Magazin CHEXX am Montag, den 16. September 2019
Kulturgut Kirmes?
In beinahe jeder deutschen Stadt finden Volksfeste wie Kirmes, Weihnachtsmarkt und Schützenfest (noch) statt. Im Zeitalter von Smartphone und Internet stellt sich ja die Frage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Sollte man nicht lieber zu Hause am PC spielen als auf der Kirmes an einer Losbude oder auf dem Schützenfest an einem Schießstand sein Glück zu versuchen? Gehört die Kirmes, das Schützenfest überhaupt zur Kultur, haben diese Feste annähernd den Stellenwert von Oper, Theater, Musical? Wie es in der Bundeshauptstadt mit den Volksfesten aktuell bestell ist, kann man an dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest erleben bzw. nicht erleben. Sang- und klanglos haben die Veranstalter es 2019 aus dem Programm gestrichen. Ob es 2020 ein Wiedersehen mit dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest geben wird, steht in den Sternen.

Der Vorsitzende des Deutschen Schaustellerbundes e. V. (DSB), Albert Ritter, betont immer wieder, seit mehreren hundert Jahren ist die Kirmes in Deutschland zu Hause und Bestandteil der Kultur. "Kirmes kommt von Kirch Messe." Auch weist Albert Ritter darauf hin: "In unserer heutigen von Umbrüchen, Hektik und ständigen Neuerungen geprägten Gesellschaft bilden Volksfeste, Jahrmärkte, Kirmessen und Weihnachtsmärkte mit ihrer fortwährenden Beständigkeit mehr denn je einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens in Deutschland." Ob Dorf oder Stadt, wenn die Bürger in der betreffenden Ortschaft Kirmes feiern konnten und können, ging es "hoch" her. Man wusste auch immer, wann das Fest stattfindet. Manche Städte haben eine "Palmkirmes." In der Osterzeit, am Palmsonntag, begann sie. Das Münchener Oktoberfest beginnt im September! Und weil es im Oktober endet, heißt es Oktoberfest. Das zweitgrößte Volksfest in Deutschland, die Cranger Kirmes im westfälischen Herne, beginnt grundsätzlich immer am ersten Freitag im August. Welchen Stellenwert haben für Berliner Politiker eigentlich die besagten Volksfeste?

CHEXX hörte sich einmal um. Thomas Seerig aus dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist in der FDP-Fraktion Sprecher für Bürger mit Handicap. Im Berliner Landtag ist Thomas Seerig Mitglied des Präsidiums. Er sagte: "Gerade in Zeiten von Digitalisierung und Internet haben traditionelle Vergnügungen wie Volksfeste, Schützenfeste und Kirmes ihren besonderen Reiz. Denn Zuckerwatte, Karussell und Geisterbahn können Instagram & Co nicht ersetzen. Ich finde es daher schade, dass ein so traditionelles Fest wie das Deutsch-Amerikanische Volksfest 2019 ausfallen muss, weil sich der Senat offensichtlich zu wenig kooperativ zeigte. Ich hoffe, dass wir 2020 wieder unser traditionelles Vergnügen im Berliner Südwesten haben werden."

Frank-Christian Hansel aus dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion. Er betonte: "Jede Kirmes und jedes Schützenfest in Deutschland sind für mich Teil der Kultur und unserer Heimat. Dabei ist es unerheblich, ob sich mehrere Millionen Besucher wie beim Münchener Oktoberfest oder der Cranger Kirmes in Herne daran erfreuen oder in einem Dorf werden neben einem Kinderkarussell und einem Autoscooter und einem gastronomischen Betrieb nur noch eine Schiffer-Schaukel aufgestellt. Wer im Dorf lebt, freut sich über diese Abwechslung genauso wie die oft weit gereisten Gäste zu den Großveranstaltungen. Kirmes, Weihnachtsmarkt und Schützenfest stehen für Heimat und Tradition. Daher sollten Kommunen, wo immer es geht, die Schausteller unterstützen. Dazu gehören für mich auch, faire Gebühren für die Stände zu verlangen und nicht die Schausteller und deren Familienangehörige als Melkkühe zu betrachten. Kostendeckung bei den kommunalen Gebühren ja, exorbitante Gewinne ein klares NEIN dazu. Der Wegfall des Deutsch-Amerikanischen Volksfestes in diesem Jahr in der Bundeshauptstadt schmerzt mich sehr. Da fehlt in 2019 ein gutes Stück Tradition. Ich hoffe, 2020 können wir uns wieder an einem Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin erfreuen. Das Tempelhofer Feld kann man dazu doch benutzen."

Der SPD-Politiker Rainer-Michael Lehmann aus Pankow gehörte von 2001 bis 2016 dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Aktuell ist er Landesvorsitzender der AG Selbst Aktiv und erklärte: "Für mich haben Volksfeste, Kirmes, Weihnachtsmärkte, Schützenfeste, ja der Rummel, wie der Volksmund es nennt, ganz große Bedeutung. Sie sind schon deshalb sehr wichtig, weil sie auch ein zentraler Treffpunkt sind. Heute kann man aufgrund von Internet schon eine Isolation bei einigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern diagnostizieren. Daher sind solche Feste wie Kirmes, Schützenfest und Weihnachtsmarkt ganz wichtig. Es sind Orte zum Kennenlernen. Wenn ich in meine Familienchronik blicke, kann ich Ihnen zwei Verwandte nennen, die auf einer Kirmes in verschiedenen Jahren die Partnerin fürs Leben kennen gelernt haben und heute bereits glückliche Großeltern sind. Ich plädiere auch dafür, dass sich die Kommunen nicht kleinkariert gegenüber den Schaustellern zeigen. Da darf der LKW des Schaustellers problemlos die Autobahn benutzen. Geht es dann zur Abfahrt und bis zum Kirmesgelände sind es aber noch 800 Meter, muss die Umweltplakette am LKW vorhanden sein oder es drohen Bußgelder. Der kurze Weg von der Abfahrt der Autobahn bis zum Festgelände liegt in einer Umweltzone. Durch solche Maßnahmen, die dann noch beanstandet werden und zu Bußgeldern führen, erwürgt eine Kommune den Schaustellerbetrieb. Da lautet meine Devise: Leben und Leben lassen! Zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest kann ich es nur so knapp ausdrücken: Traurig! Das Deutch-Amerikanische Volksfest gehört einfach zu Berlin. Hier trafen sich unterschiedliche Völker und Kulturen, dieses Volksfest hat eine herausragende Tradition. Ich hoffe, das Deutsch-Amerikanische Volksfest wird 2020 wieder stattfinden."