Anläßlich des bevorstehenden Starts des Kinofilms "Neues vom Wixxer" bekamen wir die Gelegenheit zu einem Interview mit dem Co-Produzenten, Darsteller und Autoren Oliver Kalkofe. Der in Hannover geborene Satiriker und Fernsehkritiker Oliver Kalkofe wurde vor allem mit "Kalkofes Mattscheibe" populär.

 

CHEXX Wird man nicht schnell ein bisschen schizophren, wenn man als Co-Produzent Kalkofe dem Darsteller Kalkofe eine tolle Szene streichen muss, die der Autor Kalkofe geschrieben hat?

 

Oliver Kalkofe Ja! Die sind nämlich alle drei sehr eitel. Ich weiß jetzt nicht mal, wer von ihnen der Schlimmste ist. Aber ehrlich gesagt: Ich komme mit allen dreien nicht wirklich gut zurecht. Das darf ich nur keinem verraten, weil ich sonst versuche, mich gegen mich selbst auszuspielen.

 

CHEXX Aber: Wie funktioniert das wirklich?

 

Oliver Kalkofe Also: Eigentlich sollte der Produzent ganz vorne stehen. Über den beiden Anderen. Bei mir führt diese Kombination im Übrigen nicht etwa dazu, dass ich mir immer mehr Szenen in den Film reinschreibe. Das Gegenteil ist der Fall: Ich streiche eher mehr raus, weil ich von dem Schauspieler Kalkofe gar nicht immer so begeistert bin. Von dem Autor Kalkofe im Übrigen auch nicht.

 

CHEXX Am Set - oder erst später im Schneideraum?

 

Oliver Kalkofe Meistens später. Man findet immer etwas, was man hätte besser machen können. Erst recht dann, wenn man den Film zum 30. Mal gesehen hat. Dann gibt's Szenen, über die man regelrecht verärgert ist. Man lernt, sich selbst sehr viel mehr als andere zu kritisieren und hat dadurch sehr viel weniger Spaß an der Geschichte. Ich kann mich einfach nicht mehr zurücklehnen und sagen: Ach, ist ja lustig, was die Anderen so machen. Weil ich daneben immer irgendwas sehe, was ich gerade meiner Ansicht nach falsch mache.

 

CHEXX Sprechen wir zuerst mit dem Schauspieler Kalkofe. Ich erinnere mich, dass Sie in Interviews zum "Wixxer" erzählten, das Aufregendste sei eine Szene gewesen, in der Sie eine Schlange in der Hose haben mussten. War das noch zu toppen? Was war diesmal die Herausforderung?

 

Oliver Kalkofe Man denkt beim Stichwort "Herausforderung" natürlich zuerst an Action- und Prügelszenen. Aber das ist es nicht. Das ist doch so ein Kindheitstraum: Einmal Bruce Willis sein. Du schlägst zu - und der Andere fällt um. Das kenne ich aus dem realen Leben nicht. Das macht Spaß, da kann man sich ausleben. Außerdem sind solche Geschichten immer exakt durchgeplant und vorausberechnet - da geht einfach nichts schief. Viel schlimmer sind oft ganz harmlose Sachen.

 

CHEXX Was also war diesmal besonders gemein?

 

Oliver Kalkofe Am härtesten für mich war diese Geschichte in der Badewanne. Da habe ich vorher gar nicht realisiert, welch eine Scheißszene ich mir da selbst ins Drehbuch geschrieben habe: Ich liege mit einer Zwangsjacke in der Wanne und eine aus einer Kreissäge konstruierte Todesapparatur kommt auf mich zu. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass ich dafür fast einen ganzen Tag im lauwarmen Wasser verbringen würde mit einem Neoprenanzug unter den Klamotten. Es ist eng, du kannst dich nicht bewegen, kannst dich nicht mal kratzen... - du wirst wahnsinnig dabei! Und am späten Abend, als ich schon sicher wusste, ich würde eine Grippe bekommen, kam dann die Ansage: Ach übrigens Olli, am Samstag müssen wir davon noch etwas nachdrehen.

 

CHEXX Für die Statistiker und alle Kollegen, die einen Infokasten füllen müssen: Wie viele Trenchcoats sehen wir an Even Longer in diesem Film?

 

Oliver Kalkofe Schwierige Frage! Mit letzter Sicherheit kann die nur das Kostüm-Department beantworten. Es gab den Friedhofs-Trenchcoat, den Showdown-Trenchcoat, den Zu-Besuch-bei-Lord-Dickham-Trenchcoat... - ich glaube, es waren sieben. Was ich weiß: Beim ersten Film war es völlig egal, da war der Trench einfach immer gleichmäßig dreckig. Diesmal aber gab es verschiedene Abstufungen: "Even" vor dem Kampf, "Even" nach dem Kampf, "Even" frisch gebadet und aufpoliert... Das war gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Zu wissen: In welchem Zustand bin ich gerade in dieser Szene? Zumal es ja bei der Frisur und den Fingernägeln ähnlich war. Beim letzten Mal wurde ich einfach nur jeden Tag im gleichen Maß eingesaut.

 

CHEXX Die Komplikationen beim Look hängen ja damit zusammen, dass Even in "Neues vom Wixxer" eine ganz schwierige Phase durchlebt: Very Long unternimmt den Versuch, seinen Chiefinspector zu zivilisieren. Das Publikum wird sich natürlich fragen: Wie viel Autobiografisches von Kalkofe steckt in diesen Szenen?

 

Oliver Kalkofe Es ist wirklich viel! Es gibt aber eine Szene, bei der ich immer schmunzeln muss. Die nämlich, in der "Even" sein Rotweinglas zerbricht. Ich bin ja bekanntermaßen ein großer Rotweintrinker und deshalb weiß ich bei dieser Szene ganz genau: Das stimmt so nicht! Es ist aber auch das Einzige, bei dem ich dachte, dass es irgendwie gespielt wirkt. Aber im Ernst: Irgendwann haben Olli, Bastian und ich gemerkt, dass in den Figuren, die wir spielen, ganz viel von uns selbst steckt. Das sind stilisierte Comedy-Varianten von uns. Natürlich bin ich nicht so schlampig wie "Even Longer". Aber dass er Konventionen so beharrlich ignoriert, entspricht mir wieder sehr gut. Manchmal, wenn wir mit unserem Schauspiel-Coach geprobt haben, habe ich mich gefragt: Was haben wir da eigentlich gemacht? Wir haben ganz unbewusst so viele kleine Geheimnisse von uns in diese Figuren gelegt... - war das wirklich nötig? Andererseits hilft es auch sehr, diese Figuren ein gutes Stück authentischer zu spielen.

 

CHEXX Authentischer auch als im ersten Film...?

 

Oliver Kalkofe Ganz sicher. Für uns war der erste Teil gewissermaßen der Pilotfilm, in dem wir uns erst in die Rollen finden mussten, und diesmal konnten wir sie weiter mit Leben füllen. Das dauerte natürlich auch wieder einen Moment, aber nach ungefähr drei Tagen kam bei Bastian und mir das Gefühl: Ja, Long & Longer - das sind wir. Sobald wir die entsprechenden Kostüme anzogen, begannen wir auch, uns wie Even und Very zu bewegen. Und das war beim ersten "Wixxer" eben noch nicht so.

 

CHEXX Even ist - so viel dürfen wir verraten - in "Neues vom Wixxer" schwer verliebt. Wie kam es zu dieser Idee? Wollte Kalkofe endlich mal eine Kussszene auf der großen Leinwand haben?

 

Oliver Kalkofe Nein, nein, nein! Meine Freundin ist heute noch sauer darauf, dass wir diese Szene haben. Wir haben einfach im Vorfeld lange überlegt, was den Figuren im ersten Teil fehlte und wie wir sie weiterentwickeln können. Und klar war: Even wieder einer Frau hinterher rennen zu lassen, die ihn am Ende ignoriert, wäre langweilig. Was aber würde man von ihm am allerwenigsten erwarten? Natürlich, dass er auf dem besten Weg zu einer richtig festen Beziehung ist. Dass er eine Frau liebt und für sie kämpfen muss.

 

CHEXX Das Verhältnis zu seinem Kollegen hat sich ja auch deutlich verändert...

 

Oliver Kalkofe Genau, die beiden haben sich auf eine sehr spezielle Art angefreundet und laufen nicht mehr aneinander vorbei. Auch wenn Even natürlich niemand ist, der solche Gefühle offen zeigt... Vorher hatte Even offenbar gar keine Gefühle, jetzt hat er fast schon zu viele: Die Frau, die er liebt, steht auf der Todesliste des Wixxers. Und sein Partner und Freund ebenfalls. Er muss beide beschützen - doch wenn man ehrlich ist, kann er das nicht mal bei einem von ihnen. Dazu soll er auch noch den Wixxer fangen. Der Mann ist einfach komplett überfordert! Für mich war das ganz toll. Denn als Darsteller, Autor und Mitproduzent, der die ganze Zeit am Set anwesend ist, hatte ich ja selbst auch dieses Gefühl der permanenten Überforderung. Entsprechend einfach war es, mich mit dieser Rolle zu identifizieren. Hätte ich spielen müssen "Even geht's gut und er hat alles im Griff" wäre ich daran wahrscheinlich komplett gescheitert. So konnte ich meine eigene Überforderung, die ich hinter den Kulissen gespürt habe, mit ans Set bringen. Das hat sehr geholfen.

 

CHEXX Sehr anrührend ist ja auch, was wir durch den Auftritt des Bruders über Evens Kindheit erfahren. Wie verkorkst ist der arme Kerl wirklich?

 

Oliver Kalkofe (lacht) Auch da ist natürlich wieder ein bisschen eigene Geschichte dabei. Dieses kleine dicke Kind, das den jungen Even spielt, ist mir gar nicht so unähnlich. Ich war auch klein und dick und unsportlich. Tanzen konnte ich auch nicht - und musste trotzdem irgendwo meinen Platz im Leben finden. Der einzige Unterschied: Ich hätte als Kind nie so ein Haus aus Streichhölzern bauen können, ich war nämlich auch im Basteln schlecht. Selbst dazu war ich zu doof! Ich habe stattdessen immer gemalt und geschrieben. Aber das beeindruckt andere Kinder in dem Alter natürlich nicht so besonders. Wäre eigentlich spannend zu wissen, ob alle Comedians so eine verkorkste Kindheit hatten...

 

CHEXX Wie war es, mit Joachim Fuchsberger und den anderen großen Schauspielern der alten Wallace-Film zusammenzuarbeiten?

 

Oliver Kalkofe Fuchsberger ist eine ganz besondere Geschichte, deshalb fange ich erst mal mit den Anderen an. Schon beim ersten Film war es uns ganz wichtig, möglichst viele der noch lebenden Wallace-Schauspieler dabei zu haben. Viele sind ja leider schon verstorben - aber den übrigen wollten wir nicht nur zeigen, dass wir Fans sind. Sondern auch, wie viel Respekt wir vor dem haben, was sie damals gemacht haben. Ich finde es immer extrem traurig zu sehen, dass mit so vielen ganz großen Schauspielern der letzten Jahrzehnte heute nur noch so wenig gearbeitet wird. Und wir hätten gern noch viel mehr von ihnen besetzt - nur irgendwann gingen uns dann natürlich auch die Rollen aus.

 

CHEXX War es diesmal leichter als im ersten Film, die Altstars dafür zu gewinnen?

 

Oliver Kalkofe Es hat natürlich manchmal etwas gedauert. Aber wenn sie den ersten Film gesehen und das Buch gelesen haben, wussten sie, dass wir eben keine schlichte Sketchparade machen. Sondern eine sehr genaue Parodie. Und haben mitgemacht. Das Tolle war: Wir hatten weder beim ersten noch jetzt beim zweiten Film bei irgendeinem von ihnen das Gefühl: Hmmm - den muss man jetzt vielleicht nicht unbedingt noch mal sehen. Weil sie vielleicht Starallüren am Set gezeigt haben oder ähnliches. Es war im Gegenteil so: Sie haben uns gezeigt, wie man professionell arbeitet, wenn man seit Jahrzehnten auf der Bühne steht. Wenn man erlebt, wie beispielsweise Judy Winter eine Szene spielt, schnappt man nach Luft! Jedesmal auf den Punkt, fehlerfrei, und immer so intensiv, dass man fast eine Gänsehaut kriegt - das ist wirklich beeindruckend. Andererseits kamen sie dann zu uns und sagten uns, wie nervös sie seien. Fragten uns, ob das denn alles so richtig war. Und wir standen da und dachten: Ihr müsst Euch doch nun wirklich keine Gedanken machen! Wir sind doch hier im Vergleich zu Euch die ganz Kleinen! Für uns war es ein Kindheitstraum, mal neben diesen Schauspielern zu stehen. Zu sehen, dass sie uns sogar ernst nehmen war ein Geschenk für uns alle.

 

CHEXX Zum Schluss: Was ist die ganz spezielle Geschichte bei Joachim Fuchsberger?

 

Oliver Kalkofe Joachim Fuchsberger ist ohne Frage die ganz große Edgar Wallace-Ikone. Ähnlichen Status haben nur noch Eddi Arent und die leider verstorbenen Klaus Kinski und Heinz Drache. Außerdem hat er mich natürlich die gesamte Kindheit und Jugend mit seinen Filmen und Fernsehshows begleitet. Umso trauriger waren wir verständlicherweise damals, als er uns für den ersten "Wixxer"-Film absagte, für den wir ihm bereits einen Cameo-Auftritt ins Buch reingeschrieben hatten. Ich habe mir echt die Finger wund geschrieben - aber von ihm kam nur eine kurze Absage, danach kein weiteres Lebenszeichen. Später stand irgendwo zu lesen, dass ihm der Titel nicht gefalle und für uns war damit das Thema "Fuchsberger" eigentlich durch. Aber ich konnte einfach nicht locker lassen - und dann traf Bastian ihn beim Fernsehpreis, sprach mit ihm und am Ende versprach Blacky, dass er das Buch zu "Neues vom Wixxer" lesen würde. Das war nun DIE Chance - wir haben uns also hingesetzt und ihm seine Rolle wirklich auf den Leib geschrieben. Mit ganz vielen kleinen Zitaten und dem Gedanken: Was wäre wohl aus "seinem" Inspector geworden seit den 60er Jahren? Die Produktion hatte ihm dann auch sofort noch einmal die DVD zu "Der Wixxer" nach Australien geschickt und so hat er einige Wochen vor Drehstart endlich den ersten Film gesehen: den fand er toll, war vom liebevollen Ton sehr begeistert und hat seine Meinung dann auch sofort öffentlich revidiert. Nach der Lektüre des Buches zu "Neues vom Wixxer" sagte er sofort zu - und wir konnten unser Glück nicht fassen! Schlimmer noch: Ich dachte, er kommt vielleicht, findet uns aber in Wirklichkeit trotzdem alle doof. Am Abend vor seinem ersten Drehtag habe ich auf ihn gewartet, um ihn zu begrüßen. Erst kam die Meldung, der Flieger sei verspätet. Ich blieb wach. Stunden später bekam ich die Nachricht: Sein Flug ist gecancelt. Und ich hatte die ganze Nacht Albträume. Am Morgen hieß es dann, er sei über Nacht mit dem Auto nach Prag gefahren worden. Ich fuhr supernervös ans Set, begrüßte ihn mit den Worten: "Herr Fuchsberger, Sie glauben gar nicht wie ich mich freue, Sie hier zu sehen!". Er antwortete: "Und was meinst Du, wie sehr ich mich erst freue!", nahm mich in den Arm und wir waren von der ersten Minute an Freunde. Es war für uns alle fantastisch zu erleben, mit welcher Freude, Energie und Herzlichkeit er dabei war. Wie er am letzten Tag mit tschechischen Sätzen eine Abschiedsrede an das gesamte Team hielt, jeden am Set ernst nahm und statt mit Starallüren mit Enthusiasmus und voller Spielfreude dabei war. Man wird so oft nach Idolen und Vorbildern gefragt... - ich würde mir wünschen, mit 80 so zu sein wie er.