Am 4. und 5. Februar tritt Udo Jürgens in der Braunschweiger Stadthalle auf. Lars Dobbertin sprach mit ihm im Vorfeld über Größenwahn, Minderwertigkeitskomplexe und die Eroberung schöner Frauen. Udo Jürgens (62) ist PR-Profi. Keine Zeitung, die nicht die Chance gehabt hätte, ihn vor seiner Tournee zu interviewen. Zu manchen Zeitungen kam er sogar selbst ins Pressehaus. Zur Begrüßung des COCKTA!L-Teams springt er elanvoll auf, lacht freundlich und macht glaubhaft, dass seine markante Nase tatsächlich einen Riecher für schöne Frauen hat - die blonde Fotografin (23) wird von ihm während des Gesprächs nicht aus den Augen gelassen ("Sie haben wirklich wundervolle Grübchen"). COCKTA!L-Autor Lars Dobbertin nahm es gelassen: Er wurde von Jürgens nach Zürich zu einer Spritztour in dessen schwarzem Bentley eingeladen!

 

COCKTA!L In der Schule galten Sie als schwächlich und waren dem Gespött Ihrer Mitschüler ausgesetzt. Verdanken Sie Ihren steilen Aufstieg auch einem Minderwertigkeitskomplex?

 

Udo Jürgens Meine große Karriere habe ich sicher einem außergewöhnlichen Talent zu verdanken, das muss ich ganz unbescheiden sagen. Ich bin wirklich sehr begabt. Das war ausschlaggebend.

 

COCKTA!L Und Ihr Komplex?

 

Udo Jürgens Sicher hat auch er eine Rolle gespielt. Ich war in meiner Jugend schwächlich und kränklich. Man hat über mich geschmunzelt, gelacht und mich gehänselt. Aber immer, wenn ich mich an mein Klavier gesetzt habe, konnte ich sie alle ausstechen. Sobald irgendein Schülerball anstand, haben die Mädchen nur noch auf mich geguckt. Ich habe gemerkt, dass das Klavier eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen könnte. So ist es dann ja tatsächlich gekommen.

 

COCKTA!L Heute gelten Sie als Musiker mit Tiefgang und politischer Ambition. Auf der anderen Seite genießen Sie Ihren Luxus sehr ausschweifend. Sehen Sie darin keinen Widerspruch?

 

Udo Jürgens Ich bin ein Schöngeist. Ich kann einfach dem Charme eines Bentley nicht widerstehen und kaufe ihn. Einen Bentley zu fahren, ist natürlich unvernünftig und sinnlos, man findet ja nicht einmal einen Parkplatz mit so einem Ungetüm. Allerdings habe ich festgestellt, dass es mir am meisten Spaß macht, Geld für sinnlose Sachen auszugeben. Das hat doch aber nichts damit zu tun, dass ich nicht auch soziales Engagement in mir verspüre.

 

COCKTA!L 1996 erleben Ihre Lieder eine Renaissance bei Jugendlichen. Was haben Sie der Jugend von heute eigentlich zu sagen?

 

Udo Jürgens Ich bin für die zu einer Kultfigur geworden. Früher musste man ja die Jürgens-Platten hinter denen von Phil Collins verstecken. Nun ist es umgekehrt: Wer heute meine neueste Scheibe kauft, ist hip.

 

COCKTA!L Warum das denn?

 

Udo Jürgens Früher hatte Tanzmusik die Funktion, die Leute zusammenzuführen. Händchen halten, tiefe Blicke in die Augen. Dinge, die junge Menschen heute ganz extrem brauchen. Nichts gegen Techno. Aber die Glückseligkeit eines Technofreaks besteht doch darin, vor einem Spiegel mit sich selbst zu tanzen. Furchtbar! Keine Verabredung zu einem Rendezvous oder sogar die kesse Frage, wohin es später noch geht. Durch das große Vakuum an Gefühlen ist die Nostalgie zu meinen Liedern so enorm groß.

 

COCKTA!L Sie haben über 60 Millionen Platten verkauft, genießen Reichtum und unglaubliche Popularität. Was hat Udo Jürgens Bockelmann aus Kärnten eigentlich davor bewahrt, total größenwahnsinnig zu werden?

 

Udo Jürgens Meine Erziehung. Ich stamme aus einer soliden, aufrichtigen und grundehrlichen Familie, in der Großkotzigkeit als undenkbar galt. Eine Familie, die Menschen hervorgebracht hat, die taugen, eine Nation zu führen. Größenwahn ist etwas für neureiche Primitivlinge, die ihren Wohlstand zur Schau stellen müssen. Nichts für einen Bockelmann. Ich bin glücklich darüber, dass man mich mit Kultur erzogen hat.

 

COCKTA!L Früher, sagten Sie, waren Sie, was Frauen betrifft, ein Lumpenhund. Jetzt nicht mehr?

 

Udo Jürgens In jungen Jahren bin ich mit Gefühlen sehr rücksichtslos umgegangen. Ich habe aber nie eine Frau verladen oder gedrängt, mit mir etwas zu erleben, wenn die das nicht wollte. Zweifellos habe ich mir früher nicht all zu viele Gedanken über den Seelenzustand einer Frau gemacht. In dieser Beziehung habe ich enorm dazugelernt, glauben Sie mir.

 

COCKTA!L Und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

 

Udo Jürgens Ich lebe allein und bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Aber ich halte es für möglich, dass ich im Alter nicht allein sein möchte. Nur, wenn es losgeht mit endlosen Diskussionen um einen Zettel in der Manteltasche, auf dem irgendeine Telefonnummer steht, wird man auf mich verzichten müssen. Solche Diskussionen dulde ich nicht mehr. Nicht mit mir.

 

COCKTA!L Was bekommen Sie eigentlich schneller hin: die Eroberung einer Frau oder eine anständige Komposition auf dem Klavier?

 

Udo Jürgens Eine anständige Komposition auf dem Klavier! Den Verführer gibt es doch gar nicht. Und wenn, dann muss es ein Schuft sein. Ich glaube, dass das Signal für eine Beziehung immer von der Frau ausgeht. Ihr Blick, ihr Händedruck. Kommt da nichts, kann man sich ein Bein ausreißen und wird doch keinen Erfolg haben. Ein Verführer bin ich nicht. Aber ich halte mich für extrem verführbar!

 

COCKTA!L Auf dem Cover Ihrer aktuellen CD posieren Sie auf einem großen Reisekoffer - ein Symbol für Aufbruch, Rastlosigkeit und Abenteuerlust. Wonach suchen Sie eigentlich?

 

Udo Jürgens Meine Gefühle sind undefinierbar. Ich weiß nicht, ob ich eines Tages den Frieden finde. Alles ist offen und soll auch noch eine Weile offen bleiben. Ich lebe wie aus einem offenen Koffer, bin ständig auf dem Sprung. Meine Leben ist eine einzige Rastlosigkeit. Ich kann die Frage nicht präzise beantworten...