Christoph Schlingensief fährt Silvester nach Namibia, um Deutschland auszugraben. Kurz vorher sprach Andrea Fonk mit ihm über private Selbstzweifel, den Grund, warum er seine besten Freunde verloren hat, über die Schnecke, die der Igel der Neuzeit ist und vieles mehr. Schlingensief spinnt. Schlingensief ist genial. Schlingensief ist überall. Schlingensief über alles. Das Internet spuckt über 1000 Websites zu seinem Namen aus. Die Medien verurteilen ihn als mediengeil und können nicht genug von ihm kriegen. Ist er nun ein armer Irrer, der die 68er nachspielt und uns alle von vorne bis hinten verarscht? Oder versteckt sich hinter seinen kryptischen Tiraden eine klarsichtige Erkenntnis über die Entwicklung der Menschheit - so tiefsinnig, dass man einfach zu blöd ist, sie zu kapieren? Sein Wuschellook und harmloser Charme helfen auch nicht weiter. Nur eines ist sicher: Er möchte ernst genommen werden. Aber was will er uns eigentlich sagen? Dass der Mensch eine Kreuzigung durchleben muss, um zur Erlösung zu gelangen? Katharsis durch Katastrophe? Herausforderung zum Handeln durch Lücken und Fehler? Die Schnecke ist der Igel der Neuzeit? Nix verstehen? Vielleicht, weil wir alle gerade von ihm vor der amerikanischen Freiheitsstatue versenkt wurden: Als Jude verkleidet fuhr er auf einer Fähre nach New York und versenkte eine Urne mit Damenbinde, Kerzenhalter etc. (symbolisch für Deutschland). Silvester wird Deutschland dann hoffentlich von ihm wieder ausgegraben - in Namibia, wo die Urne unter der Erde hin gewandert ist. Das kostet Geld, und deswegen legt Schlingensief an einem Novemberabend im Hamburger Club La Cage für den Internetbuchhändler Amazon Platten auf. Während im Hintergrund aufdringlich einfallslose Amazon-Werbespots laufen, beschreibt er, welches Lied er nach einer Blinddarmoperation hörte und zu welcher Platte seine Mutter zu seinem großen Erstaunen wild im Wohnzimmer rumtanzte. Dazwischen wirft er würzige Parolen unters Volk. Spät nachts steht er backstage für ein paar Fragen zur Verfügung - weniger ein Interview als der Versuch, Schlingensiefs spärliche Atempausen zu nutzen.

 

COCKTA!L Wie kommst Du dazu, DJ für Amazon zu spielen?

 

Christoph Schlingensief Amazon ist Oberfläche, und ich kann an der Oberfläche teilnehmen. Ich weiß, was Oberfläche ist, vom Fernsehen, Film und Theater. Denken tue ich woanders, das geht aber vielen Leuten so: Die Leute denken woanders. In sieben Jahren wird das Gesellschaftssystem komplett verändert sein, absolut.

 

COCKTA!L Wie sieht es dann aus?

 

Christoph Schlingensief Es wird nicht funktionieren. 2030 zum Beispiel gibt es nicht genug Geld, das ist einfach nachrechenbar. Da gibt es auch zu viel Menschen, da muss man schon mal ein paar dezimieren und sich irgendwas einfallen lassen. Zum Mond schicken klappt auch nicht. Aber diese sieben Jahre sind eine Zeitspanne, in der sich tatsächlich ins Bewusstsein das reinschrauben wird, was jetzt mit der Vodafone, mit dem Angriff, zum ersten Mal richtig öffentlich nachvollziehbar in Ansätzen passiert. Der Klein- Aktionär wird merken, dass er letzten Endes nur Spielball ist.

 

COCKTA!L Wieso glaubst Du, dass er es noch nicht kapiert hat?

 

Christoph Schlingensief Er kauft immer noch Aktien

 

COCKTA!L Er ist doof.

 

Christoph Schlingensief Nein, er will einfach Existenzsicherung. Er hat Angst, er will überleben, und dieser Globalismus kann ihm das auch tatsächlich als Matrix präsentieren. Er kann ja sagen, der Herr Krug kauft hier Aktien. Dass die mittlerweile fast nichts mehr wert sind, das sagt Herr Krug nicht. Aber das System ist doch klar: Du sollst immer wieder daran teilnehmen. Das finde ich auch in Ordnung. Du musst auch Verluste haben, du musst auch die Trennung von der Familie aushalten können, du musst deine Kinder in den Wald schicken können wie bei Hänsel und Gretel. Du musst aber letzten Endes kapieren: denken tust du woanders. Ich sag's dir, das sind die sieben Jahre, die müsst ihr aushalten.

 

COCKTA!L Kommt dann die Hölle oder die endgültige Erlösung?

 

Christoph Schlingensief Nee, von Hölle kann keine Rede sein. Das ist ein absoluter Kulturoptimismus, den ich beschreibe, weil du nämlich auch mal endlich kapieren musst, dass schon alles da war. Du kannst nicht immer mit deinem Rübenbewusstsein rumlaufen und sagen: Ich habe die Mohrrübe erfunden. Das ist einfach nicht der Fall. Du musst zugeben können, dass es alles schon gab.

 

COCKTA!L An welcher Art Gesellschaftsordnung orientiert sich denn die, die in sieben Jahren kommt?

 

Christoph Schlingensief Da bin ich sehr gespannt. Ich bin super offen. Das ist Kulturoptimismus. Da alles schon gerufen wurde, da sie pausenlos ins All schreien "Hört ihr uns?", aber die Außerirdischen genau dann ihre Tonbandgeräte ausschalten - und wenn die funken, schalten wir unsere aus, das ist ja fast schon Prinzip - genau in dem Moment sage ich: Wieso muss ich denn da hochgucken oder nach oben schreien, ich kann das doch auf der Erde schon klarstellen. Du verstehst mich doch auch nicht. Ich versteh dich nicht. Aber das macht doch nichts, dafür ist das doch auch optimistisch! Wir können deshalb alles sagen, wir können alles probieren, wir können pausenlos alles machen, weil wir...

 

COCKTA!L ... woanders denken ...

 

Christoph Schlingensief ... und weil wir sowieso erstmal möglicherweise davon ausgehen dürfen, selbst die eigene Frau versteht einen nicht. Ich bin zerstörbar, und das ist meine Stärke. Ich bin Siegfried, du bist Siegfried, wir alle sind Siegfried. Wir haben eine Verbindung, über die redet aber Herr Schröder nicht, über die redet auch Herr Fischer nicht.

 

COCKTA!L Vielleicht denken sie darüber...

 

Christoph Schlingensief Die sind auch schon woanders, das garantier ich Dir aber. Und das war auch die Stärke von Helmut Kohl. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber der Mann hat 16 Jahre lang einen Prozess in Gang gehalten, während er schon lange woanders gewesen ist. Sonst hätte er nicht in der Wahlverlierernacht so lächelnd dastehen können. Eine Berührung ist da, aber nur weil du dann plötzlich mit dem Tonbandgerät nicht mehr so oft auftauchst. Das habe ich auch bei der Partei erlebt.

 

COCKTA!L Schade.

 

Christoph Schlingensief Nein, das ist überhaupt nicht schade. Das ist einfach ein Prozess, da lernste watt, und irgendwann kommt auch die Sättigung, da sagste: schon wieder voll? Und wenn ich sage, ich bin stolz, und ich bin eitel und so weiter, dann ist das die Vorstellung eines kynischen Staates, kannst du bei Sloterdijk nachlesen ("Kritik der zynischen Vernunft", 1983, die Redaktion). Der zynische Staat wird natürlich von Zynikern stabilisiert durch zynische Äußerungen. Der kynische Staat, das ist ein unseriöser, das ist ein oberflächlich-peinlicher, aber letzten Endes hochromantischer. Der kynische Staat ist wahrscheinlich die Zukunft, und die findet im Zelt statt, ganz alleine bei Dir - und das geht mir so am Arsch vorbei, was Du da jetzt schreibst, all diese Dinge...

 

COCKTA!L ... sind nur die Oberfläche.

 

Christoph Schlingensief Mmh, wir sehen nur die Oberfläche. Du denkst auch nur an das, du musst eben auch lernen, wie das Leben funktioniert. Es geht um das Überleben, darum, eine Überlebenstechnik vorzustellen. Selbstzweifel letzten Endes als Kraftpotential mitzupräsentieren und vor allen Dingen auch vielleicht einen Tick peinlich dabei zu sein.

 

COCKTA!L Heißt das, der Selbstzweifel ist Show?

 

Christoph Schlingensief Der Selbstzweifel, den ich dir da oben erzähle, ist nicht mein wahrer Selbstzweifel. Ich hab im Moment privaten Selbstzweifel. Da gibt es ganz andere Zweifel: Können wir das verantworten, dass wir uns jetzt an der Oberfläche in der massiven Form beteiligen? Geht das, dass Stefan Bachmann "Jeff Koons" am Schauspielhaus macht? Natürlich geht das. Macht nichts. Wir denken woanders.

 

COCKTA!L ... und scheitern letztendlich?

 

Christoph Schlingensief Scheitern. Ich möchte am Ende im Bett liegen, und ich möchte dann, wenn ich sterbe, sagen, ich bin wirklich auch kräftemäßig geschafft. Also, ich habe Kräfte investiert.

 

COCKTA!L Wo bleibt da der Kulturoptimismus?

 

Christoph Schlingensief Das ist total optimistisch, weil ich ja sowieso sterben muss.

 

COCKTA!L Gab es in den letzten zwei Jahren Leute, die dir nicht zugejubelt haben?

 

Christoph Schlingensief Das weißt Du nicht? Ich hab so eine Scheiße hinter mir, das glaubst du nicht! Ich hab in den letzten zwei Jahren meine besten Freunde verloren durch die Partei, die haben mich privat ausgebuht... Du meinst jetzt, wenn ich irgendwo auftrete? (überlegt) Berliner Republik.

 

COCKTA!L Wie erklärst Du Dir das?

 

Christoph Schlingensief Ich hab drei Wochen vor der Premiere von der Steuer den Bescheid bekommen, dass ich 120.000 Mark Steuern zahlen muss für die Partei, das hat mich total fertiggemacht. Dann hab ich den Verdacht auf Hypophysentumor bekommen. Ich hatte keine Emotionen mehr. Es war Gott sei Dank grüner Star, aber es sah genau so aus, ich hatte genau die Sehausfälle. Ich war nur noch wie abgetötet, total fertig. Bei der Premiere haben die Leute 45 Minuten richtig Spaß gehabt. Die saßen da und haben sich amüsiert, weil es eben ein Nullstück war. Da kommt der Nullschröder bei dem gescheiterten Nullpolitiker Schlingensief in das Nullstück Berliner Republik, und alle haben gelacht, 45 Minuten, und dann bin ich mit meinem Kompagnon auf die Bühne gesprungen, und wir haben dieses Stück angehalten und total gegen den Baum gefahren. Der einzige, der es verstanden hat, war der Rainald Goetz, der hat von der Fremdgeführtheit der Bundesregierung gesprochen. Wir haben die Bundesregierung gezeigt, die plötzlich an einem Krieg beteiligt ist und immer sagt: Wir sind die Friedensbringer, denn wir sehen auf Fotokopien Menschen, die Gras fressen. Der Krieg brach aus in dem Stück. Ich habe es nicht ausgehalten. Ich fand dieses Stück grauenhaft. Das war das letzte Mal.

 

COCKTA!L Kannst Du nachvollziehen, warum Du Deine Freunde verloren hast?

 

Christoph Schlingensief Bei der Partei? Total. In ganz Deutschland gab es über 300 Leute, die in den Landesverbänden zu Gange waren. Die wollten alle nur die ganze Zeit den Christoph, den Christoph. Ich wollte für die Glaubwürdigkeit dieser Partei kämpfen. Und meine Freunde, die haben das nicht ausgehalten, dass ich da immer noch weitergemacht und gesagt habe: Wir können jetzt nicht aufhören, wir können jetzt nicht einfach sagen, das ist zuende, wir brechen das jetzt ab und so.

 

COCKTA!L Hat es denn irgendwas gebracht, aus dem Du Hoffnung schöpfst?

 

Christoph Schlingensief Ja, man darf keine in einem Staatsgebilde verankerte Partei machen. Man darf aber auch nicht wie Peymann losgehen und sagen, wir müssen eine APO gegen Herrn Haider gründen. Inzwischen sind wir 34, und einige bereiten gerade andere Dinge vor. Das hat mit Management im höchsten Sinne zu tun, das ist absichtliche Fehlerproduktion - nicht mit dem Ziel, das System zu destabilisieren, sondern, um Futter zuzuführen, Kraft zuzuführen. Das ist auch eine Hoffnung, denn anders können wir nicht weiterleben, hätte ich keine Lust mehr.

 

COCKTA!L Das ist ja dann schon ein Zweckoptimismus.

 

Christoph Schlingensief Bist Du endogen depressiv?