Bruno Ganz wurde 1941 in Zürich-Seebach als Sohn eines Schweizers und einer Italienerin geboren. Er besuchte die Schauspielschule Zürich und stieß 1970 zum Ensemble der Berliner Schaubühne. Im Februar 1996 vererbte ihm der Schauspieler Josef Meinrad den Iffland-Ring, der seit über 100 Jahren an den jeweils "bedeutendsten Schauspieler" deutschsprachiger Bühnen weitergegeben wird. 2004 verkörperte er Adolf Hitler in dem von Bernd Eichinger produzierten Film "Der Untergang". Nun ist er in "Das Ende ist mein Anfang" zu sehen.

 

CHEXX Wie war Ihre erste Annäherung an Tiziano Terzani?

 

Bruno Ganz Ich habe zuerst das Buch gelesen, ehe das Drehbuch fertig war, und dann noch ein anderes, über die Geschichte mit den Wahrsagern. Ich habe mich bei vielen erkundigt und war erstaunt, wie viele Menschen seine Bücher gelesen haben. Leute, die sich für Spirituelles interessieren, Leute auf Sinnsuche. Nicht nur die, die sich an seine Spiegel-Artikel erinnern, sondern auch Jüngere.

 

CHEXX Was hat Sie an dem Weltmann Tiziano Terzani interessiert?

 

Bruno Ganz Die Mischung. Er hatte eine empfindsame Offenheit für den asiatischen Raum, gemischt mit hoch entwickelter italienischer Vernunft, dem Bewusstsein, Europäer zu sein, und er hat sich geöffnet. Dann ist er jemand, der in indischer Weise den Tod bewältigt. Das interessiert mich auch, aber mindestens ebenso sehr, dass er ein Zeuge ist des Jahrhunderts, Vietnam, Pol Pot, Mao erlebt hat bis zum bitteren Ende. Für mich als Schauspieler war interessant, wie erzählt man diese Ereignisse eines Jahrhunderts, die bis auf den heutigen Tag Folgen nicht nur für Amerika haben. Und dann die Himalaya-Reise, das hatte mit seiner Krebsdiagnose zu tun. Er wollte das nicht nur als Opfer erleiden, sondern etwas aufbauen, um mit dem Finalen, was uns allen bevorsteht, umzugehen. Diese Reise spricht für seinen Kampfeswillen und seine Kraft.

 

CHEXX Können Sie beschreiben, wie Sie als Schauspieler in eine solch starke Persönlichkeit hineinschlüpfen?

 

Bruno Ganz Ich habe sieben Wochen lang Tag für Tag Text gelernt, manchmal bis zu acht Stunden täglich. Das Lernen ist nicht nur Mechanik, es setzt auch die Fantasie in Bewegung. So nähert man sich der Person. So zu tun, als sei man dieser Mann, ist Unsinn. Aber ich musste aus meiner Privatheit entlassen werden - der Bart hat dabei geholfen, aber ich war froh, als er wieder abkam. Es ging in diesem Fall nicht so sehr darum "ein realistisches" Portrait zu machen wie ich es z. B. bei Hitler versucht habe. Das ist eine andere Sache. Hier hat die Annäherung im Wesentlichen beim Textlernen stattgefunden.

 

CHEXX Gibt es eine Szene, in der sich alles konzentriert?

 

Bruno Ganz Die Quintessenz ist die Zurückeroberung des Paradieses, das nicht mehr Entzweitsein mit der Welt. Im Himalaya auf etwa 6000 Metern Höhe sieht er eines Tages einen kleinen Marienkäfer, der über einen tiefen Abgrund Richtung Berge fliegt und stellt sich vor, er sei dieser Marienkäfer. Dieses Wiederfinden der Einheit, dieses kosmische Gefühl, dass man nur ein Teil ist von Allem in Zusammenhang mit dem Warten auf den Tod, das wird in dieser Szene ausgedrückt und vollständig nachempfunden. Das wird mir in Erinnerung bleiben, mehr als die Reiseberichte.

 

CHEXX Welche Rolle spielt das Sterben oder der Tod in Ihrem Leben?

 

Bruno Ganz Mir fällt auf, dass es der dritte Film in Folge ist, in dem ich sterbe. Ich dachte, vielleicht wäre das eine spielerische Möglichkeit, sich dem Tod anzunähern, in dem man ihn als Schauspieler vorwegnimmt. Aber ich bin schon so oft auf Bühnen gestorben, und als junger Mensch weiß man einfach nicht, was das bedeutet. Da ist es toll, wenn man schön stirbt als Shakespeare-Figur, aber man ist zu blöd, man kapiert nicht, in welchen Räumen man sich da bewegt - es ist Kunst, Schauspielerei. Jetzt ist das natürlich ein bisschen anders. Aber ich denke, letztlich kann man sich nicht darauf vorbereiten. Ich denke schon darüber nach, weiß, dass ich mich mit solchen Filmen in der Nähe aufhalte. Aber ich sehe nicht, dass ich davon etwas mitnähme, das es mir erleichterte, meinem eigenen Tod zu begegnen. Daran glaube ich nicht.

 

CHEXX Was interessiert Sie an der Schauspielerei?

 

Bruno Ganz Dass ich Sachen vorspielen kann, die uns alle gemeinsam berühren, weil wir Menschen sind. Das ist der Vorgang. Man spielt etwas, indem die Leute nicht unbedingt sich selbst, aber die Gattung Mensch wieder erkennen, gereinigt von den allerbanalsten Schlacken, die die Realität oft so doof machen - ein Konzentrat. Ich habe als Schauspieler oft erlebt, dass man auf der Bühne Sachen tut, die wahrer sind als jede Wahrheit des Lebens. Das hat dann große Kraft, das berührt die Menschen wirklich.

 

CHEXX Hätte Tiziano Terzani Ihr Freund sein können?

 

Bruno Ganz In gewisser Weise schon, ich habe riesen Respekt vor ihm. Aber es gibt auch Dinge, die mich von ihm entfernen. Stärkere Figuren sind oft nicht aus einem Guss, dann muss man mit den Sachen dealen, die man nicht so mag. Aber sein Anspruch an das, was man Wahrheit nennt, und was seine Wahrheit auch war, war eine lautere saubere Sache - dem hätte ich mich wie ein Kind anvertraut. Es wäre eine gute Beziehung gewesen, glaube ich.