an und wird sofort durch Musik unterbrochen. Werbepause. "Hat das Methode?" will er überrascht wissen. Mitmoderator Heinz Eggert klärt ihn auf: "Jedes Mal, wenn Sie anfangen zu denken, machen wir Musik." Nach der Sendung krieche ich auf die Dame mit den langen Haaren, die Pressesprecherin von ntv, zu: "Haben wir gerade eine Stunde im selben Restaurant gesessen?" - "Wenn Sie Frau Fonk sind..." - "Äh, nun, ja." - "Herr Böhme hat gesagt, er wäre zum ersten Mal in seinem Leben versetzt worden!" - Ich schrumpfe auf die Größe eines Hamsters und schlage mit dem Kopf rhythmisch an die grüne Wand. Die Pressesprecherin guckt mich besorgt an, flüstert mit Erich Böhme und gibt mir einen neuen Termin "morgen früh um zehn im Hotel". Die folgende Nacht ist eine Form von Buße.

 

Am nächsten Morgen warte ich pünktlich an der Rezeption. Ein Herr kommt mir entgegen. Diesmal erkenne ich ihn sofort. Herr Böhme bemüht sich um ein mildes Lächeln. Es gelingt fast. Während des Interviews erzählt er, dass die beiden auch den Kellner gebeten hätten, mich zu fragen, ob ich Frau Fonk sei - woraufhin der gesagt hat: "Nein, die Dame kommt öfter hierher..."

 

COCKTA!L Was ist das Ziel einer Talk-Show?

 

Erich Böhme Neugier zu befriedigen. Die Leute sollen bissl mit Problemen beschäftigt werden und ein bisschen mit Persönlichkeiten.

 

COCKTA!L Also reine Unterhaltung?

 

Erich Böhme Zur Hälfte ja. Als ich das angefangen habe vor jetzt neun Jahren, war ich mir darüber im Klaren, dass man mit dem einen Fuß im Zirkus steht, mit dem anderen Fuß aber versuchen muss, auf festem, seriösem Boden zu bleiben.

 

COCKTA!L Wird von Ihnen beim "Grünen Salon" weniger verlangt als bei "Talk im Turm"?

 

Erich Böhme Nein, nicht weniger. Die Leute, die Disputanten, übernahmen ja die Rolle der Fragenden und die Rolle derjenigen, die Widerworte geben. Ich war ja sozusagen nur ein Stellwerksmeister, der gucken muss, dass sie nicht alle aneinander vorbeireden, einschlafen oder handgreiflich werden. Beim "Grünen Salon" muss ich mir ja Gedanken machen, die Sache voranzutreiben.

 

COCKTA!L Haben Sie irgendein Moderatorenvorbild gehabt, als Sie angefangen haben?

 

Erich Böhme Nein. Im Gegenteil! Wir hatten ein Anti-Vorbild. Hauser und Kienzle beispielsweise, die nach festgelegten Rollen und Drehbuch agieren - wie heißt die Sendung noch? Frontal? Ich muss sagen, dies ist für mich tödlich langweilig, weil da nichts Improvisiertes drinsteckt.

 

COCKTA!L War Ihr Prolog gestern über Lafontaine völlig unvorbereitet?

 

Erich Böhme Also, bei einem Thema wie Lafontaine braucht ein politischer Journalist sich nicht vorzubereiten, das kann er singen. Schwieriger wird es bei Überraschungsgästen wie Til Schweiger gestern. Da waren wir nicht sicher: Schweigt er nun, oder redet er viel? Ist er originell oder nicht?

 

COCKTA!L Waren Sie zufrieden mit ihm?

 

Erich Böhme Ich war angenehm überrascht. Ich dachte, dass der stiller und etwas einfältiger ist. Aber der ist überhaupt nicht einfältig, das ist ein ganz witziger Kerl.

 

COCKTA!L Gibt es einen Moderator, dessen Fähigkeiten Sie bewundern?

 

Erich Böhme Ich kann ja sagen: Ich bin es. Aber Sie wollen ja einen anderen wissen. Natürlich der Jauch. Der hat eine sehr einfühlsame, aber manchmal auch sehr schnell zupackende Art. Der Jauch gefällt mir. Mir gefällt auch der Biolek. Der spielt immer den gekrümmten Wurm und bringt dadurch die Leute dazu, von sich und ihrer Eigenart zu erzählen.

 

COCKTA!L Ist das auch Ihre Taktik?

 

Erich Böhme Bei mir kommt das aus dem Bauch. Ob das eine Taktik ist, weiß ich nicht. Vor allem bin ich nicht der Kerl, der den Leuten zu schnell ins Wort fällt, weil ich denke, jeder soll seine Chance bekommen, sich selber zu entwickeln. Ich habe oft nicht eingegriffen, weil ich der Meinung war: Lass die Leute sich doch blamieren, lass sie laut schreien, lass sie übereinander herfallen. Auch das führt ja Menschen vor.

 

COCKTA!L Was fällt Ihnen schwer?

 

Erich Böhme Auch mal den Mund zu halten, auch mal zuzuhören. Man hat ja doch, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, so ein Bedürfnis, den Leuten mitzuteilen, was man selber denkt. Aber ein Moderator soll ja die anderen zum Reden bringen. Ich bin natürlich ein bisschen eitel.

 

COCKTA!L Gibt es eine bestimmte Art von Gästen, oder Menschen überhaupt, die an Ihrer Selbstbeherrschung zerren? Abgesehen von Journalisten, die nicht auftauchen...

 

Erich Böhme Beispielsweise Journalisten, die nicht auftauchen. Beispielsweise gnadenlose Selbstdarsteller. Ich habe bei "Talk im Turm" mal so einen jungen Mann gehabt, der die die Hose runtergelassen hat. Ich habe den Berger gehabt, den Schauspieler, der war besoffen. Ich habe manchmal Leute, die ein bisschen zuviel reden. Aber wenn einer wie Reich-Ranicki sich in den Vordergrund spielt, stört mich das nicht. Das ist in Ordnung. Schlimmer ist, wenn einer die Zähne nicht auseinander kriegt.

 

COCKTA!L Man sieht öfter augenscheinlich betrunkene Talkshow-Gäste. Warum wird einer wie Berger nicht vorher aussortiert?

 

Erich Böhme Aber woher denn! Das gehört halt dazu! Wenn der vorher einen trinkt, dann ist das ja sein Bier, seine Selbstdarstellung. Gut, reingetragen muss er nicht werden, das will ich nicht. Aber ich seh gar nicht ein, dass einer aussortiert werden soll, weil er sich Mut antrinkt.

 

COCKTA!L Aber das hängt ihm dann doch den Rest seines Lebens nach.

 

Erich Böhme Och, dem hängt ja viel nach. Der fällt ja gerne auf. Wenn er auf diese Weise auffällt, ist es ihm auch recht.

 

COCKTA!L Sind Journalisten die vierte Gewalt im Staat?

 

Erich Böhme Nein, das ist eine Erfindung von Journalisten selbst, die sich ein bisschen zu wichtig nehmen, und von Politikern, die die Journalisten gern unter Kontrolle hätten. Journalisten können keine Gewalt ausüben, sie können lediglich Tendenzen verstärken und Meinungen artikulieren.

 

COCKTA!L Das klingt mehr nach Pressesprecher, was Sie hier beschreiben.

 

Erich Böhme Ja, ich nehme mich nicht so wichtig. Ich habe keine Macht.

 

COCKTA!L Waren Sie derselben Meinung, als Sie beim "Spiegel" angefangen haben?

 

Erich Böhme Ja. Ich habe meinen Kollegen immer beigebracht, sich nicht zu überschätzen. Sehen Sie, der "Spiegel" hat in den Anfangsjahren von Kohl doch alles darangesetzt, Kohl runter zu schreiben. Und was ist gewesen? Kohl ist 16 Jahre geblieben. Also von wegen Einfluss und von wegen Dinge bewegen, da müssen wir uns sehr zurücknehmen.

 

COCKTA!L Was macht Ihre geplante Franz-Josef-Strauß-Biografie?

 

Erich Böhme Die wird nie geschrieben, und das ist gut so, denn keiner würde sie kaufen. Strauß ist schneller als wir alle erwartet haben im Orkus der Geschichte verschwunden. Ein paar unappetitliche Dinge von früher werden jetzt noch hoch gespült. Seine Freunderln blamieren sich nochmal alle ordentlich, aber die tagespolitische Leistung des Politikers Strauß ist untergegangen wie nichts.

 

COCKTA!L Mochten Sie Strauß?

 

Erich Böhme Ja, komischerweise. Wir - der "Spiegel" meine ich mit wir - haben uns immer mit ihm gestritten, aber er war ein Vollblutpolitiker, mit dem man gut umgehen konnte.

 

COCKTA!L Es ist jetzt zehn Jahre her, seit Sie beim "Spiegel" aufgehört haben. Vermissen Sie etwas?

 

Erich Böhme Ich vermisse heute etwas am "Spiegel". Er ist mir nicht politisch genug. Aber ich vermisse den "Spiegel" nicht. Ich habe ihn abgenabelt.

 

COCKTA!L Haben die langen Jahre beim "Spiegel" Sie als Mensch verändert?

 

Erich Böhme Aber sicher. Ich habe ja immer gesagt, die 17 Jahre als Chefredakteur des "Spiegel" sind wie 34 Lebensjahre. Ich bin sehr viel duldsamer geworden, lasse die Meinung anderer zu. Ich habe gemerkt, dass es eine ganze Reihe anderer Leute gibt, die auch vernünftige Meinungen haben - selbst wenn sie der meinen entgegengesetzt sind. Die Toleranz ist bei mir gewachsen durch die "Spiegel"-Zeit.

 

COCKTA!L Sie haben mal gesagt, dass man sich oft nur mit unwichtigen Dingen beschäftige, die wichtigen würden liegenbleiben. Was liegt denn da bei Ihnen? Grass?

 

Erich Böhme Ja, der auch. Je bedeutender und dicker die Bücher sind, desto mehr schiebt man sie vor sich her. Man liest den kleinen Dreck, der am Tag so anfällt, zieht das andere auf den Abend, und am Abend hat man dann auch keine Zeit, dann schiebt man es aufs Wochenende, dann auf die Ferien, und schließlich bleibt ein großer Berg ungelesener Bücher, unbewältigter Dinge, die einem dann zum Schluss auf den Sarg geworfen werden. Aber dann kann ich es auch ertragen, dann bin ich ja tot.

 

COCKTA!L Gönnen Sie Grass den Nobelpreis?

 

Erich Böhme Aber natürlich, der hätte ihn längst haben müssen. Der Nobelpreis wird von einer wunderbaren Akademie verschlafener Professoren verliehen, die hinter ihrer Zeit herhängen. Die sind so dämlich, immer nur Auszeichnung für Leistungen zu vergeben, die 20, 30 Jahre zurückliegen.

 

COCKTA!L Sie meinen also, er hat ihn für die Blechtrommel erhalten.

 

Erich Böhme Ja, natürlich. Na gut, nun kann man heute nicht sagen, es ist nur für die Blechtrommel, weil man dann besonders dämlich dasteht, da muss man dann sagen: für das Lebenswerk.