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. veröffentlicht unter Eine Menge Berlin
Während der Festveranstaltung anlässlich des 150. Geburtstags der Rackow-Schulen: Dennis Rabensdorf, der Vorsitzender der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin Sebastian Czaja und Tim Balzer © Rackow-Schulen/Valentin Paster
August Rackow gilt als Erfinder der Erwachsenenbildung: 1867 gründete er in Berlin die erste Schule. Es folgten Einrichtungen in Dresden, Köln und in Frankfurt am Main. Heute lenken Tim Balzer und Dennis Rabensdorf die Geschicke der privaten Bildungseinrichtung. Unter ihrer Leitung wurden an den Standorten Berlin und Frankfurt verschiedene neue Schulformen eingeführt. In Berlin und Frankfurt werden im kommenden Schuljahr ca. 800 Schülerinnen und Schüler die Rackow-Schule besuchen. Die Bildungseinrichtung bietet in Berlin z. B. verschiedene Formen des zweiten Bildungsweges, wie den mittleren Schulabschluss, Fach- und Vollabitur sowie Ausbildungen zu Kaufleuten für Büromanagement IHK mit Fachabitur, zu staatlich geprüften Sozialassistenten, Erzieher/in und die Umschulung zu Steuerfachangestellten. Ein Gespräch mit Tim Balzer und Dennis Rabensdorf über Lernen, Bildungschancen, Marktchancen und eine ungeplante Begegnung.

CHEXX Sie sind eine Privatschule. Was verbirgt sich hinter der Formulierung "staatlich anerkannte Ersatzschule"?

Dennis Rabensdorf Die Bildungslandschaft hierzulande ist vielfältig. Neben den Schulen in öffentlicher Trägerschaft gibt es private Bildungsstätten, die Organisationen, Sozialwerke, Vereine oder Privatpersonen betreiben. "Ersatz" ist keine Wertung, sondern steht dafür, dass die jeweilige Bildungseinrichtung der staatlichen gleichgestellt ist. Wer als Schule neu beginnt und ein entsprechendes gesetzlich vorgeschriebenes Prozedere durchlaufen hat, trägt den Status "staatlich genehmigt". Erst nach Jahren und entsprechenden qualitativen Leistungen kann dann die staatliche Anerkennung erfolgen. Ich persönlich finde die Formulierung "Ersatzschule" nicht sonderlich treffend. Zudem sehen wir uns nicht als Konkurrenz zur staatlichen Schule, sondern als eigenes, individuelles Angebot welches die Bildungsvielfalt erweitert.

CHEXX Wie genau finanzieren Sie sich?

Dennis Rabensdorf Das Grundgesetz garantiert die freie Schulwahl. Das hat zur Folge, dass Privatschulen rechtlich geregelten Anspruch auf Finanzierung vom Staat haben. In Berlin erhalten wir 93% der Personalkosten im Vergleich zu den öffentlichen Schulen. Alle anderen Kosten müssen wir selbst tragen. Dafür brauchen wir das Schulgeld.

CHEXX Verstehen Sie sich auf Grund der privaten Finanzierung als elitäre Bildungseinrichtung?

Tim Balzer Ganz und gar nicht. Wir haben eine sehr bunte Schülerschaft. Darunter sind auch Schülerinnen und Schüler, die in öffentlichen Schulen unter die Räder kamen und hier bei uns durch individuelle Begleitung eine neue Chance für ihre Zukunft bekommen. Daran arbeiten wir täglich. Es gibt natürlich immer Wege, soziale Härtefälle abzufedern, oder für Schülerinnen und Schüler auf dem zweiten Bildungsweg, die oftmals schon einen Beruf gelernt haben, sozial verträgliche Lösungen zu finden.

CHEXX Neue Chance für die Zukunft - wie sieht das konkret aus? Für welche ethischen Grundsätze steht die Rackow-Schule?

Dennis Rabensdorf Das ist ein ganzes Bündel, das dem Grundsatz folgt, jeder Schülerin, jedem Schüler eine individuelle Betreuung zu gewähren. Das umfasst sowohl schwächere Leistungen als auch die Förderung von Begabungen. Zu diesen individuellen Angeboten gehören die Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, Ferienlernprogramme, zusätzliche Leistungsabfragen zur Notenverbesserung, mögliche Einzeltrainings und natürlich unsere Schüler-Coaches. Wichtig ist dabei maximale Transparenz und eine gute Kommunikation zwischen allen. Wir haben eine Unterrichtsausfallquote von unter einem Prozent - dahinter stehen harte Arbeit, Organisation und Kommunikation.

CHEXX Welche Aufgaben haben die Schüler-Coaches?

Tim Balzer Es ist ein fünfköpfiges Team, in dem Pädagogen, Sozialpädagogen und Psychologen arbeiten. Sie unterstützen die Schülerin, den Schüler bei Konflikten, die sie/er nicht allein bewältigen kann, aber nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Das vollzieht sich - wenn sinnvoll - in Kommunikation mit den Eltern, den Lehrern oder auch dem Praktikumsbetrieb. Die Schüler-Coaches sind immer ansprechbar.

CHEXX Auch jetzt?

Tim Balzer Ja, einen Moment bitte.

Tim Balzer verlässt den Raum und kommt kurze Zeit später mit der Sozialpädagogin Daniela Musiol und der Psychologin Steffi Werner zurück. Sie berichten über ihre Arbeit:

Daniela Musiol Durch unsere Arbeit spüren die Schüler, dass sie in ihrer Individualität anerkannt werden. Es sind nicht immer die großen Katastrophen, auch im Alltäglichen sind wir für sie da, oftmals sogar präventiv. Und natürlich baut sich da im Laufe der Zeit Vertrauen auf.

Steffi Werner Wir sind den Schülern sehr nah und können unmittelbar reagieren, wenn wir ein Signal von den Schülern, den Lehrern, den Eltern, aber manchmal auch aus dem Familienkreis bekommen. Dann suchen wir das Gespräch oder bieten konkrete Hilfe, wie zum Beispiel ein Training bei Prüfungsangst.

CHEXX Der Arbeitsmarkt saugt gegenwärtig Fachkräfte förmlich auf. Welche Praxisverbindungen bieten Sie?

Tim Balzer Natürlich die üblichen Praktika, wobei Betriebe gern Schülerinnen und Schüler unserer Schule nehmen. Wir haben in Heiligensee mit unserer eigenen Kita am Südfeld sehr hochwertige Praktikumsmöglichkeiten. Die Kita, die vor drei Jahren eröffnet wurde, haben wir selbst gebaut und betreiben sie. Rund 90 Kinder werden hier betreut. Gerade bei den Erziehern erleben wir die hohe Nachfrage des Marktes.

Dennis Rabensdorf Den angespannten Arbeitsmarkt spüren wir vor allem bei unseren Steuerfachangestellten. Da haben alle die Prüfungen bestanden und gingen danach umgehend in ein Arbeitsverhältnis.

CHEXX Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Wie starten Ihre Schülerinnen und Schüler?

Tim Balzer Unser Schuljahr beginnt für die neuen Schülerinnen und Schüler mit einer viertägigen Kennenlern-Fahrt. Ziel ist die Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein in Werneuchen. Die Fachoberschüler fahren drei Tage in ein Camp, wo sie gemeinsam ein Floß bauen. Die gruppendynamischen Prozesse erleichtert dann das Lernen. Wir sind eine sehr sportorientierte Schule und bieten während des Schuljahres Sporttage, eine Ski-Reise, eine Fußballfahrt oder Fahrradtouren.

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Marc Vorwerk
Marc Vorwerk ist einer der Hauptstadtfotografen in Berlin und stets ganz nah am Geschehen.
An dieser Stelle gibt es ab sofort im regelmäßigen Wechsel sein bestes Foto der Woche - exklusiv bei CHEXX.