Andrea Fonk im Gespräch mit Roger Willemsen über Bordelle, Bäume und Beschiß. Am 5. Juni wickelte Roger Willemsen seine Gäste zum letzten Mal ein: Jeanne Moreau lächelte freundlich, Harald Schmidt schickte einen Videogruß, der ihn fast sympathisch machte, und Jazzpianist Michel Petrucciani hängte Willemsen ein "Ich habe fertig"-Lebkuchenherz um den Hals: Ein rührender Abschied nach vier Jahren "Willemsens Woche". Und nun? Um das zu erfragen, traf sich Andrea Fonk eineinhalb Jahre nach einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse (COCKTA!L 11/97) mit Willemsen im Büro seiner Produktionsgesellschaft Noa Noa in Hamburg.

 

COCKTA!L Was haben Sie in den vergangenen eineinhalb Jahren gemacht?

 

Roger Willemsen Ich bin viel gereist: Äthopien, Island, Indien, Japan - ich hab mich irgendwie rund um die Erde gedreht und bin immer noch dabei. Wir fliegen jetzt nach Kambodscha und dann nach Südafrika für den Dreh eines Films für arte und das ZDF über Bordelle der Welt, der aber kein Erotikfilm wird, sondern mehr eine Kulturstudie über die Institution Bordell.

 

COCKTA!L Mit Selbstversuchen?

 

Roger Willemsen Nein, keine Selbstversuche. Ich werde versuchen, über einen Raum, wo alle immer dasselbe gefilmt haben, nämlich rammelnde Leiber auf stillen Betten, es umgekehrt zu machen und stille Betten ohne rammelnde Leiber filmen. Ich möchte gucken, was für Geschichten es rund um ein Bordell gibt: die Putzfrau, Weihnachten im Bordell, ein Vater, der seinen 16jährigen Sohn erstmals mitnimmt...

 

COCKTA!L Hätten Sie gedacht, dass "Willemsens Woche" überhaupt so lange läuft?

 

Roger Willemsen Nein. Ich habe so viele Leute rechts und links zu Boden gehen sehen, von denen ich gedacht hätte, sie würden länger als ich in dem Metier arbeiten, Margarethe Schreinemakers zum Beispiel oder Küppersbusch natürlich.

 

COCKTA!L Gibt es in der ganzen Fernsehlandschaft noch irgendjemanden, den Sie respektieren oder bewundern?

 

Roger Willemsen Oh doch. Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die auf völlig unterschiedlichen Gebieten meinen Respekt, meine Bewunderung haben.

 

COCKTA!L Und auf Ihrem Gebiet?

 

Roger Willemsen Da muss ich sagen, dass es eine Zeiterscheinung ist, dass die Gattung Interview im Fernsehen fast ausgestorben ist. Talken ist etwas anderes als interviewen, und die Formate, die es gibt, haben alle gemein, dass sie das Talken, das heißt das unverbindliche Sammelreden in Gruppen über konsensfähige Gegenstände, dem kritischen und analytischen Gespräch vorziehen. Insofern muss ich sagen, die Gattung, die ich gerne mag, die gibt es bei Günter Gaus noch irgendwo auf einem dctp-Platz, und es gibt immer noch mal Interviews bei III nach 9, wo Giovanni di Lorenzo gute Arbeit macht, und es gibt auch auf dem Kluge-Programm einige, aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass unterm Strich das Interview als Gattung keine Konjunktur mehr hat.

 

COCKTA!L Was wird Ihnen jetzt am meisten fehlen?

 

Roger Willemsen Überforderung. - Das ist ein bisschen kokett, aber es ist schon so, dass der Druck, der von dieser Sendung ausgegangen ist, groß war und man lügen würde, wenn man nicht sagen würde, es folgt auch eine große Erleichterung. Was mir fehlen wird, ist natürlich die Begegnung mit internationalen Gästen. Aber auch die Zusammenarbeit mit dem Team, das wirklich etwas Besonderes war.

 

COCKTA!L An was, glauben Sie, wird man sich erinnern?

 

Roger Willemsen An einen Konfirmanden, der mit zu hoher Stimme irgendwie sehr partikularen Interessen gefolgt ist, die man häufig nicht ganz nachvollziehen konnte.

 

COCKTA!L Und an was, hoffen Sie, wird man sich erinnern?

 

Roger Willemsen Es wäre schön, wenn man sich an eine Anstrengung, präzise zu sein erinnern würde, eine Anstrengung, Leuten in einem Gespräch Individualität zu geben, Leute durch ihre Aura treten zu lassen, was sie kaum mehr machen dürfen, weil es immer interessanter ist, sie über Liebesaffären und so reden zu lassen. Es gibt viele Leute, die kommen einfach im deutschen Fernsehen nicht mehr vor mit dem Ende dieser Sendung. In welche Sendung sollte denn zum Beispiel Bernardo Bertolucci gehen? Der kann sich auf dem Set in Italien von Aspekte filmen lassen, aber es gibt doch keine Studiosendung, wo der Mann leibhaftig vor Publikum erscheinen kann. Der Mann ist Quotengift.

 

COCKTA!L Wenn Sie einen eigenen Kanal hätten und sich aus dem aktuellen Fernsehprogramm Sendungen raussuchen müssten - was würden Sie wählen?

 

Roger Willemsen Das "Auslandsjournal", den "Kulturweltspiegel", dann "Voxtours" mit Judith Adlhoch, "Ruck Zuck", das ist eine Spielshow von tm3, Schlingensief - wenn es ihn noch gäbe, Küppersbusch - wenn es ihn noch gäbe. Ich würde "37°" vom ZDF nehmen. Ich würde bestimmt den Themenabend bei arte in einer dosierten Form übernehmen. Ich würde keine einzige Nachmittagsspielshow übernehmen.

 

COCKTA!L Eine Serie vielleicht?

 

Roger Willemsen "Akte X" würde ich übernehmen, ja. Und dctp in guten Teilen. Ich würde bestimmt auch irgendwas von Spiegel TV übernehmen - mit bestimmten Korrekturen - und ich hoffe, das wird mit großem Ausrufezeichen versehen, dass ich das gesagt habe!

 

COCKTA!L Die meisten Ihrer Glossen und Artikel sind ja eigentlich Klagen über die Welt. Gibt es irgendwo auch eine positive Entwicklung?

 

Roger Willemsen Mich stimuliert es nur, im Widerstand zu denken. Ich glaube, zur Bestätigung dessen, was ist, muss man keine Kolumnen schreiben, das kann auch Max Schautzer tun. Meine Sache ist eher die Analyse dessen, was nicht passt. Aber Kritik hat keine Konjunktur, wie wir wissen. Aber ich kann mich geistig blendend ernähren, auch im Fernsehen. Ich finde, dass die Dokumentation insgesamt in einem guten Zustand ist, und ich kann jeden Abend was zu beißen finden, wenn ich was Sinnvolles im Fernsehen sehen will.

 

COCKTA!L Sie befinden sich also gar nicht in einem Zustand totaler Desillusionierung?

 

Roger Willemsen Doch, ich bin in einer Desillusionierung über das, was Öffentlichkeit ist. Ich habe früher sehr viel mehr an die Wirkung aufklärerischen Denkens gedacht, an die Wirkung analytischen Denkens und so weiter.

 

COCKTA!L War das nicht ein bisschen naiv?

 

Roger Willemsen Ach, ich weiß es nicht. Ich glaube, wenn ich Sie lange genug fragen würde, würde ich dieselben naiven Punkte bei Ihnen auch finden. Sie haben doch irgendeine Vorstellung von dem, was dieses Interview gut und was es schlecht machen würde. Wenn ich Sie frage, was ist eigentlich gut an dem Interview, dann werden Sie irgendetwas Allgemeineres sagen. Sie hoffen, irgendetwas ans Tageslicht gebracht zu haben, irgendetwas Erkenntnisartiges...

 

COCKTA!L ... was sich dann als Illusion herausstellt?

 

Roger Willemsen Was, selbst wenn es keine Illusion wäre, in seiner Wirkung unter Umständen völlig belanglos wäre, wie wenn ich die ganze Zeit nur Hossa Hossa gesagt hätte. Also in dem Augenblick, wo wir den Sinn Ihrer Tätigkeit beschreiben wollen, kommen wir auf dieselbe notwendige Desillusionierung, die bei genauerer Betrachtung Ihrer Tätigkeit wie meiner Endresultat ist.

 

COCKTA!L Desillusionierung ist der Normalzustand?

 

Roger Willemsen Ja. Er setzt voraus, dass man mit sehr viel Illusionen in ein Metier, einen Beruf, ein Land, in alles Mögliche gekommen ist, und irgendwann steht man eher auf der Seite, wo man sagt, das war nicht ganz so. Da muss man nicht furchtbar traurig drüber sein. Es lässt sich sehr gut in der etwas klareren Luft der nüchternen Betrachtung sehen, aber man muss sich nicht mehr auf jedes Pferd draufsetzen und immer denken: Mein Gott, jetzt geht es ums Image oder den Sinn der eigenen Tätigkeit oder die Wirkung, die man erzielen kann. Diese Träume sind ausgeträumt - sie sind eher wichtig in Bezug auf einen selber. Ich muss mich selber fragen: Empfinde ich es als eine sinnvolle Tätigkeit, beispielsweise in der jetzigen Lage einen Film über Bordelle zu drehen. Wenn ich diese Frage mit ja beantworten kann angesichts der Handschrift, die der Film hat, dann kann ich sagen, für mich ist das eine sinnvolle Tätigkeit. Aber ich werde nicht mehr missionarisch auf den Marktplatz gehen und sagen: Schaut alle her, denn dies ist gesellschaftlich bedeutsam! Diese Geste ist Folklore, und die ist irgendwie peinlich geworden.

 

COCKTA!L Bescheißt man sich nicht leicht selbst, wenn man sich vom Sinn der eigenen Arbeit überzeugt?

 

Roger Willemsen Natürlich, ja. Hoffentlich bleibt noch ein bisschen was von der Bescheiße an einem hängen, dass man sich selber noch soweit glaubt. Aber die Charaktermaske dessen, der als der große Desillusionierte auf den Marktplatz tritt, ist genauso peinlich wie die, die immer noch Bekehrer sein soll und die Rita Süssmuth abgibt, die immer sagt, wir sollten aber doch, wir müssen aber doch. Beide sind gleich absurd.

 

COCKTA!L Hat denn überhaupt noch etwas irgendeine Wirkung?

 

Roger Willemsen Es gibt allerdings eine Ausnahme, über die man nur ungern redet, das ist Wohltätigkeit. Wohltätigkeit ist das letzte Rückzugsgebiet von aufklärerischem Denken, insofern, als man sagen kann: Sie wirkt sofort. Ich kann nach Äthiopien fahren, ein Kinderkrankenhaus, ein Hungerprojekt oder einen Brunnen angucken, weiß, was ich tun muss dafür und kann die Folgen selber sehen bei meinem nächsten Besuch.

 

COCKTA!L Kein Artikel, den Sie je geschrieben haben, hatte demnach Einfluss auf Ihre Leser?

 

Roger Willemsen Die Wirkung, die ich habe, ist vielleicht die, einen andersartigen Standpunkt vorzutragen, ein Gegendenken. So dass man die Illusion hat, es gibt noch was anderes, ein anderes Sprachverhalten, eine andere Form von Gleichgültigkeit oder Nonchalance oder sowas, das ja. Aber das macht Harald Schmidt jeden Abend oder das macht auf eine andere Weise - wen nenn ich jetzt - Cherno Jobatay jeden Morgen in einer dämlichen Form und stellt irgendwie seine Persönlichkeit vor. Es kommt mir wirklich so vor, als würde man dabei zwischen Spiegeln operieren und der einzige Rückhalt, der echt ist, ist der, den man bei sich selber hat, wo man sich fragt, was muss ich tun, was ist meine innere Notwendigkeit? Und das ist leider sehr weit weg von dem, was öffentlich passieren muss, öffentlich gesagt werden muss und öffentlich bewirkt werden muss. An eine öffentliche Wirkung in dem Sinne kann ich nicht mehr so furchtbar viel glauben.

 

COCKTA!L Wenn wir uns in eineinhalb Jahren wiedersehen - was ist bis dahin passiert?

 

Roger Willemsen Dann werden wir es wahrscheinlich mit einem noch spezielleren Problem zu tun haben. Mit der Heraldik, der Falknerei, der Tiefseebotanik, dem Hörfunkballett oder mit irgendeinem Special Special Interest.

 

COCKTA!L Als arte-Film oder als Hobby?

 

Roger Willemsen Irgendwo dazwischen, arte ist ja eigentlich schon so was wie ein professionalisiertes Hobby. Wir werden nochmal lächeln und uns wie zwei Kriegsveteranen aus Verdun angucken und wissen, was wir alles für Garben im Revolver haben.