Magazin CHEXX am Dienstag, den 12. November 2019
Einheitsfeiern mit Diskurs-Mängeln
Bald ist es wieder soweit. Der 3. Oktober wurde als Tag der Deutschen Einheit im Einigungsvertrag von 1990 zum gesetzlichen Feiertag bestimmt. Dieses Datum bietet einmal mehr den willkommenen Anlass, Bilanz zu ziehen. Schon im Vorfeld dieses Oktobertermins, so der Eindruck von vielen, ergießt sich in den Massenmedien ein Strom von positiven Bilanzen, kleine Schönheitsfehler eingeschlossen, in die Öffentlichkeit. Der legendäre Satz vom damaligen Regierenden Bürgermeister (West-Berlin), Walter Momper "Berlin, nun freue dich!" wird dann erwartungsgemäß von den Leitartiklern und einer Heerschar von Politologen umgewandelt in den Appell: "Ossi, nun freue dich!" - und noch ergänzt: "Jetzt erweise Dich mal als wahrer Demokrat und höre auf zu meckern."

Der Potsdamer Journalist Matthias Krauß ist einer der ganz wenigen, der mit seinen Texten gegen diesen Strom schwimmt. Sein neuestes Buch aus dem Frühjahr 2019 trägt den Titel: "Die große Freiheit ist es nicht geworden". Den Titel des Buches übernahm Krauß aus einem Gedicht von Erich Kästner, das der berühmte deutsche Schriftsteller in den 50er Jahren der jungen deutschen Bundesrepublik gewidmet hat. Inzwischen sei dieser Satz auch Ostdeutschland wie auf den Leib geschrieben, meint heute Autor Krauß. Und den etwas resignierenden Titel hat er mit der provozierenden Unterzeile ergänzt "Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat". Eine klare Kampfansage an die vorherrschende öffentliche Meinung.

Im Vorwort macht der Autor noch einmal sein Anliegen deutlich. "Wir haben nicht das Problem der Idealisierung der DDR, sondern das ihrer einseitigen Verteufelung." Die DDR sei weder so gut, wie sie sich selbst dargestellt hat, noch war sie so schlecht, wie sie nach der Wende in der offiziellen und öffentlichen Darstellung notorisch gemacht worden sei. Dazu liefert der Autor eine Vielzahl von Belegen, gewissermaßen den anderen Part zu den Lobeshymnen zur Einheit. Die Liste der Verluste und Nachteile für die Ostdeutschen in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft ist lang, so bei der Wirtschaft, gestutzt per Einigungsvertrag auf ein Transfergebiet anstatt des versprochenen selbsttragenden Aufschwungs. Dazu gehört die massive Abwanderung aus Regionen und dem ländlichen Raum, Rückschritte in der Sozial- und Wohnungspolitik für die einfachen Leute und sehr vieles mehr.

Der Vorzug dieses Buches, rigoros und ungeschminkt die Einbußen und Defizite der Einheit für die Ostdeutschen komplex aufzulisten, verwandelt sich mitunter auch in den Nachteil, wenn der Autor die Widersprüche und Probleme in der DDR in einigen Nebensätzen schnell abtut und oberflächlich verklärt. Dennoch überwiegt nach der Lektüre beim Leser der überraschende Eindruck. Unabhängig von seinen unterschiedlichen Erfahrungen muss er verblüfft feststellen, in welchem Verhältnis sich die Vor- und Nachteile der Einheit für die Gesamtbevölkerung in Ostdeutschland gegenüber stehen. Ein unverzichtbares Buch, um auch solchen strittigen Positionen der deutschen Einheit und der heutigen Situation im Osten von Deutschland gerecht zu werden.

Um so bemerkenswerter ist es allerdings, dass in unserer Gesellschaft mit einem so hohen Stellenwert an erklärter Meinungs- und Medienfreiheit, dieses grundlegende politische Thema und solche konträren Positionen dazu wie in dem Buch von Krauß nicht ernsthaft diskutiert werden. Eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen machte ausgerechnet ein wichtiges Sprachrohr des Mainstream-Journalismus, die Süddeutsche Zeitung. In einer Rezension des Buches von Krauß musste der Autor Cornelius Pollmer kritisch eingestehen, dass im Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu wenig Platz gewesen sei für Verletzungen und Verluste, die es im Zuge der Abwicklung der DDR vielfach gegeben habe. Allerdings bescheinigte er dem Journalisten Krauß generell Pessimismus, um dann selbst pauschal das Etikett aufzukleben, der Grundtenor des Buches laute: "Früher war alles besser". Wenn anstelle von "alles" das Wort "manches" stehen würde, wäre schon der Anfang für eine erfolgversprechende Diskussion mit Ostdeutschen gemacht. Dazu gehört dann auch, in der DDR praktizierte Lösungen nicht stillschweigend unter anderem Namen einzuführen, wie der Autor Krauß an einigen Stellen seines Buches beklagt, beispielsweise im Bildungswesen. Zahlreiche Umfragen bewiesen, dass nur eine Minderheit im engeren Sinne sich die "DDR zurück wünsche". Dennoch haben viele Ostdeutsche erfahren, dass es viele Dinge gab, die erstaunlich gut funktionierten und positive Wirkungen in der Gesellschaft hatten. Manche Fragen haben über vier Jahrzehnte in der Lebenspraxis der DDR bewährte Antworten gefunden. Wenn die offizielle Politik solche Antworten nicht hören und sehen will, wird sie Antworten auf dem Wahlzettel lesen müssen. Siehe die jüngsten Landtagswahlen: quod erat demonstrandum.