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Zwei Zimmer, Küche: Staat
Erfolgreiche Premiere für das neue Distel-Kabarett-Programm am 28. April 2017 Zwei Zimmer, Küche: Staat- eine Kabarett-Komödie. Ein Kabarett-Programm ist kein Wunschkonzert. Doch der heutige Kabarett-Besucher erwartet schon, dass seine zeitkritische Bühne Distel mit einer langen Tradition die wachsenden Widersprüche der derzeit herrschenden Politik der Regierenden und ihrer Propaganda offen legt. Und da scheinen sich für den aufmerksamen Beobachter immer mehr Widersprüche aufzutürmen. Der klassische Gegensatz für die Kabarettisten zwischen Schein und Sein ist allgegenwärtig. Außerdem scheinen herrliche Zeiten für das politische Kabarett angebrochen. Wenn Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen zunehmend in der Kritik der Regierungspolitik versagen (die DDR lässt grüßen) müsste das politische Kabarett Hochkonjunktur feiern. Die Distel hat mit ihrem neuen Programm einen solchen Feiertag des Kabaretts geschaffen. Das aktuelle Programm mit dem griffigen Titel Zwei Zimmer, Küche: Staat und dem kleinen Zusatz: Ab heute wird zurück regiert tritt zur Freude des Publikums den Beweis an, dass die Stacheln des Berliner Kabaretts stechen. Dazu wurde die Form einer Kabarett-Komödie mit einer irrwitzigen Handlung gewählt und darin eine Vielzahl von Pointen und bissigen Liedtexten verwoben. Es wird die Geschichte der Ostberlinerin Margie erzählt, bald im Rentenalter, alleinerziehend mit ihrem 44jährigen Sohn, der sich von Praktikum zu Praktikum hangelt. Sie haben eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, in der sie noch einen nicht unsympathischen Untermieter mit Ambitionen zur Hochstapelei aufgenommen haben. Als Margie ihren Rentenbescheid über eine Summe von 237,67 Euro erhält und sich unbezahlte Rechnungen auftürmen, hat sie zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Es wird die verrückte Idee geboren: Ihre Wohnung Dorotheenstraße 124 tritt aus der EU aus und mitten in Deutschland gründet Margie ihren eigenen Staat, die Freie Republik Dorotheanien. Sie will sich nichts mehr gefallen lassen und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Der neue Staat mitten in Berlin bekommt Besuch vom BND, von Bundeskanzlerin Merkel und sogar einen Staatsbesuch aus den USA von Trump. Chaos und Weltgeschichte wird in der Zwei-Zimmer-Wohnung inszeniert. Es gibt sicher nur ganz wenige Autoren, die so ein Textbuch verfassen und es anspruchsvoll, mit großem anarchistischen Spaß ohne billigen Klamauk auf eine politische Kabarettbühne bringen können. Thomas Lienenlüke gehört unbedingt dazu. Er ist in der Fachwelt kein Unbekannter und arbeitet sei langem als Autor und Redakteur für Shows wie Satiregipfel, Scheibenwischer sowie mehrere Jahre als Autor für das berühmte bayrische Nockherbergsingspiel. Zu seinen Vorbildern gehören der Kabarettist Hans-Dieter Hüsch und auch die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, so Lienenlüke. Dieser Tradition verpflichtet, sollen seine Kabarett-Texte die wirklichen Probleme der Menschen behandeln, kritisch, engagiert und unterhaltend, nie belehrend und langweilig. Lienenlüke will damit seine Empathie ausdrücken, in ähnlicher Weise wie der von ihm verehrte legendäre finnische Regisseur Ari Kaurismäki. Und der Autor ist auch nicht ängstlich und zurückhaltend, wenn er im Stück einen Immobilien-Hai von der sogenannten Asylindustrie in Deutschland auftreten lässt, der mit dem Elend der Flüchtlinge und dem Geld der deutschen Steuerzahler seinen Profit maximiert. Auf der Premierenfeier trug der künstlerische Leiter der Distel eine lange Liste von Mitgliedern des Ensembles der Distel vor, denen er besonders dankte. Dazu zählten die beiden Musiker Matthias Felix Lauschus und Fred Symann, die die Live-Musik und die Arrangements der Lieder lieferten, diejenigen, die hinter der Bühne agierten, natürlich Autor Lienenlüke und nicht zuletzt die drei Darsteller auf der Bühne. Die langjährigen Mitglieder und Stars der Distel, Dagmar Jaeger und Michael Nitzel überzeugten genauso wie auch Rüdiger Rudolph an ihrer Seite, der erst seit einem Jahr bei der Distel engagiert ist. Während Nitzel während des Abends in viele Rollen schlüpfte und auch ganz hervorragend Bundeskanzlerin Merkel gab, Rudolph gekonnt die Trump-Figur darstellte, durfte Jäger das Auf und Ab der Hauptfigur Margie verkörpern. Dagmar Jäger freut sich über ihre Rolle, in der sie stärker als in anderen Programmen als Schauspielerin gefordert ist. Und sie ist begeistert von der Kabarett-Komödie. Es ist mir wie den anderen Kollegen auch ergangen, schon als wir die Texte zum ersten Mal gelesen haben, wussten wir, das ist originell, ehrlich und unterhaltend... ein tolles Stück! Eine der vielen Pointen lautet, dass die drei Standard-Sprüche eines erfahrenen Installateurs nicht nur für den Berufsstand der Handwerker, sondern auch als ein Redekonzept für den erfolgreichen Berufspolitiker jederzeit anwendbar sind: 1. Das hat mein Vorgänger gemacht 2. Das wird nicht billig 3. Da müssen wir noch mal ran. Viele aus dem Publikum werden auf diese Sätze achten, wenn sie ihnen in Politikerreden wieder begegnen. Es braucht wohl keinen Wahrsager mit Glaskugel, um dieser Kabarett-Komödie einen großen Publikumserfolg, sicher auch bei den Berlin-Touristen zu prophezeien. Dafür wird die Mund zu Mund Propaganda sorgen und das originelle Programm-Heft (Astrid Brank, Sabine Walter) mit Zitaten von Daniela Dahn und Dieter Hildebrand, Volker Pispers und Georg Schramm sowie 50 Anleitungen zum Bürgerprotest. Die Distel wird mit dem Programm ihrem Namen gerecht und hat den Regierenden ihre Stacheln gezeigt. Als Beispiel dafür soll einer der Liedtexte von Thomas Lienenlüke aus dem aktuellen Distel-Programm stehen:

Keiner will die Fakten wissen
Elend, Armut, Hunger, Krieg.
Alle woll'n nur Gutes hören,
Aufschwung, Konjunktur und Sieg.

Niemand will die Wahrheit wissen,
denn die ist oft kompliziert.
Sag den Menschen draußen lieber,
dass bald alles super wird.

Keine Sau hat gern Probleme,
jeder mag es kuschelweich.
Sage nur das angenehme,
und versprich, das ha'm wir gleich.

Du musst bluffen können in der Politik,
du musst bluffen können in der Po-Politik,
Du musst bluffen können in der Po-Po-Politik.


Text von Ronald Keusch. Foto von Johannes Zacher/Distel

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