Andrea Fonk im Gespräch mit Herbert Feuerstein über den Grund, warum er sich Auseinandersetzungen meist entzieht, Fragen, an denen er scheitert und die seltenen Glücksgefühle in seinem Leben. Herbert Feuerstein ist ein Phänomen. Welcher andere Mensch würde sich in dem Alter auf Händen laufend als Schubkarre schieben lassen, mit der Nase Blockflöte spielen oder als Tier verkleidet aus einem Müllcontainer steigen, Quietschgeräusche machen und durch die Gegend springen? 60 Jahre wird er in diesem Jahr alt. Und hinter ihm liegt ein außergewöhnlicher Werdegang: Er studierte Cembalo und Klavier am Mozarteum, arbeitete in New York als Journalist, war Pressereferent im Österreichischen Generalkonsulat, erfand als MAD-Chefredakteur die Wörter "lechz", "würg" und "hechel", spielte Theater und drehte neben "Schmidteinander" und "Pssst" unterhaltsame Reiseberichte und Tierfilme. Andrea Fonk traf ihn im schummrigen Foyer eines Kölner Hotels, wo er sich zweieinhalb Stunden Zeit nahm, ausgesprochen freundlich und nett war und zum Schluss sogar noch ihren Capuccino bezahlte.

 

COCKTA!L Fühlen Sie sich in Brühl zuhause?

 

Herbert Feuerstein Das fühl ich nirgendwo. Zuhause ist etwas, was man flieht.

 

COCKTA!L Kein Verlangen nach Zugehörigkeit?

 

Herbert Feuerstein Nein. Da hab ich mich sehr früh radikal immer unterschieden, deswegen auch dieses Bedürfnis nach Kargheit und Disziplin und ein bisschen Leere.

 

COCKTA!L Sie verzichten auf Gefühle des Beschütztseins, Geborgenseins?

 

Herbert Feuerstein Das gibt's bei mir nicht. Ich bin jemand, der sich wirklich mit beiden Händen an die Erdoberfläche festkrallen muss, dass er nicht durch diese Drehung, die die Erde vollzieht, ins Weltall geschleudert wird.

 

COCKTA!L Umso mehr müssten Sie sich doch nach einem sicheren Ort sehnen.

 

Herbert Feuerstein Nein, denn dort fühlt man sich ja ganz elend, weil man weiß, es ist ja doch nicht für mich. Okay, ich kann mich im Zweifelsfall unters Bett begeben, weil da wenig Dämonen sind und höchstens Staubmilben, es ist aber kein wirklicher Schutz.

 

COCKTA!L Sie werden 60 in diesem Jahr. Was für eine Vorstellung hatten Sie früher von Leuten, die 60 waren?

 

Herbert Feuerstein Dass sie tot sind - seit etwa 20 Jahren.

 

COCKTA!L Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

 

Herbert Feuerstein Überhaupt nicht. Ich nehme ihn gar nicht zur Kenntnis. Geburtstag ist nichts zum Feiern, das haben andere entschieden. Ich würde gerne meinen Todestag feiern, aber den kenne ich noch nicht.

 

COCKTA!L Werden Sie mit dem Alter ungehemmter?

 

Herbert Feuerstein Jetzt gleich?

 

COCKTA!L In Zukunft.

 

Herbert Feuerstein Ich bin vielleicht weniger zurückhaltend in den Dingen, die ich sage. Ich lass mir auch ein bisschen weniger gefallen, vielleicht wird man auch ein bisschen lebensgieriger. Das mag schon sein. Man weiß, dass man als 80jähriger Ladendieb oder auch als Schwarzfahrer relativ glimpflich davonkommt, aber das sind alles meine Bedürfnisse nicht.

 

COCKTA!L Sie haben sich kürzlich für die Zeitschrift Amica mit Damenschuhen fotografieren lassen. Haben Sie irgendwelche Anregungen erhalten?

 

Herbert Feuerstein Wenn Sie jetzt meinen, ob ich jetzt in Strapsen rumgeh oder Netzstrümpfe trage, gucken Sie. (Feuerstein lüftet sein Hosenbein, ein Strumpf wird sichtbar)

 

COCKTA!L Wie ist das denn beim Einkaufen? Gehören Sie eher zu den genüsslichen Bummlern oder sind Sie mehr der Typus: Erstes Geschäft, erste Hose und schnell weg?

 

Herbert Feuerstein Noch schlimmer, viel schlimmer, viel viel schlimmer. Also da bin ich meiner sogenannten Medienkarriere sehr dankbar, denn seither gibt es Leute, die mich einkleiden. Früher hab ich Sachen gekauft, nur um aus den Läden rauszukommen. Ich hab sie auch nie angezogen. Ich bin in Panik geraten in Geschäften, nichts passt außer in Asien. Dann traf ich jemanden, und der sagte: Mein Gott, wie siehst du wieder aus! Und ich dachte, ich wäre endlich richtig angezogen. Ich weiß es nicht, ich habe irgendwie die Gabe, mich völlig falsch anzuziehen und habe jetzt einfach ein Segment von bewilligten, geprüften Dingen, wo niemand sofort kreischt. Die zieh ich also immer wieder an. Bei vielen Sendungen kann man die Kostüme ja anschließend für den halben Preis kaufen. Bei Amica hat das nicht funktioniert mit den Schuhen. Die kann ich nicht gebrauchen, und die konnte ich noch nicht mal meiner Freundin schenken, denn die Models haben alle wahnsinnig große Füße, wussten Sie das? Die haben alle 41/42.

 

COCKTA!L Das finden Sie wahnsinnig groß?

 

Herbert Feuerstein Für Frauen ist das groß. Ich kenn nur Frauen mit 37/38. Was haben Sie denn für eine Schuhgröße?

 

COCKTA!L 41

 

Herbert Feuerstein Ehrlich? Sie sind doch gar nicht wuchtig und so riesige Füße? Haben Sie größere Füße als ich? Ich hab 40.

 

COCKTA!L Das ist klein.

 

Herbert Feuerstein Jetzt sehen wir uns irgendwie gegenseitig ganz anders, ne?

 

COCKTA!L So? Wie denn?

 

Herbert Feuerstein Ich weiß nicht. Ich sehe in Ihnen eine riesige 41.

 

COCKTA!L Wären Sie enttäuscht, wenn jemand zu Ihnen sagt: Herr Feuerstein, Sie sind völlig normal?

 

Herbert Feuerstein Also, ich hab es noch nie gehört, muss ich sagen. Aber in vielen Dingen bin ich ja eigentlich auch die Norm.

 

COCKTA!L Sie betonen ziemlich oft, neben der Norm zu stehen.

 

Herbert Feuerstein Ja, beton ich das? Wann hab ich das gesagt? Nein, das tun die anderen.

 

COCKTA!L Sie sprechen öfter von ihrer "Gestörtheit".

 

Herbert Feuerstein Man ist ja sich selber die einzig mögliche Norm. Ich scheine doch eine ganze Menge Parameter zu erfüllen, die andere Leute nicht haben: extrem isoliert, extrem gesellschaftsfeindlich, das heißt, eigentlich nicht gesellschaftsfeindlich, ich kann damit einfach nichts anfangen.

 

COCKTA!L Das trifft auf einen sehr großen Teil der Menschheit zu.

 

Herbert Feuerstein Ja, andererseits denke ich mir auch wieder, von der Größe her gesehen, also im Durchschnitt, wenn Sie jetzt auch Asien, was ja doch die Mehrheit der Menschheit enthält, miteinbeziehen, bin ich vielleicht die Norm schlechthin.

 

COCKTA!L Sie klingen nicht sehr begeistert.

 

Herbert Feuerstein Naja, wer will schon die Norm schlechthin sein. Ich selber hab mir zum Beispiel - glaubt mir immer niemand - nie Gedanken um meine Körpergröße gemacht. Ich hab erst im Showbusiness damit anfangen müssen, weil man dauernd darauf angesprochen wird, wahrscheinlich durch den Extremfall damals mit dem Schmidt. Ich habe in meinem Leben immer genau das gemacht, was ich wollte, und dieses Neben-der-Norm-stehen oder Anders-Sein, das ist von außen gekommen, das ist ja nicht von mir.

 

COCKTA!L Sie präsentieren das aber auch gerne.

 

Herbert Feuerstein Haben Sie das Gefühl, ich dränge den Leuten auf, hey, ich bin anders!?

 

COCKTA!L Nein, aber dass Sie diese Rolle gerne spielen.

 

Herbert Feuerstein Das ist keine Rolle, ich spiele keine Rolle. Man definiert sich nur im Eindruck des anderen. Ich kann Ihnen dazu nichts sagen.

 

COCKTA!L Wo liegen Ihre Stärken?

 

Herbert Feuerstein Stärken? (Pause) Sie haben mir ein bisschen die Unschuld geraubt, weil ich denke, was mach ich jetzt, um Glaubwürdigkeit zu gewinnen? Schauen Sie, das sind auch so Sachen, an denen scheitere ich, an so simplen Fragen, weil ich selber mir eigentlich keine Stärken zumesse. Es gibt dann Leute, die sagen, hey, du bist zuverlässig und pünktlich, dann frage ich, ist das eine Stärke oder ist das nicht eine unglaubliche Schwäche?

 

COCKTA!L Wieso sollte das eine Schwäche sein?

 

Herbert Feuerstein Ja, weil das manchmal auch ein mit dem Zeigefinger wuchteln ist, weil ich immer pünktlicher bin als die anderen. Ich leide unter Unpünktlichkeit, das kann auch penetrant und lästig sein. Außerdem, was ist Zeit, ich meine, wenn ich in Afrika bin oder in anderen Ländern, ist das Verhältnis so anders, dass Pünktlichkeit nur stört.

 

COCKTA!L Wann denken Sie: "Das kann ich ziemlich gut"?

 

Herbert Feuerstein Wir sind noch bei den Stärken, oder? Oder sind wir schon bei dem, was ich ziemlich gut kann?

 

COCKTA!L Wir sind noch bei den Stärken.

 

Herbert Feuerstein Wir sind bei den Stärken, ahja. Das andere Thema wäre vielleicht einfacher. Also, ich geb immer dem Gegner recht. Ich würde also immer in Streitigkeiten, Prozessen, Auseinandersetzungen sofort das Gefühl haben, ich habe absolut unrecht, und der andere hat recht.

 

COCKTA!L Wie lange dauert das Gefühl an?

 

Herbert Feuerstein Ewig. Deshalb muss ich mich ja auch immer irgendwie da entziehen. Bleiben wir nochmal bei den Stärken. Ich kann relativ präzise und logisch denken, was aber vielleicht, glaub ich, die größte Schwäche überhaupt ist, weil man damit emotionell sehr stark ins Schleudern kommt. Was kann ich denn noch? Ich bin sehr hartnäckig und ausdauernd, wenn ich ein Ziel verfolge, was man absolut nicht als Stärke sehen kann, eigentlich nur als Sinnlosigkeit, als Festklammern an Dingen, die längst verloren sind, Unfähigkeit, sich anzupassen. Ich bin unabhängig. Ich weiß nicht, ob das eine Stärke ist, ich halte das für eine ganz enorme Schwäche, denn ich kann nicht die Hilfe anderer Leute annehmen. Also niemand kann etwas für mich tun oder darf etwas für mich tun. (Pause) Schwäche.

 

COCKTA!L Möchten viele etwas tun?

 

Herbert Feuerstein Ja, also ich glaube, das ist so ein Angebot, das mir große Schwierigkeiten bereitet. Es gibt dann immer wieder Leute, und das sind die schlechtesten nicht, die dann sagen: Können wir nicht irgendwie was tun oder helfen oder näherkommen oder so - und dann melde ich gleich mal mein Telefon ab bei dieser Frage.

 

COCKTA!L Wann waren Sie das letzte Mal richtig glücklich?

 

Herbert Feuerstein Also, wirklich so ein Glücksgefühl hatte ich zum Beispiel, als ich mein Nähzeug wiedergefunden habe neulich. Der eine Knopf, das war nicht mehr erträglich, ich wusste, ich hatte es irgendwo, und ich habe monatelang dieses Nähzeug nicht gefunden. Aber das sind natürlich schon die ganz ganz großen Momente.

 

COCKTA!L Gibt es noch einen?

 

Herbert Feuerstein Ja, also wenn es mir zum Beispiel gelingt, einen Absturz des Computers zu verhindern. Also ich hab ganz viel gehabt und hab irgendwie rumgeschlunzt und nicht abgespeichert, und in diesem Moment hängt das ganze System. Und ich weiß, ich kann jetzt neu starten, dann ist alles weg, was ich bisher gemacht habe.Und dann fang ich an zu kämpfen, und ich gewinne eigentlich fast immer. Ohne dass ich die Hotline anrufe oder das Handbuch konsultiere. Es gibt ganz wenige Momente, wo es nicht geht, und da bin ich sehr glücklich.

 

COCKTA!L Wo finden Sie Trost, wenn Sie unglücklich sind?

 

Herbert Feuerstein Im Vergessen, einigermaßen. Schauen Sie, es gibt zwei Sachen, wo ich Barrieren habe. Wenn es um persönliche Dinge geht und wenn der Pathos-Filter bei mir in Kraft tritt. Der ist sehr sensibel eingestellt, der Pathosfilter. Ich erlaube mir nicht, Sachen zu sagen, die mir schwülstig, pathetisch, gefühlsorientiert erscheinen. Da schaltet etwas bei mir sofort innerlich ab. Das soll jetzt nicht arrogant sein oder sowas, es ist noch nicht mal ein Schutz für mich selber. Es ist einfach ein bisschen, jetzt sag ich mal ein pathetisches Wort, lass meinen Pathosfilter einmal kurz runter, es ist ein bisschen Demut, weil ich mir nicht sicher bin in all diesen Dingen.

 

COCKTA!L Was für Musik hören Sie gerne?

 

Herbert Feuerstein Hören tu ich gar nichts gerne, aber was mich sehr fasziniert... (Pause) Im Augenblick läuft der Pathosfilter.

 

COCKTA!L Schon bei Musik? Schon bei der Frage nach einem Komponisten, den Sie schätzen??

 

Herbert Feuerstein Ja, weil das ist ja alles so wahnsinnig entlarvend. Die Leute, die sich auskennen...

 

COCKTA!L Also wenn man jetzt antworten würde: Mozart - dann gilt man als verspielter Romantiker, oder wie?

 

Herbert Feuerstein Ist das so?

 

COCKTA!L Weiß ich nicht. Ich versuche zu verstehen, inwiefern eine Antwort entlarvend sein könnte.

 

Herbert Feuerstein Das tut natürlich sehr weh. Mit zwei Worten haben Sie sich natürlich jetzt für alle Zeiten irgendwie ausgeschissen. Mit den Worten: Verspielter Romantiker. Zwei Worte, die also so absolut daneben sind, wie es nur irgendwie geht.

 

COCKTA!L Charakterisieren Sie ihn doch mal.

 

Herbert Feuerstein Also, erstmal ist Mozart ein klassischer Tragiker, wenn man ihm schon einen Beinamen geben will. Er ist auch nicht definierbar, weil er sich zu oft geändert hat, weil er auch eine Figur ist, die zuviel Talent hatte. Wenn man zuviel Talent hat, dann kann man nur unglücklich sterben. Ich hab ja gar kein Talent, bei mir kommt alles eigentlich über den Kopf, den Verstand und IQ, und das hat mich auch vor der Musikerkarriere bewahrt, weil ich mehr grübeln und bluffen kann als wirklich etwas machen. Mozart war, glaube ich, das geballteste Wesen an Talent, was es überhaupt in der ganzen Musikgeschichte gegeben hat.

 

COCKTA!L Wenn man sagt, ich mag dieses und jenes von Mozart, was würde das denn über einen Menschen aussagen, was schon in die Nähe von Pathos gehen könnte?

 

Herbert Feuerstein Naja, eines der Werke, die mich immer sehr fasziniert haben durch die Gegensätzlichkeit, ist das Mozartsche Requiem. Und der Musikkenner würde sagen, aha, ist es nun beim Requiem das Tuba Mirum mit den aufregenden Posauneneinsätzen oder ist es der Sopran, der eigentlich in dieser Form dort gar keinen Platz hat, weil er in der Totenmesse soviel Freundliches, Helles und Eitles hat. Wie kommt Mozart dazu, sowas hier reinzuschreiben? War das wirklich nur, weil er in die Sängerin damals verliebt war? Und er würde weiter fragen: Und wie war der Teil, den er nicht selber vollenden konnte, sondern den sein Schüler Süßmayr schrieb, und so weiter.

 

COCKTA!L Glauben Sie wirklich, dass es noch mehr Menschen gibt, die solche Fragen stellen würden wie Sie gerade?

 

Herbert Feuerstein Ich bin umgeben von solchen Leuten. Zum Glück, sagte er voller Arroganz und warf ihr einen verachtenden Blick zu. Doch ja, es gibt eine Menge, ich glaube schon. Jedenfalls ist das Mozartsche Requiem sehr wichtig für mich.

 

COCKTA!L In welchem Film haben Sie zuletzt geweint?

 

Herbert Feuerstein Heute früh habe ich zum Beispiel fürchterlich geweint, aber das war kein Film. Da hatte ich wieder so eine Vision, da hab ich gemerkt, dass ich mich irgendwie doch ein bisschen liebhabe. Ich hab mir da gerade eine alte Platte von den alten Original Comedian Harmonists kommen lassen. Der Schlusshit ist so eine alte Kreisler-Schnulze: "Die Liebe kommt, die Liebe geht" (summt), sehr traurig, weil man da einfach immer Abschied nimmt. Ich sehe mich da immer irgendwo aufgebahrt, und 20 schwarz gekleidete Witwen, die kurz vor der Verbrennung stehen, laufen rum und schluchzen. Es ist eine ganz zerkratzte Aufzeichnung, und da klang das wieder, und ich kam grad vom Duschen, und das hat mich wieder so fertig gemacht, weil ich wieder mein ganzes verpfuschtes Leben gesehen habe, die 20 Witwen...

 

COCKTA!L So verpfuscht kann es ja nicht sein, wenn man 20 Witwen um sich versammeln kann.

 

Herbert Feuerstein Doch, mit einer ist es nicht verpfuscht, da war es erfüllt, aber mit 20...