Am 30. Juli 1948 wird Jean Reno (eigentlich Juan Moreno) als Sohn spanischer Eltern im marokkanischen Casablanca geboren, wohin es sie nach der Flucht vor dem Franco-Regime verschlagen hat. 1960 siedelt die Familie nach Frankreich über. Reno absolviert seinen Militärdienst in Deutschland und versucht sich ab Ende der 1970er Jahre in Paris als Schauspieler; mit dem Kollegen Didier Flamand gründet er sogar eine Theatertruppe. Nach bescheidenen Anfängen im Kino werden seine Rollen immer bedeutender. Unter den zeitgenössischen Schauspielern Frankreichs ist er der einzige, der sich dauerhaft einen Platz in der A-Liste von Hollywood eroberte. Nun ist er in "Die Kinder von Paris" zu sehen.

 

CHEXX Was überraschte Sie bei der Lektüre des Drehbuchs am meisten, was berührte Sie besonders?

 

Jean Reno Überrascht hat mich vor allem, dass Ilan mir den Film überhaupt anbot. Normalerweise schlägt man mir weder so ein Thema noch so eine Rolle vor. Ich war ziemlich gerührt. Es gab noch kein Drehbuch, als wir uns das erste Mal trafen - aber Ilan wollte mir unbedingt von diesem schrecklichen Ereignis erzählen. Er berichtete auch von Joseph Weismann, den sie gerade ausfindig gemacht hatten. Ich war überrascht und geschmeichelt, dass ich in einem Film mitspielen sollte, der so ein wichtiges Thema aufgreifen und einen schmerzhaften Moment unserer Geschichte wiederaufleben lassen würde - keine erfundene Story, sondern eine, die das Banner der Erinnerung voran trägt. In einem solchen Film mitzuspielen, machte mich stolz - auch wegen meiner Kinder. Andererseits habe ich mich immer davor gehütet, Filme zu drehen, die ihre Geschichten mit erhobenem Zeigefinger erzählen. Vielleicht, weil ich ja selbst eine Art Immigrant bin und es mir immer schwer fiel, im Namen der Nation das Wort zu ergreifen. Doch das Drehbuch, das Rose mir zu lesen gab, enthielt keine Schwarz-Weiß-Malerei und deshalb sagte ich sofort zu.

 

CHEXX Wie würden Sie Dr. David Sheinbaum, Ihre Filmfigur, beschreiben?

 

Jean Reno Für mich war es, als würde ich buchstäblich den hippokratischen Eid verkörpern. Jedenfalls hat mir diese Vorstellung beim Spielen sehr geholfen. Sheinbaum geht es ausschließlich um seinen Beruf, ungeachtet der Umstände - er muss einfach Schmerzen lindern, pflegen, die nötigen Handgriffe leisten. Und was die Kinder angeht, so kann er schlicht nicht anders, als sie bis ans Ende zu begleiten. Noch während der Lektüre des Drehbuchs fragte ich mich, wie einer wie ich, der mitten im Leben steht, der sich frei bewegen und einkaufen darf, wo und wann er will, der keinen Judenstern trägt, wie jemand wie ich einen Menschen spielen kann, dem auf Grund seiner Glaubenszugehörigkeit alles verboten wird, den man quasi zum Tode verurteilt.

 

CHEXX Wie schafft man es, so einen Menschen von innen heraus zu spielen?

 

Jean Reno Vielleicht, indem man sich vorstellt, dass es uns allen eines Tages passieren kann, dass wir plötzlich einer Gemeinschaft angehören, die bedroht, verachtet, misshandelt wird. Ich bin kein Jude, aber ich wurde von Juden aufgezogen, ich verbrachte viel Zeit mit ihnen. Während meiner Kindheit in Casablanca herrschte ein friedliches Nebeneinander aller Gemeinschaften und Nationalitäten: Moslems, Juden, Franzosen, Amerikaner, Korsen... - Vor Drehbeginn stellt man sich viele solcher Fragen. Während der Dreharbeiten ist es dann normalerweise so, dass sich die Dinge automatisch ergeben. Denn am Set entstehen Magie und dieses ganz bestimmte kreative Ambiente. Was mir auch half, und das gebe ich gerne zu, ist die Erfahrung, die ich im Lauf der Jahre gesammelt habe, auch wenn sie mir nicht ständig bewusst ist. Sheinbaum ist eine Filmfigur, die ich wie ein Kind spielen musste, nicht wie einen Erwachsenen - also mit einer gewissen Unschuld und Reinheit. Sonst hätte er nicht durchgehalten, wäre zerbrochen an dem, was er erlebt und hätte nicht weitermachen können...

 

CHEXX Kann man sich selbst vor einer solchen Rolle, einem solchen Thema, schützen, und wenn ja, wie?

 

Jean Reno Man muss sich sogar schützen, sonst verliert man womöglich den Halt. Wenn man mitten im Winter-Velodrom steht und einem bewusst wird, unter welchen Umständen damals Tausende von Menschen mehrere Tage leben mussten, ohne Toiletten, ohne Trinkwasser, wenn man das zu nahe an sich heran lässt, lastet es irgendwann so schwer auf einem, dass man nicht mehr weiter kann. Während der Dreharbeiten gab es im Team viele psychosomatische Erkrankungen. Mein Gegenmittel bestand darin, Witze zu reißen, jede Menge Witze. Darin bin ich ein typischer Andalusier: Wenn mir etwas nahe geht, muss ich lachen. Damit entschärfe ich quasi die Bombe. Mélanie begriff das sehr schnell. Rose brachte es anfangs ein wenig aus der Fassung, aber dann erkannte auch sie, dass ich damit nur die Geister vertreibe. Ich habe auch viel gegessen, sehr viel sogar, und reichlich zugenommen! Gad, der ein eher nervöser Menschen ist, fragte mich ständig: "Verdammt, wie kommst du bloß klar?" Und ich antwortete: "Lass uns heute Abend essen gehen!" Das machte ihn ganz kribbelig.

 

CHEXX Kannten Sie Mélanie Laurent, die die Krankenschwester spielt?

 

Jean Reno Nein, überhaupt nicht. Wenn sie einen aus ihren glasklaren Augen anblickt, nimmt sie einen sofort gefangen. Sie ist sehr professionell, hört ihren Partnern aufmerksam zu und geht spontan auf das Spiel der anderen ein. Sie ist ruhig und sehr bestimmt, und obwohl sie zart und feminin wirkt, ist sie unglaublich stark und robust. Trotzdem ist auch sie während der Dreharbeiten erkrankt. Die Beziehung unserer Filmfiguren wird im Drehbuch sehr gut beschrieben. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort wären sich dieser Mann und diese Frau vielleicht näher gekommen. Hier ist das unmöglich. Ich kann mir ja nicht mal vorstellen, dass sich dieser Arzt abends auszieht. Ich glaube, er schläft in seinem weißen Kittel. Es ist, als hätte er keine Frau, keine Familie, als lebte er ausschließlich für seinen Beruf - er steht quasi für alle Ärzte dieser Welt...

 

CHEXX Dass Sie eine so alltägliche, realistische Filmfigur gespielt haben, ist lange her – hat sich dieser sehr emotionale Part auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

 

Jean Reno Mir scheint, als würde dieser Film einen Wendepunkt markieren, als wäre etwas Neues entstanden. Was mich betrifft, habe ich ja stets zwischen dem Schauspieler und der Privatperson Jean Reno unterschieden. Inzwischen habe ich den Eindruck, als hätte Jean diesen Jean Reno akzeptiert, sein fortgeschrittenes Alter und die Tatsache, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Filmfigur immer mehr verschwimmen. Am Anfang meiner Karriere distanzierte ich mich bewusst von meinen Rollen, dachte: "Ist mir doch egal, wie diese Figuren ticken, ich habe nichts mit ihnen zu tun" - auch wenn das natürlich nur zum Teil stimmte. Inzwischen scheint mir, als würde diese Distanz schrumpfen, als würde zusammenwachsen, was zusammengehört. Wenn man ein gewisses Alter erreicht, fällt einem das sicher leichter...

 

CHEXX Wie haben Sie Rose Bosch am Set erlebt?

 

Jean Reno Als eiserne Faust im Samthandschuh! Sie ist geradlinig, aufrichtig, sieht alles, weiß genau, was sie will und wie sie es erreicht. Sie ist sehr stark, bemüht sich aber, niemandem weh zu tun... Auch sie ist krank geworden. Dass sie diesen Film drehte, kommt nicht von ungefähr. Er ist ihr Kind - genau genommen ist er das gemeinsame Kind von Rose und Ilan. Ilan verbrachte praktisch die ganze Zeit am Set. Er war so etwas wie die lebende Erinnerung an seinen Vater und seine Familie...

 

CHEXX Was bedeutet es für Sie, einen Film wie "Die Kinder von Paris" zu drehen?

 

Jean Reno Durch so einen Film wird man gezwungen, sich die großen existentiellen Fragen zu stellen. Es ist richtig und wichtig, einen solchen Film zu drehen, und es ist wichtig, dass er sein Publikum findet. Wesentlich erscheint mir auch, dass Kinder im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Denn wir sind die Kinder von gestern und von morgen - insofern hat es große Relevanz. Damit sich die Ereignisse nicht wiederholen.

 

CHEXX Welches Bild, welche Erinnerung hat sich Ihnen während der Dreharbeiten besonders eingeprägt?

 

Jean Reno Das Lager! Es war entsetzlich. Weil hier der Mensch als Individuum aufhört zu existieren. Freiheit oder Intimsphäre gibt es nicht mehr. Sich vorzustellen, wie die Vernichtungsmaschinerie damals auf Hochtouren lief, fällt einem in so einer Kulisse nicht schwer. Und obwohl es sich "nur" um eine Filmkulisse handelte, war es schrecklich, morgens anzukommen, ob allein oder gemeinsam mit dem restlichen Team. Deshalb erzählte ich viel dummes Zeug, machte Witze, wollte gleich wissen, was es mittags zu essen gibt. So eine Geschichte lässt einen nicht kalt. In Erinnerung habe ich auch den 16. Juli, als Joseph Weismann den Set besuchte, während wir die Szenen im Winter-Velodrom drehten. Wir legten eine Schweigeminute ein und ich kann ihnen sagen, danach waren alle fix und fertig! Weil er während dieser endlosen Minute nicht aufhören konnte zu weinen. So etwas versetzt einem Stiche ins Herz... Abgesehen davon ist Joseph ein waschechter Typ vom Montmartre, der seinen Pariser Akzent nicht verloren hat. Unglaublich, dass er nach dem Krieg sein Leben gelebt und drei Kinder bekommen hat! Die Begegnung mit ihm war für mich einer der Höhepunkte dieses Films.