Moritz Bleibtreu ist gerade in "Liebe Deine Nächste" zu sehen. Andrea Fonk sprach mit ihm über Arschlöcher, Angebote und die Situation der deutschen Kinoindustrie. In "Knockin On Heaven´s Door" nuschelte er als Abdul pseudo-arabische Kultsätze, als Manni flennt er in "Lola rennt" hysterisch rum: Durch beide Rollen hat´s Moritz Bleibtreu geschafft: Er bekommt Fanpost von kleinen Mädchen und Rollenangebote von großen Regisseuren. In Detlev Bucks "Liebe Deine Nächste" spielt er nun einen kaltschnäuzigen Hund namens Tristan, der begeistert Unternehmen von überflüssigen Mitarbeitern befreit. Im begleitenden Interview in Hamburg äußerte er sich mit freundlicher Gelassenheit - solange das Thema nicht die Situation der deutschen Kinoindustrie berührte.

 

COCKTA!L Wie war es denn, mal ein Arschloch darzustellen?

 

Moritz Bleibtreu Es macht unheimlich Spaß, Arschlöcher zu spielen. Das ist natürlich sowieso das Geile am Spielen, dass du manchmal Sachen machen kannst, die du sonst nicht darfst, ohne sofort ein paar auf die Schnauze zu kriegen. Man muss aber auch aufpassen, dass die Figur nicht so scheiße wird, dass man nach fünf Minuten wegguckt und sagt: Boah, ich kann den Typen nicht haben.

 

COCKTA!L Wie viel von Dir steckt in dieser Rolle?

 

Moritz Bleibtreu Ein bisschen Arschloch hat jeder in sich. Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht mal in eine Situation kommt, wo er sagt: Den würde ich am liebsten umbringen. Na ja, aber eigentlich habe ich weder was mit Tristan noch mit Abdul und Manni zu tun. Der Tristan war auf jeden Fall eine Figur, wo man ein bisschen dran gurken musste, wo man sehr genau und präzise sein musste.

 

COCKTA!L Lebst Du hier in Hamburg?

 

Moritz Bleibtreu Ja klar, ich bin hier groß geworden und wohne immer noch in Altona - ein Fischkopp (lacht).

 

COCKTA!L Bist Du beim Drehen schon mal zurückgepfiffen worden, weil Dir Altonaer Slang raus gerutscht ist?

 

Moritz Bleibtreu Nee, eigentlich nicht. Aber das kann schon mal passieren. Bei Detlev Buck war das schlimm. Wenn man aus Hamburg kommt und mit dem drei, vier Tage zusammen ist, dann redet man wirklich röhrig, aber vom Allerfeinsten. Aber ich mag den Hamburger Dialekt. Mir machen Dialekte im allgemeinen Spaß. Ich mag Hessisch zum Beispiel unheimlich gerne. Bayerisch finde ich auch geil, hat auch seinen Charme. Man kann es nicht so ganz ernst nehmen, aber es ist halt lustig so. Was ich nicht mag, sind Schwäbisch und Sächsisch, da krieg ich Probleme.

 

COCKTA!L Wie sieht´s zur Zeit mit Angeboten aus? Bekommst Du viele gute Drehbücher zugeschickt?

 

Moritz Bleibtreu Es gibt leider in Deutschland keine wirkliche Autorenförderung. Billy Wilder hat mal gesagt: "Du brauchst drei Dinge für einen guten Film: ein Buch, ein Buch, ein Buch." Und das stimmt auch. Du kannst aus einem wirklich geilen Buch kaum einen schlechten Film machen, wenn du einigermaßen gute Schauspieler beschäftigst. Aber je größer der eigene Anspruch ist, desto mühsamer wird es eben, eine wirklich geile Geschichte zu finden. Wenn man anfängt und sich so hoch pütschert, dann sagt man halt beim ersten Angebot: Na klar, mach ich, wo, wann, wie, wie viel Geld. Wenn man dann aber eigenverantwortlich handeln muss, weil dein Name irgendwann Programm werden soll, dann muss man natürlich echt Glück haben, dass überhaupt was dabei ist, was einem gefällt. Da sieht man auch erst mal, wie scheiße so einiges ist, was man früher gar nicht so scheiße fand, weil man es da nur als Job gesehen hat.

 

COCKTA!L Was ist denn meistens schlecht?

 

Moritz Bleibtreu Ich denke, das geht zurück auf ein ganz umfangreiches Problem: Wir haben kein wirkliches Traditionsbewußtsein in Deutschland. Wenn du nach England gehst und sagst: You know what, die Spice Girls sind nun wirklich das Letzte, dann würde ein Engländer sagen: Well, wait, wait, wait. I mean, you know, they are a little stupid, but they are okay. So, und das haben wir in Deutschland einfach nicht, dass man das leben lässt, was aus dem eigenen Land kommt, weil es ein Teil von dir ist. Wenn ein Italiener einen Film macht wie "Cinema Paradiso", ist das was, wo jeder Italiener am Ende ins Taschentuch weint und sagt: Ja, das sind wir. Das ist Italien. Die Amis haben das sowieso, die Engländer haben es mit ihrem schwarzen Humor, und wir Deutschen haben halt ein gestörtes Verhältnis zu unserer eigenen Tradition, weil hier damals - wie wir alle wissen - ja wirklich Scheiße passiert ist. Und deswegen ist es unheimlich schwer, einen gemeinschaftlichen Nenner zu entwickeln, ohne rechts zu sein oder nationalistisch.

 

COCKTA!L Hast Du als Jugendlicher für deutsche Filme und Musik geschwärmt?

 

Moritz Bleibtreu Als ich 15 war, hätte ich mir niemals einen deutschen Film angeguckt oder jemals eine deutsche Platte gekauft - außer bei den Ärzten, da habe ich mir noch gesagt: Okay, ist lustig. Aber ich wäre doch nie auf die Idee gekommen, ein Musikstück ernstzunehmen - womöglich noch mit einem tragischen Text, der auf Deutsch gesungen wird und am besten noch darüber zu weinen wie bei Whitney Houston. Ich hör zum Beispiel, seit ich 12 bin, auch HipHop. Mittlerweile gibt es Gruppen wie diese Absolute Beginner, die ich so geil finde. Und trotzdem merke ich immer wieder, dass ich Probleme habe durch diesen deutschen Text. Da muss ich mich immer zwingen zu sagen: Hey, das ist jetzt cool, das ist gute Musik und gut gereimt, also hör zu und halt die Fresse...