Andrea Fonk im Gespräch mit Friedrich Küppersbusch über den Verriss seiner Sendung im Stern, Mobbing beim WDR und Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Die Pressesprecherin des WDR reagiert ungewöhnlich, als wir wegen eines Küppersbusch-Interviews anfragen: "Wie finden Sie denn die Sendung? Seien Sie ehrlich." Seit der Stern Ende letzten Jahres einen Totalverriss über den ZAK-Nachfolger "Privatfernsehen" (ARD, samstags nach dem Wort zum Sonntag) veröffentlicht hat und die Quoten mäßig bleiben, scheinen die Nerven bloß zu liegen. Auch Küppersbuschs Witze wirken zur Zeit mitunter recht anbiedernd - wenn auch die Politshow zunehmend an Qualität gewinnt. Andrea Fonk traf den Robin Hood aller Linken in Köln.

 

COCKTA!L Was haben Sie dem Stern getan?

 

Friedrich Küppersbusch Das weiß ich auch nicht.

 

COCKTA!L Gab es denn Punkte in diesem Bericht, die Sie nachdenklich gemacht haben?

 

Friedrich Küppersbusch Also, so wichtig war der nun auch nicht.

 

COCKTA!L Trotzdem macht man sich ja vielleicht Gedanken.

 

Friedrich Küppersbusch Ja, wissen Sie, das ist immer sehr schwer. Also, Sie lernen einen harten Alkoholiker kennen, und der sabbert Ihnen abends nach der Sendung auf den Tisch - dann haben Sie zu so jemandem eine Attitüde, was der dann noch schreibt, ist Ihnen schließlich egal. Dass die Leser des Sterns jetzt nicht wissen, was da für, wie ich finde, anerkennenswerte Resozialisierungsmassnahmen laufen, das Problem hab ich dann natürlich. Dass es immer noch Leute gibt, die so ein Blatt ernst nehmen, da muss ich durch.

 

COCKTA!L Sie ignorieren die Kritik einfach?

 

Friedrich Küppersbusch Nein, ich nehme nur zur Kenntnis, dass ich jetzt mit meiner Karriere an einer Stelle bin, wo man sagt, also wir halten den jetzt für ausreichend hoch geschrieben. Jetzt schreiben wir ihn wieder runter. Da bin ich jetzt weiß Gott nicht der erste, dem das passiert.

 

COCKTA!L Verletzt das oder prallt das völlig an Ihnen ab?

 

Friedrich Küppersbusch Also das Endergebnis ist sicherlich eher, dass man eine dicke Haut bekommt. Aber wir haben zum Start der Sendung eine Pressekonferenz gemacht und haben die Journalisten hübsch bewirtet in der Halle am Rhein, und dann sagt einer: Ja, und ich verreiß euch nächste Woche. Ich sag: ja wieso, du hast ja die Sendung noch nicht gesehen. Ja, nö, ihr seid jetzt einfach mal dran. Ihr müsst jetzt mal einen drüber kriegen. Und so was regt einen natürlich tierisch auf, weil, dann weißt du schon eine Woche vor der Sendung: für den speziellen Kollegen und seine Leser brauchst du die Sendung jetzt nicht zu machen, weil der schon weiß, dass er es scheiße finden möchte.

 

COCKTA!L Glauben Sie, dass diese Art von Vorabjournalismus häufig vorkommt?

 

Friedrich Küppersbusch Das weiß ich nicht, aber dass es mir jemand ins Gesicht sagt und dann auch noch die Schnauze von unserem Buffet voll hat und kaum sprechen kann, das ist mir das erste Mal passiert. Vielleicht sind nicht alle so ehrlich wie der.

 

COCKTA!L Wie reagieren denn die Zuschauer auf Privatfernsehen?

 

Friedrich Küppersbusch Ich krieg ne Menge Post. Es gibt zum Beispiel eine Bürgerinitiative zur Rettung des Kausalsatzes. Die schreiben mir immer, weil ich falsche Weil-Sätze baue, also: Ich gehe nach draußen, weil das war schon immer so. Dann schreiben die: Sie hätten aber sagen müssen: Ich gehe nach draußen, weil das schon immer so war. Da gibt es also auch Ausarbeitungen über den Weilsatz mit Verb-Zweitstellung, ist sehr interessant.

 

COCKTA!L Was meinen Sie denn, mit was für einer Art von Witzen das Publikum Probleme hat?

 

Friedrich Küppersbusch Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben ja mal die besten Moderationen von ZAK in ein Buch gepackt, und damit habe ich Lesungen gemacht. So nach zehn Lesungen wusste ich in etwa, es gibt drei Nummern da drin, die funktionieren überall, und dann gab´s wirklich eine Variationsbreite, die ungeheuerlich war.

 

COCKTA!L Gibt es regionale Unterschiede?

 

Friedrich Küppersbusch Ich will da nichts verallgemeinern, aber bei diesen Veranstaltungen, die ich erlebt habe, war der Norddeutsche auch dem verschrobeneren, man muss fast sagen anspruchsvolleren Witz zugetan, also, wenn es so ein bisschen um Ecken ging, wo man im Grunde auch über die Struktur eines Textes lachte. Und je katholischer das wird, desto mehr werden Effekte honoriert.

 

COCKTA!L Was denken Sie, wenn das Studiopublikum schon vor der eigentlichen Pointe lacht?

 

Friedrich Küppersbusch Ja, is ja schön. Neulich war die Pointe: Theo Waigel ist verhaftet worden wegen Trunkenheit an Steuern. Also das norddeutsche Element war das Wortspiel Trunkenheit an Steuern, und die brüllten bei: Theo Waigel ist verhaftet worden schon los. Ja, dann hab ich da vielleicht falsch eingeschätzt, was daran nun lustig ist. Das Publikum hat immer recht..

 

COCKTA!L Das war dann vielleicht ein süddeutsches Publikum.

 

Friedrich Küppersbusch Hier in Köln hat es in der Regel einen dominanten rheinischen Kern, klar.

 

COCKTA!L Woher nehmen Sie das Vertrauen, dass das Publikum immer merkt, was Satire und was ernsthafte Berichterstattung ist?

 

Friedrich Küppersbusch Ich selber hasse es, wenn ich beim Fernsehschauen von den agierenden Personen zum Sextaner erklärt werde und alles übererklärt bekomme. Dann krieg ich so ne Aversion und sag: Hey, ihr haltet mich wohl für dumm, und entsprechend konsequent versuchen wir, das zu vermeiden. Also, selbst Werbefachleute sagen, gute Werbung darf nur zu 80 Prozent verstanden werden.

 

COCKTA!L Aber die Gefahr liegt doch eher darin, dass etwas missverstanden wird.

 

Friedrich Küppersbusch Da stehen Sie immer vor der Abwägung, dass die Verständlichkeit in dem Umfang steigt, in dem die satirische Qualität sinkt. Das heißt, je mehr ich erkläre, sage, haha, ist ja nur ein Witz, bitte nicht ernst nehmen, desto schlechter funktioniert dann der Witz. Die satirische Fallhöhe entsteht ja daraus, dass man irgendwie schon noch denkt, das könnte jetzt echt sein.

 

COCKTA!L Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Gäste aus? Viele sind ja schon vorher durch die diversen Shows gewandelt.

 

Friedrich Küppersbusch Natürlich will das Publikum auch Promis sehen, ist einfach so. Daran kranken ja diese ganzen Late-Night-Shows. Deutschland hat eben nicht das Reservoir wie Amerika, wo das Format herkommt. Hier haben Sie nach einem halben Jahr die Gäste durch. Also Harald Juhnke war jetzt, glaube ich, zum siebten oder achten Mal bei Harald Schmidt, das werden Sie bei uns schwerlich finden.

 

COCKTA!L Guido Westerwelle war kürzlich zum dritten Mal bei Ihnen.

 

Friedrich Küppersbusch Ja, ich würde es ja auch begrüßen, wenn der Wähler da mehr Abwechslung reinbringen würde, aber ich bin nicht der Wähler, also muss ich es akzeptieren, wenn die Leute sagen, so, das sind unsere Volksvertreter und in einer politischen Sendung muss man mit denen diskutieren.

 

COCKTA!L Welcher Gast hat Sie mal überrascht?

 

Friedrich Küppersbusch Och, überraschen tun einen ja viele.

 

COCKTA!L Besonders überrascht.

 

Friedrich Küppersbusch Das passiert im Grunde in jeder Sendung. Kann ich so nicht sagen. Natürlich hat mich Hark Bohm überrascht, dass er da flammende Aufsätze schreibt, der Markt regiere das Geschäft, und kaum hat er einen neuen Film am Start und merkt, wie schwer das ist, mit einem guten Film in die Kinos zu kommen, da ist er auf einmal wieder für eine Deutschenquote.

 

COCKTA!L Bei wem sind Sie ins Schwitzen gekommen?

 

Friedrich Küppersbusch Das werde ich Ihnen nicht verraten. Wenn das Publikum das nicht merkt, ist das ja ein Vorteil auf meiner Seite.

 

COCKTA!L Wie überspielen Sie das?

 

Friedrich Küppersbusch Ich mein, das bringt ja gerade dann einen Moment der Lebendigkeit herein. Ich finde schon immer, dass man es merkt, wenn irgendetwas passiert, womit ich jetzt gar nicht gerechnet hätte. Da gibt es alle möglichen Beispiele. Also mir ist das mal passiert mit einem Kandidaten zur Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl, der so betrunken war, dass ich den auch einfach wahlentscheidend hätte blamieren können. Da sind Sie dann wirklich ratlos, weil Sie im Gespräch merken, dass er sich um Kopf und Kragen redet.

 

COCKTA!L Die WDR-Rundfunkrätin Ruth Hieronymi hat Ihnen öffentlich vorgeworfen, sich unverhältnismäßig am WDR zu bereichern, weil eine Sendeminute Ihrer Produktionsfirma Pro Bono den WDR 6.200 Mark kostet. Trifft Sie das?

 

Friedrich Küppersbusch Also, da es gelogen ist, kann es mich nicht treffen. Wenn ein Aufsichtsratsmitglied bei Sat.1 Zahlen fälscht und damit ein CDU-Flugblatt bestückt, ist der gefeuert, bevor Herr Kirch die Augenbraue ganz hochgezogen hat. Bei einem kommerziellen Sender wäre die Frau mausetot, weil sie ihre parteipolitischen Interessen gegen die des Senders verfolgt. Das ärgert mich, aber das ist eben so, wenn man öffentlich-rechtlich arbeitet. Dafür haben die kommerziellen andere Nachteile.

 

COCKTA!L Sind Sie vom WDR enttäuscht?

 

Friedrich Küppersbusch Ach wissen Sie, wenn ich irgendwann mal ein Argument brauche, warum ich doch zu RTL gegangen bin, dann hat die Frau Hieronymi mir doch einen großen Gefallen getan. Also, das weiß die Nation, dass sie Mobbing macht, dass im WDR Gremien Mobbing gegen WDR-Mitarbeiter machen. Und ich glaube, es könnte schwierigere Situationen geben zu begründen, warum man den Sender wechselt. Das glaubt mir jeder, dass ich sag, hier wird dir ja von den obersten Parteihanseln hinterher auf den Kopf gepisst, die laufen zur Bild am Sonntag mit gefälschten Zahlen. Aber ich merke, dass das unserem Publikum am Arsch vorbeigeht.

 

COCKTA!L Der serbische Oppositionsführer Zoran Djindjic hat kürzlich im Privatfernsehen gesagt: In der Jugend soll man links sein, im Alter rechts. Sonst hat man in der Jugend kein Herz und im Alter keinen Verstand. Bewegen Sie sich langsam vom Herzen zum Verstand?

 

Friedrich Küppersbusch Ich war in der Jugend eher konservativer als heute. Ist ein schöner Spruch und so, wird immer gerne von CSU-Politikern zitiert. Meine Eltern sind Weltkriegskinder, die waren eigentlich 1945 mit der Politik fertig, und ich war vor 20 Jahren bestimmt konservativer als heute, naja, vor 25 Jahren.

 

COCKTA!L Im Kindergarten?

 

Friedrich Küppersbusch Nönö, da war ich so 11, 12, 13. Mein Vater wählte CDU, meine Mutter wählte CDU, da hab ich mir gedacht, wenn ich dran bin, mach ich das auch.

 

COCKTA!L Und wenn Sie sich die letzten Jahre anschauen?

 

Friedrich Küppersbusch Also, was ich in diesem Fernsehansagerjob in den letzten sieben Jahren gelernt hab, ist, näher dran zu sein und unabhängiger von politischen Verordnungen zu denken.

 

COCKTA!L Was heißt das?

 

Friedrich Küppersbusch Ja, Sie lernen halt einen Politiker kennen oder eine Politikerin, die genau das zu einem Sachverhalt sagt, was ich auch denke, und anschließend steigt die in ihren 500er und herrscht ihren Chauffeur an, dass es eine Art hat, und du denkst, mit der will ich jetzt nicht mal mehr ein Bier trinken. Und dann habe ich einen völkisch-reaktionären Politiker da, und der erzählt mir irgendwelche haarsträubenden Dinge über den § 218, und dann merken Sie, der hat sieben Kinder, davon vier adoptiert, und der glaubt das, der lebt das, was er erzählt. Dann finde ich dessen Meinung noch nicht gut und ich finde die Meinung der Mercedes-Pilotin noch nicht schlecht, aber ich stelle fest, ich kann dann nicht mehr sagen, du bist in dieser Partei, also scheiße, und du bist in der Partei, also gut. Das hätte ich vor dem Job sicherlich auf dümmere Art und Weise noch gekonnt. Heute unterscheide ich stärker zwischen Meinung und dem integren oder nicht-integren Eindruck, den ich von einer Persönlichkeit habe.

 

COCKTA!L Ist es schwer, Distanz zu sich selbst zu wahren, wenn man von seinen Fans als letzter aufrechter Apostel der Gerechtigkeit umschwärmt wird?

 

Friedrich Küppersbusch Also, in dem Moment, in dem man sagt: Ich bin nicht eure Bedürfnisanstalt, ich mach Euch nicht den Robin Hood von ZAK bis in alle Ewigkeit, nur weil ihr mich aus diesem Rollenklischee nicht raus lassen wollt, in dem Moment kriegen Sie es natürlich knüppeldick.

 

COCKTA!L Denken die Zuschauer manchmal, Sie seien Robin Hood?

 

Friedrich Küppersbusch Genau. Und dann merken Sie ja, das stimmt nicht. An mich werden auch Erwartungen herangetragen, die ich nicht erfüllen kann. Es gibt in jedem Dorf ein Asylbewerberheim, wo ich stehen müsste. Ich bin ja nur eine Stunde die Woche da für die, und den Rest der Woche denken die sich aus, dass ich ununterbrochen Drachen töte und brutale Polizisten schurigele und unmenschliche Politiker fertigmache. Und in Wirklichkeit sitze ich zuhause und lese Zeitung und spiele mit meinen Kindern...