Seine Erinnerungen an den Nationalsozialismus, die ungewöhnliche Ausstattung seines Arbeitszimmers und den Grund, warum er keine Liebesbriefe mehr schreibt. "Ah, die Kinder von gestern Abend", begrüßt uns Ephraim Kishon, als wir ihn treffen. Am Abend zuvor hatten wir uns bereits bei ihm vorgestellt - nachdem er in einem Talk Sätze gesagt hatte wie: "Ich habe nie eine Biographie geschrieben, weil mein Leiden nicht wichtig war." Oder, auf die Frage, warum er nicht in Hollywood lebe: "Ein Drittel der Menschen sind drogenabhängig, ein Drittel sind Alkoholiker, und ein Drittel hat sich noch nicht entschieden." Im Interview wirkt der Satiriker in sich ruhend und weise - jemand, dem man nichts vormachen kann. Nachdem der offizielle Teil beendet ist, bleibt er noch fast eine halbe Stunde sitzen und erzählt gelassen von seiner Jugend und der Familie.

 

COCKTA!L Wie gefällt Ihnen Braunschweig?

 

Ephraim Kishon Ehrlich gesagt: Ich bin in der Dunkelheit gekommen und habe nicht viel von Braunschweig gesehen. Ich war aber schon einige Male hier und habe Vorträge für Bertelsmann gehalten. Aber ich war schon an so vielen Orten, dass ich oft keine Erinnerung mehr habe. In einer anderen Stadt bin ich in eine schöne Buchhandlung gekommen und sagte: "So etwas Wunderschönes habe ich noch nie gesehen", woraufhin der Besitzer mir erwiderte, dass ich zum dritten Mal hier sei.

 

COCKTA!L Sie haben für eine Zeit in Berlin gelebt?

 

Ephraim Kishon Also, ich war vier Mal in Berlin. Ich habe dort zwei Theaterstücke inszeniert und auch zwei Filme gedreht und dann immer für ein paar Monate dort gelebt. Als die Mauer noch stand, war Berlin noch interessant. Seit die Mauer nicht mehr da ist, ist es eine Metropole wie jede andere.

 

COCKTA!L Wieso war Berlin mit Mauer interessanter?

 

Ephraim Kishon Es war Israel sehr ähnlich: Als die Mauer noch da war, standen sich zwei Todfeinde gegenüber. Nach dem Motto: Wir leben heute, aber wissen nicht, was morgen passiert.

 

COCKTA!L In was für einer Stimmung müssen Sie sich befinden, um zu schreiben? Oder geht das in jeder Stimmung?

 

Ephraim Kishon Ja, eigentlich schon, das unterscheidet einen Profi von den Amateuren. Ein Amateur kann schreiben, wenn er inspiriert ist. Ein Profi hingegen kann immer schreiben.

 

COCKTA!L Und was für eine Atmosphäre brauchen Sie dann?

 

Ephraim Kishon Nur totale Isolation. Das heißt, jedes Geräusch stört mich, jeder in der Umgebung stört mich. Darum kann ich nicht in Kaffeehäusern schreiben. Die zweite Etage unseres Hauses in Tel Aviv ist komplett für das Schreiben reserviert. Mein Arbeitszimmer ist nicht nur von der Außenwelt abgeschlossen, sondern auch schalldicht isoliert. Es gibt sogar eine eigene Küche und einen Schlafbereich.

 

COCKTA!L Hatten Sie jemals vor, mit dem Schreiben aufzuhören?

 

Ephraim Kishon Ja, das ist wirklich krankhaft von mir.

 

COCKTA!L Was veranlasst Sie dazu zu schreiben?

 

Ephraim Kishon Meine Verlegerin. Sie ist blond, aber sie leitet ein Imperium, sie führt ja nur 28 Verlagshäuser. Und ihr Hobby ist es, mit mir zusammen meine Bücher zu schreiben, da mein Deutsch noch immer nicht so gut ist. Und jedes Jahr gehen wir auf eine solche Tournee, um den Buchhandlungen zu helfen und uns zu ruinieren.

 

COCKTA!L Wieso möchten Sie manchmal aufhören mit dem Schreiben?

 

Ephraim Kishon Das ist fast richtig, dass ich manchmal aufhören will, ich habe nie Lust.

 

COCKTA!L Das glaube ich Ihnen nicht.

 

Ephraim Kishon Ich sage Ihnen etwas. Diesen Vorschlag habe ich schon gestern auf eine ähnliche Frage gemacht: Versuchen Sie, mein großes Buch "Alles Satire" abzuschreiben, und danach sprechen wir darüber, ob Schreiben ein so großes Vergnügen ist.

 

COCKTA!L Haben Sie ein Lieblingsbuch?

 

Ephraim Kishon Von meinen eigenen? Das ist keine feine Frage! Das ist wie die Frage: Welches Kind haben sie am liebsten?! Aber Antwort muss sein: Ich habe sie alle gerne, alle sind meine Kinder. Aber es gibt einige Bücher, die ich wegen des Themas lieber habe. Zum Beispiel "Arche Noah" und "Mein Kamm", das ist mein Leben, da ist nichts zu lachen, das ist meine Autobiographie. Mein Lieblingsbuch ist aber "Picassos süße Rache", das ist über moderne Kunstgeschichte. Lesen Sie es. Danach kann man keine moderne Kunst angucken, ohne vor Lachen zu brüllen.

 

COCKTA!L Wann haben Sie Ihren letzten Liebesbrief geschrieben?

 

Ephraim Kishon Zu einer Verlegerin vor ungefähr 25 Jahren. Und danach wollte mich die Dame mit diesem Liebesbrief erpressen. Deswegen habe ich aufgehört, Liebesbriefe zu schreiben.

 

COCKTA!L Welcher Satz darin bringt jede Frau zum Schmelzen?

 

Ephraim Kishon Das ist wohl der Satz "Willst du mich heiraten?" Aber ich bin ja bereits mit der besten Ehefrau der Welt verheiratet.

 

COCKTA!L Schreiben Sie eigentlich auch Tagebuch?

 

Ephraim Kishon Nein, das ist für mich Zeitverlust. Ich glaube auch, dass mein Tag nicht so interessant ist, reinzuschreiben: Heute morgen habe ich Torsten und Yasmin ein Interview gegeben. Was ist da so interessant? Nein, ich schreibe kein Tagebuch, aber ich habe einige solche Hefte, wo ich wichtige Sachen aufschreibe mit Datum, so dass ich rekonstruieren kann, was geschehen ist, weil ich ein außerordentliches visuelles Gedächtnis habe. Ich weiß, dass ich vor 20 Jahren auf ein Blatt oben links über meine Gesundheit geschrieben habe. So etwas schreibe ich nicht, wie dieser wunderbare Mann, der Klemperer, er hat unter diesen Umständen so etwas aufgeschrieben. Klemperer war ein verfolgter Jude und Professor der Germanistik, bis man entschieden hat, dass er kein Deutscher ist. Dann hat man ihn zum Tode verurteilt. Und er hat jeden Tag Tagebuch geschrieben.

 

COCKTA!L Wie haben Sie es geschafft, dem KZ zu entfliehen?

 

Ephraim Kishon Wissen Sie, jedes Land, das die Deutschen erobert haben, haben sie den Nazis übergeben. Die haben uns ausgeliefert. Eichman war der große Henker, und obwohl der Krieg schon verloren war, hat er 700.000 ungarische Juden zum Tode verurteilt und an Vernichtungslager ausgeliefert. Das war deren einzige Sorge. Ich war auf dem Weg, nicht nach Ausschwitz, sondern nach Sobibór. Aber ich bin über die polnische Grenze geflohen, obwohl ich nicht wusste, dass wir auf dem Weg zum Vernichtungslager waren. Wir waren in die Irre geführt worden: Denn uns wurde bis zum letzten Tag ein Briefwechsel ermöglicht. Das heißt, wir haben Briefe geschrieben und bekommen. So haben sie uns dazu gebracht, dass wir glaubten, sie wollen uns nur arbeiten lassen. Wir waren etwa 220 junge Budapester, und davon sind drei am Leben geblieben. Alle anderen wurden vernichtet. Ich bin geflohen, das ist eine sehr lange Geschichte, und das Fliehen war nicht so schwer, aber dann ging der Krieg noch lange Zeit weiter. Das Problem waren nicht die Nazis, sondern die ganze Bevölkerung. Sie hat nichts anderes beschäftigt, als versteckte Juden zu finden: Die haben sie ausgeraubt und wollten nicht, dass sie am Leben bleiben.

 

COCKTA!L Es waren bestimmt nur ganz wenige, die Juden versteckt haben?

 

Ephraim Kishon Ich wurde von einem Ungarn, einem Nachbarn, versteckt. Er war gar nicht deutscher Abstammung. Er hat es für natürlich befunden, seinen Nachbarn zu retten - aus menschlichen Gründen und nicht aus ideologischen. Dieser Mann lebt noch immer, und wir haben engen Kontakt. Er hat sogar eine Auszeichnung vom israelischen Staat erhalten.

 

COCKTA!L Haben Sie schon mal Drohbriefe von Rechtsradikalen bekommen?

 

Ephraim Kishon Manchmal bekomme ich Briefe, wo "Du Judensau" oder so drin steht, aber sehr selten. Viel mehr Post bekomme ich von der sympathischen Seite. Die Relation ist da etwa 1:100.000. Ich habe sehr viele deutsche Freunde und Freundinnen. Und mit der jüngeren Generation habe ich da gar keine Probleme. Sie sind nicht verantwortlich für ihre Großeltern.

 

COCKTA!L Gibt es Bilder oder Gerüche, die Sie an die Nazi-Zeit erinnern?

 

Ephraim Kishon Ja, das gibt es, aber es sind keine Bilder oder Gerüche. "Schindlers Liste" oder die Serie über Klemperer erschüttern mich. Ich sehe mich selbst. Und immer wieder stelle ich diese unglaubliche Gemeinheit fest. Wissen Sie, "Mein Kamm" ist eine politische Bewegung gegen Glatzköpfige - aber ich habe es auch gestern gesagt: In Dresden hat man befohlen, den jüdischen Bürgern in den Ghettos ihre Kämme und Haarbürsten wegzunehmen. Warum? Erniedrigung, sadistisches Vergnügen! Die beste Möglichkeit, jemanden zu erniedrigen, ist Ausrauben, Demütigen oder Töten... Mein Verhältnis zu den Nazis ist tödlicher Hass.

 

COCKTA!L Sie haben mal gesagt, dass Sie erst gemerkt haben, dass Sie Jude sind, als der Krieg los ging. Sind Sie nach den Erlebnissen religiös geworden?

 

Ephraim Kishon Meine Liebe: Niemand kann religiös sein, der den Holocaust überlebt hat. Wer danach noch glaubt, dass wir das ausgewählte Volk sind und der Allmächtige uns beschützt.... Da kann ich nur sagen, das ist der beste Witz, den ich gehört habe. Ich bin gar nicht religiös. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich denke, das Universum und diese Welt, wo ich lebe und unser eigener Körper und Geburt oder Sterben und all diese mysteriösen Sachen kann ich nicht verstehen und kann es nicht formen, weil ich nicht weiß, warum oder wofür. Ich bin überwältigt von dieser mysteriösen Ordnung, die in unserem Universum herrscht. Wir sind nur ein kleiner Teil davon, und wenn ich sage klein, dann ist es schon geschmeichelt. Wir sind weniger als ein Sandkorn des Ganzen. Auch Galileo hat es gesagt, aber als ihn seine Schüler fragten, wie viele Sterne es gibt, da hat er sie zum Strand mitgenommen. Dort gibt es unendlich viel Sand, aber Sterne gibt es mehr. Also sollten wir uns nicht einbilden, wir wären der Mittelpunkt des Universums.

 

COCKTA!L Was bringt Sie zum Lachen?

 

Ephraim Kishon Was Sie zum Lachen bringt. Ich bin ganz normal in dieser Beziehung. Es ist so zu verstehen, dass es meine Profession ist und nicht mein Charakter. Ich bin das Gegenteil von dem, was man einen Witzbold nennt. Ich will nicht immer beweisen, dass ich Sinn für Humor habe, weil ich es schon bewiesen habe. Manchmal, wenn man mich fragt, warum, wie und wo, da antworte ich: Sie würden nie einen Gynäkologen fragen: Sind sie auch im Privatleben ein Gynäkologe?

 

COCKTA!L Was muss passieren, damit Sie richtig sauer werden?

 

Ephraim Kishon Was wirklich meine Ruhe vertreibt, ist menschliche Dummheit! Ich habe vor ein paar Tagen schon mal zu jemandem gesagt, dass ich mehr Gemeinheiten ertrage als er. So was kommt zum Beispiel dann in der Presse vor: Dass ein Interview, das ich nicht gegeben habe, erscheint, wo der gute Interviewer schreibt, was er glaubt, was ich geantwortet haben könnte. So was passiert oft in Zeitungen wie der "Bild".

 

COCKTA!L Was machen sie in diesem Jahr zu Silvester? Bzw.: Gibt es Silvester in Israel überhaupt?

 

Ephraim Kishon Ja, Silvester wird in Israel gefeiert, aber nur, weil die ganze Welt feiert. Das israelische Jahr endet jedes Jahr zu einem anderen Zeitpunkt, weil das jüdische Jahr von dem Mond abhängig ist und nicht von der Sonne. Und ein Monat ist nur 27 Tage lang, wie der Periodenzyklus der Frau. Silvester hingegen feiert man, weil es sich nicht vermeiden lässt, dass man ein Teil dieser Welt ist. Ich werde in Israel sein und feiere mit meiner Familie, meiner Dynastie. ich habe drei Kinder, alle sind verheiratet und ich habe Enkelkinder. Es ist also ein ganzer Clan. Obwohl ich in Ungarn zu Silvester eine Premiere habe, gehe ich nicht hin: Meine Frau hat mir verboten, so viel im Ausland zu sein...