Ob der Film "Hotel Lux" ein reines Ost-Thema erzählt und ob man einen Ort, an dem gefoltert und gemordet wurde, zu einer Komödie machen darf, fragten wir Jürgen Vogel in diesem Interview.

 

CHEXX Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?

 

Jürgen Vogel Absolut nichts. Ich habe erst davon erfahren, als mir das Projekt angeboten wurde. Ich finde es super interessant, dass so viel verschiedene Menschen, die später politische Karrieren gemacht haben und heute weltbekannt sind, damals an denselben Ort geflohen sind und dort unter einem Dach gelebt haben.

 

CHEXX Erzählt der Film ein reines Ost-Thema?

 

Jürgen Vogel Nein, das glaube ich nicht. Es geht um Menschen, die in einer Grenzsituationen vor dem Krieg fliehen. Das als Gerüst für einen Film zu nehmen, finde ich sehr spannend. Selbst wenn du nichts über die Historie weißt, weil du zu jung bist oder dich bislang nicht dafür interessiert hast, kannst du die Geschichte nachvollziehen.

 

CHEXX Siggi Meyer ist Kabarettist und Kommunist. Was sollte man sonst noch über ihn wissen?

 

Jürgen Vogel Er ist ein bodenständiger, proletarisch angehauchter Charakter. Als Künstler und Schauspieler ist er eher ein Handwerker und weniger ein Träumer. Wenn der Film anfängt, ist Meyers Karriere eigentlich schon am Ende. Vielleicht hätte er viel früher aufgegeben, wenn er seinen Freund Hans Zeisig nicht als Bühnenpartner hätte. Meyer ist unzufrieden mit der politischen Situation in Deutschland. Er sieht im Kommunismus den Weg aus der Krise. Das ist natürlich ebenfalls naiv, aber das kommt seiner proletarischen Herkunft sehr nahe. Er tritt in die kommunistische Partei ein und wird im Untergrund aktiv.

 

CHEXX Siggi Meyer parodiert auf der Bühne Adolf Hitler. Haben Sie vorher schon mal Adolf Hitler gespielt?

 

Jürgen Vogel Nein, das ist meine Premiere.

 

CHEXX Wenn Sie sich im Maskenspiegel mit Seitenscheitel und Bart sehen, verändern sich dann gleich Ihre Stimme und Stimmung?

 

Jürgen Vogel Natürlich versuche ich, diesen irren Blick zu imitieren, den Hitler immer hatte. Aber weil ich ihn nur parodieren und nicht eins zu eins spielen muss, hat der echte Hitler für mich keine allzu große Rolle gespielt.

 

CHEXX Ihr Hitler steppt und tanzt sogar mit Stalin.

 

Jürgen Vogel So eine Nummer wäre selbst für die damalige Zeit sehr mutig gewesen, aber die 20er und frühen 30er-Jahre müssen ohnehin der Knaller gewesen sein. Die Kunst in den Theatern und Varietes war geradezu anarchistisch. Schwarze Künstler kamen aus den USA und haben Musik gemacht. Menschen haben halbnackt Partys gefeiert, Kokain wurde in großen Mengen konsumiert.

 

CHEXX War das eine reine Spaßgesellschaft oder gab es auch politisches Kabarett?

 

Jürgen Vogel Es gab beides, aber man konnte anfangs wohl nur ahnen, was später unter Hitler alles passieren wird. Da war einer, der spielte sich ein bisschen als Diktator auf, und darüber hat man sich anfangs noch lustig gemacht. Das war damals eine sehr mutige und freie Zeit, bevor die Nazis bestimmte Bücher verbrannten, manche Kunst als "entartet" einstuften und alles in feste Bahnen drängten.

 

CHEXX Im Hotel Lux wurde gefoltert, gemordet und denunziert. Darf man so einen Ort zum Hauptschauplatz einer Komödie machen?

 

Jürgen Vogel Ob man das darf? Unbedingt! Weil Film, genau wie Theater und Musik, frei sein sollte. Man muss sich aber erst mal fragen, ob dieser Film wirklich eine Komödie ist. In meinen Augen ist das eher ein Abenteuerfilm mit komödiantischen Momenten. Es gibt ja keine Schenkelklopfer, sondern es geht auch um Bedrohung, um Leben und Tod.

 

CHEXX Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen Leander Haußmann und Bully Herbig erlebt?

 

Jürgen Vogel Als sehr gut. Die beiden ergänzen sich ausgezeichnet, obwohl keiner von beiden Ergänzung nötig hätte. Bully bereitet alles bis ins kleinste Detail vor und hält sich an Vorgaben aus dem Drehbuch. Leander ist sehr offen und hat eine große Begabung, Dinge noch mal neu zu erfinden. Aber das Ziel ist bei beiden dasselbe: Sie wollen etwas Gutes schaffen.

 

CHEXX Ist der Film für Bully Herbig der Sprung ins so genannte Charakterfach?

 

Jürgen Vogel So darf man das nicht sehen. Hans Zeisig ist ja keine klassische Charakterrolle in einem Film, der ernsthaft und kritisch eine bestimmte Epoche beleuchtet. Das ist ein Komiker, der in ernste, zum Teil makabere Situationen gerät und darauf in einer Weise reagiert, die das Publikum im besten Fall zum Lachen bringt. Bully ist hier in erster Linie Schauspieler, wie er auch in vielen anderen Filmen Schauspieler war. Nur die Geschichte ist anders als in seinen früheren Filmen. Denn das hier ist ein Leander-Haußmann-Film und kein Bully-Herbig-Film.

 

CHEXX Wie haben Sie die Dreharbeiten im Haus Cumberland in Berlin empfunden, das als Kulisse für das Hotel Lux diente?

 

Jürgen Vogel Ich fand das super. Unser Szenenbildner Uli Hanisch ist ein toller Künstler. Da war jedes Zimmer hervorragend ausgestattet und jedes noch so kleine Detail stimmte. Als Schauspieler fühlt man sich in so einer Umgebung sehr wohl. Wenn man mal in eine andere Etage des Hauses gegangen ist, hat man genau gesehen, wie viel in unserer Etage verändert worden war. Sobald man in dieser Kulisse stand, fühlte man sich in das Moskau der späten 30er-Jahre zurückversetzt.

 

CHEXX Haben Sie Moskau mal besucht?

 

Jürgen Vogel Ich war bei einem Filmfestival in Moskau. Russland ist schon ein verrücktes Land.

 

CHEXX Helfen solche Reiseerfahrungen bei den Dreharbeiten?

 

Jürgen Vogel Kaum. Ich ziehe die meisten Informationen über meine Figuren und ihre Umwelt aus dem Drehbuch. Es gibt das Sprichwort "Psychoanalyse ist der Tod der Kunst". Beim Schauspiel ist das ähnlich. Wenn man zu viel weiß, ist man nicht mehr so gut.

 

CHEXX Mit "Die Welle" konnten Sie erfolgreich ein junges Publikum auf das Phänomen des Faschismus aufmerksam machen. Kann das junge Publikum durch "Hotel Lux" auch etwas über die Geschichte lernen?

 

Jürgen Vogel Solche Gedanken mache ich mir als Schauspieler nicht. Inzwischen gehen ja auch die Älteren wieder ins Kino, wenn sie ein bestimmtes Thema interessiert. Bei "Die Welle" war das sehr gemischt. Viele Ältere aus der Generation der 68er sind in diesen Film gegangen, aber auch viele jüngere Zuschauer konnten sich dafür begeistern, weil der Stoff unterhaltsam vermittelt wurde. Am besten ist es natürlich immer, wenn man die Alten und die Jungen gleichermaßen erwischt.

 

CHEXX Sie und Bully sind am selben Tag im Jahr 1968 zur Welt gekommen. Flossen in Ihre Erziehung die Ideale der 68er-Generation mit ein?

 

Jürgen Vogel In meiner Familie gar nicht. Ich komme aus der Arbeiterklasse. Da ging es ums nackte Überleben und Politik spielte keine Rolle.

 

CHEXX Mit Thekla Reuten, die in "Hotel Lux" die Kommunistin Frida spielt, haben Sie schon in Margarete von Trottas "Rosenstraße" gearbeitet. Hatten Sie gemeinsame Szenen?

 

Jürgen Vogel Nein, leider nicht. Thekla ist eine tolle Schauspielerin und eine tolle Person. Die Stimmung zwischen Bully, ihr und mir ist super.

 

CHEXX Thekla hat mit Collin Farell "Brügge sehen … und sterben?" und mit George Clooney "The American" gedreht. War es da eine logische Konsequenz, dass ein Film mit Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel folgen muss?

 

Jürgen Vogel Wir stehen genau richtig in der Reihenfolge. Nach uns kann man diese Männerliste kaum noch toppen. Bully und ich hatten uns schon früh vorgenommen, dass Thekla nach dem Dreh mehr von uns schwärmen sollte als von George Clooney. Ich hoffe, dass uns das noch gelungen ist. Da müsste man Thekla mal fragen.

 

CHEXX Habe ich schon. Sie sagt, dass die Dreierkombination aus Leander Haußmann, Bully Herbig und Jürgen Vogel besser ist als George Clooney.

 

Jürgen Vogel Na super, es braucht also drei, um einen allein zu toppen. Aber immerhin ist der Anfang gemacht.