Mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" kehrt Michael Moore zu dem Thema zurück, das ihn in seiner gesamten Karriere beschäftigt und mit dem er vor 20 Jahren seine Laufbahn eingeleitet hat: die katastrophalen Auswirkungen des desaströsen Verhaltens von Großunternehmen auf das Leben der Menschen. Aber diesmal ist der Übeltäter weitaus größer als General Motors und der Tatort viel weiter entfernt als Flint, Michigan. Vom mittleren Westen hinüber zu den Hallen der Macht in Washington bis zum weltweiten Finanzzentrum in Manhattan nimmt Michael Moore die Zuschauer erneut mit auf unerforschtes Terrain.

 

CHEXX Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Film zu machen? Warum jetzt?

 

Michael Moore In Amerika neigen die Leute dazu, darauf zu warten, bis die Luft rein ist, bevor sie bestimmte Themen in der Öffentlichkeit diskutieren und bestimmte Sachen aussprechen. Selbst wenn etwas genau vor unserer Nase liegt und die Leute merken, dass etwas schrecklich schief läuft - sie schwimmen mit dem Strom. Sie passen sich an und akzeptieren das Mittelmaß, machen es sich bequem und richten sich darin ein. Die meisten glauben, solange sie ihren Kopf gesenkt halten und hart und lange arbeiten, kommen sie schon irgendwie durch. Doch jemand muss die Stimme erheben. Mein Ziel ist es, die Fragen anzusprechen, die ich schon seit einiger Zeit in meinem Kopf habe und die, das glaube ich fest, auch unsere Gesellschaft angehen sollten. Es ist nicht die Aufgabe eines Künstlers, eines Musikers oder eines Filmemachers der Masse zu folgen. Politiker können alleine nichts verändern. Für sie macht es keinen Sinn, sich heldenhaft zu verhalten und gegen den Strom zu schwimmen, denn das wäre zu riskant. Nur die Menschen können sie dazu bringen, sich zu ändern.

 

CHEXX Wie lange hat es gedauert, den Film zu drehen?

 

Michael Moore Wir haben im Frühling 2008 mit der Produktion begonnen. Aber in Wirklichkeit ist dies der Film, den ich die letzten 20 Jahre über gemacht habe. Denn eigentlich schon seit "Roger & Me", also seit 1989, sind die Themen und Ideen, um die es hier geht, in all meinen Projekten präsent. "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" ist nicht nur eine Fortsetzung davon, es ist der Höhepunkt.

 

CHEXX Viele Menschen sind verärgert über die derzeitige Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf Kapitalanlagen, Arbeitsplätze, Immobilienpreise und den Staatshaushalt. Aber sie wissen nicht unbedingt, wem sie dafür die Schuld geben können. Wird uns der Film helfen zu erkennen, wer für diesen Zusammenbruch verantwortlich ist?

 

Michael Moore Ich denke, es ist kein wirkliches Geheimnis, wer hinter der Finanzkrise steckt. In der Öffentlichkeit richtet sich der Zorn gegen die Banken und Finanzeinrichtungen, die unsere Wirtschaft gekapert und verspielt haben. Und gegen die Politiker, die das Ganze geschehen ließen … Ich will gar nicht erst damit anfangen! Dieser Film handelt nicht von einem Aufschwung, einer Pleite oder einer Rettungsaktion. Ich habe mit der Arbeit daran begonnen, bevor die Wirtschaft abstürzte und bevor ich überhaupt wusste, dass eine massive Plünderung der U.S.-Staatskasse genau einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen stattfinden würde. Ich konzentriere mich nicht auf den Einzelnen, eine Firma oder einen Sachverhalt, es geht um das Ganze, mit allem Drum und Dran. Dieser Film richtet sich gegen das System, das Korruption erlaubt, unterstützt und, was am wichtigsten ist, sie gewährleistet.

 

CHEXX Es scheint, dass hinsichtlich der Rolle, die die Regierung gespielt hat, viele Vorwürfe im Umlauf sind. Die Mitglieder beider politischer Parteien haben ihren Teil zu der gegenwärtigen Situation beigesteuert. Hat irgendjemand in Washington eine reine Weste?

 

Michael Moore Es gibt nicht genug Desinfektionsmittel auf der Welt um Washington zu desinfizieren. Dieser Film nennt Namen und hat es auf beide Parteien abgesehen, ohne Furcht und ohne Gefälligkeiten. Denn unter dem Strich läuft jede politische Diskussion nach dem Muster liberal gegen konservativ und Demokrat gegen Republikaner ab. Das ist jedoch nur eine Ablenkung von dem wirklichen Problem: das System, in dem wir leben, hat beide Parteien im Griff, sowohl die Liberalen als auch die Konservativen. Es gibt viele laute und erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien, aber sie alle wollen an der Macht bleiben und das Letzte, was sie wollen, ist, die Menschen zu beunruhigen. Dieser Film wird die Themen ansprechen, die nicht im Kongress oder in den politischen Talkshows am Sonntagmorgen diskutiert werden (welche im Übrigen präsentiert werden von Boeing, AT&T, Archer Daniels Midland, ExxonMobil…).

 

CHEXX Was hoffen Sie, nimmt das Publikum aus diesem Film mit?

 

Michael Moore Popcorn und Mistgabeln.