COCKTA!L erfuhr im Exklusiv-Interview mit Mäusezeichner Uli Stein, wie ein Amputierter seinen Hund ruft, was Stein mit Mäusen in seiner Wohnung macht und warum bei den Strandszenen immer eine Badetasche vor den Füßen steht. Uli Stein (53) raucht Lucky Strike ohne Filter, trinkt gerne Wein, trägt oft Jeans und hat auch privat sehr viel Humor. Er fährt einen 12-Zylinder Jaguar, hatte noch nie einen Punkt in Flensburg und liebt Computer (hatte schon 25 PCs). Seit über 17 Jahren ist Deutschlands beliebtester Cartoonist mittlerweile im Geschäft. Und macht mit seinen frechen Mäusen viele Mäuse. Was viele nicht wissen: Stein wohnt in der Wedemark bei Hannover - neben Theresa Orlowski. Dort besuchten wir ihn bei einer Flasche guten spanischen Rotweins (Vina Lucia).

 

COCKTA!L Erinnerst Du Dich an die Anfänge?

 

Uli Stein Mein Problem anfangs war: Ich konnte überhaupt nicht zeichnen und habe deshalb Comics nur mit Köpfen und viel Text gemacht. Da unterhielten sich immer zwei Leute im Bett oder in der Kneipe. Irgendwann habe ich mich dann an Oberkörper ran getraut, mich lange Zeit mit Autocartoons beschäftigt, wo ich nur die Köpfe in die Fenster zeichnen musste oder einen Polizisten hinter das Auto, dass man die Beine nicht sah, um meine Unfähigkeit zu kaschieren. Früher habe ich auch Mäuse gezeichnet - auch Tiergeschichten, aber das war grauenhaft schlecht. Wenn Du es siehst, Du würdest nie ahnen, dass es von mir ist. Ein ziemlich unförmiges Exemplar hängt auch im M(a)useum (Stein-Museum an der Marktkirche in Hannover, die Redaktion). Was ich bis heute nicht zeichnen kann, sind Füße. Das ist putzig: Wenn Du mal guckst bei Strandszenen, da stelle ich immer eine Badetasche vor die Füße oder einen Wasserball, damit ich keine Füße zeichnen muss.

 

COCKTA!L Wann arbeitest Du? Tagsüber, nachts?

 

Uli Stein Ich richte es so ein, wie die Ideen kommen. Ich zeichne kaum irgendwas in einem durch. Die Idee ist am nächsten Tag auch noch da. Ich hab nur panische Angst davor, dass ich Ideen vergesse. Also habe ich ein Diktiergerät am Bett liegen. Ich hab bestimmt noch 1000 Ideen gespeichert für Erfindungen und Cartoons. Das geht oft von einem Stichwort aus - sei es Bungee-Jumping, Piercing oder Kochen. Dann nehme ich mein geliebtes Karopapier und fange an zu scribbeln. Irgendwann bleibt eine Idee übrig.

 

COCKTA!L Die Maus als Lieblingstier kam aber erst viel später...

 

Uli Stein Wir haben angefangen mit Hund, Katze und Schwein. Ich hatte damals auch einen Hund, einen Bobtail, der ist schon lange tot. Die Maus spielte nur eine Nebenrolle. Die Fans haben entschieden, dass sie dominanter wurde.

 

COCKTA!L Hast Du selber Mäuse?

 

Uli Stein Ja, jedes mal im Herbst. Da bin ich auch nicht duldsam. Ich habe Kastenfallen, Drahtkäfige, da kommt was Leckeres rein (kein Käse, den mögen sie nicht, das ist alter Aberglaube), dann marschieren die Mäuschen freudig rein, und hinter ihnen fällt die Tür zu. Meistens stelle ich sie dann auf den Tisch, um sie mir anzugucken. Dann bringe ich sie zum Nachbarn rüber.

 

COCKTA!L Ist das Tier der bessere Mensch?

 

Uli Stein Die Tiere lassen mir mehr Möglichkeiten offen. Wenn ich frauenfeindliche Sachen zeichne, dann kann man sagen, es sind ja nur Mäuse. Ich kann mehr Dinge mit Tieren transportieren, die mit Menschen nicht so akzeptiert werden würden.

 

COCKTA!L Viele Gags sind rabenschwarz. Das Schwarze Buch war ein Knüller...

 

Uli Stein Beim Schwarzen Buch war mein Weltbild sehr ins Wanken geraten. Das war bislang das bestverkaufte aller meiner 26 Bücher. Ich habe immer auf Proteste gewartet. Es kam nichts. Erst nach Monaten kam ein böser Brief von einer entsetzten Krankenschwester. Ich sagte: Gott sei dank! Aber ich glaube, die Toleranzschwelle hat sich sehr verschoben. Sachen wie "RTL Samstag Nacht" haben das aufgeweicht. Das Buch wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.

 

COCKTA!L Auch Minderheiten kriegen ihr Fett ab. So was ist ja ein Drahtseilakt.

 

Uli Stein Ich verwehre mich aber dagegen, dass ich auf Minderheiten rumhacke. Sie tauchen mit dem gleichen Recht auf wie Beamte, Autofahrer und Polizisten. Es gibt halt auch komische Situationen bei Begräbnissen oder mit Epileptikern und Blinden. Man durfte es früher nur nicht zu Papier bringen. Ich mache mich nicht lustig auf ihre Kosten. Wie ruft denn ein Amputierter seinen Hund? Bei Rad müßte er eigentlich rufen.

 

COCKTA!L Kriegst Du viel Feedback?

 

Uli Stein Kriege ich selten. Deswegen gehe ich manchmal in die Stadt und beobachte die Leute am Postkartenständer, wie sie sich amüsieren und sich Cartoons gegenseitig zeigen. Das ist toll, denn sie erkennen mich nicht.

 

COCKTA!L Du bist ein zurückhaltender Typ. Warum?

 

Uli Stein Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt, das finde ich furchtbar. Ich akzeptiere einmal pro Jahr die Buchmesse und zeichne dann am Stand, gebe Autogramme, weil ich sowieso da bin. Autogrammstunden mache ich sonst nicht, sonst würde ich das ganze Jahr bundesweit auf Tour gehen. Dann komme ich nicht mehr zum Arbeiten.

 

COCKTA!L Jetzt willst Du mit den Cartoons auch Amerika erobern.

 

Uli Stein Mal sehen, ob es klappt. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Aber ich war deswegen in Chicago auf einer Buchmesse - und da hat man eine Autogrammstunde in einer großen Turnhalle gemacht. Das war die Autograph Area: 40 Tische in einer Reihe nebeneinander, ein Vorhang dahinter. Und der Zugang ist abgesperrt wie bei Aldi an der Kasse mit Sperrketten. Ein Uniformierter haut jedes mal ein Schild an die Tafel: Von 15 bis 16 Uhr signiert hier XY. Und um Schlag 16 Uhr reißt er den Zettel ab und bappt einen neuen dran. Der nächste Autor setzt sich hin - hinreißend. Ich hatte schon gedacht: Ach du liebe Scheiße. Kein Schwein kennt mich. Neben mir die langen Schlangen von Grisham. Und damit ich da nicht alleine sitze, habe ich schon gesagt: Schickt doch mal ein paar Leute vom Verlag vorbei. Aber das war toll. 100 Leute kamen auch, die hatten von mir noch nie was gesehen. Ich hatte tolle Gespräche, die Leute waren neugierig. Und man hatte mal Zeit, ein bisschen zu plaudern.

 

COCKTA!L Du bist früher Motorsport-Rennen gefahren - warum jetzt nicht mehr?

 

Uli Stein Ja, das war eine geile Zeit. Aber mittlerweile bin ich aus dem Alter raus, mir mit diesem Unfug meine Zeit zu vertreiben. Motorsport habe ich lange gemacht - acht Jahre. Das fing an mit Go-Kart, dann die Formel Renault, aber ich hatte damals schon Zeitprobleme. Das sind zwölf Rennen pro Jahr, jedes mal sind drei Tage futsch, da ist schon ein Monat im Eimer. Ich bin sogar in Südfrankreich Formel Eins gefahren, das war auch sehr beeindruckend. Irgendwann habe ich das dann schweren Herzens an den Nagel gehängt. Es war aber die tollste Zeit meines Lebens.

 

COCKTA!L Ist Ehe ein Thema für Dich?

 

Uli Stein Ich bin nicht verheiratet, finde das aber auch keine Katastrophe. Wer weiß, wie sich das Leben entwickelt. Ich arbeite auch nicht im Haushalt, aber ich fühle mich in den beiden Bereichen durchaus kompetent, wenn ich darüber Cartoons zeichne. Ich kann mich schon hineinversetzen in die Dramen, die sich da abspielen - alles nur durch Beobachtung. Ich kenne leider auch viele Leute, die sehr leiden durch die Ehe. Das wird oft ein teures Hobby.

 

COCKTA!L Kochen ist auch nicht Dein Thema?

 

Uli Stein Nein, ich gehe essen. Das ist bequemer. (Jetzt wird er ironisch, Anmerkung der Redaktion) Sonst musst du dir überlegen: Was koche ich? Was kaufe ich ein? Dann das Zubereiten - man saut sich und die Küche ein, spritzt sich mit Fett voll - dann muss man es aufdecken, ja, auch noch essen und dann alles wieder abräumen. Du musst doch auch mal an die Gastronomiebranche denken. Denen kann man auch nicht einfach den Teppich unter den Füßen wegziehen und sagen: Ich bleibe zuhause und koche selbst. Man muss auch mal ein bisschen sozial denken.

 

COCKTA!L Was isst Du am liebsten?

 

Uli Stein Sehr gerne italienisch. Viel Fisch, viel Gemüse, viel Pasta - Nudeln esse ich in Amerika auch sehr gerne. Und japanisch! Da könnte ich mich auch durchgehend von ernähren.

 

COCKTA!L Apropos Amerika: Du bist ein Amerika-Fan, überwinterst in Florida.

 

Uli Stein Ja, aber ich darf leider nicht länger als 182 Tage drüben bleiben, sonst gibt es steuerliche Probleme wie im letzten Winter bei Boris Becker.

 

COCKTA!L Was geht Dir denn in Deutschland auf die Nerven?

 

Uli Stein Der Neid nervt mich fürchterlich. Einfach auch die Art und Weise, Probleme zu meistern. Immer klagen und nörgeln die Leute, rufen nach dem Staat, statt selber mal in die Hände zu spucken. Ich merke auch, dass man sich davon anstecken lässt, und das ist gar nicht gut. Die Menschen in Amerika haben auch ihre Probleme, aber gehen anders ran. Außerdem ist das Wetter dort besser, und ich kann bei Sonne einfach am besten arbeiten. Ich fühle mich wohler, lade meine Batterien auf und komme im Frühjahr sehr motiviert zurück.

 

COCKTA!L Außerdem bist Du ein Jeans-Fan.

 

Uli Stein Ich hasse alles, was unbequem ist. Krawatte ist gar nicht mein Ding. Da habe ich oft in Amerika Probleme, wenn ich ins Restaurant gehe. Und als Raucher noch mehr. Da biste manchmal am Rande der Gesellschaft. Und als Nicht-Golfspieler sowieso. Ich hab´s da oft nicht einfach. Manchmal kommt man nicht drumrum.

 

COCKTA!L Wen möchtest Du gerne mal kennenlernen?

 

Uli Stein Oliver Kalkofe, mit dem würde ich gerne mal klönen. Den habe ich mal gesehen beim Essen, aber da magste auch nicht so reinplatzen.

 

COCKTA!L Kannst Du einen Witz erzählen?

 

Uli Stein Ich kenne einen tollen Witz aus Amerika. Mama sagt zum Papa ganz stolz: "Du wirst es nicht glauben, unser Kleiner hat heute sein erstes halbes Wort gesagt." "Und welches?" "Mother!"