Anfang der 80er Jahre gehörte er mit seiner Band Culture Club zu den ganz großen Teenie-Idolen im internationalen Musikgeschäft, wurde von der verzückt aufkreischenden Jugend in Lichtgeschwindigkeit zur exotisch-flippigen Instant-Lichtgestalt der New Romantic-Bewegung hoch stilisiert. Zu Beginn der 90er dann der unausweichliche Karriereknick: Hässliche Skandalschlagzeilen von nächtelangen Sex-, Drogen- und Gewaltorgien statt Superhits, Knastaufenthalte statt ausverkaufter Konzerttouren. Kürzlich war Boy George als geläuterter Pop-Paradiesvogel live in Berlin zu erleben, am 28. Januar folgt der Release seines neuen Soloalbums "Ordinary Alien" - der Comebackversuch einer der letzten echten Ikonen zwischen Glam und Gosse, zwischen Ruhm, Rausch und Rehab. Eine gefühlte Ewigkeit hatte man nichts mehr vom freaky-schillernden Schöpfer unzerstörbarer Discohymnen wie "Do You Really Want To Hurt Me" oder "Karma Chameleon" gehört. Beziehungsweise nichts auch nur ansatzweise Erfreuliches, was über fast gewohnheitsmäßige C-Promi-Randnotizen über Heroinbesitz, verprügelte Callboys oder sonstige Hardcore-Exzesse hinausgegangen wäre. Um so überraschender seine Comeback-Performance während der hochkarätig besetzten Nokia Night Of The Proms, auf der sich der 49-jährige Brite in der ausverkauften o2-Arena neben Weltstars wie Sir Cliff Richard oder Kid Creole & The Coconuts als gereiftes Gesamtkunstwerk mit viel Schminke, Charme und Charisma präsentierte: Den nachtblauen Glitzerhut ein wenig zu tief ins Gesicht gezogen zwar, stimmlich leicht angeschlagen und das eine oder andere überflüssige Pfund unter dem auffällig weiten Anzug kaschierend - Boy George hat nach seiner höhen- und tiefengeprüften Superstarhistorie 2010 kaum an Ausstrahlung eingebüßt, ist von der gestrauchelten Ex-Drag Queen zum Großen Alten Mann des Hochglanzpops avanciert. Ein Ausnahmekünstler über Probleme, Pläne, Perspektiven.

 

CHEXX In den letzten Jahren haben Sie sich nach Ihrer Solokarriere schwerpunktmäßig aufs Plattenauflegen konzentriert - warum der Schritt zurück auf die große Bühne?

 

Boy George Ich liebe es, Musik zu machen und Shows zu spielen. Spätestens, als damals all diese unsäglichen Boybands und konfektionierten Plastik-Acts immer populärer wurden, war es höchste Zeit für mich, zu gehen. Ich fühlte mich mit meiner Musik irgendwie deplaziert; der Massengeschmack hatte sich zu einer oberflächlichen, seichten, inhaltslosen Wegwerfware gewandelt, zu der ich nicht verkommen wollte. Heute geht es mit Künstlern wie Amy Winehouse oder Duffy qualitätsmäßig endlich wieder aufwärts - dieser Zeitpunkt fühlt sich gut und richtig an, es noch einmal zu versuchen.

 

CHEXX Sie blicken heute auf 30 turbulente und wechselvolle Jahre im Popgeschäft zurück - ein kurzes Fazit!

 

Boy George Gerade als junger Künstler unterliegt man am Anfang seiner Karriere leicht dem Trugschluss, dass Ruhm und Erfolg die Lösung aller Probleme bedeuten. Doch irgendwann platzt dieses Luftschloss und konfrontiert dich mit der harten Wirklichkeit. Ich habe fest daran geglaubt, dass mir dieser riesige Erfolg über meine Unsicherheit hinweg helfen würde - mit der Zeit lernt man gezwungenermaßen, alles aus einer anderen, realistischen Perspektive zu betrachten und einzuschätzen. Ich habe mir angewöhnt, mich heute nicht mehr groß über die Vergangenheit oder die Zukunft zu sorgen, sondern im Hier und Jetzt zu leben. Ich bin in der glücklichen Lage, das zu tun, was ich liebe und auch noch davon leben zu können.

 

CHEXX Gerade haben Sie zusammen mit Mark Ronson die gemeinsame Single "Somebody To Love Me" veröffentlicht, bevor er demnächst das Reunion-Album zum 2012 geplanten Culture Club-Comeback produzieren wird.

 

Boy George Richtig! Mark rief mich an und schwärmte mir von diesem Song vor, den er für mich geschrieben hätte - und ich fand ihn später beim ersten Hören einfach großartig. Unsere Zusammenarbeit war eine unbeschreibliche Erfahrung - er hat eine sehr angenehme, entspannte Vorgehensweise, die perfekt mit meiner übereinstimmt. Wir beide lieben diesen ganz besonderen Vibe der 80ies, bei dem es noch um Stil und um Inhalt ging; etwas, das man heute kaum noch in der Popmusik findet. Ich bin sehr gespannt und freue mich, in Zukunft weiter mit ihm arbeiten zu dürfen.

 

CHEXX Klingt nach einem ganz neuen Anfang!

 

Boy George Definitiv, als Künstler und als Person. Ich bin mir darüber bewusst, dass ich in der Vergangenheit viele Fehler gemacht habe. Jeder kann diese unschönen Geschichten selbst nachlesen. Mein Leben hat sich in der letzten Zeit gravierend gewandelt - heute will ich den Leuten beweisen, dass man sich ändern kann, trotz allem! Ich habe schmerzhaft lernen müssen, was ich tun und was ich lieber lassen sollte. Ich freue mich darauf, das Publikum endlich wieder davon zu überzeugen, dass ich in erster Linie immer noch ein Künstler bin, der seine Fans mit guten Songs entertaint. Und nicht durch irgendwelche Skandalgeschichten!