Montpellier - die Lieblingsstadt der Franzosen. Auf der Rangliste der beliebtesten Wohnorte in Frankreich steht Montpellier immer ganz weit oben und eroberte sogar im letzten Jahr den 1. Platz. Das hat sich längst auch bei den Touristen aus aller Welt herumgesprochen. Vor 50 Jahren noch eine kleine, wenig bekannte Provinz-Stadt hat sich bis heute ihre Einwohnerzahl auf 275.000 mehr als verdoppelt. Montpellier avanciert mit seinem ungewöhnlichen Wachstum, seiner Dynamik und seinen vielen Gesichtern zu einer Metropole, die sich mit ihrem lässigen Charme modern gibt, aber auch noch immer ein wenig ländlich wirkt. Eine Stadt, die allen ihren Einwohnern wie Besuchern vieles zu bieten hat. Und als Universitätsstadt mit einer traditionsreichen juristischen und medizinischen Fakultät sorgen 75.000 Studenten für die nötige Würze an jugendlichem Flair.

 

Ausdehnung zum Meer

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Wie bei vielen geglückten Stadtentwicklungen haben auch in Montpellier die Entscheidungen von Bürgermeistern, die die passenden Architekten auswählten, den Grundstein gelegt. Zu Beginn der 80er Jahre inszenierte der katalanische Architekt Ricardo Bofill in dem berühmten Quartier Antigone auf einer Fläche von 40 Hektar eine antike Welt aus Beton in klassischen Formen. Ein von der Stadt übernommenes riesiges Gelände der französischen Armee bot den ausreichenden Platz. Es entstanden breite Alleen für Fußgänger, die zu großen Plätzen führten, vorbei an Fassaden mit Säulen und Pilastern griechischer Architektur. Dieses neue Wohnviertel, das Klassizismus mit modernem Städtebau zusammen führte, war der Startschuss für andere angesehene Architekten, hier in Montpellier ein Arbeitsfeld zu finden. So entstanden neue Quartiere wie Malbosc, Jardins de la Lironde und ganz neu das Wohnviertel Port Marianne mit modernen Bauten rund um den Teich Jacques Coeur. Hier plant der japanische Stararchitekten Sou Fujimoto auch ein spektakuläres Hochhaus, das 2017 eröffnet werden soll.

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Ein unübersehbarer Blickfang steht am Ostufer des Flusses Lez, der zum zehn Kilometer entfernten Meer führt, und die Richtung anzeigt, in der sich Montpellier ausdehnt. Es ist das neu geschaffene Verwaltungsgebäude der Region Languedoc Roussillon - das Hotel de Region. Der riesige gläserne Torbogen ist dem Pariser Arc de Triomphe nachempfunden. Manche Beamte, die hier an Schreibtischen sitzen, sind durch die gewagte Architektur ihres Bürogebäudes zum kreativen Arbeiten verurteilt.

 

Ohne Stadtplan in mittelalterlichen Gassen

 

Der Charme dieser südfranzösischen Stadt wird wesentlich dadurch bestimmt, dass die "Unmotorisierten" sie erobert haben. Montpellier ist eine Fußgänger-Stadt. Alle wichtigen Bauten und Denkmäler des Stadtzentrums sind zu Fuß zu erreichen. Das historische Quartier Ecusson ist mit seiner großräumigen Fußgängerzone die Lunge der Stadt. Überall laden Plätze mit hohen Bäumen zum Verweilen ein.

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Aline Couquet vom Tourismus-Office der Stadt Montpellier hat für die Besucher zehn Punkte aufgelistet, um die Stadt zu entdecken. Dazu gehören mittelalterlichen Gassen der Altstadt. Und Alina empfiehlt: "Vergessen Sie Ihren Stadtplan und verlaufen Sie sich in den engen Gassen, beim Stöbern in den Gewölben von Boutique der Antiquitätenhändler und Modeschöpfer, beim Besuch der Galerie St. Ravy oder in einem der unzähligen kleinen Cafès."

 

Malerei der Extraklasse

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Eine Perle der Stadt und Besuchermagnet ist das Museum Fabre, eines der schönsten Kunstmuseen in Frankreich. Es wurde von dem französischen Maler François-Xavier Fabre vor knapp 200 Jahren gegründet und ständig erweitert. Einzigartige Werke berühmter französischer Maler wie Delacroix, Courbet, Monet oder Renoir machen einen Besuch zu einem Erlebnis. Durch Anbauten ist die Ausstellungsfläche auf 70.000 Quadratmeter gewachsen und damit avancierte das Museum Fabre von Montpellier zu einem der größten Museen des Landes.

 

Reisen in die Vergangenheit

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Zwei Dutzend Kilometer von Montpellier und vom Meer entfernt, öffnet sich das Hérault-Tal und ein Tor für einen Streifzug ins Mittelalter. Hier befindet sich zwischen den Bergen und Schluchten in wunderschöner Landschaft das kleine Städtchen Saint-Guilhem-le-Desert. Sein Name stammt von dem "französischen Wilhelm", dem Wilhelm vom Aquitanien, einem Cousin von Karl dem Großen. Der tapfere und siegreiche Ritter Guilhem legte Waffen und Rüstung nieder und verwandelte sich in einen Mönch, der nach seiner Ankunft im Jahre 804 ein Kloster gründete. Im 10. Jahrhundert wurde das Kloster zu einer wichtigen Etappe auf dem Jacobsweg und ist bis heute Station des Pilgerweges Compostella geblieben - und ein Anziehungspunkt für Touristen.

 

Mittelalterliche Gassen

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Auf den Namen Guilhem stößt der Besucher überall. Das am Rand des historischen Ortes liegende kleine liebevoll restaurierte Hotel-Gebäude aus dem 16. Jahrhundert trägt natürlich den Namen "le Guilhaume d`Orange". Vor zwei Jahren wurde dem mittelalterlichen Flecken mit seinen schmalen Gassen die begehrte Auszeichnung zuteil, zu den Grand Site de France zu gehören. Dieses Label, im Umweltgesetzbuch von Frankreich verankert, haben bislang nur ein gutes Dutzend besonders naturgeschützte, landschaftlich herausragende, bekannte und vielbesuchte Orte in Frankreich erhalten. Auch die UNESCO kannte sich gut aus und stufte im Dorf die Abtei Gellone auf dem Jacobsweg in Frankreich als Stätte des Weltkulturerbes ein. Und das alles völlig zu Recht. Die etwa 200 Bewohner von Saint-Guilhem-le-Desert, die zuallermeist von den rund 350.000 Besuchern im Jahr leben, haben viel dafür getan, ihre Gassen und Häuser vor bunt schreiender Werbung und zerstörerischem Zeitgeschmack zu bewahren. Fassaden und Baustile der alten Häuser blieben weitgehend erhalten. Insgesamt 12 Wasserstellen, die früher hauptsächlich die Pilger mit sauberem kalten Wasser aus den Bergen versorgten, löschen heute den Durst der Touristen.

 

Teufelsbrücke noch in Betrieb

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Saint-Guilhem-le-Desert war im Mittelalter durch hohe Mauern entlang des Flusses geschützt und nur durch kleine Stadttore zu betreten. Ein schmaler Wanderweg führt aus den eng zusammen stehenden Häusern den Berghang hinauf zu einem der Tore, das noch erhalten ist. Oben angekommen, umringt von der weiten Berg-Kulisse, schaut der Besucher zu den Häusern hinunter wie in eine andere Zeit. Ganz in der Nähe des Ortes befindet sich eine steinerne Brücke, die die Mönche im 11. Jahrhundert bauten, übrigens auch als UNESCO-Welterbe eingestuft. Gemäß einer Legende scheiterte der Teufel immer wieder daran, diese Bogenbrücke über die Schlucht des Flusses Heràult zu zerstören. Sie ist mehrfach restauriert und bis heute, gemeinsam mit zwei neu gebauten Brücken, noch in Betrieb. Daran sollten sich mal, so kommt sicher manchem deutschen Besucher in den Sinn, die Brücken in seinem Heimatland ein Beispiel nehmen. Heute ist die malerisch gelegene Brücke ein Anlaufpunkt für die Touristen mit einer wunderschönen Badestelle an den Ausläufern des Flusses. Hier ist auch der rechte Ort für die Weinbauern der Region, eine Vinothèque of la Maison du Grand Site einzurichten. Bei der Tochter eines Weinbauern dürfen hier die Gäste kostenlos den Wein der Region kosten und natürlich auch kaufen. Dank seines günstigen Klimas und seiner günstigen Bodenlagen ist Langue-doc-Roussillon nicht nur eines der ältesten sondern auch das größte zusammenhängende Weinanbaugebiet auf der Welt - so haben die Tourismus-Büros der Region errechnet.

 

Backofen der alten Römer

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Auf dem Weg in das Landesinnere erreicht man das Dorf Mourèze, das in seinem Umfeld erstaunliche Naturschönheiten wie auch spannende Geschichte zu bieten hat. Nicht nur der Geologe als Fachmann, sondern erst recht der Urlauber als Laie kann die Felsformationen aus Dolomit-Gestein bewundern. Vor 160 Millionen Jahren haben Ablagerungen eines seichten Binnenmeeres diese grandiose Landschaft eines dolomitischen Tal-Kessels gebildet. Auf einem 300 Hektar großen Areal ist eine wundersame Kulturlandschaft entstanden, die schon 4000 v. Chr. besiedelt wurde. Stolz zeigen die Mitarbeiter vom Touristenbüro den ehemaligen Gemeinde-Backofen, das mit Abstand älteste Gebäude von Mourèze. Hier wurden schon zu Zeiten der Gallischen Provinz des Römischen Reiches Amphoren für Transport und Lagerung von Wein und Öl gebrannt.

 

Hotel in Häusern der alten Manufaktur

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Die kleine Stadt Clermont liegt im Herzen des Departements Hèrault. Bekannt wurde sie durch eine Textilmanufaktur, die seit dem 17. Jahrhundert in der Regierungszeit von Ludwig dem XIV. und seinem rührigen Minister Colbert edle Stoffe herstellte. Später entstand neben den Fabrikhallen eine in sich geschlossene Arbeiter-Siedlung mit Mauern und Toren, auf denen noch heute die Inschrift prangt: "Honneur au travail" ("Ehre der Arbeit") Hinter dem Tor erstreckt sich eine Platanen-Allee, eine große Kapelle und in der Mitte des Platzes sprudelt auch heute noch ein Springbrunnen. In einige der renovierten alten Quartiere, in der manche Familien der Weber aus der Manufaktur über 200 Jahren lebten, ist nunmehr ein Hotel eingezogen. Oft erstreckt sich das Hotelzimmer verbunden mit einer Treppe über zwei Etagen der schmalen Reihen-Häuschen. Es gibt auch Pläne der Region, das alte Gelände der Fabrik, die vor 60 Jahren geschlossen wurde, für den Tourismus neu zu entdecken. Doch schon jetzt ist hier alles ein historisches Stück Südfrankreich.

 

Weitere Informationen findet man unter hoteldelasource.com.

 

Weinwanderung mit Winzern

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Auf dem Weg in das Städtchen Lodève begegnen dem Besucher weitere Markenzeichen der Landschaft von Südfrankreich. In dem kleinen Dorf Cabrières in den Ausläufern des Bergzuges der Cervennen wird der Wein ganz groß geschrieben. Hier gründete sich schon vor 80 Jahren eine Genossenschaftskellerei. In der Gegenwart haben sich 15 Winzer zusammengeschlossen und verkaufen seit nunmehr knapp 20 Jahren gemeinsam ihre Weine im Weinkeller "L`ESTABEL". So lange ist auch schon Erika Michel bei der Weinlese und im Verkauf mit dabei. Die Münchnerin heiratete einen Weinbauern und wurde zur Kennerin südfranzösischer Weine befördert. "Durch unseren einzigartigen Schieferboden und unser Klima, geschützt durch die Bergketten, wachsen bei uns Weine der Extraklasse", schwärmt die Deutschfranzösin. Außerdem betreiben die französischen Weinbauern schon seit Jahren recht erfolgreich den Wein-Tourismus. Um von den kleinen Mengen ihres Qualitäts-Weines, der auf dem kargen Boden reift, leben zu können, benötigten die kleinen Weinbetriebe ein zusätzliches Standbein. "Unser Weinkeller ist der Ausgangs- und der Endpunkt der Weinwanderungen. Die Winzer sind die Wanderführer durch ihre Weinberge und das kommt bei den Touristengruppen - gerade aus Deutschland - sehr gut an," so Erika Michel. Auch sehr beliebt seien die Weinfeste im Juli und August in den umliegenden Dörfern. Wenn dann allerdings die Weinlese beginne, sei keine Zeit mehr zum Feiern, dann sei zu viel zu tun.

 

Teppichknüpferei hat überlebt

 

Das kleine Lodève, ehemals Bischofs-Stadt, schon mehr als 50 Kilometer von der pulsierenden Metropole Montpellier und dem Meer entfernt, ist zwar durch eine Schnellstraße recht gut erschlossen. Doch nur wenige Touristen besuchen die wuchtige Kathedrale und interessieren sich für das kleinstädtische authentische Flair des Südens. Auch Lodève beherbergt ein im historischen Lauf untergegangenes Handwerk mit 400 Jahre alter Tradition - die nationale Teppich-Manufaktur "la Savonnerie". Nach dem langsamen Niedergang der Fabrikation von Teppichen hat seit einigen Jahren das große Handwerk des Knüpfens der Fäden eine Renaissance erlebt. In den großen Fabrikhallen ist jetzt ein modernes Atelier entstanden, das sich den Motiven zeitgenössischer Künstler widmet und so die alte Knüpfer-Technik am Leben erhält.

 

Das antimilitaristische Krieger-Denkmal

 

Foto von Ronald Keusch, August 2015

 

Im Zentrum von Lodéve ist gleich neben der Kathedrale in einem gepflegten Garten ein Grabfeld für die Bischöfe eingerichtet. Auch vor der Kathedrale auf dem großen Platz, bepflanzt mit großen Kastanienbäumen, steht ein Monument der Toten. Es wurde von dem in der Stadt geborenen Bildhauer Paul Dardè geschaffen und trägt den Titel "Ewiger Schmerz". Es erinnert an die gefallenen französischen Soldaten im 1. Weltkrieg, dessen Schrecken der Künstler als Krankenträger miterleben musste. Doch welch fundamentaler Unterschied zu den herkömmlichen Helden- und Kriegerdenkmalen zeigt sich in dem Gedenken des Werkes von Dardè. Ein aufgebahrter Soldat wird von vier Frauen umringt, die die Jahreszeiten und die unterschiedlichen sozialen Schichten der Trauernden zeigen. Die Frau des Soldaten kniet vor Schmerz gebeugt nah am Toten und zu seinen Füßen, die noch in Soldaten-Stiefeln stecken, stehen erschüttert zwei kleine Kinder. Lautstarke nationalistische Stimmen, die es auch in Frankreich gibt, versuchten vergebens, dieses antimilitaristische Denkmal zu entfernen. Die Bewohner von Lodève standen hinter ihrem Künstler. 70 Jahre seit dem Ende des letzten Weltkrieges braucht Europa wieder äußerst dringend überall solche "Antikriegs-Denkmale". Und wie in Südfrankreich werden sich Menschen finden, die diese Mahnungen beschützen.

 

Weitere Informationen findet man unter saintguilhem-valleeherault.fr/de, clermontais-tourisme.fr, tourisme-lodevois-larzac.gb.com, destination-languedoc.de