Die Toten Hosen über kreischende Mädchen, das Scheitern von Fortuna Düsseldorf im DFB- Pokal und ihre frühere Arbeit in einer Psychiatrie. 1996 ist das Hosen-Jahr! Die neue CD schoss wenige Tage nach Erscheinen auf Platz Eins, wo man im Fernsehen hinzappt (von Bioleks Kochstudio bis zu Samstag Nacht), sind Campino und Kuddel bereits da, Anfang Mai erscheint eine Tote-Hosen-Biographie, und die Konzertkarten gehen weg wie warme Semmeln. Grund genug für COCKTA!L, die Toten Hosen vor ihrem Wiederholungskonzert in Hannover auf der Bravo-Super-Fete in Stuttgart zu interviewen.

 

COCKTA!L Was zieht Euch auf die Bravo-Super-Fete? Die kreischenden Mädchen fahren doch fast alle auf die Dancefloor-Stars ab.

 

Campino Weiß du, es gibt hier ein sehr gutes Catering. Außerdem ist das Geschrei der Mädchen phantastisch. Es hat sich für uns hier niemand ein Ticket geholt. Wir gehen hierher als Lacher. Uns will ja sonst keine Fernsehsendung haben, bei der wir ein Stück spielen dürfen.

 

Breiti Ich finde, dass man den Kids nicht nur den Scheiß vorsetzen darf, der heute zu 99,999 Prozent fabriziert wird. Sie haben es verdient, auch mal richtigen Krach zu hören.

 

COCKTA!L Die Fans drehen schon vor dem Hotel total ab. Überrascht Euch der Trubel?

 

Breiti Das ist nicht unser Publikum. Bei uns ist das Gott sei Dank nicht so. Wir laufen auch überall durch wie in einem Film. Kuddel: Ich will das nicht so niedermachen. Ich finde das beneidenswert, wenn man so eine Euphorie entwickeln kann.

 

Breiti Ich finde das überhaupt nicht beneidenswert. Ich finde das völlig krank. Es gibt auch Fans, die ein irreales Verhältnis zu uns haben. Aber was hier abläuft, ist jenseits aller Realität. Das ist vollkommen affig und bescheuert.

 

COCKTA!L Ihr habt unter den Narren und Euren Fans beim Düsseldorfer Faschingsumzug viel Staub aufgewirbelt. Werdet Ihr auch nächstes Jahr mit einem großen Wagen und großer Polizeieskorte für Stimmung sorgen?

 

Breiti Die Sache hat riesigen Spaß gemacht. Die Leute haben sich über die Abwechslung gefreut. Doch wir werden das in dieser Form ganz sicher nicht wiederholen. Wir haben nicht vor, den Düsseldorfer Karneval zu retten. Aber wir würden uns freuen, wenn die Aktion in anderen Städten Nachahmer finden würde - egal, ob mit Techno oder Heavy Metal.

 

Campino Für uns ging es darum zu beweisen, dass man den Karneval auch anders durchziehen kann - wobei uns die Homogenität, mit der alles abgelaufen ist, dann doch überrascht hat. Unsere Fans haben für das nötige Chaos gesorgt, aber ohne destruktiv zu werden und ohne, dass Leute verletzt wurden. Die Polizei war komplett machtlos, obwohl sie ein riesiges SEK-Aufgebot da hatte. Wir waren Wagen Nummer drei, und hinter uns passierte 20 Minuten lang nichts vor lauter Fans. Irre!

 

COCKTA!L Wie läuft es denn mit Eurer eigenen Plattenfirma? Kommt Ihr mit dem neuen Label und dem damit verbundenen Wunsch nach Unabhängigkeit gut klar?

 

Breiti Du hast natürlich auf einmal einen ganz anderen Druck. Du trägst das volle Risiko, und wenn wir keine Platte verkaufen, sind wir mit einem Schlag am Arsch. Aber nun brauchen wir mit niemandem mehr lange zu diskutieren - schon gar nicht über Geld. Wenn wir was ausgeben wollen, dann tun wir das einfach und müssen nicht mehr wie früher lange verhandeln und rumrechnen, wer den Schwachsinn, den wir uns ausgedacht haben, bezahlt. Wir wissen nun alles, was um uns herum passiert. Das genießen wir.

 

Andy Das war aber nicht der bequemste Schritt. Wir hätten bei einem Label auch einen langjährigen Rentenvertrag unterschreiben können. Jede Plattenfirma hat uns einen angeboten. Alle zwei Jahre hätten wir eine Scheibe abliefern müssen. Auch der Vorschuss war klar. Aber das fanden wir langweilig.

 

Campino Ich würde die Entscheidung in zehn Jahren wohl nicht mehr machen. Da würde ich sagen, komm runter, drück auf die Bremse und mach mal mehr Sachen für dich selber. Aber ich bin mit 14 Jahren in die Szene reingekommen und habe sie nie wieder verlassen können. Es ist wahrscheinlich Leidenschaft. Ich staune aber, wie heftig das mit dem eigenen Label sein kann. Doch zur Zeit geht es uns ja noch gut. Wir werden für unsere Arbeit belohnt. Von daher ist die Laune gerade okay.

 

COCKTA!L Mit Eurer aktuellen Platte startet Ihr ja einen echten Kreuzzug gegen die Religion.

 

Breiti Es ist kein Kreuzzug gegen die Religion an sich - sondern eher gegen einige Offizielle in der Kirche. Viele haben Probleme, sich von den ganzen Schuldgefühlen zu lösen, mit denen man da überfrachtet wird. Es gibt sehr viele Leute, die an der Basis wichtige und tolle Sachen tun. Was von Papst oder offizieller Seite kommt, das ist der Punkt.

 

COCKTA!L Was stört Euch speziell?

 

Breiti Erstmal die Intoleranz der katholischen Kirche gegenüber anderen Religionen. Alleine, dass sie sagen, was wir machen ist richtig, und alles andere hat überhaupt keine Existenzberechtigung. Die östlichen Religionen sind ja sehr wohl in der Lage zu akzeptieren, dass es noch andere Wege zur Seligkeit gibt. In der katholischen Kirche funktioniert nichts aus dem Positiven, sondern immer nur durch Verbote und Drohungen. Wenn du irgendwas falsch machst, dann landest du sofort im Höllenfeuer und musst auf ewig leiden. Mit sowas produziert man Wracks, aber keine guten Menschen. Kuddel: Alles wird aber gut, wenn du beichtest.

 

Wölli Gegen den christlichen Gedanken gibt es eigentlich wenig einzuwenden. Aber die Institution Kirche, die einfach darauf beharrt, Macht zu behalten über ihre Schäfchen, da stimmt was nicht.

 

COCKTA!L Euer Lied "Böser Wolf" handelt von Kindesmissbrauch. Es ist aber eigentlich eher ein Ohrwurm.

 

Breiti Das ist ja das Brutale an dem Lied. Dieser schöne, eingängige Pop.

 

Kuddel Die Melodie war zuerst da. Eine echte Sunshine-Reggae-Melodie.

 

Campino Bei dem Lied ging es uns vor allem darum, nicht konkret auszudrücken, wer der Täter ist. Es geht auch nicht darum, was genau passiert ist. Wir wollen einfach beschreiben, wie es so einem Kind geht, dem etwas übles angetan wurde. Dass es sogar selbst Schuldgefühle hat, sich isoliert fühlt und meint, dass es sich von niemandem Hilfe holen kann.

 

COCKTA!L Wie seid Ihr auf das Thema gekommen?

 

Campino Breiti und ich haben in der Psychiatrie gearbeitet. Da gibt es ja unheimlich viele dieser Fälle, dass sich Menschen nur durch Verhaltensweisen, in Bildern und Bastelarbeiten ausdrücken. Oft hatten wir das Ding: Jetzt bastelt mal, was euch durch den Kopf geht. Da sind wahnsinnige Sachen rausgekommen, die einem sehr, sehr nahegehen.

 

COCKTA!L Zum Schluss noch ein Wort zum Sport. Hegt Ihr als alte Fortuna-Fans nach dem Rauswurf aus dem DFB-Pokal durch den Karlsruher Sportclub irgendwelche Rachegedanken gegen die Badener?

 

Breiti Der KSC ist mir als Verein eigentlich ziemlich egal. Das wäre etwas ganz anderes gewesen, wenn es Köln gewesen wäre. Da hätte ich seitdem wohl kein Auge zugetan, weil ich das bestimmt noch immer nicht verkraftet hätte. Der Spielverlauf war ja auch nicht so, dass wir sagen, wir haben unglücklich verloren. Die Niederlage war verdient. Es ist schade, denn Düsseldorf ist eigentlich eine Pokalmannschaft. Jetzt können wir uns um so mehr auf die Bundesliga konzentrieren.

 

Andy Der Ball ist rund, und das nächste Spiel ist das schwerste.

 

Breiti Für uns wäre das Endspiel auch auf einen schlechten Tag gefallen. Ich glaube, wir spielen da bei Rock am Ring. Das wäre wohl fast nicht möglich gewesen, rechtzeitig in Berlin und zurück am Nürburgring zu sein. Insofern ist uns ein schwerer Gewissenskonflikt erspart geblieben.