Magazin CHEXX am Montag, den 19. August 2019
Du hast jesacht, wies is
Seit dem 9. August ist die Sonderausstellung "Erinnerungen an Heinrich Zille" im Berliner Zille-Museum anlässlich seines 90. Todestages eröffnet - siehe auch den Beitrag "Erinnerungen an Heinrich Zille". Der Standort des Museums mitten im historischen Nikolaiviertel, nicht weit vom Spreeufer und nahe dem Berliner Dom ist aller höchst prominent. Und wer, wenn nicht der Maler, Zeichner und Fotograf Heinrich Zille hat es verdient, hier im Herzen der Stadt den Einwohnern wie den Besuchern aus aller Welt präsentiert zu werden. Schon zu seinen Lebzeiten haben Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky, Käthe Kollwitz oder Max Liebermann sein großartiges künstlerisches Werk erkannt. Es erfolgte die Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste auf Vorschlag von Max Liebermann, zugleich Verleihung des Professorentitels. Zilles Popularität findet ihren Höhepunkt in großen Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag. In den Bildbänden "Kinder der Straße" und "Mein Milljöh" sind seine Motive die kleinen Leute und die Armen, die Hinterhöfe und der Kampf ums Überleben. Heinrich Zille besitzt eine neue Sicht auf die niedrigsten Stände der damaligen Gesellschaft in Deutschland, "weil er unbarmherzig sein kann und Herz hat, weil er vor Mitleid mitleidslos schildert, weil er die Ruhe weg hat." so formulierte Tucholsky und bezeichnete Zille in der Weltbühne als "Berlins Bester", dem er große Anerkennung zollte: "Liebe, Krach, Jeburt und Schiß ... Du hast jesacht, wies is." Ein weiteres Markenzeichen war sein Sprachwitz, wenn er im besten Berliner Dialekt in seinen Milieu-Zeichnungen mit Bildtexten oft eine tragisch komische Seite offen legte.

Vor 17 Jahren gründeten die Berlin Legenden und Schauspieler Günter Pfitzmann, Harald Juhnke und Walter Plathe mit weiteren Enthusiasten des Zille-Freundeskreises das Berliner Zille-Museum in den Arkaden der Probststraße im Nikolai-Viertel. Mit guten Kontakten zur Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM), mit weiteren Sponsoren und ganz vielen privaten Spendern und noch mehr ehrenamtlicher Arbeit erhält sich das Museum mit Mühe am Leben. Es ist kaum zu glauben, aber das einzige Zille-Museum in der Hauptstadt von Deutschland wird seit 2002 privat betrieben, ohne offizielle finanzielle Unterstützung. Ganz nebenbei, München finanziert ganz selbstverständlich sein Karl-Valentin-Museum. Es gibt neben dem Museum immerhin in Berlin einige Orte des Gedenkens wie die Restaurants Zille-Stube, Zille-Destille und Spreeblick mit kleinen Zille Programmen oder Zilles Stuben-Theater in der Jägerstraße in Köpenick. Allerdings noch Bezeichnender für die Ignoranz des Berliner Senats ist die Tatsache, dass seit der Eröffnung des Museums erstmalig im Januar 2019 ein Kultursenator sich die Ehre gab, das Museum zu besuchen. Doch auch der derzeitige Kultursenator Klaus Lederer hatte außer einem gewinnenden Grinsen und Hände schütteln keinerlei finanzielle Hilfe mit gebracht. Da kann der heutige Vorsitzende des Heinrich-Zille Freundeskreises Walter Plathe noch so oft sein Unverständnis äußern, dass von offizieller Seite - das gilt nach Meinung des Autors natürlich auch für die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, - kein einziger Euro für das Zille-Vermächtnis im Nikolai-Viertel übrig ist. Und Plathe ergänzt, dass es wohl nicht so viele Söhne der Stadt gebe, auf die man stolz sein kann, zumal Zille auch zu denen gehörte, die den einfachen Berlinern und ihrem Dialekt ein feinsinnig humoristisches Denkmal setzte. Schließlich hat Berlin wie die anderen europäischen Metropolen Paris oder London ungeachtet von Modeströmungen auch eine historische Chronistenpflicht und Kulturerinnerung zu pflegen. Wenn man sich allerdings die Liste der aktuellen Förderprojekte und geförderten Festivals des Hauptstadtkulturfonds ansieht - und sie ist öffentlich einsehbar, dann erkennt man, dass fast ausschließlich avantgardistische, zeitgenössische, hypermoderne Projekte förderungswürdig erscheinen. Mit dem Brücke-Museum steht gerade mal ein Museum mit einer Fördersumme von 160.000 EUR auf der Liste mit 64 Positionen und acht Millionen Euro Fördergeld. So viel zum Bewahren des Kulturerbes.

Es mag es ja in der heutigen Zeit so sein, dass die Latte-Macchiato-Fraktion der Hauptstadt den proletarischen Geruch eines historischen Blicks aus Zilles Milieu als störend empfindet. Wie zu Zilles Zeiten scheinen auch die heutigen Politgrößen die gleiche Arroganz gegenüber dem "wies is" zu besitzen. Dazu fand schon Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky am 3.9.1929 in der Weltbühne die ganz zutreffend Anmerkung:

"Int Alter beinah ein Schenie -
Dein Bleistift; na, von wejn ... !
Janz richtich vastandn ham se dir nie -
die lachtn so übalejn."

Wer allerdings meint, das Elend im vierten Hinterhof ist doch Vergangenheit, der sollte an die über 10.000 Obdachlosen in der Stadt denken - der Berliner Senat hat kürzlich versprochen, die exakte Zahl noch zu ermitteln. Heinrich Zille würde auch in unserer Gegenwart seine Motive finden.