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Carillon-Skandal

. veröffentlicht unter Boulevard
Foto von Ronald Keusch
Traditionell sind die ersten Juli-Tage auf dem Gendarmenmarkt in Berlin dem Konzert unter freiem Himmel gewidmet. Seit Anfang der 90er Jahre veranstaltete Kulturmanager Gerhard Kämpfe und sein Team dieses Classic Open Air Festival. Auch in diesem Jahr ist das Programm breit gefächert und reicht von einem Potpourri von Filmmusiken und einer Classic of Soul und Punk bis hin zur großen italienischen Oper. Der Freitag, der 5. Juli, war unter der ein wenig martialischen Überschrift "In Licht und Feuer" einer Ikone klassischer deutscher Oper gewidmet: Richard Wagner.

Das Orchester der Anhaltischen Philharmonie aus Dessau unter dem Dirigenten Markus L. Frank hatte für diesen Abend die Leipziger Sopranistin Nadja Michael und seine beiden Solisten, Ulf Paulsen und Ray M. Wade mitgebracht. Für das Konzert wurde der renommierte Ernst Senff Chor aus Berlin engagiert. Das Publikum applaudierte für eine solide Aufführung mit einer ansprechenden Akustik. Im Mittelpunkt des Konzertes stand die Musik aus Wagners Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" sowie aus den Opern "Tannhäuser" und "Lohengrin". Die Sopranistin Nadja Michael freute sich über ihren Auftritt auf dem Gendarmenmarkt, der für sie den richtigen Rahmen für Wagner in Licht und Feuer biete. "Diese Musik passt besonders dorthin, weil es dieses Pompöse und sehr Theatralische hat." Dem Zuschauer zeigt sich wahrlich ein imposantes Bild zur Musik von "Die Walküre" oder von "Der fliegende Holländer". Das Orchester und die Bühne für die Sänger sind in den Eingangsbereich des früheren königlichen Schauspielhauses (jetzt umbenannt in Konzerthaus) eingefügt, das Schillerdenkmal aus weißem Marmor überragt die Zuschauerreihen. Und schließlich wird links und rechts vom Gendarmenmarkt vom französischen und deutschen Dom eingerahmt. Für die Kenner der Werke von Wagner bringt diese klassische Kulisse hier auf dem Platz mehr Vergnügen, wenn man sie mit manchen neumodischen Dekorationen von Szenenbildern in Opernhäusern vergleicht.

Da werden nicht wenige Zuschauer seufzen: Zurück zur klassischen Natur. Doch für all diejenigen unter den Zuschauern, die nur wenig von der Musik Richard Wagners kennen, hat der Abend auch etwas Überraschendes parat. Die Musikauswahl präsentiert keineswegs alleinig pompöses und theatralisches, nimmt man nur die Chormusik aus dem fliegenden Holländer oder "Träume" aus dem Wesendonck-Liedzyklus. Und viele Zuhörer im Publikum horchen auf, wenn sie eine bekannte Melodie erkennen, die aus dem Werk von Wagner stammt. Nicht allein Musical-Melodien können zu allseitig bekannten "Ohrwürmern" aufsteigen. Der hartnäckige Hauptgegner des Classic Open Air, das Wetter mit seinen Kapriolen, hat in diesem Jahr für sommerliche Temperaturen gesorgt. Auch die Übertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft scheinen kein ernsthafter Konkurrent für die Musik von Wagner zu sein.

Allerdings blieben im weiten rund des insgesamt gut besuchten Gendarmenmarktes dennoch eine ganze Reihe von Sitzplätzen leer. Gibt es zu wenig Zuspruch am Walkürenritt? An fehlendem Interesse kann es eher nicht liegen, wenn man die vielen hundert Zuhörer entdeckt, die hinter der Absperrung des Gendarmenmarktes stehen oder auf Klappstühlen sitzen und andächtig der Musik lauschen. Vielleicht sollten die Veranstalter prüfen, ob die beträchtliche Höhe der Eintrittspreise (von 42,50 bis 105 Euro) für die durchaus guten Künstler aus Dessau für die leer gebliebenen Plätze sorgen. Schließlich haben am Ende des Konzerts Illuminationen, Lichtspiele und auch Feuerwerksraketen für Wagner in Licht und Feuer einen stimmungsvollen Abschluss geschaffen. Nicht nur für Wagnerianer ein gelungener Abend.

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Der letzte Henker

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Von Timo Würz