ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Donnerstag, den 29. Oktober 2020
Schloss-Geschichten aus Berlin - Rundgang vor der Eröffnung des Humboldt Forums
"Wir stehen vor Fassaden, in einer Schönheit und Genauigkeit, die absolut zu 99,5 Prozent der Schönheit des hier früher stehenden Schlosses entsprechen", schwärmt Wilhelm von Boddien. Er gründete 1992 den Förderverein Berliner Schloss e. V. und hat als deren Geschäftsführer einen wesentlichen Anteil daran, dass das Humboldt Forum mit den originalen Schlossfassaden-Skulpturen von Andreas Schlüter errichtet wurde. Nun gab Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant des Humboldt Forums Anfang Oktober auf einer Pressekonferenz bekannt, dass das Berliner Humboldt Forum am 17. Dezember 2020 in Teilen eröffnet werden soll. Für die Reisejournalisten-Vereinigung CTOUR ein guter Zeitpunkt, sich am 8. Oktober zu einem Medientreff mit dem "Schloss-Visionär" Wilhelm von Boddien zu treffen.

Ungeachtet vieler Proteste abgerissen

Der heute 78jährige immer noch sehr agile Boddien erinnert sich gut, wie sich vor knapp 30 Jahren anfangs acht Leute zu einem Förderverein fanden, die sich "angemaßt haben, über die Bebauung des wichtigsten Platzes der Hauptstadt Berlin ein gewichtiges Wort mitzusprechen". Und wie kaum ein anderer war gerade dieser Platz in der Mitte der Stadt heiß umkämpft. Das begann schon in der Zeit vom Bau des Barock-Schlosses, als die Bürgerschaft gegen die Hohenzollern aufbegehrte und sogar einmal erfolglos versuchte, das Bauwerk mit dem Wasser der Spree zu fluten. Die durch Bombenangriffe im 2. Weltkrieg ausgebrannte Schlossruine wurde zu DDR-Zeiten 1950 ungeachtet vieler Proteste gesprengt und an ihre Stelle von 1973 bis 1976 der Palast der Republik gebaut. Dieser DDR-Bau mit Kultureinrichtungen, in dem die Volkskammer tagte und hier im März 1990 den Anschluss der DDR an die BRD beschlossen hatte, wurde 2006 bis 2008 ungeachtet vieler Proteste abgerissen. Bei diesen wenigen Stichworten zum historischen Werdegang rund um den Schlossplatz kann sich jeder vorstellen, welche aufregenden Geschichten insgesamt darüber zu erzählen sind. Wilhelm von Boddien kennt eine Menge davon.

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Einige seiner spannenden Geschichten befassen sich naturgemäß mit den drei barocken Schlossfassaden. Die Seite zur Spree wurde vor allem aus Kostengründen modern gestaltet. Der Förderverein hatte sich das Ziel gestellt, insgesamt 105 Millionen Euro an Spenden bis zum Zeitpunkt der früher geplanten Einweihung Ende 2019 zu sammeln. Doch da türmte sich für die barocke Schloss-Fassade ein elementares Hindernis auf, wie Wilhelm von Boddien erzählt. Es gab keine Baupläne.

Detektivgeschichte um Baupläne

Sie sind im Jahr 1713 verschollen, in dem Jahr als Friedrich I. starb und Wilhelm der Soldatenkönig an die Macht kam. Dem neuen Herrscher wurde der Hof-Baustab seines Vaters zu teuer und er jagte sie davon, ohne noch ausstehende Gelder zu bezahlen. Und dann ist es genauso gelaufen wie 300 Jahre später auf der Baustelle Flughafen BER. Da wurde dem Architekt Gerkan und seinen 160 Ingenieuren im Jahr 2012 nach der Absage der Eröffnung fristlos gekündigt. Die haben ihre Sachen gepackt und alles an Unterlagen mitgenommen, was ihnen gehörte. Und dann versank zunächst alles im Chaos und man wusste "ein halbes Jahr auf dem Flughafen nicht, wie man das Licht ausschaltet, weil die Informationen zur Computersteuerung fehlten". So ähnlich, erzählt Boddien amüsiert, spielte es sich beim Hohenzollern-Schloss ab. Es fanden sich Dutzende von Plänen in Archiven, die nicht sehr genau waren. Damals haben die Steinmetze und Steinbildhauer selbständig gearbeitet, keiner hat da nachgemessen. Nun beginnt eine Detektivgeschichte, um diese Fassaden wieder wie vor 300 Jahren erstehen zu lassen. So halfen die Erfindung der Messbild-Fotografie Anfang des vorigen Jahrhunderts sowie insgesamt 4.000 Fotos, die noch vor der Sprengung der Schloss-Ruine entstanden und die 1991 in einem Archiv der Denkmalpflege aufgespürt wurden. Ein von der Ernst-von-Siemens-Stiftung gespendetes Computerprogramm ermöglichte, daraus exakte Baupläne für die Fassaden zu erstellen. Hinweise gaben auch Fensterüberschattungen auf historischen Fotos.

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Mit Datum und Uhrzeit der Aufnahmen konnte simuliert werden, in welchem Winkel die Sonne bei der Aufnahme stand und damit war es möglich zu berechnen, wie weit die Verdachung aus der Wand heraus schaute. Es konnte, so ein Resümee von Boddien, eine Genauigkeit von 97 Prozent erreicht werden, die allerdings damals von der kritischen Öffentlichkeit in Pressekonferenzen angezweifelt wurde. Schließlich findet die Geschichte für Boddien noch ein Happy End, als sich Bertelsmann mit dem Bau des Kommandantenhauses eine Repräsentanz am Boulevard unter den Linden schuf. Dabei tauchten aus dem Jahr 1879 auch vom Finanzamt erstellte Grundrissdaten mit Höhenschnitt vom Berliner Schloss auf. "Mit etwas Bangigkeit", so der lächelnde Boddien, "haben wir diese Daten mit unseren ermittelten Maßen verglichen. Die Abweichung war weniger als ein halbes Prozent".

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Doch es sind noch weitere Geschichten erzählenswert, beispielsweise über eine Vielzahl von unterschiedlichen Bukranien aus Sandstein, den Schmuck-Ornamenten, die die Fassaden zieren. Sie wurden mit Robotertechnik zugeschnitten und dann in Handarbeit individuell von Bildhauern fertig gestellt. Sind es denn diese ganzen Mühen wert, so exakt diesen historischen Zustand wieder herzustellen? Für Boddien keine Frage. "Ein einfacher Abklatsch wäre ein totes Gebäude, ein Neo-Barock, wo jeder Millimeter dem anderen gleicht." Die Berliner und ihre Besucher können sich mit eigenen Augen überzeugen von den Unregelmäßigkeiten der Fassaden, die die Lebendigkeit des Hauses ausmachen. Es ist übrigens vorgesehen, dass die Passage und der Schlüterhof als Freiräume Tag und Nacht für die Öffentlichkeit auch offenstehen. "Was im rabaukigen Berlin für konzeptionellen Mut spricht", kommentiert die Berliner Zeitung. Wilhelm von Boddien ist stolz darauf, dass die angepeilte Spendensumme von 105 Millionen fast vollständig erreicht wurde. Geplant ist nun im Dezember, eine Woche vor der Eröffnung, den Spendern exklusiv eine erste Besichtigung anzubieten. Zunächst wird Parterre alles zugänglich sein, im August 2021 sollten dann die Ausstellungsräume folgen. Allerdings steht der Termin für die geplante Übergabe des Humboldt Forums am 17. Dezember im Schatten der im Dezember geltenden Corona-Regeln. Vielleicht können, so hoffen die Organisatoren, online-Reglements mit Zeitfenstern für die Anmeldung den zu erwartenden Besucherandrang regulieren.

Hat sich Berlin mit dem Humboldt Forum versöhnt?

Ungeachtet von vielem Hin und Her, Pro und Contra, hohen Kosten und Dilettantismus rund um Schloss, Palast und Wiederaufbau von Teilen des Schlosses spricht manches dafür, dass sich die Berliner und erst Recht die Besucher der Stadt mit dem jetzigen Humboldt Forum mehrheitlich versöhnen. Daran haben nicht zuletzt auch die faszinierenden barocken Schloss-Fassaden einen nicht geringen Anteil. Ob gleiches allerdings für das ebenfalls im Bau befindliche Freiheits- und Einheitsdenkmal gilt, im Berlin-Jargon kurz Einheits-Wippe genannte, wage ich zu bezweifeln. Es wird direkt vor das Humboldt-Forum gesetzt, kostet immerhin nun schon 17 Millionen und zerstört historisch wertvolle Bausubstanz und Mosaike.

Text von Ronald Keusch mit Fotos von Bernd Elmenthaler, ESDES.Pictures

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