Hellmuth Karasek über sprachlos machende Bücher, seine Feigheit als Kritiker und Kinoszenen, die ihn besonders fasziniert haben.Manche sagen, Dr. Hellmuth Karasek sehe aus wie ein ungemachtes Bett. Andere meinen, er wäre der ideale deutsche Columbo. Auf jeden Fall studierte der 61jährige Germanistik, Geschichte und Anglistik, schrieb drei Theaterstücke und ein Buch über Billy Wilder, hat eine Professur am Theaterwissenschaftlichen Institut der Uni Hamburg und schreibt seit 1974 nach Redakteurstätigkeit bei der Stuttgarter Zeitung und der Zeit geistreiche, unterhaltsame Kritiken im Kulturressort des Spiegel. Und seine hübsche Tochter Laura (Karasek: "Bei Lauras ersten Freund werde ich sehr eifersüchtig sein, aber ich werde versuchen, mich zu beherrschen"), die er öfter von Freunden abholt, der er öfter Teddybären schenkt und für die er "so ziemlich alles" macht (Laura), sagt in der Bunten über ihn: "Papi ist Freund und Autoritätsperson in einem. Ich hab ihn sehr lieb, und er ist sehr lieb zu mir. Nur manchmal ist er zu laut und ziemlich dickköpfig. Dann beschimpfen wir uns, und manchmal knallen auch die Türen. Zumindest meine."

 

COCKTA!L Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass Bücher Sie immobil machten. Heißt das, dass Sie gar nicht mehr rausgehen wollen aus Angst, irgendein wichtiges Buch zu verpassen?

 

Hellmuth Karasek Nein, nein, überhaupt nicht. Die Übersicht im Literaturgeschehen kann man sowieso nicht behalten. Da muss man sich Schwerpunkte suchen. Ich weiß zum Beispiel relativ wenig über romanische Literatur und relativ mehr über angelsächsische und deutsche - von slawischer ganz zu schweigen. Mit immobil meine ich nur, dass ich nicht umziehen kann. Ich nehme an, dass ich jetzt zwischen 7.000 und 8.000 Büchern habe, und da kann ich nur noch mit den Füßen nach vorn rausgetragen umziehen.

 

COCKTA!L Wie oft kommt es da denn vor, dass Sie für ein Buch keine Worte finden?

 

Hellmuth Karasek Das hatte ich ziemlich oft - zum Beispiel bei Nabokovs "Lolita". Oder bei Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Zum Glück habe ich auch die meisten Kafka-Bücher nicht besprechen müssen. Das hätte ich nicht können.

 

COCKTA!L Sie sagen über sich, dass Sie ein feiger Kritiker sind. Meinen Sie damit, dass sie am Schreibtisch hart rangehen, aber wenn Sie den Schriftsteller treffen eher freundlich sind?

 

Hellmuth Karasek Ja, genauso ist das gemeint. Ich brauche immer eine Überwindung, um zu sagen: Ach, es muss sein. Dann sagt man sich: Ach Gott, wenn du ihn das nächste Mal triffst. Ich bin natürlich in Frankfurt dem Grass sicher aus dem Weg gegangen. Ich wollte ihn nicht durch Zufall treffen. Das ist ja nur unangenehm. Aber auf der Buchmesse ist es natürlich unumgänglich, Schriftsteller zu treffen, die man schlecht besprochen hat. Manche reagieren sehr nobel und sehr großzügig. Am schönsten war eigentlich Siegfried Lenz: Da habe ich mal einen ziemlich frechen Verriss geschrieben, und er hat sich mit mir so freundlich unterhalten, als ob überhaupt nichts wäre. Da habe ich mich dann ein bisschen geniert nachher.

 

COCKTA!L Mit welchen Autoren sind Sie denn befreundet?

 

Hellmuth Karasek Ich denke, dass ich mit Martin Walser eigentlich befreundet bin. Wenn ich sehe, dass ich ein Buch von ihm schlecht besprechen müsste, dann gebe ich das lieber jemand anderem. Eine Zeitlang war ich auch mit Peter Handke ziemlich gut bekannt. Aber eine richtige Freundschaft zwischen Kritiker und Autor vermeidet man eigentlich.

 

COCKTA!LGibt es in der Literaturszene eigentlich Bestechungsversuche? Riesengeschenke zu dem neuen Buch dazu oder so?

 

Hellmuth Karasek Nein, das kommt in der Literaturszene nicht vor. Leider nicht. Auch die hübschen Autorinnen legen sich nicht auf den Schreibtisch.

 

COCKTA!L A propos Literaturszene. Siezen Sie sich eigentlich wirklich mit Herrn Reich-Ranicki?

 

Hellmuth Karasek Wir duzen uns jetzt, nachdem wir uns lange gesiezt haben. Aber fürs Fernsehen sind wir beim Sie geblieben. Wenn sich im Fernsehen zwei duzen, dann habe ich immer den Eindruck, das Gespräch ist gar nicht für mich gemeint, die wollen unter sich bleiben.

 

COCKTA!L Beim Literarischen Quartett sollen Sie ja spontan formulieren. Sprechen Sie denn da viele Sätze, von denen Sie noch gar nicht wissen, wie sie enden werden?

 

Hellmuth Karasek Den Inhalt weiß ich immer, bevor ich spreche. Ich weiß auch beim Schreiben manchmal nur den Inhalt und nicht, wie die Sätze enden werden. Leider habe ich jetzt kein Buch mit, das ich im Literarischen Quartett benutze. Das ist hinten voll mit Notizen und Formulierungen.

 

COCKTA!L Aber Reich-Ranicki sagt doch, das ist verboten.

 

Hellmuth Karasek Ja, sagt er. Aber dann lese ich trotzdem vor. Dann schlägt er die Hände überm Kopf und sagt: Um Gotteswillen, jetzt liest er uns wieder was vor (schmunzelt). Die erste Frage nach Lesungen aus meinem Kino-Buch ist übrigens in der Regel: Was sagt denn Reich-Ranicki zu dem Buch?

 

COCKTA!L In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihnen der College-Hochmut zunächst verstellt hat, dass "Der Weiße Hai" ein Meisterwerk ist. Später hätten Sie gemerkt, dass Ihnen vor allem im Mainstream-Kino die Augen auf- oder übergingen. Wer steht denn ganz oben bei Ihren Lieblingsfilmen?

 

Hellmuth Karasek Ganz oben steht "Manche mögen´s heiß", dann "To be or not to be" von Lubitsch, Buster Keatons "General" und "Der Dritte Mann".

 

COCKTA!L Und was für Szenen sind Ihnen vor allem in Erinnerung geblieben?

 

Hellmuth Karasek Was mich fasziniert, ist zum Beispiel die manipulative Kraft, die von der Szene in "Psycho" ausgeht, in der der Motelbesitzer Bates die unter der Dusche umgebrachte Tote in ihrem Auto in einen Sumpf gleiten lässt. Da droht das Auto, einen Augenblick lang nicht weiter zu sinken, die Musik setzt aus, und das Publikum hält mit Perkins komplizenhaft den Atem an - läuft also einen kurzen Moment lang zum Mörder über. Faszinierend ist auch die Hitchcock-Szene, in der ein kleiner Junge ein Paket mit einer Bombe herumträgt. Der Zuschauer ist Voyeur, sieht, wie der Junge auf dem Rummel trödelt und in eine Straßenbahn einsteigt, aber kann nichts ändern. Und dann geht die Bombe tatsächlich hoch. Für diese Szene ist Hitchcock ja von einer Frau mit dem Regenschirm verprügelt worden. Gern erinnere ich mich auch an eine Szene in Buster Keatons "General", wo er als Lokomotivführer, knapp an Holz, einen Scheit vor dem Vorheizen wegwirft, weil der ein Loch hat.

 

COCKTA!L Beschäftigen Sie sich eigentlich auch mit Fehlern in Filmen?

 

Hellmuth Karasek In Hitchcocks absolutem Meisterwerk "Vertigo", in dem ein Polizist an Höhenangst leidet, wird zum Beispiel eine längst Ermordete vom Turm geworfen, die alle für die todessehnsüchtige Frau halten, die auf den Turm gestiegen ist. Und niemand kommt auf die Idee, die Tote zu untersuchen. Das ist sehr unlogisch. Und in "Othello" hört man von einem Betrug, aber es war gar keine Zeit, in der er möglich gewesen wäre. Aber so was fällt einem während des Films gar nicht auf. Ich gebe mich im Kino ganz hin. Ich weine auch sehr oft bei Filmen. Wenn meine Frau dabei ist, dann tue ich immer so, als hätte ich Schnupfen.

 

COCKTA!L Das Dunkel im Kino, schreiben Sie in Ihrem Buch, war auch die Schule der Annäherung in der Pubertät. In der Preview von Ninotchka 1939 hätte ein Besucher auf seine Fragebogenkarte geschrieben: "Der Film war so komisch, dass ich in die Hand meiner Freundin gepinkelt habe."

 

Hellmuth Karasek (lacht) Bei einer anderen Preview stand auf einer Karte "An einer Stelle war der Hosenstall offen", und dann wurde wegen der Zensur stundenlang der Film mit der Lupe durchgesucht, bis sich herausstellte, dass die Karte der Racheakt einer ehemaligen Geliebten des Regisseurs gewesen war. Um die Zensur zu überlisten, ist übrigens auch der längste Kuss der Filmgeschichte entstanden - in Hitchcocks "Notorious" ("Berüchtigt"): Während Cary Grant und Ingrid Bergman da unersättlich aneinander herumschnäbeln, unterhalten sie sich über das Abendessen, das Kochen und den Abwasch, und Cary Grant telefoniert sogar - überall, wo die Zensur formal eingeschritten wäre. Was man früher in Filmen für Symbole fand, um zurückliegende Liebesnächte zu symbolisieren - zum Beispiel Haarnadeln, die das Zimmermädchen im Bett findet oder eine Frau, die dem Mann morgens verliebt zuguckt, wie er ein Ei isst -, ist übrigens auch sehr interessant. Das wäre ein abendfüllendes Thema für sich.