Talkshow-Freunde kennen ihn als Moderator von III nach 9. Leser der Süddeutschen Zeitung schätzen ihn als Verantwortlichen für die allseits geschätzten Reportagen auf der "Seite 3". Seit Ende August hat er nun auch noch das SZ-Magazin auf VOX übernommen. Andrea Fonk besuchte Giovanni di Lorenzo in seinem Münchner SZ-Büro und sprach mit ihm über die neue Sendung, Braunschweig und Talkgäste, vor denen er Angst hatte. Auf dem Schreibtisch stehen eine Käfertasse und ein Topf "Sommerblütenhonig", im Rücken drängen sich Lexika. Der Blick liegt auf einem Stich mit einem römischen Kolosseum, nehme ich mal an. Giovanni di Lorenzo im sanft blau-weiß gestreiften Hemd formuliert bedächtig Antwort für Antwort. Auch wenn er mitten in einer Antwort durch ein längeres Telefonat unterbrochen wird, lässt er den Gesprächsfaden nicht los, wiederholt die letzten drei Worte und beendet den angefangenen Satz, als hätte es nie eine Störung gegeben.

 

COCKTA!L Verbindet Sie irgendetwas mit Braunschweig?

 

Giovanni Di Lorenzo Als ich Anfang der 70er Jahre von Italien nach Deutschland gezogen bin, hatte ich diesen etwas radikalen Wechsel von Rom nach Hannover - wofür Hannover aber nichts kann. Und in der Nähe von Hannover ist auch Braunschweig, wo Freunde meiner Mutter waren und jetzt einer unserer besten Kollegen bei der Süddeutschen herkommt, nämlich Axel Hacke, Reporter und Autor des Kleinen Erziehungsberaters. Das ist alles, was mich mit Braunschweig verbindet. Aber die Erfahrung von Hannover strahlte auch auf die umliegenden Städte und Dörfer aus - muss ich leider gestehen.

 

COCKTA!L Was passierte denn in Hannover?

 

Giovanni Di Lorenzo Na ja, es war halt ne harte Zeit für mich. Also erst mal, wie gesagt, von Rom nach Hannover zu ziehen, in eine Stadt, in der mich ein Mitschüler auf dem humanistischen Gymnasium dann fragte, ob es in Rom auch richtige Häuser gebe. Der hat sich vorgestellt, dass da nur Ruinen sind oder Säulen. Und dann die Sprache nicht richtig zu können. Dann haben sich meine Eltern getrennt, also, es war keine sehr fröhliche Zeit. Aber wie gesagt, dafür kann Hannover nichts.

 

COCKTA!L Warum braucht die Fernsehlandschaft ein SZ-Magazin?

 

Giovanni Di Lorenzo Das ist für die Verlage eine strategische Option, nämlich, irgendwann mal größer ins Fernsehen einzusteigen, dabei zu sein. Sie erhoffen sich, glaub ich, noch eine Erweiterung der Leserschaft durch das Werbemittel SZ-Fernsehen. Dann muss das Fernsehen natürlich auch so gut sein, dass es wirklich noch Leute zusätzlich gewinnt. Das ist die große Frage.

 

COCKTA!L Was war denn falsch am bisherigen Konzept?

 

Giovanni Di Lorenzo Ich glaub gar nicht, dass es so falsch war. Es ist kaum wahrgenommen worden. Die Anbindung an die Süddeutsche Zeitung ist jetzt viel stärker. Zum einen, weil ich dort arbeite, zum anderen auch durch die Dekoration. Sie sehen andauernd Süddeutsche - also massiver kann man es kaum machen.

 

COCKTA!L Was stört Sie am meisten, wenn Sie sich selbst in einer Sendung sehen?

 

Giovanni Di LorenzoNa ja, das Bild, das man von sich selbst hat, ist besser als das, was man dann leider wahrnehmen muss. Es fallen einem Hunderte von Unzulänglichkeiten auf, und man würde es halt gerne besser machen.

 

COCKTA!L Verfilmen Sie einfach die Reportagen der "Seite 3"!?

 

Giovanni Di Lorenzo Ich glaube, das wäre schön, aber davon sind wir sehr weit entfernt.

 

COCKTA!L Heute Abend geht es um das Thema "Kind nach Wunsch". Wird immer nur ein Thema im SZ-Magazin behandelt?

 

Giovanni Di Lorenzo Ja. Eigentlich die letzte Fernsehsendung, die monothematisch ist, was schwer zu machen ist. Heute Abend wird auch gezeigt, wozu das auch geführt hat in Amerika. Also da können Sie sich in einem Katalog sozusagen einen Spermiencocktail bestellen, in der Hoffnung, dass das Kind dann blonde Haare hat und einen starken Körperbau oder so. Also absurd.

 

COCKTA!L Wie unterscheiden Sie sich denn dann zum Beispiel von Spiegel TV?

 

Giovanni Di Lorenzo Ich kann das nur als Fernziel formulieren. Spiegel TV hat eine ganz starke eigene Identität, die auch geprägt ist durch einen sprachlichen Stil und eine Person, durch Stefan Aust. Und ich finde, wir müssen auch zu einem Stil kommen, der unverkennbar ist.

 

COCKTA!L Wie würden Sie den beschreiben?

 

Giovanni Di Lorenzo Ich sag mal, es muss eine Qualität sein, wie wir sie auch in unseren guten Reportagen versuchen zu erreichen, und ich glaube, sie kann in der Diktion etwas, wie soll ich es Ihnen sagen, etwas wärmer sein und auch ein bisschen mehr Witz haben, als es das andere Magazin aus Hamburg vorführt.

 

COCKTA!L Gibt es überhaupt genug Themen, die noch nicht ausgelutscht sind?

 

Giovanni Di Lorenzo Na ja, ich mein, alles hat man schon mal gemacht. Aber dann dürften Sie auch keine Tageszeitung machen. Denn egal, was sie da machen, es hat alles schon mal stattgefunden, und trotzdem entdeckt man die Welt immer wieder neu, und viel wichtiger ist, die Leser entdecken sie immer wieder neu. Also, Sie können zum Beispiel sagen, eines der schwierigsten Themen ist Bosnien. Wer will das noch hören? Die Serbische Republik, Banja Luka. Trotzdem, ich hatte gestern ein schönes Erlebnis. Wir hatten eine kleine Geschichte über die Eskalation jetzt in Banja Luka in der Serbischen Republik, und jemand rief an und sagte, ich hab heute morgen zum ersten Mal kapiert, um was es da geht. Das ist toll. Das deckt auf, dass Sie die Welt in regelmäßigen Abständen immer wieder neu erklären müssen.

 

COCKTA!L Sie machen die "Seite 3" der Süddeutschen, das SZ-Magazin, III nach 9. Für was bleibt denn jetzt leider keine Zeit mehr?

 

Giovanni Di Lorenzo Für fast alles andere. Also es ist schon sehr intensiv, die Packung, also das Programm im Moment. Allemal jetzt am Anfang, wo man noch nicht genau weiß, wie organisier ich das? Also die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich sie beim besten Willen nicht weiß.

 

COCKTA!L Freuen Sie sich eigentlich immer auf III nach 9?

 

Giovanni Di Lorenzo Sehr! Sonst würde ich es auch wirklich nicht mehr machen. Ich habe auch andere Sachen immer wieder abgelehnt und III nach 9 weitergemacht. Also da mach ich´s wirklich als Überzeugungstäter, übrigens genauso wie die "Seite 3" der Süddeutschen, die kein Zuckerschlecken ist. Aber das Ergebnis finde ich irgendwie für mich wichtig.

 

COCKTA!L Gibt es bei III nach 9 Gäste, die Ihnen Angst machen?

 

Giovanni Di Lorenzo Ja, es ist immer wieder so, dass man vor Gästen Schiss hat und richtig aufgeregt ist, weil sie unberechenbar sind, weil sie schwer zu knacken sind, weil sie sehr mächtig sind - manchmal, weil sie alles drei sind, und das ist ganz gut, dass man das wahrnimmt. Meistens ist das auch ein Schub, das Gespräch dann besser zu machen, als man es normalerweise getan hätte.

 

COCKTA!L Waren Sie irgendwann schon mal richtig wütend oder aggressiv gegenüber einem, der Sie aufgeregt hat?

 

Giovanni Di Lorenzo Ja, also ein Gast, der mir große Angst gemacht hat, wo ich auch aufgeregt war und wo ich dann auch sehr wütend geworden bin, also alles in einem, wo Sie das gerade ansprechen, war Eberhard von Brauchitsch. Das war sein erster Fernsehauftritt nach dieser Flickaffäre und dem juristischen Nachspiel, das es gegeben hat. Und ich fang an zu fragen, und Brauchitsch antwortet - und schaut mich keine Sekunde an. Das hat mich wahnsinnig gemacht, und irgendwann habe ich dann gesagt: "Herr von Brauchitsch, können Sie mich eine Sekunde wenigstens anschauen, wenn Sie mit mir reden?" Da war wirklich Totenstille im Studio. Er war auch still erst mal. Ich hab gedacht, um Gottes willen, und dann dreht er sich in der Tat um, und es war der Beginn einer ganz fruchtbaren Geschichte, weil wir dann weiter korrespondiert haben. Aber das war so ein Moment, ja, an den werde ich noch lange denken. Angst hat mir mal Augstein gemacht. Zu Augstein zu gehen, ist, wie Abitur und Examen an der Uni in einem zu machen und dazu noch die Konfirmationsprüfung.

 

COCKTA!LUnd wie ging´s aus?

 

Giovanni Di Lorenzo Müssen Sie Herrn Augstein fragen, aber der wird sich bestimmt nicht mehr daran erinnern. - Also, ganz gut. Er hat einiges danach aus dem Interview wieder raus genommen, das hat mich etwas überrascht, weil ich dachte, Augstein steht zu jedem Wort, aber er war dann auch vorsichtig.

 

COCKTA!L Von welchem Gast waren Sie positiv überrascht?

 

Giovanni Di Lorenzo Von Martine Dornier-Tiefenthaler. Da habe ich irgendwie gedacht, das muss ja ein irrsinniger Besen sein, und dann kam sie in die Sendung, und es war wirklich Zuneigung auf den ersten Blick. Also am liebsten hätte ich mich gleich von ihr adoptieren lassen.

 

COCKTA!L Hatten Sie jemals das Gefühl, das gerät hier jetzt alles außer Kontrolle?

 

Giovanni Di Lorenzo Klar, als wir Schönhuber da hatten, und wir waren da auch ausnahmsweise in so einem Außenstudio aus Glas, und die Autonomen nahmen dieses unter Feuer. Das kann man so sagen, ja, also, da ist das schon außer Kontrolle geraten.

 

COCKTA!L Sind die Gäste manchmal nachher sauer, weil sie das Gefühl hatten, sie durften kaum dran?

 

Giovanni Di Lorenzo Oft, ja, oder dass man sie schlecht behandelt hätte oder so.

 

COCKTA!L Nehmen Sie sie auch absichtlich manchmal nur kurz dran, wenn Sie das Gefühl haben, das, was aus dieser Ecke kommt, ist so unsinnig?

 

Giovanni Di Lorenzo Ja, klar, manchmal ist man auch mit Vorsatz böse. Also Gerd Hamer, dieser Krebsheiler, dieser Selbsternannte, der offenbar auch wirklich bösen Wahnvorstellungen verfallen ist, das war dieser Mann, der dieses krebskranke Mädchen Olivia nicht behandeln wollte. Und den hatte ich in der Sendung, und ich war mit dessen Sohn in einer Klasse, in Rom. Dieser Sohn ist unter entsetzlichen Umständen erschossen worden. Diesem Jungen fühle ich mich sehr verbunden, weil ich finde, dass auch die juristische Nachbereitung ein Skandal gewesen ist. Aber der stand dann nach der Sendung auf und schrie mich an, dass der Dirk, also sein Sohn, sich jetzt im Grabe umdrehen würde.

 

COCKTA!L Wie gehen Sie mit so etwas um?

 

Giovanni Di Lorenzo Ich glaube, dass der Faktor Zeit sehr wichtig ist, und dass man mit jemandem drüber reden kann.

 

COCKTA!L Haben Sie eigentlich manchmal diese Rollenverteilung bei III nach 9 satt?

 

Giovanni Di Lorenzo Wie ist denn die Rollenverteilung?

 

COCKTA!LSo auf der einen Seite das Weiche, Charmante und auf der anderen Seite das Provozierende, mehr Burschikose.

 

Giovanni Di Lorenzo Na ja, ich glaube, dass wir irgendwie schon beide auch andere Spielarten drauf haben, aber ich glaube, die Juliane, meine geschätzte Kollegin Juliane Bartel an Burschikosität übertreffen zu wollen, das wäre wirklich unmöglich. Dann versuch ich es erst gar nicht. Also wobei, wissen Sie, dieses weich zum Beispiel sehe ich gar nicht, da ich alles andere als ein weicher Mensch bin. Ja, wenn es manchmal so erscheint, dann ist es vielleicht auch Mittel zum Zweck, um ein gutes Gespräch hinzukriegen. Und Charme, mein Gott, ich meine, das ist keine Eigenschaft, die man sich unbedingt abtrainieren muss. Das macht ja auch im Zwischenmenschlichen das Leben vielleicht angenehmer. Also ich bin für den Charme anderer Menschen sehr empfänglich. Außerdem kann ich nicht anders.

 

COCKTA!L Haben Sie eigentlich für das SZ-Magazin eine bestimmte Quotenvorgabe?

 

Giovanni Di Lorenzo Ja. Wir wollen sie verbessern. Das ist, glaube ich, schon so ein Minimalziel: verbessern.

 

COCKTA!LFühlen Sie sich wohl in München?

 

Giovanni Di Lorenzo Sehr. Mit einer Einschränkung. Auch hier lebe ich jetzt sehr lange. München ist für mich eine tolle Stadt, die war für mich eine Offenbarung. Ich war früher allerdings Reporter und war viel unterwegs. Da war eben das Zurückkommen nach München wunderbar. Alles so, Sie sehen es ja, ruhig, lustig, übersichtlich, gemütlich, all diese Dinge, ja, lebensfroh. Mir fehlen zunehmend die Widersprüche und die Provokation und das Kaputte einer großen Stadt, weil ich glaube, dass das sehr inspirierend ist. Dies fehlt in München völlig. Insofern haben wir schon hier eine kleine Kunstwelt, die ganzjährig zu ertragen manchmal schwierig ist.

 

COCKTA!L Das heißt, so ein Stückchen Berlin würde München gut tun.

 

Giovanni Di Lorenzo Ja, sehr gut. Das ist der Horror vieler Leute hier, aber ich fänd das schön.

 

COCKTA!L Gut, vielen Dank.

 

Giovanni Di Lorenzo Gerne.