Die Grünen in Berlin können froh sein, dass sie mit Silke Gebel eine leidenschaftliche Kämpferin für sauberes Wasser, einen besseren Umgang mit Natur und Umwelt im Abgeordnetenhaus haben, da diese urgrünen Themen der einstigen Umweltpartei sonst wohl noch weniger wahrnehmbar wären. Und wenn sie mit viel Engagement im Straßenwahlkampf Sonnenblumen verteilt, wirkt sie, im positiven Sinne, fast wie eine Grüne aus den Anfangszeiten der Partei. CHEXX traf Silke Gebel, die wieder in das Abgeordnetenhaus einziehen will, zum Interview. Text und Fotos von Bernd Elmenthaler.

 

CHEXX Sie sind für die Grünen seit Januar 2013 im Abgeordnetenhaus. Was hat sich für Sie dadurch verändert und worauf achten Sie seitdem mehr?

 

Silke Gebel Ich bin vier Tage vor Mandats-Antritt das erste Mal Mutter geworden. Insofern sind die weitreichenden Änderungen auf das Muttersein - also wenig Schlaf, regelmäßigeres Essen - zurückzuführen. Ohne meinen Sohn wäre das wahrscheinlich anders gelaufen. Insofern ganz gut, dass der kleine Mann mich gut geerdet hat.

 

CHEXX Was bedeuten Ihnen gegensätzliche Meinungen, etwa vom politischen Gegner? Wie gehen Sie damit um?

 

Silke Gebel Ich respektiere erstmal jede andere demokratische Meinung. Das Parlament ist für mich der Ort, wo man dann um diese Meinungen oder Positionen ringt und diskutiert und manchmal auch zu einem anderen Schluss kommt. Solange es mit sachlichen Argumenten zur Sache geht, was leider nicht immer der Fall ist, klappt das auch gut.

 

CHEXX Berlin hat den zweifelhaften Ruf "Hauptstadt der Tierversuche" zu sein. Pro Jahr werden über 250.000 Tiere in Berlin im Tierversuch "eingesetzt". Welche Haltung haben Sie zu Tierversuchen?

 

Silke Gebel Ich finde, kein Tier darf gequält werden. Deshalb muss Berlin Hauptstadt der Ersatzmethoden für Tierversuche werden. Ich habe mal die Wahlprogramme aller Parteien verglichen. Es gibt eine sehr große Mehrheit für diese Position, das muss in der nächsten Legislatur dann endlich auch Realität werden.

 

Silke Gebel. Foto von Bernd Elmenthaler

 

CHEXX Berlin ist auch die Hauptstadt der Obdachlosen und Bettler. Welche Haltung haben Sie zu dem Thema?

 

Silke Gebel Eine Gesellschaft zeigt, wie sozial sie ist anhand dessen, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Ich finde deshalb, dass Politik und Gesellschaft hier denen unter die Arme greifen müssen, die aus welchen Gründen auch immer, aus ihrer Wohnung geflogen sind bzw. keine neue Wohnung finden. Gerade in einer wachsenden Stadt wie Berlin ist das Risiko zunehmender Obdachlosigkeit eine große Gefahr. Gruppen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

 

CHEXX Bitte beschreiben Sie sich selbst. Was ist Ihr Lebensmotto?

 

Silke Gebel Nur weil es noch keiner gemacht hat, heißt das nicht, dass es nicht geht.

 

CHEXX Was erfreut Sie besonders, was stößt Sie ab?

 

Silke Gebel Mich freut, dass wir durch das Internet in der Welt zusammengewachsen sind. Und auf der anderen Seite zeigen sich hier auch menschliche Abgründe. Der Hass, den manche Menschen in sich tragen, und dann aus der Anonymität öffentlich äußern, macht mich fassungslos, traurig und stößt irgendwo auch ab. Aber es ist immer auch ein Ansporn, dass unsere Gesellschaft und unsere Welt besser werden kann, wenn wir alle daran glauben und es anpacken. Dabei kann die Digitalisierung einen großen Beitrag leisten.

 

CHEXX Was macht Berlin für Sie aus?

 

Silke Gebel Berlin ist eine tolle, weltoffene Stadt, in der jeder und jede seinen Lebensentwurf leben kann. In jedem Kiez ist Berlin Großstadt und Dorf in einem. Deshalb lebe ich hier.

 

CHEXX Stichwort "Kopftücher im öffentlichen Dienst" und Männer, die Frauen keine Hand geben wollen. Sieht so Integration und Integrationswille aus?

 

Silke Gebel Für Integration ist es wichtig, dass alle Menschen die gleiche Sprache sprechen und sich verstehen wollen. Dann ist meines Erachtens nach die Hälfte des Weges geschafft. Für diese Willkommenskultur ist es wichtig, dass man die große Mehrheit eines guten Miteinanders von Menschen, die selber oder deren (Groß)Eltern in einem anderen Land geboren wurden, anschaut. Und nicht einzelne, für die ihr Lebensweg/stil das alleinige richtige ist, die es im übrigen in jedem Kulturkreis gibt. Und da bin ich eigentlich unterm Strich ganz optimistisch. Aber klar ist natürlich auch, eine offene Gesellschaft lebt davon, dass wir alle uns jeden Tag dafür einsetzen und zuallererst den Menschen sehen, egal welche Hautfarbe, Bekleidung oder Staatsbürgerschaft jemand hat.

 

CHEXX Durch Ihre Tätigkeit sind Sie öfter in den Medien. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sich in Zeitungen, auf dem Bildschirm oder wie jetzt auf Plakaten wiederfinden?

 

Silke Gebel Eine Mischung aus Stolz und Irritation. Lustig wird es, wenn die Kinder einen entdecken und sich freuen.

 

CHEXX Das Wahlprogramm der Grünen umfasst 20 Punkte. Die Themen Ökologie, Lärm, Luft, Wasser und Tierschutz sind auf gerade mal einen Punkt zusammengefasst. Das müsste das grüne Herz einer engagierten Umweltpolitikerin doch schmerzen?!

 

Silke Gebel Wir haben ja ein kurzes Wahlprogramm, das auf umfassendere Beschlüsse zurückgeht. Das heißt, manchmal ist ein kurzer Absatz zu Gewässer-Politik mit einem 12-seitigen Papier unterlegt. Insofern bin ich sehr zufrieden, weil das Thema einen hohen Stellenwert in der Gesamtpartei hat, da es DAS Alleinstellungsmerkmal ist. Ich toure gerade mit meiner Aktion für saubere Luft durch die Stadt und bekomme viel positive Resonanz aus allen Stadtteilen.

 

CHEXX Auf "geschützten Grünflächen" dürfen Kinder und Hunde nicht spielen, aber vertrockneter Rasen darf mit laut wummernden Treibstoff hungrigen Geräten ständig gemäht werden. Grünflächen machen somit eher krank, als dass sie für eine höhere Lebensqualität sorgen. Die Grünen aber wollen mehr Grünflächen?!

 

Silke Gebel Klar wollen wir mehr Grünflächen und eine hohe Aufenthaltsqualität. Das heißt auch, dass eine Emissionsarme Grünflächenpflege der Standard sein sollte. Richtige Großstadtoasen eben, zum Erholen, aber auch zum Spielen.

 

CHEXX Welche politischen Aufgaben, die Ihnen am Herzen liegen, sind erledigt? Welche unerledigt?

 

Silke Gebel Ich finde es toll, dass wir über das Baden in der Spree und der Rummelsburger Bucht diskutieren, ein Thema was mir sehr wichtig ist. Auch eine neue Verkehrspolitik für Berlin, die umweltfreundlicher ist kommt mit dem Radvolksentscheid auf die Tagesordnung. In der kommenden Legislatur muss es da weitergehen und der nächste Senat, hoffentlich mit uns Grünen, muss hier anpacken und für ein besseres und grüneres Berlin für alle Menschen in unserer Stadt sorgen. Unerledigt im Sinne der allgemeinen Aufmerksamkeit sind auch ein paar Dinge, so würde ich mir wünschen, dass wir mehr über den Lärm in unserer Stadt sprechen und auch über die Vision einer abfallfreien Stadt wie Barcelona oder Ljubljana es mit "Zero Waste" vormachen. Da gibt es noch einiges zu tun.

 

CHEXX Danke für das Interview.

 

Mehr Informationen zu Silke Gebel gibt es unter silke-gebel.de und parlament-berlin.de. Das Wahlprogramm der Grünen gibt es hier zum Nachlesen als PDF. Den Wahl-O-Mat findet man hier und aktuelle Umfragen unter wahlrecht.de.