Hannah Herzsprung ist die Tochter des Schauspielers Bernd Herzsprung und der Modedesignerin Barbara Engel. Im Kino ist sie zurzeit in "Wie zwischen Himmel und Erde" zu sehen.

 

CHEXX Welcher Reiz und welche Herausforderungen steckten für Sie in der Rolle der Johanna?

 

Hannah Herzsprung Johanna hat mich beim ersten Lesen des Drehbuchs in ihren Bann gezogen. Mich hat fasziniert, wie furchtlos sie eine Reise in eine ihr völlig unbekannte Welt antritt und diesen Schritt alleine wagt, um eine Veränderung in ihrem Leben zu spüren. Als dann die Geschichte einen Wandel nimmt, sie sich auf einmal inmitten einer menschlichen wie auch politischen Tragödie befindet und sich mit einer solchen Überzeugung für andere stark macht, war ich von der Stärke dieses Charakters beeindruckt. Ich bewundere Menschen, die sich so bedingungslos zurücknehmen, um nicht nur darüber zu reden, dass sich Dinge ändern müssen. Eine solch starke Frauenrolle in einer so ausweglosen Situation zu spielen, die sich dabei nicht aufgibt, das waren für mich die spannendsten Facetten in der Rollenerarbeitung.

 

CHEXX Wie haben Sie sich auf diese Arbeit vorbereitet? War Ihnen wichtig, viel über Tibet zu recherchieren? Wie nah ging Ihnen die persönliche Verbindung der Regisseurin zum Thema?

 

Hannah Herzsprung Ich nehme mir immer viel Zeit, um mir eine Rolle zu erarbeiten und genieße es umso mehr, wenn ein Stoff wie "Wie zwischen Himmel und Erde" so viel zu bieten hat. Natürlich habe ich die Bücher und Dokumentationen von Maria Blumencron verschlungen, mir diverse Bergsteiger- und Tibet-Filme angesehen, Bildbände gewälzt und versucht, einen Eindruck von den Gegebenheiten vor Ort zu erlangen. Dazu gab mir die fast zweiwöchige Zeit der Akklimatisierung in einem Bergdorf auf 3.000 Metern Höhe die Möglichkeit Eindrücke zu sammeln, die kein Dokument erfassen kann. Die wertvollste Vorbereitung und gleichermaßen ein Luxus waren jedoch die Gespräche mit Maria, die all die Erfahrungen der Geschichte ja wirklich gesammelt hat. Das Feuer, das in ihr brennt, diese Leidenschaft, auf das Thema aufmerksam zu machen, habe ich in mich aufgesogen und als Fundament der Rolle verwendet.

 

CHEXX Johanna ist eine Frau, die zunächst physisch und zunehmend auch emotional ans Äußerste geht. An diesen Extremen entwickelt sie sich weiter. Können Sie dies - vor allem als Künstlerin - nachvollziehen?

 

Hannah Herzsprung Von "Können" kann nicht die Rede sein - ich hatte gar keine andere Wahl. Schon in Deutschland bin ich an meine Grenzen gekommen, habe wahnsinnig viel Sport gemacht, da mir alle sagten, was für eine physische Belastung insbesondere die Höhe darstellt. Die physische Belastung vor Ort setzte dem Ganzen dann die Krone auf: Ich konnte mich tagelang nur minimal bewegen, bis sich mein Organismus auf die Höhe umgestellt hat. Wie bei einem Hochleistungssportler bleibt es bei so einer Anstrengung nicht bei der physischen Belastung. Man gerät in einen Sog, will immer mehr Grenzerfahrungen sammeln, ist niedergeschlagen, wenn es nicht weiter geht, und euphorisiert, wenn man den nächsten Abschnitt erreicht hat. Ich glaube, dass der Körper immer im Einklang mit den Emotionen sein muss, nur dann ist er zu Höchstleistungen in der Lage. Diesen Sog kenne ich vom Spielen meiner Rollen - nur wenn ich so tief in einem Charakter bin, dass es größte Freude oder echten Schmerz auslöst, nur dann habe ich das Gefühl, wirklich mein Bestes zu geben.

 

CHEXX Welche besonderen Erfahrungen haben Sie während der Dreharbeiten gemacht? Was wird Ihnen nachhaltig in Erinnerung bleiben?

 

Hannah Herzsprung Das Land, die Leute - ich werde diese Bilder und Gerüche nie vergessen. Wie der Filmtitel verrät, hat man das Gefühl, dem Himmel noch nie so nah gewesen zu sein. Die Stimmungen, die das in einem auslösen, sind unfassbar. Es klingt pathetisch, aber ich kann jedem, der eine innere Unruhe verspürt, nur wärmstens empfehlen, diese Reise auf sich zu nehmen. Die Menschen dort leben kein materielles Leben. Alles, was zählt, ist der innere Frieden und jeder, dem man dort begegnet, vermittelt einem diesen Frieden.

 

CHEXX Welche Bedeutung hat für Sie der spirituelle Gehalt des Films? Würden Sie sich selbst als spirituellen Menschen bezeichnen?

 

Hannah Herzsprung Dafür müsste man im Vorfeld definieren, was nun genau spirituell bedeutet. Ich glaube nicht an Geister und Riten, bin aber ein Mensch, der "Schwingungen" oder wie auch immer man das bezeichnen mag, gern in sich aufnimmt. Ich lasse es gern zu, mich in den Bann einer Landschaft oder von der Offenherzigkeit der Landsleute berühren zu lassen. Und wie schon gesagt: Allein durch die Höhe, die Nähe zum Himmel, fühlt sich alles in einem etwas freier und gelöster an.

 

CHEXX Johanna wandelt sich im Film von einer relativ ahnungslosen Touristin zur entschlossenen Aktivistin. Sie behält jedoch eine westliche Perspektive. Wie weit kann man sich Ihrer Meinung nach - auch aus der Erfahrung mit dieser Rolle heraus - an eine fremde Kultur wie diese annähern? Welchen Beitrag kann die Kunst bzw. in diesem Fall ein Film leisten?

 

Hannah Herzsprung Filme wie dieser können einiges leisten. Denkt man zurück an die Verfilmung der Geschichte von Dian Fossey, "Gorillas im Nebel", sieht man, wie es ein Film geschafft hat, Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Die Entwicklung von Johannas Antrieb kann man schon nachvollziehen - sie ist ein starker Charakter, der einem Unrecht begegnet. Sie ist, wenn man so will, zur rechten Zeit am rechten Ort, weil sie in ihrem derzeitigen Lebensabschnitt Dingen sehr offen begegnet. Es ist etwas anderes, ob jemand bewusst eine neue Erfahrung sammeln will, oder nur zufällig auf Mallorca die herrenlosen Hunde sieht und spontan einen mit nach Hause nimmt.