ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Donnerstag, den 26. November 2020
Rundgang auf dem Marktplatz BER
Wenige Tage nach der Eröffnung des neuen Hauptstadt-Flughafens Willy Brandt BER hat sein Chef Lütke Daldrup zu einem Presserundgang ins Terminal 1 eingeladen. Lütke Daldrup höchstselbst ließ es sich nicht nehmen, die Besuchergruppe durch die Shopping- und Gastronomieeinrichtungen zu führen. Nur ein paar Dutzend Meter vom Eingang in die große Halle entfernt, gegenüber einer großen REWE-Verkaufsstelle, ist ein Raum eingerichtet, der eine Ausstellung zum Flughafen und seinem Bau präsentiert. Immerhin werden hier auf den Tafeln durchaus auch kritische Presse-Stimmen präsentiert zu den Pleiten, Pech und Pannen nach 14 Jahren Flughafenbau, was für Souveränität spricht. Wer sie sehen will, muss sich allerdings ran halten, denn sie soll nur noch wenige Monate bestehen bleiben, so der Hinweis von Lütke Daldrup.

BER
Glitzerwelt Duty Free

Der Weg führte dann zunächst durch den Sicherheits-Check im Terminal 1. Wer sich noch an die Schlangenbildungen im Flughafen Tegel oder auch im Flughafen Schönefeld erinnert, erlebt hier nun eine nahezu luxuriöse Abfertigung. So schnell und bequem kann es gehen, wenn kaum Flugpassagiere durchgeschleust werden. Auf dem Weg zu der großen Freifläche Marktplatz passiert man den am 31. Oktober gemeinsam mit dem Airport eröffneten Heinemann Duty Free. Hier stehen neun Heinemann Shops in Hülle und Fülle auf insgesamt 5400 Quadratmeter Fläche bereit, mit Glitzer und Glamour in den Regalen, "ready for take off", mit nett lächelnden Verkäuferinnen und Verkäufern. Nur die Käufer fehlen. Das gleiche Bild entsteht von der Wöllhaf-Gruppe mit Gastronomie und Geschäften des Einzelhandels. Dazu gehören die schon von weitem gut sichtbare "Berliner Kaffeerösterei" und die Kneipen-Legende "Ständige Vertretung" (StäV), die es auch hierher geschafft hat. Nachdem sie den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin mit Verspätung im Jahr 1997 mitmachte, gehört die Polit-Kult-Kneipe am Schiffbauerdamm nun auch zum Inventar von Berlin Mitte. Selbstbewusstsein und Humor der langjährigen Macher Harald Grunert und Friedel Drautzburg zeigte sich vor einigen Jahren, als sie bei ihren Gast-Tischen vor ihrem Lokal am gusseisernen Geländer des Spreekanals das Spruchband aufhängt hatten: Rheinterrassen. Im Terminal 1 fungieren sie nun als Berlin-Marke mit den traditionell großen Politiker-Fotos unter anderem von Willy Brandt und seinem Unterstützer Literaturnobelpreisträger Günter Grass und anderen Prominenten aus Politik und Kultur. Nachdem Bundeskanzlerin Merkel bekanntlich vorige Woche einen Lockdown verhängte, betroffen besonders die Gastronomie, wurde ihr daraufhin mit einigem Mediengetöse vom StäV am Schiffbauerdamm ein Hausverbot verhängt. Immerhin darf Merkel noch hier im BER auf einem Foto mit Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt - allerdings ohne Mundschutz (!) - die Besucher anlächeln. Die StäV ist allerdings auch hier auf dem Flughafen geschlossen.

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Polit-Kult-Kneipe "Ständige Vertretung"

Nicht anders geht es Detlef Bernhardt mit seinem asiatischen Restaurant "NU" mit Crossover Küche und im Design eines modernen japanischen Lokals. Bernhardt stand schon zum ersten Eröffnungstermin 2012 in den Startlöchern und konnte dann auf dem Flughafen Tegel sieben Jahre lang ein Provisorium recht erfolgreich betreiben, um nun im Jahr 2020 erneut im BER an den Start zu gehen. Der Lockdown und die abgesackten Flugzahlen treffen ihn schmerzlich. Er und seine Mitarbeiter müssen mit der Ungewissheit und den drängenden Bankkrediten überleben. Nur ein kleiner Trost ist ihr Standort, der ihnen und ihren Gästen eine beeindruckende Sicht auf das Rollfeld bietet.

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"Spreewald & More"

Schließlich ist im Terminal 1 auch das Land Brandenburg vertreten, immerhin ist es an der Flughafen GmbH zu mehr als einem Drittel beteiligt. Unter dem Dach der Wöllhaf-Gruppe ist auf 44 Quadratmetern das Ladengeschäft "Spreewald & More" eingerichtet, das Regionale zum Mitnehmen. Ganz klar, dass hier die Spreewald-Gurke eine Hauptrolle spielen darf. Ganz in der Nähe noch ein Schnellkurs der Baugeschichte des BER mit Augenzwinkern. Per Dekoration und T-Shirts seiner Mitarbeiter kokettiert der Verkaufsstand von Swatch-Uhren mit dem Desaster der ewig langen Verschiebung der Eröffnung vom BER. Das könnte bei den angepeilten Käufern von Swatch-Uhren ankommen. Zum Abschluss des Rundgangs ein Besuch der Lounge "Tempelhof", eine von insgesamt vier Lounges auf dem Flughafen BER. Sie verfügt mit großen Fensterfronten, die in zwei Richtungen auf die Landebahnen ausgerichtet sind, über einen äußerst attraktiven Standort. Mancher Kollege wird sich sicherlich erinnern, wie der frühere Air Berlin-Chef Mehdorn damals in der noch nicht fertig gestellten Lounge in voluminöser und fast pathetischer Ansprache die einzigartige Sicht "seiner" für Air Berlin reservierten Lounge hervorhob. Im Oktober 2017 stürzte bekanntlich das Unternehmen ab in die Insolvenz. Geblieben ist die immer noch sehr exklusive Sicht, heute auf ein vielfach leeres Rollfeld mit ein paar am Rand eingeparkten Maschinen.

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Swatch-Uhren

Der Besucher des Marktplatzes vom Flughafen BER ist gegenwärtig hin- und hergerissen. Die Ausstattung modern, schick und praktisch. Die Einzelhändler, auch auf dem Flughafen, könnten als Gewinner des Lockdowns gelten. Sie haben ihre Läden weiter geöffnet, aber es gibt viel zu wenig Kunden, weil zu wenig Passagiere abfliegen oder ankommen. Die Gastronomie schmerzt nicht nur die geringe Zahl der Fluggäste, sondern zusätzlich die Auflagen, weder Sitzplätze noch Tische oder Stehtische anzubieten. Nur "take away" ist noch gestattet. Die wenigen Kunden müssen sich dann ein Plätzchen auf Sitzbänken in der Flughafenhalle oder im Warteraum suchen. Stephanie Arnan, Managerin der für feinstes Fastfood bekannte "auf die Hand GmbH" mit mehreren Filialen in Berlin, hat ihren Stand im Eingangsbereich vom BER. Sie serviert den Journalisten des Rundganges zum Abschied einen Kaffee im Pappbecher. Ihre schicken Stehtische sind mit hoch gestellten Stühlen blockiert, wenig einladend, aber es darf ja auch niemand verweilen. Auch für sie und ihre Mitarbeiter gilt das Prinzip Hoffnung.

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occupied

Die Flaute im Flugverkehr trifft Einzelhändler wie Gastronomen äußerst hart. Etwa zehntausend Passagiere werden am Montag, den 8. November 2020 erwartet, obwohl der BER zu dieser Zeit der einzige Flughafen der Region ist. Währenddessen wurde noch vor einem Jahr in Berlin das Achtfache an Passagieren erreicht. Insgesamt beläuft sich die Zahl der Mietflächen auf dem BER auf 111, davon sind etwa 90 belegt. Die Mieten sollen auf die Verträge angepasst worden sein (Berliner Zeitung). Aber wie lange ist so etwas möglich? Nun hat der Rundgang eine ganze Reihe von Problemen mit Handel und Gastronomie aufgezeigt. Aber wo bleibt das Positive? Schließlich ist der Flughafen neu eröffnet und es landen und starten endlich Flugzeuge. Richtig. Auf den Zufahrtswegen zum Flughafen existieren gegenwärtig keinerlei Verkehrs-Staus wie zu Hochzeiten früher in Tegel, alles ziemlich ausgestorben. Das Parkhaus 8 und sicher auch andere Parkhäuser sind nahezu leer und jeder kann bequem einparken. Auf den Monitoren am 6. November zur Information über 23 Abflüge von 12 bis 20 Uhr vom BER reicht schon eine Seite, sehr übersichtlich für den hektischen Reisenden.

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Lounge "Tempelhof"

Bei dem Rundgang und zahlreichen Gesprächen mit den Händlern, Gastronomen und auch Flughafen-Managern konnte jeder teilnehmende Journalist feststellen: Trotz aller Probleme ist kein kritisches Wort über die strikten und für viele Fachleute unverhältnismäßigen Regeln des Lockdown zu hören. Es scheint keine Kritik zu geben an Regeln von Politikern, die am grünen Tisch getroffen werden. Glaubt hier tatsächlich jemand, dass die Infektionsgefahr in den offenen Wartebereichen geringer ist als in Restaurants mit kontrolliert umgesetzten Hygienemaßnahmen ? Der Lockdown mit seinen Ausführungsbestimmungen stellt für viele faktisch ein Berufsverbot dar. Und dabei wird immer offensichtlicher, dass zwischen Ländern mit vielen und mit weniger Einschränkungen und Verboten wie z. B. Schweden kaum Unterschiede bei den Auswirkungen des Corona-Virus zu verzeichnen sind. Natürlich tragen alle klaglos ohne wenn und aber ihren Mundschutz. Ich bin mir allerdings nicht im Klaren, ob das allein für die nahe Zukunft etwas Positives bewirken kann.

Text und Fotos von Ronald Keusch

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