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. veröffentlicht unter Boulevard
Foto von Ronald Keusch
Ilja Richters Hommage an Georg Kreisler auf dem Programm der Jüdischen Kulturtage in Berlin. Die Tradition der Jüdischen Kulturtage lässt sich in diesem Jahr an einer eindrucksvollen Zahl festmachen. Zum 30. Mal veranstaltet die Jüdische Gemeinde an neun Novembertagen (vom 4. bis 12.) ein Programm des jüdischen Kulturlebens in Berlin und Israel. Wieder unter der Regie des Intendanten Gerhard Kämpfe wird dem Publikum ein Reigen von faszinierenden zumeist prominenten Künstlern präsentiert. Konzert, Theater, Film, Lesungen bis hin zu Heavy Metal und DJ-Musik aus Tel Aviv sollen neben dem Nachdenklichen vor allem die Lebensfreude und den Humor des jüdischen Kulturlebens offenbaren. Es gibt wohl kaum einen Künstler, der dafür so geeignet ist, wie der große Pianist, Komponist und Satiriker Georg Kreisler. Zu seinen Bewunderern zählt schon seit seinem 14. Lebensjahr, wie er auf einer Pressekonferenz bekannte, Schauspieler, Autor und Multitalent Ilja Richter. Jetzt hat er seiner "lebenslangen Passion" seinen ersten Solo-Chanson-Abend gewidmet und ist damit seit vorigem Jahr auf Tournee in Deutschland. Für den Auftritt zu den Jüdischen Kulturtagen wurde in Berlin ein ausgezeichneter Ort gewählt: Die stilvoll eingerichtete Mendelssohn-Remise in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt. Der Titel der ausverkauften Veranstaltung lautet: "Durch Kreislers Brille - Gehörtes, Unerhörtes und Ungehöriges" und signalisiert, dass das Publikum schon etwas mehr erwarten kann als nur eine Abfolge von vorgetragenen Chansons. Ilja Richter moderiert den Abend im besten Sinne des Wortes. Das Publikum erfährt so manches von dem unangepassten Künstler und großen Kabarett-Poeten, sein Verhältnis zur Musik und zu Musikkritikern oder zu großen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Dabei findet Ilja Richter immer das richtige Verhältnis zwischen den Textbausteinen und dem musikalischem Auftritt. Doch das größte Kompliment verdient an diesem Abend die hohe musikalische Qualität der dargebotenen Chansons. Wer mit dem Namen Ilja Richter nur die legendären Disco-Auftritte im ZDF (Licht aus... Spot an) oder vielleicht einige Rollen im Schlosspark-Theater Berlin und anderswo verbindet, muss sich spätestens an diesem Kreisler-Abend korrigieren. Das ist schon die ganz große Kunst, eine Balance zu finden, sowohl an ausgesuchten Stellen seinen Kultstar Kreisler "angetippt zu parodieren", aber hauptsächlich durch seine prächtige Stimme und ureigene ausgezeichnete Interpretation an ihn zu erinnern und ihn zu ehren. Einen beträchtlichen Anteil an diesem gelungenen Chanson-Abend hat die begleitende Pianistin Sherri Jones, die sich seit vielen Jahren mit der Musik von Kreisler intensiv beschäftigt und seine bis dahin unbekannten solistischen Klavierwerke gespielt und herausgegeben hat. Die Harmonie, die beide mit dem Werk von Kreisler verbindet, wird auch an diesem Abend im Publikum spürbar. Auf Du und Du mit Georg Kreisler ist Ilja Richter auch mit den Vorlieben und dem Verdruss des Kabarettisten vertraut. Einen seiner bekanntesten Titel "Tauben vergiften im Park" konnte der Wortspieler Kreisler nicht mehr leiden, weil oft sein Werk auf diesen Tauben-Titel reduziert wurde, so berichtet Ilja Richter. Deshalb werde er ganz bewusst darauf verzichten. Auch an diesem Abend in der Mendelssohn-Remise in Berlin hat sich Ilja Richter daran gehalten. Wer allerdings im Publikum viel Freude an den manchmal surrealen Liedern von Georg Kreisler hat, kommt in dem Programm mit "Zwei alte Tanten tanzen Tango", "Mütterlein" oder "Ich hab ka Lust" voll auf seine Kosten.

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Von Timo Würz