Er hat Charme. Er hat Stimme. Seine Lieder sind vielfach voller Poesie. Wie eine Tunte bei den Neandertalern aussah, wollte uns Sophie White bei dem Interview mit CHEXX nicht verraten. Das aber kann man am 24. September bei der Premiere seines neuen Programms "Evolution" herausfinden.

 

CHEXX Du bist ein Mann, aber dein Künstlername ist Sophie White. Warum dieser Name, der zunächst auf eine Frau schließen lässt?

 

Sophie White Weil ich am Anfang in Frauenkleidern aufgetreten und gesungen habe. Daher brauchte ich einen weiblichen Namen.

 

CHEXX Wie und wo fing alles an?

 

Sophie White Angefangen hat alles im Herbst 1997. Zur Sylvesterfeier wollten ein paar Freunde und ich eine kleine Show veranstalten. Als junger Schwuler lag es nah, sich als Frau zu verkleiden. Das war damals sehr angesagt. Und im Vertrauen gesagt, war ich damals ziemlich tuntig. Das weibliche Gehabe wurde durch ein entsprechendes Kleid noch hervorgerufen. Wir fühlten uns einfach gut. Nach dieser Sylvesterfeier kamen einige auf uns zu und sagten, dass es ihnen gefallen hat. Mit solch einer Resonanz hatten wir nicht gerechnet und gründeten kurzerhand in Wolfsburg das Travestie-Ensemble "Femme fatale". Wir probten, was das Zeug hielt. Hatten aber keinen gemeinsamen Auftritt. Nur Jacky Monçereau und ich hatten kleinere Moderationen mit Showeinlage in Wolfsburg beim Christmas-Rock-Festival und auf einer Antifa-Veranstaltung.

 

CHEXX Du bist früher in Frauenkleidern aufgetreten. War das das Bedienen eines Klischees, eines Fetisch oder gibt es so etwas wie eine tuntige Phase als Pflichtprogramm?

 

Sophie White Ich habe nie den Fummel als Fetisch oder aus sonst einem sexuellen Verlangen getragen. Meine Idole waren Frauen: Edith Piaf, Marlene Dietrich, Zarah Leander, um nur einige zu nennen. Und deren Lieder wollte ich singen. Stell Dir doch mal einen Mann mit Bart und Holzfällerhemd vor, der "Ich bin die fesche Lola" singt. Als Schwuler macht fast jeder eine tuntige Phase durch. Ich glaube, dass dies dazu gehört. Und der Fummel unterstrich meine femininen Züge und brachte Plausibilität in die Interpretation der Lieder, die jeder mit Frauen verband. Mag man es Klischee nennen. Aber ein Fünkchen Wahrheit steckt hinter jedem Klischee.

 

CHEXX Lilo Wanders und Olivia Jones tun es. Heinz Rühmann tat es. Worin besteht der Reiz, sich als Frau auf der Bühne zu bewegen?

 

Sophie White Es gibt die Frage, warum der Hund sich zwischen den Beinen leckt? Weil er es kann! Und diese Antwort trifft auch für mich zu. Eine Rolle zu verkörpern, macht Spaß. Ich bin kein Schauspieler. Meine Begabung lag in der femininen Ausstrahlung und auf hohen Absätzen laufen zu können. Und mit dem richtigen Fummel kann das sehr lustig sein.

 

CHEXX Es gibt ja für alles hübsche Begriffe: Travestiekünstler, Dragqueen, Tunte. Wo würdest du dich einordnen?

 

Sophie White Eigentlich als Tunte. Sophie White hatte sich im Laufe der Zeit als Persönlichkeit entwickelt, wurde zu einer selbstständigen Figur. Sie ist keine Frauenimitation, sie ist einfach Sophie White.

 

CHEXX Du bist ein Jahr lang auf der Reeperbahn mit Seemansliedern a la Hans Albers aufgetreten, hast Marlene Dietrich-Lieder im Schmidt-Theater in Hamburg gesungen. Das klingt doch stark nach dem Durchbruch, den sich jeder Künstler wünscht?!

 

Sophie White Ein paar Auftritte schaffen noch keinen Durchbruch. Ich war zu der Zeit auf meinen Lehr- und Wanderjahren. Ich war unreif, hatte nur wenig Erfahrungen. Die braucht man aber, um auf Dauer seine Brötchen als Künstler zu verdienen. Ich war dagegen nur mutig und hatte Glück, dass mir nur wenig Fehler unterlaufen sind. Aber diese Zeit war sehr wichtig für meine Entwicklung. Sonst würde ich nach fast 20 Jahren nicht mehr auf der Bühne stehen.

 

CHEXX Ernie Reinhardt, besser bekannt als Lilo Wanders, holte dich an das Schmidt-Theater. Trotzdem bist Du aus Hamburg weggegangen?

 

Sophie White Ich habe durch Ernie ein paar Mal im Schmidt-Theater gespielt. Gewohnt hatte ich damals in Bielefeld. Geträumt habe ich schon davon, ein Star zu werden. Aber andererseits war ich ein zu großer Realist. Und da braucht man Sicherheit, die mir die Singerei nicht geben konnte.

 

CHEXX Du lebst nicht von deiner Musik. Eine bewusste Entscheidung?

 

Sophie White Ja. Ich brauche beide Beine auf dem Boden. Die Singerei kann ein wunderschönes Standbein sein. Aber eben nur Plural (Welch wunderbares Wortspiel).

 

CHEXX Die Frauenkleider hängen nun im Schrank, die Pumps sind weg. Du hast wieder Hosen an und trittst nicht mehr als Frau auf. Warum dieser Wandel oder sind "Männerklamotten" doch einfach billiger?

 

Sophie White Mit Geld hat das wenig zu tun. Als ich mein erstes Programm mit Thomas Bode hatte, wagten wir ein kleines Experiment. Ich legte den Fummel an die Seite. Und die Resonanz war groß. Man fand mich authentischer und als Tunte in Hosen wunderbar. Und ich fand das auch. Ich fühlte mich als Ich einfach wohler. Hinzu kam noch, dass meine Stimme sich entwickelte und ich andere Möglichkeiten fand, mich zu präsentieren. Es hat alles seine Zeit. Und die Zeit der Fummel war vorbei. Ein paar Accessoires verwende ich noch heute. So trage ich manchmal noch Nylonstrümpfe oder eine Damenhose.

 

CHEXX Du gehst offen mit deinem Schwulsein um, machst das zum Inhalt deines Bühnenprogramms und kokettierst damit auch mit dem Publikum. Was treibt dich, das so stark zu thematisieren?

 

Sophie White Die armen jungen Männer, die mir immer wieder über den Weg laufen und Angst haben, ihr schwules Leben öffentlich zu leben. Dies ist mein Beitrag für mehr Anerkennung und Akzeptanz in der Gesellschaft zu kämpfen. Ich habe die Möglichkeit, meine Popularität zu nutzen und nutze diese Chance.

 

CHEXX Auch mit deiner HIV-Erkrankung gehst du sehr offen um. Geht das das Publikum überhaupt etwas an?

 

Sophie White AIDS geht jeden etwas an. Solange es Neuinfektionen gibt, obwohl die Wege sich zu schützen bekannt sind, nutze ich die Gelegenheit AIDS zu thematisieren, ein Bewusstsein zu schaffen und immer wieder auf diese schreckliche Krankheit aufmerksam zu machen. Am Anfang berichteten die Medien unaufhörlich über dieses Thema und weckten das Bewusstsein. Leider ist AIDS heute kein so großes Thema mehr. Die fehlende Konfrontation mit AIDS kann ich mit meinen Liedern und meiner Offenheit ändern. Nur so kann verhindert werden, dass durch Unwissenheit diese Krankheit sich weiter verbreitet.

 

CHEXX Du trittst einmal im Jahr in der Brunsviga auf. Das ist sehr wenig. Gibt es nicht den Wunsch nach mehr Auftritten?

 

Sophie White Es gibt mehr Auftritte. Aber die finden nicht alle in der Brunsviga oder nur in Braunschweig statt. Da ich fast neben der Brunsviga wohne, nehme ich die Möglichkeiten, die man mir dort bietet gerne an. Und das sogar mehrmals im Jahr. Dieses Jahr war ich in der Produktion "Orpheus in der Unterwelt" als Venus zu sehen, präsentiere mein neues Programm am 24. September und werde Sylvester noch mal als Venus auf der Bühne stehen.

 

CHEXX Du bist stimmgewaltig und verstehst dein Publikum mitzureißen. Das Fernsehen liebt solche Künstler…

 

Sophie White Ich stehe im Telefonbuch. Wenn sie mich wollen, bin ich da.

 

CHEXX Wie eine Tunte bei den Neandertalern aussah, ist eines der Themen in deinem neuen Programm. Ja, wie sahen die denn nun aus?

 

Sophie White Rosa Tigerfell mit Stulpen und "Glacehandschuhen" aus Fischhaut vielleicht? Schau es Dir an!